Die NZZ ein Mainstream-Medium?

Christian Müller © aw

Christian Müller /  Die NZZ verspottet jene, die den Frieden suchen. Sie ist zum grauenhaften Kriegshetzerblatt geworden.

René Scheu ist der künftige Chef des NZZ-Feuilletons. Zurzeit ist er der Herausgeber der neokonservativen Zeitschrift Schweizer Monat. Ein guter Platz also für NZZ-Manager, sich, wenn gewünscht, verlauten zu lassen. In der eigenen Zeitung wäre das ja anrüchig.

Veit Dengler, CEO der NZZ-Medien-Gruppe, hat das in der September-Ausgabe des Schweizer Monat ausgiebig getan. Er erklärte dort einem kleinen, aber auserwählten Publikum, dass jene, die bei den Mainstream-Medien auffällige Meinungsübereinstimmung zu beobachten glauben, ganz einfach Verschwörungstheoretiker sind. Man nimmt das zur Kenntnis – und es ist halb so schlimm: Als kritischer Beobachter der Polit- und Medienszene hat man längst damit zu leben gelernt. Die Totschlagkeulen «Antisemitismus», «Antiamerikanismus» oder neuerdings «Verschwörungstheoretiker» sind zur verbreiteten Waffe jener geworden, die keine Argumente mehr haben.

Aber Achtung!

Spätestens allerdings, nachdem man gestern Abend online oder heute Morgen im Blatt (28. November 2015) den ganzseitigen Leitartikel von NZZ-Chefredaktor Eric Gujer über «Ein deutsches Märchen» gelesen hat, beginnt man nachzudenken. Die NZZ ein Mainstream-Medium?

Nein. Die NZZ ist kein Mainstream-Medium mehr. Sie vertritt zwar die Interessen der Banken, wie alle anderen auch, und die Interessen der Industrie, wie alle anderen auch, hilft den Reichen reicher werden, wie alle anderen auch, und sieht das Heil der Welt in der Abschaffung aller Spielregeln, wie alle anderen auch. Nur, in einem Punkt – in einem nicht ganz unwesentlichen – schert sie aus: Sie möchte keinen Frieden, sie möchte Krieg. Endlich nimmt Deutschland Abschied vom «bequemen Pazifismus», weiss Chefredaktor Eric Gujer heute zu frohlocken.

Während Hunderte von Millionen Menschen in Europa heilfroh sind, dass Deutschland nicht aufrüstet, nicht Krieg führt und seine hegemonialen Ansprüche immerhin etwas gemässigt hat, ist der Chefredaktor der NZZ überglücklich. Die Flüchtlinge haben es geschafft, was bisher niemand schaffte: Deutschland ist endlich wieder bereit, zu schiessen!

Ja, NZZ-CEO Veit Dengler hat recht: Die NZZ ist nicht mehr Mainstream. Sie ist ausgeschert und zu einem grauenhaften Kriegshetzerblatt geworden.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine.

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5 Meinungen

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    am 29.11.2015 um 17:40 Uhr
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    Ich habe mit Bedauern mein über 40 Jahre altes Abo der NZZ gekündigt, nachdem auch das Feuilleton selbst in seinen Buchbesprechungen populistische Rechtspolitik betreibt.

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    am 2.12.2015 um 12:05 Uhr
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    Die NZZ war nie Mainstream und wird es hoffentlich auch nie werden, auch wenn Mainstream nur immer von den der linken Seite betrachtet wird. Mainstream heisst auch nicht, dass der Pazifismus Hochkonjunktur hat, auf jeden Fall vermittelt die geopolitische Lage nicht diesen Eindruck! Und auch die NZZ darf eine eigene Meinung haben, auch ihr Chefredaktor. Das heisst allerdings nicht, dass er eine Kriegsgurgel ist. Auch Deutschland rüstet auf und beteiligt sich sogar an der gemeinsamen Nato-Politik, in Zukunft wahrscheinlich aktiver als in der Vergangenheit.
    Bekanntlich hat auch jedes Volk eine Armee (hoffentlich eine glaubwürdige), entweder die eigene oder eine fremde!

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    am 2.12.2015 um 21:04 Uhr
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    Leider komme ich zu einem ähnlichen Schluss bezüglich der Entwicklung bei der NZZ von einem Welt- zu einem Meinungsblatt. Zum Leitartikel von E. Gujer vom 21.11.2015 habe ich deswegen einen Leserbrief geschrieben, der aber trotz seiner Kürze nicht publiziert worden ist….
    Ich füge ihn hiermit gerne bei:

    Europa und die Feinde der Freiheit (E.Gujer, NZZ vom 21.1. 2015)
    Es ist die Rede von den Feinden der Freiheit. Kennt jemand einen Menschen, der nicht Freiheit für sich und die Seinen wünscht? Also muss man sich fragen, Freiheit vor wem, Freiheit wozu? Oder auch – wessen Freiheit wurde bedroht, dass zu diesen schrecklichen Mitteln des Terrors gegriffen wird?

    Andererseits wendet sich E. Guyer gegen die Ansicht, dass die Fronten zwischen den Religionen verlaufen, indem er als scheinbar gesichertes Wissen verkündet: Der Graben verläuft zwischen Zivilisation und Barbarei. Barbaren sind immer die anderen. Könnte es nicht auch so sein, dass der Graben zwischen den Ohnmächtigen, Entrechteten und Ausgebeuteten einerseits und den Satten und Profiteuren andererseits verläuft? Diese Sicht hätte den grossen Vorteil, dass man zu ganz neuen Ideen kommen könnte, als die alten Reaktionsmuster wie Krieg und Abschottung zu wiederholen, die sich zu genüge als untauglich und kontraproduktiv erwiesen haben.

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