Giacobbo/Müller: Mehr Polit-Satire statt Klamauk!

Kurt Marti © Christian Schnur

Kurt Marti /  Was für ein Unterschied zwischen der bissigen heute-show des ZDF und der Satire-Sendung Giacobbo/Müller des Schweizer Fernsehens!

Die Satire-Sendung Giacobbo/Müller des Schweizer Fernsehens wird immer mehr zur Qual. Zum Beispiel die Sendung vom letzten Sonntag: Die Wahlen in den USA waren das grosse Einstiegsthema. Die erste Pointe lautete: «Four more y(ears)». Giacobbo wollte partout nicht «years» verstehen, sondern «ears». Kenner der Sendung ahnten längst: Es ging einmal mehr um Giacobbos grosse Ohren, die zusammen mit Obamas Ohren insgesamt vier sind. Eine erste harte Prüfung für die Geniesser politischer Satire. Übrigens der Headwriter von Giacobbo/Müller heisst wirklich Blass.

Klamauk: Michelle Hunziker und Simon Ammann

Und in diesem Stil ging es weiter. Giacobbo: «Wir Schweizer hatten noch nie einen dunkelhäutigen Präsidenten.» Müller: «Wer könnte das sein?» Giacobbo: «Zum Beispiel Roger Schawinski würde sich gut machen!» Ganz anders bei Oliver Welke in der heute-show des ZDF zwei Tage zuvor. Da flogen die Fetzen gegen die deutschen TV-Journalisten, gegen Merkel, Rösler und Konsorten und auch gegen Romney. Während sich bei Giacobbo/Müller ein Klamauk an den anderen reihte (Michelle Hunziker zeigt ihrem Freund den Bärengraben, Skispringer Simon Ammann hat im Sommer zugenommen) präsentierte die heute-show eine bitterböse Politsatire zu den Nazi-Morden in Deutschland.

Oliver Welke spricht Klartext zu den Nazi-Morden

Das blamable Versagen des deutschen Geheimdienstes kommentierte Welke mit klaren Worten: «Das einzige, was bei unseren Geheimdiensten mit Hochdruck gearbeitet hat, war der Aktenschredder. Ja, kaum hatte der Untersuchungsausschuss des Bundestages seine Ermittlungen aufgenommen, haben die Verfassungschützer so richtig im Archiv aufgeräumt.» Dazu lief eine Filmsequenz zur Bücherverbrennung durch die Nazis. Das anfängliche Lachen des Publikums erstarrte in einem erschrockenen Raunen. Und der sarkastische heute-show-Korrespondent Ulrich von Heesen setzte noch einen drauf: «Wenn uns die Geschichte eines gelehrt hat, dann dass Deutsche nicht morden. Es sei denn, ein Österreicher zwingt sie dazu.»

Giacobbo und Müller haben sich redlich Mühe gegeben

Viktor Giacobbo und Mike Müller haben sich redlich bemüht, einzelne Häppchen politischer Satire aufzutischen. Mit mässigem Erfolg. Beispielsweise mit einem Brief der Stadtpolizei Zürich, in dem sie drei Schreibfehler aufspürten oder mit der Analogie von Asylbewerbern und Neophyten (gebietsfremde Pflanzen). Dann musste Müller den Espresso holen, der Musiker Dani Ziegler spielte «Alle meine Entelein», Schawinski erschien ein weiteres Mal auf der Leinwand und in der Rubrik «Kleine Tricks» machte ein Gast mit den Lippen eine Schnecke. Für einmal wurden die Zuschauerinnen und Zuschauer vom Erfinder Stefan Heuss und vom Rap-Video «Leben und Sterben im Thurgau» verschont.

Die Schweizer Polit-Woche ging schlicht vergessen

In der heute-show des ZDF wird regelmässig das politische Menu der vergangenen Woche aufgekocht. In der letzten Sendung von Giacobbo/Müller hingegen suchte man vergeblich nach Relikten der vergangenen Schweizer Polit-Woche. Lohnende Themen hätte es genug gegeben: Die zwei Initiativen der CVP, die Finanzierung der Armee, die Lex Koller, die erleichterte Abgabe von Medikamenten im Detailhandel, die Untersuchung gegen die UBS, das Jammern der Industriellen, der Steuerdeal mit Deutschland, die Teilnahme von Bundespräsidentin Widmer-Schlumpf am Asien-Europa-Gipfel, die Flucht reicher Franzosen nach Genf, die Rettungsvorschläge des Arbeitgeberverbandes für die AHV und das härtere Vorgehen gegen die Korruption im Sport. Themen, bei denen jedem satirischen Schreiber die Finger jucken müssten.

