Bildung als lukratives Business: Nein danke!

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Christian Müller /  In den USA ist Bildung ein Business, in der Schweiz ein Service public. Die NZZaS möchte das ändern. Ein verheerender Vorschlag.

Eben sind die neusten Zahlen aus den USA bekannt geworden: Die Darlehen an Studenten zur Bezahlung ihrer höheren Ausbildung belaufen sich in der Summe auf 1000 Milliarden Dollar. Sehr viele Darlehen sind akut gefährdet, weil die Darlegensnehmer zwischenzeitlich bereits 65jährig oder älter und deshalb ausserstande sind, ihre Darlehen zurückzuzahlen. Und noch schlimmer: Bereits 25 Prozent der College- und Universitäts-Abgänger finden trotz guter Ausbildung keinen Job. Auch sie werden deshalb ihre Studien-Darlehen nie zurückzahlen können (infosperber berichtete, siehe unten).

Die meisten Darlehen an Studierende in den USA sind staatlich garantiert, sprich: wenn sie nicht zurückbezahlt werden können, springt der Staat ein. Das System ist also das in Zeiten des Neoliberalismus übliche: Die privaten Bildungsinstitute machen Profit und die Darlehensgeber, die Banken, kassieren die Zinsen, ohne ein Risiko zu übernehmen. Der Verlust aber, wenn die Rückzahlung nicht mehr gewährleistet ist, bleibt beim Staat hängen. Oder noch einfacher: der Profit für die Banken und Bildungs-Unternehmen, der Verlust einmal mehr für die Steuerzahler.

Auch die Schweiz soll mit Bildung Geld machen

In einem Leitartikel in der NZZ am Sonntag vom 8. März 2012 fordert nun Michael Furger, auch die Schweiz soll das System ändern und Bildung zum Geschäft machen. Das Modell «Service public» sei zur Abschaffung fällig. Wir müssen «unsere Vorstellung von Bildung
fundamental ändern; von einem Service public zu einem Geschäft» (siehe unten Furgers Formulierungen im Wortlaut).

Ist das eine gute Idee?

Funktionieren würde es, wenigstens eine Weile lang, sicher schon. Denn auch hier entscheiden wenig begüterte Eltern oft nach dem Herzensgrundsatz «Unsere Kinder sollen es einmal besser haben». Und sie sind zu gewaltigen finanziellen Opfern bereit.

Allerdings: Wenn wir das System der USA übernehmen, werden wir auch die weniger schönen Seiten davon übernehmen, nicht nur die Aussicht auf Erfolg. Und das sind vor allem zwei Punkte:

1. Auch in Europa wird eine höhere Ausbildung je länger desto weniger eine Garantie sein für einen Job nach dem Abschluss des Studiums – oder gar für lebenslange Beschäftigung. Die Vorstellung «gute Ausbildung = sicherer Job = ein Leben lang ein hoher Lebensstandard» mag seine Gültigkeit gehabt haben. Heute ist sie eine Illusion.

2. Wenn die Bildung zum Geschäft wird, wenn die Ausbildungsstätten also viel Geld verlangen, ist automatisch auch die – bisher ausdrücklich erwünschte – Chancengleichheit der Studenten und Studentinnen zunichte. Nicht die Intelligenz und der Fleiss der Studenten werden dann massgebend sein für das Erreichen eines Abschlusses und für den erhofften Job, sondern die «Fähigkeit», für eine bessere und vor allem auch besser renommierte Schule mehr zahlen zu können.

In den USA ist das schon heute weitestgehend Realität: Nur eine hauchdünne Minderheit ist wirtschaftlich in der Lage, sich in die oberste Bildungsliga zu hieven. Die breiten Massen in den USA sind, am Massstab der meisten europäischen Länder gemessen, ziemlich unbedarft: Man spricht keine Fremdsprachen, man liest keine Bücher, man reist nicht ausserhalb der USA, man kennt keine anderen Kulturen und schon gar keine fremden Mentalitäten. In den Schulbüchern läse man die Entstehungsgeschichte der Menschheit am liebsten nach den Vorgaben der Bibel. – Der Anstand verbietet uns, die Bildungsrealität in den USA hier näher zu beschreiben.

Wollen wir das wirklich auch in Europa? Und auch in der Schweiz?

Die Freiheit in der Schweiz, der Wohlstand und das Wohlbefinden, vor allem aber auch die doch (noch) recht gut funktionierende Demokratie sind nicht zuletzt eine direkte Folge davon, dass zum Service public nicht nur die Strassenreinigung und die Kehricht-Entsorgung gehören, sondern auch gute Schulen und die höhere Bildung. Auf diese gesellschaftliche Errungenschaft dürfen wir nicht verzichten, gerade auch weil uns die USA vormachen, zu welchen Missständen ihr System, in dem die Bildung zum reinen Business geworden ist, führen kann – und zu welchen Missständen es auch real mehr und mehr führt. Die Intelligenz und der Bildungsstand der gegenwärtigen republikanischen Präsidentschaftskandidaten sprechen Bände…


Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine

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