BeinhausNaters

Beinhaus in Naters © ktm

Im Oberwallis trauern selbst die Toten

Kurt Marti /  Die Todesanzeigen im «Walliser Boten» listen immer öfter auch die bereits Verstorbenen auf. Zur Freude des Mengis-Verlags.

Für den «Walliser Bote» WB sind die Todesanzeigen eine lukrative und todsichere Einnahmequelle. Je nach gesellschaftlicher Stellung der Verstorbenen fliessen dabei beträchtliche Beträge in die Schatulle des Mengis- Verlags, der den WB herausgibt.

Mit den Jahren und Jahrzehnten hat sich ein nicht geringer sozialer Druck auf viele Vereine, Arbeitgeber, Jahrgänger, Parteien, Sportclubs und dergleichen aufgebaut, die den lieben Verstorbenen mit einer eigenen Todesanzeige die letzte Ehre zu erweisen haben. Dabei kann es vorkommen, dass sich die Todesanzeigen für einen prominenten «Entschlafenen» an mehreren Tagen im WB stapeln. Hinzu kommen die Danksagungen wenige Wochen nach der Beisetzung.

Optische Unterscheidung der Lebenden und der Toten

In letzter Zeit erfreut sich ein weiteres, geschäftsförderndes Stilelement grosser Beliebtheit: In den WB-Todesanzeigen werden nämlich neben den lebenden immer öfter auch die bereits verstorbenen Angehörigen der Toten aufgelistet. Zur optischen Unterscheidung der Lebenden und der Toten dient dabei ein Kreuzzeichen, das vor dem Namen der Verstorbenen eingefügt wird, wie die folgende, anonymisierte Todesanzeige exemplarisch zeigt:


Die Lebenden und die Toten (†) erinnern sich dankbar

Mit der gemeinsamen Auflistung werden skurrilerweise auch die längst Verstorbenen mit Tätigkeiten oder Empfindungen ausgestattet, die bisher den Lebenden vorbehalten waren: «In tiefer Trauer» oder «In dankbarer Erinnerung» oder «Im stillen Gedenken».

«Verstorbene können ja nicht mehr trauern»

Der Hauptzweck dieser erweiterten Todesanzeigen ist säkularer Art: Die Namenlisten der Verstorbenen verlängern die Todesanzeigen und erhöhen damit den Preis. Zur Freude des Mengis-Verlags.

Gar keine Freude an einem solchen Schabernack hat Anton Carlen, Pfarrer und Dekan im Goms. Wenige Tage just vor Allerseelen prangerte er in einem Leserbrief im WB die neue «Unsitte» mit deutlichen Worten an: «Dies ist ein völliger Unsinn. Verstorbene können ja nicht mehr trauern und als Tote fühlen sie sich auch nicht mehr ‚In dankbarer Erinnerung‘ an die eben Verstorbenen.»

Laut Carlen dienen die Namen der Toten «höchstens noch den Einnahmen der Inserateabteilung, die die Todesanzeige drucken dürfen». Und er hofft, «dass der WB es mir nicht übelnimmt».


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

keine

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5 Meinungen

  • am 29.10.2015 um 13:01 Uhr
    Permalink

    "Wir Toten, wir Toten sind grössere Heere
    Als ihr auf dem Lande, als ihr auf dem Meere."

    Volkskundlich sind die Kantone Freiburg und Wallis in Sachen Totenkult, vielleicht noch Bosco Gurin im Tessin, ein Walserdorf, die faszinierendste Gegend der Schweiz. Natürlich sieht man es als Publizist, schrieb erstmals 1993 darüber, und als Veranstalter von volkskundlichen Lehrerfortbildungskursen für «Üsserschwyzer» nicht genau gleich wie der einheimische Berufsoppositionelle (mit Funktion) Kurt Marti. Läge das Wallis in Südamerika, wäre man noch mehr darüber begeistert. Nur die Walliser Baulöwen, die dortige Democracia Chrisitiana und anderes tragen ihrerseits dazu bei, das, was man am Wallis einzigartig finden kann, zu zerstören. Ich nehme an, Marti kennt die langsam uralte Victorine Biner-Kalbermatten aus Zaniglas. Sie bedeutete mir immer mehr als Blatter, Constantin, Bonvin, Cina, Darbellay, Freisinger et hoc genus omne. Neben dem Magischen und Animistischen gehört nun aber leider, Herr Marti, das Katholische nun halt auch mal zur Walliser Kultur, ich finde es gut, wenn es nicht nur Folklore bleibt.

    Ich finde es sinnvoller, selbst bei sozialem Druck statt Gesetzgebungszwang Geld für Todesanzeigen auszugeben als sagen wir mal für ein Zwangsabonnement jenes Mediums, dessen Sendung «Glanz und Gloria» jährlich 5,1 Millionen Franken kostet. Das ist meine einseitig volkskundliche Sicht von schweizerischer Kultur und von «Idée Suisse».

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  • am 29.10.2015 um 14:30 Uhr
    Permalink

    Zur Ergänzung: Die vorarlberger vol.at betreibt ein eigenes Online-Portal für Todesanzeigen und Danksagungen. Dort wird jeweils links neben der Todesanzeige gleich auch sehr prominent der entsprechende Bestattungsunternehmer angezeigt, dessen «Kunde» der Verstorbene ist. Und: man kann virtuell kondolieren; die Anzahl der Kondolenzen wird wie Facebook-Likes angezeigt. Auf der Startseite von vol.at wird daraus eine Top-Ten-Liste generiert und angezeigt. Wer als Verstorbener die meisten Likes (Kondolenzen) sammelt, steht zuoberst …

    0
  • am 29.10.2015 um 14:55 Uhr
    Permalink

    @Gisiger. Der unvermeidliche Kulturwandel auch im Totenkult.

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  • am 29.10.2015 um 16:49 Uhr
    Permalink

    Und der eigensinnigen (eigen sinnig) Art der Walliser verdanken wir die Rettung einiger längst vergessener Reben, deren Weine sich angenehm vom Mainstream unterscheiden. Freuen wir uns an der kulturellen Vielfalt der Schweiz und feiern wir die Unterschiede.

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  • am 29.10.2015 um 19:45 Uhr
    Permalink

    Das Zitat ganz oben vor dem ersten Beitrag stammt von Conrad Ferdinand Meyer: «Chor der Toten"

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