Lernen von der heute-show und von The Daily Show

Giacobbo/Müller setzen mehrheitlich auf harmlose Spässchen und viel Klamauk. Statt in einer Sendung für politische Satire wähnt man sich eher im Giacobbo-Film «Ernstfall in Havanna» mit seinen biedern Witzchen. Das Fernsehprogramm des Schweizer Fernsehens ist ohnehin prall gefüllt mit Quizsendungen und Klamauk, Musikantenstadl und Samschtig-Jass, Aeschbacher und Hopp de Bäse, Happy Day und Grand Prix der Volksmusik. Das kann unmöglich das Terrain einer politischen Satire-Sendung sein. Warum nicht von der heute-show lernen oder von deren Vorbild The Daily Show aus den USA (siehe Links unten)?

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10 Meinungen

  • am 15.11.2012 um 14:22 Uhr
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    Zu erwähnen wäre – nebst der heute-shoh – auch noch Neues aus der Anstalt mit
    Urban Priol und Erwin Pelzig. Auch in einer ganz anderen Liga als Giacobbo/Müller…!

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  • am 15.11.2012 um 23:32 Uhr
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    Giacobbo/Müller ist schon lange nicht mehr sehenswert (anno Peter Tate).
    Was hier vergessen geht: an die Grossen reicht auch eine heute-show nicht heran. Ungeschlagen in Sachen Politsatire und Innovation auf diesem Gebiet sind (m.E.) The Daily Show und The Colbert Report! Eine Folge dieser Sendungen enthält soviel Zündstoff wie eine ganze Staffel des deutschen Pendants.

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  • am 16.11.2012 um 11:36 Uhr
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    Immer hochinteressant sind Leute, die aufzählen, welche ausländischen Shows ihnen persönlich besser gefallen als die in beflissener Strenge und mit grosser Fachkenntnis kritisierte erfolgreiche schweizerische Ausgabe. Und welche Satiriker und Komiker aus dem weltweiten Angebot alles besser machen. Als Produzent von Giacobbo/Müller freue mich schon auf die Sendung, in der Herr Marti das Publikum mit scharfer Satire über die zwei Initiativen der CVP, die Finanzierung der Armee, die Lex Koller, die erleichterte Abgabe von Medikamenten im Detailhandel, die Untersuchung gegen die UBS, das Jammern der Industriellen, den Steuerdeal mit Deutschland, die Teilnahme von Bundespräsidentin Widmer-Schlumpf am Asien-Europa-Gipfel, die Flucht reicher Franzosen nach Genf, die Rettungsvorschläge des Arbeitgeberverbandes für die AHV und das härtere Vorgehen gegen die Korruption im Sport vor den Bildschirm lockt. Das wird sicher ganz toll!

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  • am 18.11.2012 um 12:37 Uhr
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    Giacobbo/Müller ist keine Satiresendung. Sie bringt bei den Sketches vor allem Komik. Allerdings sehr gute. Darin sind Müller und Giacobbo wahre Meister. Die Sketches sind der Hammer. Aber ausserhalb der Sketches ist die Sendung langweilig und wenig lustig. Urban Priol und seine Kollegen der ZDF-Satiresendung «Neues aus der Anstalt» zeigen, was Satire wirklich ist. Auch der Schweizer Lorenz Keiser beherrscht die Satire. Aber nicht Giacobbo und Müller.

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  • am 19.11.2012 um 15:16 Uhr
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    Es wäre meines Erachtens an der Zeit, ein wirklich freches, neues Politmagazin auf dem einzigen Landesssender zu bringen. Es ist schade, dass das Niveau von Giacobbo/Müller bei den Ohren, dem Bauch, dem Kaffeekochen, Olten und Winterthur gelandet ist und da stagniert. Keine angriffigen ätzenden politischen Beiträge sind mehr zu sehen. Die eingeladenen Komiker waren alle schon mal da, auch die Gäste sind oftmals die ewig gleichen. Die Sendung ist nur noch gähnende Leere.
    Schade. In unserem Land gibt es doch soviel wirklichen politischen Zündstoff. Warum nur landen wir bei M. Hunziker oder Schreibfehlern. Haben wir keine anderen Themen?

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  • am 22.11.2012 um 17:16 Uhr
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    @Gabrielle Haas: Auf den Punkt gebracht, danke.

    @christine lent: The Daily Show, The Colbert Report, Bill Maher. Das ist der Massstab. Träumen wir wenigstens davon, in unserer beschaulichen Schweiz.

