Kommentar

Denk ich an Deutschland in der Nacht… I

Christian Müller © zvg

Christian Müller /  Schweizer und Deutsche, in einigen Punkten streitende Geschwister, sollten sich trotz allem mehr um die Gemeinsamkeiten kümmern.

Natalie Ricklis saloppe Sprüche am Sonntalk gegen die zunehmende Einwanderung von Deutschen in die Schweiz hat in Deutschland einen Sturm der Entrüstung ausgelöst. Manche Deutsche posteten auf den Internet-Plattformen sogar, ihre in der Schweiz geplanten Ferien annulieren zu wollen (infosperber berichtete).

Sind die Deutschen zu Recht sauer? Ja – und Nein.

Ja: Das Anti-Deutschen-Votum der SVP-Politikerin war hässlich, unangemessen und dumm. Nicht zuletzt im Gesundheitswesen – ein Beispiel nur – muss die Schweiz froh sein, die offenen Stellen mit Deutschen besetzen zu können. Einige Schweizer Spitäler könnten ihren Betrieb schlicht schliessen, hätten sie das deutsche Pflegepersonal nicht. Welcher Spitalpatient wird nicht gerne gut gepflegt, von einem Menschen, mit dem er sogar ein paar Worte wechseln kann, wenn auch in einem etwas anderen Dialekt?

Und Nein: Natalie Rickli wird überschätzt und für zu wichtig genommen. Sie ist nicht «die Schweiz». Sie ist eben eine Politikerin der rechtspopulistischen Schweizerischen Volks-Partei SVP, die ihre Erfolge bis 2010 auf der von ihr konsequent propagierten Fremdenfeindlichkeit aufbaute. Und als SVP-Nationalrätin muss Natalie Rickli ja auch wieder gewählt werden. Offensichtlich hat sie noch nicht realisiert, dass die Fremdenfeindlichkeit bei den Wahlen im Herbst 2011 nicht mehr geholfen hat – im Gegenteil.

Aber natürlich: Deutschen-feindliche Äusserungen einer Politikerin sind für die deutschen Medien ein gefundes Fressen, vor allem in einer Zeit, wo sich die beiden Länder ihrer unterschiedlichen Steuer-Systeme und des grenzüberschreitenden Fluglärms des Flughafens Zürich wegen in den Haaren liegen.

Leider haben die deutschen Medien einen umgekehrten Fall bei dieser Geschichte verdrängt: den Fall Peer Steinbrück. Der ehemalige deutsche Finanzminister und voraussichtliche künftige Kanzlerkandidat der SPD hat die Schweiz als Land in aller Öffentlichkeit mit dem westafrikanischen Staat Burkina Faso gleichgesetzt, hat die Schweizer mit Indianern verglichen und angemerkt, es sei vielleicht an der Zeit, mal die deutsche Kavallerie auszuschicken.

Solche Sprüche sind, mit Verlaub, auch nicht geeignet, das Verhältnis zwischen zwei Staaten zu verbessern. Vor allem nicht, wenn derjenige, der diese Sprüche klopft, dem Land angehört, das zehnmal grösser ist als das beschimpfte und dessen militärischer Einmarsch in die Tschechei im Jahr 1939, der den Zweiten Weltkrieg auslöste, eben noch nicht ganz vergessen ist. Und vor allem wenn dieser Peer Steinbrück nicht nur ein belangloser Parlamentarier einer rechtspopulistischen Volkspartei ist, sondern einer der prominentesten deutschen Politiker überhaupt.

Hüben wie drüben blöde Sprüche. Vielleicht sollte man darüber nur lachen. Aber das geht so leicht nicht. Europa ist zur Zeit ein fragiles Gebilde. Der wirtschaftliche Druck aus dem (Übersee-)Westen ebenso wie aus dem Fernen Osten ist riesig. Und die west- und mitteleuropäischen Staaten mit ihrem hohen Lebensstandard, mit ihren recht gut funktionierenden Systemen der sozialen Sicherheit, mit der weitgehend verwirklichten Gleichstellung von Mann und Frau, mit der hohen Rechtssicherheit und mit der ausserhalb Europas bei weitem nicht selbstverständlichen Meinungsfreiheit, diese west- und mitteleuropäischen Staaten hätten und haben allen Grund, ihre guten Beziehungen nicht durch dumme, über die Medien mit Freude aufgeheizte Sprüche zu belasten.


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Eine Meinung zu

  • am 2.05.2012 um 16:36 Uhr
    Permalink

    …weil dieses Steinbrücksche Kavallerie-Zitat zum integrierenden Bestandteil der Schweizer Geschichte avanciert ist wie etwa «Hütet euch am Morgarten!,, habe ich versucht, den genauen Wortlaut zu eruieren. Es ist mir nicht gelungen. Von der «deutschen Kavallerie» war jedenfalls nicht die Rede.

    Hier der Rekonstruktinsversuch von «Spiegel"-online:…."Grund sind angebliche Äußerungen Steinbrücks beim Finanzministertreffen anlässlich der Vorbereitung des G-20-Gipfels am Wochenende, in denen er die Schweiz mit Indianern verglichen haben soll.

    Der Korrespondent des Schweizer Fernsehens, Peter Balzli, hatte Steinbrück von einer Pressekonferenz mit den Worten zitiert: «Es hat nie eine schwarze Liste (von Steuerfluchtstaaten, d.Red.) gegeben. Es ist nur ein Instrument gewesen, um die Indianer in Angst und Schrecken zu versetzen.»

    Auch andere Schweizer Medien berichteten danach über die Äußerungen. Sinngemäß habe der deutsche Minister gesagt: Man müsse die Kavallerie nicht ausreiten lassen; die Indianer müssten nur wissen, dass es die Kavallerie gibt."

    Schweizer Medien berichteten, «sinngemäss habe derMinister gesagt"… nid möögli?

    Und dafür hat die Schweiz übrigens den deutschen Botschafter «einbestellt". Ich glaube nicht, dass irgendein Land dieser Welt (inkl. Nordkorea) einen Botschafter einbestellen würde, weil möglicherweise Steuerbetrüger und deren Helfershelfer beleidigt worden sein könnten.

    Ueberigens habe ich mich als Schweizer Bürger von dem Irgendwie-sinngemäss-eventual-Zitat nie persönlich betroffen gefühlt. Die «Indianer» habe ich immer mit den Verwaltern des Schwarzgeldsumpfs gleichgesetzt, auf die das Zitat ganz offensichtlich gemünzt war.

    Und zu denen möchte ich als gut beleumundeter Schweizer Bürger bitte nicht gezählt werden.

    0

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