Katholikos Karekin II und Nikol Paschinjan

Der armenische Premierminister Nikol Paschinjan (rechts) forderte Katholikos Karekin II., das Oberhaupt der armenisch-apostolischen Kirche, im Sommer zum Rücktritt auf. © AnnadeMilanese / x.com

Kirche und Staat in Armenien in schmutzigem Machtkampf

Amalia van Gent /  Mit den Wahlen im Juni 2026 könnte sich die Geopolitik im Südkaukasus ändern – weg von Russland, hin zum Westen.

Kurz vor dem Jahreswechsel dominierten in der Presse und in den Cafés der armenischen Hauptstadt Jerewan Debatten zu den Festnahmen von Klerikern. Zu dieser Zeit sassen bereits vier hochrangige Geistliche sowie 22 Personen, die in direktem Zusammenhang mit der Kirchenführung stehen, im Gefängnis. So viele Kleriker waren seit der Unabhängigkeit der Republik im Jahr 1991 noch nie in Haft. Was ist los in diesem Land, das seine Identität auch über die Religion definiert? 

Das «historische» gegen das «echte» Armenien

Ich treffe den Theologen Sipan Stepanyan im Café Paris an der mondänen Abovyan-Strasse. Die winterliche Sonne taucht die Bäume und die direkt daneben gelegene kleine, alte Kathedrale in ein zauberhaftes Gelb. «Die Armenier pflegen eine für Aussenseiter nur schwer nachvollziehbare Beziehung zu ihrer Kirche», sagt er. «Über 1’700 Jahre hinweg hat unsere Kirche die Nation vor dem Zerfall bewahrt, hat unsere Sprache und Identität bewahrt. Wie sinnvoll ist es, das zu zerstören, was uns gerettet hat?» Der Theologe scheint diese Frage eher an sich selbst als an seine Gesprächspartnerin zu richten.

Der Konflikt zwischen Kirche und Regierung begann im Juni 2015 und hat die armenische Gesellschaft emotional buchstäblich zerrissen. Dieser Konflikt dominiert auch den Wahlkampf für die im Juni dieses Jahres geplanten Parlamentswahlen. Die Bürger stehen vor der Wahl, entweder für das von der Regierung beworbene Projekt «Echtes Armenien» oder für das Projekt «Historisches Armenien» der kirchennahen Opposition zu stimmen. Die seit Monaten andauernde Polarisierung lässt keine dritte Möglichkeit zu.

Spektakuläre Festnahmen von Klerikern

Viele Jahre lang war die Opposition in Armenien faktisch inexistent. Die Wähler lehnten alles, was auch nur im Geringsten an die alten, korrupten Regime erinnerte, von vornherein strikt ab. Die Vertreibung der gesamten armenischen Bevölkerung aus Bergkarabach im September 2023 erschütterte die Bevölkerung und bewirkte ein Umdenken bei der in Splitterparteien zerstrittenen Opposition. Sie schloss sich um die armenisch-apostolische Kirche zu einer neuen Bewegung zusammen. Diese setzt sich aus konservativen und gläubigen Wählerinnen, namhaften Politikern der alten Regierungen sowie Nationalistinnen zusammen. Zu ihr gesellen sich ausserdem ein Grossteil der weltweiten armenischen Diaspora sowie eine Mehrheit der Flüchtlinge aus Bergkarabach. Bei den bevorstehenden Wahlen könnte diese Bewegung erstmals ernsthaft die Macht der Regierung von Nikol Paschinjan herausfordern.

Der erste Kleriker, der in Handschellen abgeführt wurde, war Erzbischof Mikael Ajapahyan. Ajapahyan dürfte wie kein Zweiter die Wünsche und Ängste dieser Bewegung verkörpern. Ich hatte ihn im Oktober 2023 getroffen, als Abertausende der rund 120’000 Vertriebenen aus Bergkarabach auch in seiner Diözese um Hilfe suchten. Die Sonntagsliturgie in der alten, aus schwarzem Tuffstein gebauten Kathedrale in Gyumri, der zweitgrössten armenischen Stadt, war gerade zu Ende gegangen, und dieser hagere Mann suchte im Halbdunkel der vom Kerzenlicht beleuchteten und vom Weihrauchduft durchzogenen Kirche noch jeden einzelnen Kirchengänger persönlich zu verabschieden. 