    Mit stoischer Ruhe ertragen wir Giacobbo & Müller. Während Victor Giacobbo seinen Zenit unbemerkt schon vor Jahren erreichte, sucht ihn sein Partner noch. Jeden Sonntagabend werden wir Schweizer von ihnen in die Arbeitswoche geschickt. Ohne Aussicht auf Besserung. Ihre Satiresendung verkommt zur Realsatire. Kann man sich fragen, ob die beiden mitschuldig sind für die erhöhte Selbstmordrate am Montagmorgen in der Schweiz. Dass für viele Zuschauer das Frölein Da Capo der Höhepunkt der Sendung war, halte ich für ein Gerücht. Aber eines, das zum Nachdenken zwingt. Immerhin.

    Giacobbo hat mit seiner ComedyTheater AG in Winterthur viel Macht, wenn es darum geht, wer in der Schweiz Komik verbreiten darf. Er mag ein lustiger Harry Hassler gewesen sein. Als Conférencier ist er eine Fehlbesetzung. Er ist nicht redegewandt, kann seine Texte nicht und findet sich selber extrem lustig. Er könnte einem leidtun. Leid tut mir vor allem Mike Müller! Giacobbo zieht das Niveau der Sendung in den Keller. Wie lange kann er sich noch halten? Wann haben die Schweizer endlich genug? Hat das SF den Mut, ihn raus zu schmeissen? Viele Fragen..

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  • am 22.11.2012 um 19:52 Uhr
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    hmmm, da steht viel Wahres. Aber was ist der Grund, warum hier das Niveau der ausländischen Satiresendungen nicht erreicht wird? Die Wahrheit scheint mir: es fehlt nicht am Talent. Auch das Set-up der Sendung ist ausgezeichnet. Aber in Wahrheit fehlt der Sendung der Mut zur Wahrheit. Daher die Sprüche über die Regenbogenpromis anstatt über politische Situationen: ein Showdown des Schweigens. Und wenn Politik, dann doch eher an der Oberfläche: ja nicht das Publikum vergrämen, oder die SF Chefetage, daher höchstens kitzelnde Witze.

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  • am 28.11.2012 um 20:41 Uhr
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    Alle, die einen Ball von einem Puck unterscheiden können, fühlen sich auch schon zum Fussballexperten berufen. Alle, die Satire mögen, sind sofort auch Satireexperten. Ich nehme mich da nicht aus. Vergleiche mit der ausländischen Konkurrenz in dieser Branche müssen nicht immer zuungunsten hiesigen Schaffens ausfallen, nur die oben erwähnten (ZDF und ARD) spielen halt in einer andern Liga, aber sonst ist’s ein weites Stoppelfeld des Klamauks und Sauglattismus. Aber was auffällt, keine der Satiresendungen die sich (auch) mit Politik und Politikern befassen, laden diese Leute auch noch als Gast ein. Das kann nicht funktionieren, das war und bleibt eine Fehlkonstruktion von der ersten Sendung an. Erst recht, wenn sich diese Herr- und Frauschaften darum reissen, in die Sendung eingeladen zu werden. Beisshemmung von Angesicht zu Angesicht könnte eine Ursache sein und dass wir in der Schweiz immer noch viel zu lieb sind miteinander, eine andere. Schlagfertigkeit im Gespräch ist eine Stärke von Viktor, aber das allein ist zu wenig. Und Produzent Peter Irnigers Aufzählung des Politgeschehens von einer Woche gäbe doch wahrhaft Stoff her für eine satirische Aufarbeitung. Nicht jammern, machen! Was fehlt denn? Geld? Zeit? Autoren? Wille? Vielleicht nur einmal pro Monat, aber sorgfältiger und frecher, frecheeeer!! Das Publikum soll nicht nur bei jeder halbwegs gelungen Pointe klatschen dürfen/müssen sondern auch ab und zu raunen oder leer schlucken. Ich sage immer – aber niemand will’s hören – Satire darf alles, wirklich alles, sie darf, aber sie muss nicht.

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  • am 28.11.2012 um 22:28 Uhr
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    Sehr gut. Schaun wir uns doch mal einen wahren Könner an: Volker Pispers zum Bankgeheimnis. Höchste Satirekunst. Kein Blatt vor den Mund genommen. Die Frage bleibt: können oder wollen Giaccobo Müller das nicht?
    Siehe http://youtu.be/XM9TCb2id40?t=4m49s – WOW!

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  • am 3.03.2013 um 20:35 Uhr
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    auch einer meiner Träume … politische Satire a la Welke, Stewart , Priol, Pispers & Co.
    Franz Hohler hat es mal probiert und landete unsanft auf der Strasse.
    Themen wären ja sooooooooo viele …

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