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Nicolas Blancho: «Die Steinigung ist bei den gegebenen Umständen in der Schweiz nicht umsetzbar.» © srf

«In einem Ideal-Staat wären Steinigungen möglich»

Urs Zurlinden /  Nicolas Blancho, Präsident des «Islamischen Zentralrats Schweiz», will eine eigene Moschee und Schule. Ölstaaten sollen es zahlen.

(Red.) Die Betteltour des sogenannten «Islamischen Zentralrats Schweiz» (IZRS) in den Golfländern Kuweit und Dakar sei teilweise erfolgreich verlaufen, berichtet Oscar Bergamin, der bis im vergangenen Herbst Vorstandsmitglied des IZRS war. Er habe beobachtet, sagte er gegenüber der Sonntagszeitung, wie Blancho in Kuwait City von einem Geschäftsmann ein Couvert mit Bargeld erhalten habe. Sie hätten viele Leute getroffen – Geschäftsleute, Regierungsvertreter und Vertreter von Wohltätigkeitsorganisationen.
Im folgenden Interview erklärt der Bieler Konvertit und IZRS-Präsident Nicolas Blancho, die (nach eigenen Angaben) rund 2000 muslimischen Mitglieder des IZRS würden die Bundesverfassung respektieren und wollten keine Scharia-Parallelgesellschaft aufbauen. Die grosse Moschee im Westen von Bern sei ohne Minarett geplant, so lange das Verbot in der Verfassung stehe.
INTERVIEW
Sie haben sich nie unmissverständlich von der Steinigung von Frauen distanziert. Wo liegt das Problem?
Wir haben schon so viel über dieses Thema geredet und Zeit verloren: Es ist eine totale Irreführung. Wir Muslime in der Schweiz wollen doch keine Steinigung.
Sie sagen, Steinigungen seien nur in einem «idealen, islamischen System» möglich. Was ist darunter zu verstehen?
Schauen Sie: Der Prophet Mohammed hat das Gebot der Steinigung praktiziert. Nun können sich die Muslime sicher nicht von ihrem Propheten distanzieren. Für jeden an die normative Lehre gebundenen Muslim wird diese Frage deshalb schwierig zu beantworten sein.
Wie soll ich denn die Frage stellen?
Auf die Frage, ob ich mich von den Taten des Propheten distanziere, werde ich klar mit Nein antworten. Und ich negiere auch nicht, dass die Texte das Gebot der Steinigung beinhalten – ich will ja nichts leugnen. Aber heute ist das doch gar nicht zu praktizieren. Das wäre nur in einem Idealstaat möglich, wie er zu Zeiten des Propheten bestand. Deshalb ist die Steinigung für uns gar kein Thema.
(Red. Gegenüber der Zeitung Sonntag hatte Blancho zur Praxis der Steinigung erklärt: «Sie ist bei den gegenwärtigen Umständen in der Welt und in der Schweiz nicht umsetzbar. Es ist eine ideelle Sache».)
Wie viele Frauen haben Sie aktuell?
Kein Kommentar.
Haben Sie als Jus-Student kein Problem mit Polygamie?
Wieso sollten wir ein Problem haben mit Polygamie…
…weil Polygamie in der Schweiz verboten ist. Wozu studieren Sie Jura, wenn Sie sich nicht an unser Strafrecht halten?
Wir halten uns ans Strafrecht. Wer sagt denn, dass wir Polygamie praktizieren?
Offenbar lebt Ihre erste Frau mit den Kindern in Kairo und Sie leben in Bern mit einer Zweitfrau?
Diese Information muss nicht korrekt sein.
Ist sie falsch?
Sie muss nicht korrekt sein.
Die «autoritativen Quellentexte» des Islam dürfen, sagen Sie, gar nicht hinterfragt werden. Das tönt ganz schön fundamentalistisch und stur?
Der Islam ist eine Offenbarungsreligion. Muslime glauben, dass der Schöpfer von Himmel und Erde den Koran an seinen Propheten offenbart hat. Teile dieser Offenbarung sind universell und kontextunabhängig, dürfen also nicht hinterfragt werden. Andere können von Gelehrten interpretiert werden. Was soll daran stur sein? Ob man alles Geschriebene auch so umsetzen muss, wie es geschrieben steht, ist also eine andere Sache. Da sind wir sehr kulant. Wir sind nicht rigide in unseren Ansichten – auch wenn man immer wieder das Gegenteil behauptet.