Festnahme im Juni 2025

Mikael Ajapahyan war in Gyumri offensichtlich beliebt. Noch galt er aber auch in der Hauptstadt Jerewan als Hoffnungsträger. Im Gegensatz zu vielen Kirchenvätern, die mit massiver Korruption in Verbindung gebracht werden, sah man in diesem spirituellen Mann eine moralische Instanz, die eines Tages fähig wäre, die Führung der armenisch-apostolischen Kirche zu übernehmen und sie von den alten Lasten des sowjetischen Erbes zu befreien.

Erzbischof Ajapahyan zog während unseres Gesprächs Parallelen zwischen seinem eigenen Leben und dem der Neuankömmlinge. Seine Vorfahren gehörten zu den wenigen Überlebenden des Genozids an den Armeniern des Osmanischen Reichs von 1915, bei dem über eine Million Menschen ermordet worden waren. Er betrachtete die Entvölkerung Bergkarabachs 2023 als eine Fortsetzung des Genozids von 1915. «Nationen, die einen Genozid erlebt haben, werden von der Geschichte über kurz oder lange eingeholt», wiederholte er. Die Angst der Menschen vor einer physischen Vernichtung könne nicht einfach überwunden werden. 

Mikael Ajapahyan wurde im Juni 2025 festgenommen. Das Gericht warf ihm vor, zum Sturz der verfassungsmässigen Ordnung aufgerufen zu haben und verurteilte ihn zu einer zweijährigen Haft. Die Anklage konnte nicht zweifelsfrei belegt werden. 

Der reichste Armenier ebenfalls in Haft

Der armenisch-russische Milliardär Samvel Karapetyan plante, das oppositionelle Bündnis als vereinte Kraft in diese Wahlen zu führen (siehe Kasten). Weil er die Kirche öffentlich unterstützte, wurde auch er des Putschversuchs angeklagt. Die Regierung prangerte den Oligarchen als «Iwanischwili 2.0» für Armenien an. Der georgische Oligarch Iwanischwili hatte Georgien bekanntlich auf den Kurs Moskaus gebracht. Karapetyan sass in U-Haft, bis ihn ein Gericht Ende Dezember in Hausarrest schickte.

Samvel Karapetyan

In Armenien ist Samvel Karapetyan in erster Linie als Tycoon der Tashir Group bekannt, einem Mischkonzern aus Industrie-, Bau-, und Transportunternehmen sowie Hotels und Restaurants mit insgesamt über 30’000 Beschäftigten. In Russland wurde er wegen seiner erstaunlichen Karriere als Oligarch und Besitzer eines riesigen Wirtschafts-Imperiums verehrt: Anfang der 1990er Jahre als armer Immigrant aus Armenien nach Russland ausgewandert, kam er auch dank der mafiösen Strukturen des sogenannten Raubkapitalismus zu seinem sagenhaften Vermögen.

In den USA wird Karapetyan als besonders schillernde Persönlichkeit gesucht. Karapetyan wurde im Januar 2018 vom US-Finanzministerium in die sogenannte «Putin-Liste» aufgenommen. Diese umfasst 96 Oligarchen, die unter dem russischen Präsidenten Wladimir Putin zu Prominenz gelangt sind. 

Das Forbes-Magazin schätzte im Jahr 2018 sein Vermögen auf rund fünf Milliarden US-Dollar. Damit dürfte Samvel Karapetyan heute der reichste Armenier weltweit sein.

Die Festnahmen haben die neue Oppositionsbewegung zwar geschwächt. Ihre politischen Botschaften stossen in breiten Bevölkerungsteilen aber nach wie vor auf Unterstützung. Eine Hauptbotschaft des «Historischen Armeniens» lautet, dass kein Frieden mit dem aserbaidschanischen Autokraten Ilham Alijew möglich ist: «Alijew ist für die ethnische Säuberung in Bergkarabach verantwortlich», sagt Artak Beglaryan im Gespräch. Beglaryan, der in Bergkarabach eine führende politische Rolle innehatte, appellierte an die Weltgemeinschaft, «Kriegsverbrechen diesen Ausmasses nicht in der Ukraine, nicht in Gaza und auch nicht in Bergkarabach straffrei hinzunehmen». 

