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Kleinunternehmerinnen in Usbekistan: Auch sie verloren ihr Einkommen. © Women Travel

Leidende Reiseunternehmen: Hilfe kommt, aber nicht sofort

Monique Ryser /  Sie dürfen geschäften, haben aber wegen der Corona-Krise keine Kunden: Das Parlament will helfen, aber das kann dauern.

Sonja Müller Lang betreibt ein Reisebüro. Klein und fein ist «Women Travel», spezialisiert auf Reisen für Frauen und zu Frauen auf aller Welt. Genau in diesem Jahr konnte die Inhaberin ihr 30-jähriges Firmenjubiläum feiern. Als wegen Covid-19 von einem Tag auf den andern die Welt schier stillstand, die Grenzen geschlossen wurden, und die Flugzeuge auf dem Boden blieben, war Sonja Müller Lang voll auf Draht: «Wir mussten schauen, unsere Gäste in die Schweiz zurückzubringen, buchten Flüge, die schon Stunden später wieder abgesagt wurden, suchten Hotels, Fahrer, Umwege, die eine Rückkehr ermöglichen.» Sie hätten es geschafft, all ihre Gäste landeten gesund und sicher wieder in der Schweiz.» Das Aufatmen danach war nur kurz, denn dann ging es darum «Bank» zu spielen für Fluggesellschaften wie die Swiss, die ihre Pflicht zur Rückzahlung erst vornahm, nachdem die Bundesbeiträge eingetroffen waren.

Viele KMUs
So wie ihr ging es vielen der rund 13’000 Reisebüros, den grossen genau so wie den 900 KMU. Fast 90 Prozent von ihnen sind inhabergeführt, der Frauenanteil beträgt über 80 Prozent und in einem Drittel der Betriebe arbeiten die Partnerinnen oder der Partner mit. «Wir haben seit März nicht nur kein Einkommen mehr, wir haben Minusumsätze durch die Rückzahlung vorher gebuchter Reisen», erklärt Walter Kunz, Geschäftsführer des Schweizer Reise-Verbandes SRV. Auch Müller Lang hat festgestellt, dass zuerst noch Gutscheine akzeptiert wurden, mit zunehmender Dauer der Krise das aber keine Option mehr sei und das Geld zurückgefordert werde. «Schweizer Reisebranche kämpft ums Überleben», titelt die Hotelrevue.
3000 Stellen sind laut dem SRV bedroht. Das sind etwa ein Drittel aller Arbeitsplätze in der Branche, die rund 10’000 Menschen beschäftigt. Der Verband befürchtet gar, dass bis Ende Jahr die Hälfte aller Reisebüros schliessen müssen.
Den Büros sind die Umsätze um 80 Prozent eingebrochen, für das nächste Jahr rechnen sie mit einem erneuten Einbruch von 50 Prozent. Und das bei einem Jahresumsatz der Branche von rund 60 Milliarden Franken. «Wir sind wohl eine der Branchen, die am härtesten von der Corona-Pandemie betroffen wurde», folgert Kunz.

Härtefälle und Einbezug der Kantone
Das Parlament hat im Covid-Gesetz, das in dieser Session beraten wird, nun Hilfen eingebaut. Dabei wurde nicht nur an Reisebüros gedacht, sondern beispielsweise auch an Chilbi-Betreiber, Kulturunternehmen oder andere Branchen, die direkt durch die Pandemie betroffen werden. Diese Unterstützung soll in Härtefällen und in Zusammenarbeit mit den Kantonen ausgestaltet werden. Im Kanton Jura käme zu den bekannten Branchen vielleicht noch die Uhrenbranche, im Kanton Zürich vielleicht Stadthotels. «Die Kantone wissen besser, was notwendig ist», erklärte Bundeskanzler Walter Thurnheer im Ständerat. Allerdings: Bis die Hilfe eintreffen wird, wird es dauern. Denn nach der Verabschiedung des Gesetzes muss der Bundesrat entsprechende Verordnungen ausarbeiten, die dann die rechtliche Grundlage bilden. Laut Thurnheer wird diese Verordnung den Kommissionen frühestens gegen Ende Jahr zur Prüfung vorgelegt. Zwar ist das Tempo des Gesetzgebungsverfahrens, das die eidgenössischen Räte an den Tag legen, ausserordentlich. Doch trotz der Schnelligkeit ist die Zeit für viele Betriebe knapp.

Programm umgestellt
Für Sonja Müller Lang wäre eine Entschädigung des Bundes eine Erleichterung und ein Hoffnungsschimmer. «Bis anhin habe ich als Angestellte meiner GmbH für die zweieinhalb Monate Lockdown pro Monat 2800 Franken erhalten. Für das war ich sehr dankbar, aber seitdem bezahle ich meine Fixkosten, die Rückzahlungen und meinen Lebensunterhalt vom Ersparten.» «Women Travel» hatte» schon vorher schlanke Strukturen und ihre Verpflichtungen gegenüber den Mitarbeiterinnen habe sie immer eingehalten. Um sich auf die neue Situation einzustellen, hat sie innert kürzester Zeit Reisen in der Schweiz organisiert und stellt auch ein entsprechendes Herbst- und Winterprogramm zusammen. «Der Fokus bleibt derselbe: Wir treffen Frauen, lassen uns in Kräuterkunde einführen, übernachten in von Frauen geführten Hotels, gehen mit Frauen wandern. Jetzt einfach in der Schweiz.» Aber: «Wir dürfen nicht vergessen, dass auch alle unsere Partnerinnen im Ausland jetzt kein Einkommen mehr haben: Die Frauen in Usbekistan, die uns bewirteten, die Frauenkooperative in Oman, die ihre Webartikel in Hotels verkaufen konnten. Sie alle haben nun kein Einkommen mehr. Auch deshalb hoffe ich, dass wir bald wieder Reisen ins Ausland anbieten können.»

Strukturwandel schon erfolgt
Die Branche sei innovativ und habe den Strukturwandel bereits hinter sich. Vor zehn Jahren gab es noch dreimal mehr Betriebe als heute, so Kunz. Und: «Eigentlich sind die Aussichten für die Zukunft gut.» Trotz Buchungsportalen und digitalen Reiseanbietern ist er überzeugt, dass die Nachfrage für das Buchen im Reisebüro stabil bleiben werde. «Wir haben seit letztem Jahr eine Zunahme festgestellt, die sich nun fortsetzt. Die Krise hat gezeigt, dass es sich lohnt, bei einem Spezialisten zu buchen. Der ist auch da und hilft, wenn etwas schief geht.» Zudem halfen bis anhin immer auch die Garantiefonds der Reisebranche. Kunz warnt aber: «Die bestehenden Garantiefonds sind nicht in der Lage, die Schäden aufzufangen, wenn bis zu einem Viertel der Reisebüros in Konkurs gehen würden.» 

Am Freitag hat der Bundesrat beschlossen, den Rechtsstillstand für Reisebüros bis Ende Jahr zu verlängern.
Das heisst, dass sie bis dann nicht betrieben werden können. Kunz will auch verhandeln, ob nicht bezogene Covid-Kredite eventuell jetzt noch beantragt werden können. Ein Grossteil habe das Angebot im Sommer nicht genutzt. Sonja Müller Lang reist derweil durch die Schweiz und sucht und testet Angebote für ihre Kundschaft. «Wer gern und viel reist, ist erfinderisch und positiv eingestellt. Auch wenn das bei dieser grossen Krise nicht immer einfach ist.»

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