Das süsse Gift

Monique Ryser ©

Monique Ryser /  Beim Zucker steht das Label «Schweiz» nicht für Qualität, sondern für Lobbyarbeit.

Dieses Jahr hat schon genügend Unbill gebracht und eigentlich, so denkt man sich, kann es nicht mehr viel schlimmer kommen. Doch weit gefehlt, wir haben nicht an die Zuckerrüben-Bauern gedacht: Sie gehören zu den am besten geschützten Produzenten der Schweiz, auch in Zeiten von Rezession oder menschlichen Pandemien haben sie Abnahmegarantien und Subventionen. Doch jetzt bedroht eine Krankheit die Ernte, und diese kann nur mit einem seit letztem Jahr verbotenen Insektizid bekämpft werden, wie der Tages Anzeiger berichtet. Zuckerbauer und SVP-Nationalrat Pierre-André Page verlangt deshalb die Wiederzulassung des höchst giftigen und verbotenen Insektizids Gaucho, ansonsten, so der Verband der Rübenpflanzer, die Regale in den Läden leer stehen würden.

Es ist ein Phänomen, wie Themen über Jahrzehnte immer wieder aufs Tapet kommen und sich nie etwas ändert. Bereits vor 25 Jahren hat die damalige Nationalrätin Ursula Bäumlin ungläubig gefragt, ob der Bund wirklich einen über 70-prozentigen Selbtsversorgungsgrad mit Zucker anstrebe, wo doch Zucker vor allem für Entwicklungsländer ein äusserst wichtiger Wirtschaftsfaktor sei. Ja, der Bund wollte das. Und noch viel mehr: Heute ist die Schweiz, was den Zucker angeht, sozusagen autark. «Dass in der Schweiz heute noch Zucker angebaut wird, ist politisch gewollt. Und kostet den Steuerzahler viel – rund 70 Millionen Franken pro Jahr. Pro Hektare sind das gegen 4000 Franken – mehr als die meisten anderen Kulturen», rechnet der Verein Vision Landwirtschaft vor. Und weiter: «Tatsache ist, dass beim Zuckerrübenanbau im Vergleich mit anderen Ackerkulturen in der Schweiz besonders viele Pestizide eingesetzt werden.» Dazu komme das Problem von Bodenverdichtungen. Die Rübenernte erfolge meist erst im Spätherbst, wenn der Boden wegen der oft nassen Bedingungen besonders anfällig auf mechanische Belastungen sei.  «Trotzdem kommen in keiner anderen Kultur so schwere Erntemaschinen zum Einsatz wie in den Zuckerrüben. Oftmals hinterlassen sie ein Bild des Schreckens: Irreversible Bodenverdichtungen, welche noch für Jahre das Wachstum der Folgekulturen beeinträchtigen.»

Auch bei der Ökobilanz schneiden die Schweizer Zuckerrüben schlechter ab, als importierter Fair-Trade-Rohrzucker: Wie die Stiftung «myclimat» bereits 2010 (!) errechnete, schneidet die Klimabilanz wegen der Produktion, insbesondere bei Schweizer und deutschen Zuckerrüben schlecht ab.

Entwicklungsländer beklagen sich oft, dass unter WTO-Regeln ihre Länder mit Gütern geflutet werden und die lokale Wirtschaft kaputt machen. Im Gegenzug schotten aber die reichen Länder ihre Märkte für Agrarprodukte ab. Genau da also, wo Entwicklungsländer eine Chance hätten. Dass das sogar beim Zucker der Fall ist, der erwiesenermassen für einen grossen Teil der Zivilisationserkrankungen verantwortlich ist, hat nicht mit Logik oder Konsistenz zu tun. Sondern mit Lobbyarbeit rund um das süsse Gift – des Zuckers und der Subventionen.

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Das Zuckerwunder in der Schweiz – bereits vor zehn Jahren aufgearbeitet von Richard Gerstner, Berater mit Schwerpunkt Entwicklungspolitik


Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine

Zum Infosperber-Dossier:

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2 Meinungen

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    am 6. Okt 2020 um 14:16 Uhr
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    Na ja, es ist so, dass «Gaucho» in der EU für den Rübenanbau wieder zugelassen wurde. Im Rest der Welt wird dieses Insektizid weiter völlig legal eingesetzt, ohne das irgendwelche Probleme auftreten würden. Und das seit bald 40 Jahren. Das Verbot von Insektiziden in der Schweiz ist mehr politisch motiviert und hat keine solide wissenschaftliche Basis. Und ich als Schweizer bin froh, dass die Schweizer Bauern die Möglichkeit haben, weiter Zuckerrüben anzubauen, so wie seit Jahrhunderten. Und das die bäuerliche Produkton subventioniert wird stört mich auch nicht. Da bleibt das Geld wenigstens im Land. Und ob die Ökobilanz von von weither importierten Zucker besser ist kann doch angezweifelt werden. Weiter macht offenbar die Autorin nie Spaziergänge auf den Feldern. Sonst wüsste Sie, dass die Aussage, dass die Ernte zu irreversible Bodenverdichtungen, welche noch für Jahre das Wachstum der Folgekulturen beeinträchtigen, einfach nicht stimmt. Ich laufe viel an Zuckerrübenfeldern vorbei und sehe, dass die Landwirte die im nächsten Frühjahr wieder normal bewirtschaften können. Man sollte eben nicht unreflektiert die Meinung von NGO’s übernehmen, ohne sich selber Gedanken dazu zu machen.

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    am 6. Okt 2020 um 15:02 Uhr
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    Hallo, um von Vorne herein klarzistellen, ich bin eine Verfechterin von WENIG Zucker, bei Babys finde ich es kriminell, was man ihnen damit antut
    zum Artikel: Wir haben in der Lebensmittelproduktion das Problem, dass die Schäden die durch industrielle Erzeugung entstehen, der traditionellen unterstellt werden.
    z.B. Rüben man errechnet den Aufwand eine bestimmte Menge Zucker und verlgeicht dies mit Rohrzucker. Aber bei der Rübe fallen noch Futter, Sirup, Schnetzel an.
    Rüben sind wertvoll in der Fruchtfolge (Boden usw) / Verdichten Industriell / usw. Transport um die halbe Welt sind zu vermeiden /Siehe Corona, was nützt uns im Ernstfall Zuckerrohr irgend wo auf der Welt. Und wegen Zuwendungen für Landwirtschaft, würden sie den Wert ihrer Produkte erhalten, wären Zuschüsse kein Thema. Und Mindestlöhne müssten das ermög-
    lichen.
    Zurück zum Zucker, eine gewisse Menge benötigen wir, aber wer klagt endlich mal dagegen, dass Babys mit Breis aus 50% Zucker gefüttert werden? Warum setzt die Schweiz die empfohlene Höchstmenge auf
    100 anstatt auf 50 Gr? Da geht es um Gesundheit und damit auch um die enormen Kosten im Medizinal Bereich. Da ansetzen, würde auch Obiges lösen. Das erklärt, dass eine gutgepolsterte Lobby mit , «Wissenschaft-lichkeit» vom Thema ablenkt. Herr Berset da entstehen hohe Kosten, da kann «sparen» enorme medikale Kosten vermeiden.
    Sorry, wenn’s hart ist

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