Eine weitere wichtige Botschaft des oppositionellen Bündnisses ist, dass Armenien besser die Nähe zu Moskau als zum Westen suchen sollte. Vertrauen in die EU oder die USA hat diese Opposition nicht.

Das Projekt vom «Echten Armenien»

Die armenische Regierung möchte all das umsetzen, was die Opposition verabscheut: Regierungschef Nikol Paschinjan ist, wohl zu Recht, davon überzeugt, dass Armenien einen weiteren Krieg nicht überleben würde. Deshalb strebt er ein Friedensabkommen mit Aserbaidschan und eine Normalisierung mit der Türkei so schnell wie möglich an. Dabei ist er bereit, gemäss dem Wunsch der Türkei das Kapitel des Genozids in den Schulbüchern umzuschreiben – die Türkei hat den Genozid an den Armeniern von 1915 nie anerkannt. Ferner soll in einer neuen Verfassung jeder Bezug auf Bergkarabach fehlen. Dies ist die Bedingung Aserbaidschans für den Frieden. Laut der derzeit gültigen Verfassung garantiert Armenien die Sicherheit Bergkarabachs.

Nikol Paschinjan sucht ausserdem die Beziehungen seines Landes mit Russland neu zu definieren. Russland galt jahrzehntelang als der wichtigste strategische Partner Armeniens, bis Moskau in den beiden entscheidenden Kriegen um Bergkarabach 2020 und 2023 Jerewan faktisch im Stich liess. Nikol Paschinjan will zwar keinen offenen Bruch mit Russland, treibt jedoch seither die Annäherung seiner kleinen Republik an die EU und die USA konsequent voran.

Druck auf die Demokratie

Im Frühjahr 2018 trieb der Traum von mehr Rechtsstaatlichkeit, Chancengleichheit und weniger Korruption Hunderttausende Menschen auf die Strasse, stürzte das alte Regime und katapultierte den damals noch unbekannten Journalisten Nikol Paschinjan an die Macht. Acht Jahre später bildet das Versprechen eines unmittelbar bevorstehenden Friedens mit Aserbaidschan und der Türkei, einer Annäherung an den Westen sowie eines Ausbaus der KI-Technologie (siehe Kasten) den Kern seiner neuen Vision von einem «Echten Armenien». 

Wissen als Exportprodukt

Armenien hat in Zusammenarbeit mit NVIDIA und der armenischen Regierung ein 500 Millionen Dollar schweres KI-Datenfabrikprojekt ins Leben gerufen. Es stellt einen bedeutenden Schritt auf dem Weg zu einem Technologiezentrum im Südkaukasus dar. Initiiert wurde das Vorhaben vom armenischen IT-Start-up Firebird. Wie Razmig Hovaghimian, einer der Initiatoren von Firebird, gegenüber dem Internet-TV Civilnet erklärte, wäre Armenien in wenigen Jahren fähig, GPU-Halbleiter für Europa zu produzieren und mit einem Grosscomputer Forschungsprojekten aller Art freien Lauf zu geben: «The sky is the limit», sagte Hovaghimian.

Als Gründungsinvestor der 500-Millionen-Dollar-Initiative wird die Afeyan Foundation for Armenia aufgeführt. Der Leiter dieser Stiftung, der Risikokapitalgeber Noubar Afeyan, ist ebenfalls Armenier. Er hatte eine wichtige Rolle bei der Gründung des Biotech-Unternehmens Moderna gespielt. 

Im November 2025 haben die US-Aufsichtsbehörden den Technologie-Transfer von Nvidia GPU-Chips nach Armenien genehmigt. Dies verlieh dem Projekt enormen Aufschwung.  

«In nur zwei Jahren haben sich die Exporte digitaler Dienstleistungen verdreifacht und einen Wert von über 1,5 Milliarden US-Dollar erreicht. Zum ersten Mal seit der Unabhängigkeit beginnt der Export von Wissen mit dem Export von Rohstoffen zu konkurrieren», schreibt Artak Kamalyan, Chefberater des armenischen Premierministers in einem Dokument.  

Der Krieg in der Ukraine kommt dem IT-Sektor in Armenien zugute: Schätzungsweise bis 60’000 russische Dissidenten oder Bürger, die mit dem Krieg in der Ukraine nichts zu tun haben wollten, haben in Armenien eine neue Heimat gefunden. Viele von ihnen sind ausgebildete IT-Spezialisten.