«Im Zweifelsfalle», sagen Sie, stehe das islamische Recht, die Scharia, über dem Schweizer Recht. Nämlich?
So etwas habe ich nie gesagt! Für mich gibt es keinen «Zweifelsfall»: Im Schweizer Rechtsstaat gilt ganz klar die Rechtsordnung der Schweiz – alles andere muss gar nicht diskutiert werden.
Nun gibt es aber Muslime, welche ein Parallelrecht auf der Basis der Scharia einführen wollen. Wenn zwei unterschiedliche Rechte anwendbar sind, entsteht unvermeidlich eine Parallelgesellschaft?
Ich kenne keinen muslimischen Repräsentanten, der in der Schweiz die Scharia einführen will.
Sie wollen auch eigene Schulen für Muslime anbieten?
Das hingegen ist korrekt. Das wird vielleicht in den nächsten zehn Jahren ein Thema sein.
Auch das führt zu einer Parallelgesellschaft.
Das befürchte ich nicht. In der Schweiz gibt es schon heute die verschiedensten Privatschulen, darunter auch katholische und selbst jüdische. Nun kann man doch nicht behaupten, die Juden in der Schweiz bildeten eine Parallelgesellschaft!
Werden denn Ihre Kinder in den normalen Schulen nicht gut genug unterrichtet?
Darum geht es gar nicht. Die Schweiz hat verglichen mit anderen, auch europäischen Staaten ein gutes Bildungssystem. Die Idee ist einzig, dass wir muslimischen Eltern die Möglichkeit bieten wollen, ihre Kinder in eine Schule zu schicken, die dem Religiösen Rechnung trägt. Das wäre aber keineswegs eine Koranschule, wo man irgendwelche radikale Positionen predigt. Der kantonale Lehrplan soll umgesetzt werden. Ergänzend kommen aber Fächer wie Arabisch oder islamische Geschichte dazu. Zudem könnten die oft heftig diskutierten Ansprüche wie die Geschlechtertrennung beim Turn- und Sportunterricht ohne Mehraufwand für das Lehrpersonal befriedigt werden. Alles andere wäre genau gleich wie in der Volksschule.
Sind Sie grundsätzlich einverstanden, dass jede Ausgrenzung zu gesellschaftlichen Konflikten führt?
Ja, das ist möglich. Deshalb setzen wir uns vehement gegen die weitere Ausgrenzung der Muslime ein.
Wenn ein muslimisches Mädchen beim Schwimmen keinen Ganzkörperanzug trägt, wird es von Ihnen ausgegrenzt.
Sie drehen die Fakten um: Ein muslimisches Mädchen, das dezent gekleidet baden möchte, erfährt eine gesellschaftliche Ausgrenzung. Wir schreiben keinem Muslim vor, was er tun muss.
Gemäss unserer Bundesverfassung sind alle Menschen vor dem Gesetz gleich. Gilt das auch für muslimische Frauen?
Dafür kämpfen wir. Leider sind wir in der Praxis weit davon entfernt. Muslimische Frauen leiden wohl am stärksten unter der gesellschaftlichen Ausgrenzung, da man ihnen den Islam bereits am Kopftuch ansieht.

Dieses (hier gekürzte) Interview erschien am 29.1.2012 in der Südostschweiz


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Eine Meinung zu

  • am 31.01.2012 um 12:54 Uhr
    Permalink

    Dass Medien solchen Dummschwätzern überhaupt andauernd eine Plattform bieten, ist auch Ausdruck einer Unterwanderung der Demokratie durch den Markt. Mit den Worten von Roland Dworkin: «Wenn überhaupt, dann beziehen Amerikaner heutzutage ihre Informationen hauptsächlich aus Programmen, die ausschliesslich als Quotenbringer und somit als Unterhaltung konzipiert sind; wenig überraschend hat sich der nackte Hass als unterhaltsamer erwiesen als die Analyse."
    (Was Dworkin hier über die Amerikaner sagt, gilt natürlich – wenn auch im Ausmass jeweils etwas zeitverzögert – auch für uns Europäer).

    0

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