Kommentar

Denk ich an Deutschland in der Nacht… II

Christian Müller © zvg

Christian Müller /  Deutscher Polit-Güsel im «Schweizer Monat». Das kürzlich aufgefrischte Polit-Magazin geht an die äusserte Rechte.

»Wurden im 19. Jahrhundert die Arbeiter ausgebeutet, so sind es heute die Leistungsträger, die schamlos und willkürlich zur Kasse gebeten werden. Die Ausbeutung heisst natürlich anders, ‹Solidarität› oder ’soziale Gerechtigkeit›. Das hehre Ideal der Gerechtigkeit ist zu einem Kampfbegriff geworden, der unter Aufbietung aller moralischen Kräfte bloss dazu dient, Freiheit und Leistungsbereitschaft des einzelnen zu beschneiden.»

Zu lesen ist solch abstruser Polit-Kehricht in der April-Ausgabe der Zeitschrift «Schweizer Monat». Die Autorin, die deutsche CDU-Politikerin Vera Lengsfeld, ist nördlich des Rheins keine Unbekannte. Im Dezember letzten Jahres etwa erhielt Henryk M. Broder, der Widerling der deutschen Presse schlechthin, den Ehrenpreis der Deutsch-Israelischen Gesellschaft Aachen, und ebendiese Vera Lengsfeld hielt die Laudatio. Daraus einige Zitate:

»Freiheit, deshalb stehe ich hier besonders gern als Laudatorin, ist für Henryk Broder das höchste Gut, sein Grundthema. Die Hauptübel unserer Zeit, die zerstörerische Toleranz, mit der sich unsere Gesellschaft freiwillig kastriert, leitet Broder daraus ab, dass nicht mehr Freiheit, sondern Gleichheit zum Leitbegriff geworden ist.» (Auszeichnung Red.)

»Man muss heutzutage schon ein Newt Gingrich sein, um darauf hinzuweisen, dass es nie einen Staat der Palästinenser gegeben hat und dass die Palästinenser Israel vernichten wollen, weshalb sie immer noch in Flüchtlingslagern verharren, statt sich ein eigenständiges Leben aufzubauen.» (Auszeichnung Red.)

»Europa, das sein im Maastricht-Vertrag festgelegtes Ziel, bis 2010 die innovativste, wirtschaftsstärkste, dynamischste Region der Erde zu werden, grandios verfehlt hat und statt dessen wegen seiner Überschuldung allmählich in die Knie geht, könnte jede Menge von Israel lernen. Vor allem ist es höchste Zeit, dass es begreift, dass sich sein Schicksal in Israel entscheidet.» (Auszeichnung Red.)

»Beim Bund, den Gott mit Abraham schließt, verschont er einen einzelnen Menschen, Isaak. Damit wurde deutlich gemacht, dass im Zentrum der Ethik das Individuum steht. Ohne Judentum kein Christentum, keine Aufklärung, keine westlichen Werte.»
(Auszeichnung Red.)

Soweit Vera Lengsfeld im Wortlaut. Ein Kommentar erübrigt sich, wenn man die Schreibe von Henryk M. Broder und die politische Situation in Israel und in den von Israel völkerrechtswidrig besetzten Gebieten Palästinas kennt. Oder lassen wir doch einfach den (jüdischen) deutschen Dichter Heinrich Heine sprechen: «Denk ich an Deutschland in der Nacht, dann bin ich um den Schlaf gebracht.»

Der Schweizer Monat übertrifft sich selbst

»Steuerbetrug begeht nicht, wer Steuern trickreich umgeht; Steuerbetrug begeht, wer Steuern erhebt», schreibt in der gleichen Ausgabe des «Schweizer Monat» David Dürr, Titularprofessor für Privatrecht und Rechtstheorie in Zürich. Dieser doch bemerkenswerte Satz steht auf Seite 12, und der geneigte Leser, die geneigte Leserin, wären eigentlich gut beraten, das Heft nach dieser Lektüre zu schliessen und sich nicht bis Seite 31 zu Vera Lengsfeld durchzukämpfen. Aber man tut es dann eben doch, schon um sicher zu gehen, dass da kein peinlicher Irrtum vorliegt.

Es liegt, ganz offensichtlich, kein Irrtum vor. Das Nobelheft – die einzelne Ausgabe kostet bei 84 Seiten (inkl. Umschlag) CHF 19.50 – steuert offensichtlich extremer denn je an den rechten Rand. Und dazu scheut sich der «SCHWEIZER Monat» nicht, mit Vera Lengsfeld aus Deutschland argumentative Verstärkung zu holen. Um ehrlich zu sein: Mir reicht Henryk M. Broder als «Weltwoche»-Kolumnist vollauf. Dort erwarte ich ja auch nichts Anderes. Und die «Weltwoche», der Titel besagt es, ist ja auch eine «WELTwoche». Aber im «SCHWEIZER Monat» eine solche Schreiberin aus Deutschland?

Da sind mir meine – realen! – deutschen Nachbarn links und rechts, mit denen ich ab und zu auch gerne eine Flasche (italienischen) Wein trinke, doch deutlich lieber.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine

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