Die Verheissung offener Grenzen stösst in wirtschaftlichen Kreisen auf grosse Zustimmung. Nikols Ideen finden auch in der Provinz viele Verfechter, denn dort werden Strassen, Schulen und Spitälern in grossem Tempo ausgebaut.

«Die Armenier sind stolz, weil ihr das Land die einzige noch verbliebene Demokratie im Südkaukasus ist», sagt Tigran Grigoryan im kleinen Büro der 2002 gegründeten Denkfabrik «Regional Center for Democracy and Security» (RCDS). Grigoryan bescheinigt der armenischen Demokratie unumwunden einen ernsthaften Rückfall: Die Justiz wird laut Grigoryan für politische Ziele zu oft instrumentalisiert, Kritiker rechtswidrig abgehört oder festgenommen, der Druck auf Medien nimmt zu. Tigran Grigoryan hätte sich gewünscht, dass die Europäische Union ihr eisernes Schweigen zur Aushöhlung des Rechtsstaats brechen würde. Aber: «Die EU schweigt.» 

Armenische Wahlen: Eine Auslandsaffäre

Von den drei Republiken des Südkaukasus ist Armenien die kleinste und ärmste. Ihre geostrategische Bedeutung war für globale Akteure daher entsprechend gering. Dies hat sich geändert, seit der sogenannte Mittlere Korridor nach dem Krieg in der Ukraine reale Gestalt annimmt. 

Der Mittlere Korridor verspricht nichts weniger, als das Bonanza des 21. Jahrhunderts zu werden. Ausgestattet mit neuen Pipelines, mit modernen Bahnstrecken und Autobahnen, soll diese Route, die von China über Kasachstan, über das Kaspische Meer nach Aserbaidschan und dann weiter in die Türkei und nach Europa verläuft, die reichen Reserven Zentralasiens an Energieprodukten und Seltenen Erden auf den Weltmarkt bringen und wie eine neue Seidenstrasse den Handel zwischen Ost und West fördern. 

Im August 2025 vermittelte der US-Präsident Donald Trump eine Friedensvereinbarung zwischen Aserbaidschan und Armenien. Herzstück dieser Initiative bildet das Versprechen Armeniens, einen Korridor in seinem äussersten Süden für den ungehinderten Verkehr von Waren, Menschen sowie den Energiefluss zwischen Aserbaidschan und der Türkei zu ermöglichen. Sollte die sogenannte TRIPP (Trump Route for International Peace and Prosperity) umgesetzt werden, würden die USA über eine noch nicht genau definierte Zeitspanne die Kontrolle über den armenischen Teil behalten. Ein Blick auf die Landkarte der Länder, durch die die TRIPP läuft, zeigt, dass es ohne den Abschnitt in Armenien keine TRIPP geben wird. Es handelt sich faktisch um das letzte Glied, das den Mittleren Korridor zusammenschmiedet.

Sechs Länder mischen im Wahlkampf mit

Russland und der Iran lehnen die TRIPP strikt ab und setzen auf einen Wahlsieg der Opposition. Sollte diese die Wahlen gewinnen, dürfte Armenien denselben Weg wie zuvor auch Georgien gehen und unter die Einflusssphäre Russlands geraten. Dafür werden hemmungslos Mittel des hybriden Kriegs, wie Fakenews und Desinformationskampagnen eingesetzt: Nikol habe Luxusvillen in Kanada und Frankreich gekauft, hiess es etwa in Medien, die Moskau nahestehen. Was sich aber alsbald als falsch erwies.

Die USA, die EU, die Türkei und Aserbaidschan bevorzugen selbstredend einen Wahlsieg Nikols. Auch sie mischen in diesem Wahlkampf kräftig mit. Aserbaidschan beschloss Ende Dezember etwa, Armenien nach 35 Jahren wieder mit billigem Erdgas zu versorgen, während die Türkei versprach, die armenisch-türkische Grenzen für Drittpersonen bald zu öffnen. Die EU will Armenien 15 Millionen Euro zur Verfügung stellen – es sind allesamt Wahlgeschenke für Nikol. Die Wahlen vom Juni in Armenien sind längst zu einem geopolitischem Seilziehen mutiert.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

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