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Rassenpolitik in Südafrika: Die Schweiz machte trotzdem gute Geschäfte. © sa

Die Kungelei mit dem Apartheidregime

Christof Moser /  Die 10 Schönheitsfehler der Schweiz (1/10): Wie die Schweiz vom Rassistenstaat Südafrika profitiert hat.

Kleiner Test: Stecken Sie sich einen Bleistift ins Haar und schütteln Sie den Kopf. Fällt der Stift runter? Glück gehabt. Bleibt er stecken? Dann haben Sie festes, krauses Haar und gehören der minderwertigen schwarzen Rasse an. Mit solchen Testverfahren errichteten die Nationalisten in Südafrika vor 60 Jahren einen Apartheidstaat. Und die Schweiz profitierte im grossen Stil.

Nach ihrem Wahlsieg 1948 schuf die Nationale Partei («Nasionale Party») in Südafrika ein «Amt für Rassenklassifizierung» und teilte die Bevölkerung in vier ethnische Klassen ein: Weisse, Asiaten, Farbige und Schwarze. Schwarze durften nicht wählen, nur innerhalb ihrer Rasse heiraten, sich nur mit einer Arbeitserlaubnis in Städten aufhalten, Parks, Restaurants, öffentliche Ämter und Verkehrsmittel überhaupt nicht oder nur in separierten Bereichen betreten.

Die neutrale Schweiz und ihre Geschäfte

Anfänglich unterstützten die USA und Westeuropa das Apartheidregime. Die schwarze Widerstandsorganisation ANC wurde als prokommunistisch bezeichnet. Zudem verfügte Südafrika über Uranvorkommen, auf die der Westen im Kalten Krieg nicht verzichten wollte. Erst nach 1960, als immer mehr Staaten der Dritten Welt UNO-Mitglied wurden, nahm der internationale Druck gegen die Rassenpolitik zu. 1962 verabschiedete die UN-Generalversammlung die Resolution 1761, die Sanktionen gegen Südafrika beinhaltete.

Die Schweiz als erklärt neutraler Staat und Nicht-UNO-Mitglied beteiligte sich nicht an den Wirtschaftssanktionen. 1968 verurteilte zwar auch die Schweizer Regierung offiziell das Apartheidregime und erliess 1974 Investitionsbeschränkungen. Doch Schweizer Politik und Wirtschaft tricksten nach allen Regeln der Kunst. Investitionen waren nur über 10 Millionen Franken verboten. Das Waffenembargo wurde mit Lieferungen via Drittstaaten umgangen. Die Schweiz versorgte das rassistische Regime mit Material für den Bau ihrer sechs Atombomben. Regelmässig fanden Treffen zwischen den Geheimdiensten beider Länder statt. Die Schweiz wurde zum Hauptumschlagplatz für Blutdiamanten, einem der wichtigsten Exportzweige Südafrikas. Bis in die 1980er-Jahre kaufte die Schweiz zudem rund 80 Prozent aller Goldvorräte des Landes und versorgte den international isolierten Apartheidstaat so mit den nötigen Devisen. Als sowohl im Inland als auch im Ausland die Empörung über das Verhalten der Schweiz immer grösser wurde, reagierte der Bundesrat, indem er in der Einfuhrbilanz Gold nicht mehr aufführte und über ihren Botschafter das Regime bat, die Schweiz ebenfalls aus ihren Ausfuhrstatistiken zu streichen.

Blocher und Merz mit besten Beziehungen

Als 1990 der schwarze Freiheitskämpfer Nelson Mandela nach 27 Jahren aus dem Gefängnis entlassen und kurz darauf in den ersten freien Wahlen zum Präsidenten Südafrikas gewählt wurde, applaudierten auch Schweizer Regierung und Parlament, obwohl Parlamentarier und spätere Bundesräte wie Christoph Blocher (SVP) und Hans-Rudolf Merz während der Apartheid beste Kontakte mit Südafrika pflegten. Anders als ihre Rolle im 2. Weltkrieg hat die Schweiz ihre Kooperation mit dem südafrikanischen Regime nie offiziell aufgearbeitet. 2001 wurde zwar eine Nationalfondsstudie in Auftrag gegeben, die unter der Leitung des Historikers Georg Kreis die Beziehungen der Schweiz mit dem Rassenstaat untersuchen sollte. Den Historikern wurde jedoch die Einsicht in die Archive verwehrt: Der Bundesrat verlängerte kurzerhand die Geheimhaltung der entscheidenden Akten von 30 auf 40 Jahre. Trotz dieser Hindernisse kam die Studie 2005 zum Schluss: «Die Schweiz hat während der Apartheid wirtschaftlich ganz normal mit Südafrika zusammengearbeitet.»


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Die Artikel-Serie «Die 10 Schönheitsfehler der Schweiz» entstand im Auftrag der Filmemacher von «Image Problem».

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