Stanislav Petrov Filmausschnitt

Stanislav Petrov im umstrittenen Dokumentarfilm: «Ich will in diesem Interview nicht über meine Mutter reden.» © Filmausschnitt

Der Mann, der die Welt vor einem Atomkrieg rettete (Teil 2)

Leo Ensel /  Den einzigen Film über Stanislaw Petrow drehte ein dänischer Filmemacher. «Man hat mich ein zweites Mal gedemütigt», klagte Petrow.

Red. In einem ersten Teil berichtete Leo Ensel über seinen Besuch beim ehemaligen Oberstleutnant der Sowjetarmee, der im Herbst 1983 den Alarm eines US-Atomangriffs innerhalb weniger Minuten als Fehlalarm einschätzte und somit einen sowjetischen atomaren Gegenschlag verhinderte. Über Petrow gibt es bisher nur einen einzigen Dokumentar-Film, der diesen Namen allerdings nicht verdient. Eine Rehabilitierung Petrows steht noch aus.
Ensel ist freier Publizist und Konfliktforscher, spezialisiert auf den postsowjetischen Raum.


In den entscheidenden Minuten behielt er die Nerven

Stanislaw Petrow war diensthabender Offizier, als im kältesten Krieg in der Nacht vom 25. auf den 26. September 1983 im sowjetischen Raketenabwehrzentrum Serpuchow bei Moskau gegen 00:15 Ortszeit die Sirenen schrillten und fünfmal hintereinander den Start einer amerikanischen Interkontinentalrakete meldeten. Er behielt in dieser Extremsituation die Nerven. Trotz der wiederholten Alarmmeldungen blieb er bei seiner einmal getroffenen Entscheidung: Fehlalarm. – Und behielt Recht! (Siehe auch Markus Kompa: «Was geschah wirklich im September 1983»)

Im anderen Falle hätte die Sowjetunion in der damals höchst angespannten Weltlage sehr wahrscheinlich den vermeintlichen atomaren Zweitschlag – in Wirklichkeit: den Erstschlag – und damit den alles vernichtenden Dritten Weltkrieg ausgelöst. Kurz: Millionen, gar Milliarden Menschen verdanken Stanislaw Petrow nichts weniger als ihr Leben.

Die erste Demütigung

Die Reaktion von Petrows militärischen Vorgesetzten auf dessen Un-Tat, welche die Welt rettete: Er bekam einen Anschiss, weil er es versäumt hatte, von den Ereignissen dieser Nacht zeitnah ein Protokoll anzufertigen. Später wurde er weder belobigt noch bestraft – offiziell rehabilitiert, gar gewürdigt wurde er in seiner Heimat nie. Auch nicht, als in den Neunzigerjahren die Nachricht von seiner Entscheidung langsam international bekannt wurde.

Nun kommt es leider gar nicht so selten vor, dass in einer – nicht nur militärischen – Hierarchie unliebsame Vorkommnisse gerne vertuscht, im Zweifelsfalle auf die niedrigeren Ebenen abgeschoben werden. Nicht schön, aber durchaus üblich.

Was aber war die zweite Demütigung, die diesem mutigen Mann widerfuhr, der in dem Moment, als es Spitz auf Knauf stand, in der das Schicksal des gesamten Planeten zwanzig Minuten lang in seiner Hand lag, Zivilcourage bewies und ausschliesslich seinem Verstand, seinem Instinkt und seinem Gewissen folgte?

Die zweite Demütigung war der Film «The Man Who Saved The World»

Kaum hatte sich die sensationelle Story auf dem Erdball etwas verbreitet, da stürzten sich schon die medialen Geier auf sie. Mit anderen Worten: Dieser geniale «Plot» schrie geradezu danach, auf die Leinwand gebracht zu werden.

Was nun geschah, war erheblich schlimmer, ja perfider, als das, was Petrows Vorgesetzte ihm angetan hatten. Der Film «The man who saved the world», den der dänische Regisseur Peter Anthony über einen Zeitraum von über zehn Jahren erstellte, und der laut Wikipedia mehrere Preise für den (angeblich) besten Dokumentarfilm erhielt, bedeutete für den realen Mann, der die Welt gerettet hatte – für Stanislaw Petrow, geboren am 7. September 1939 in Tschernigowka bei Wladiwostok, gestorben am 19. Mai 2017 in Frjasino bei Moskau – nichts weniger als Rufmord.

Der Film ist grenzüberschreitend: Er respektiert Petrows Privatleben nicht und verfälscht es vermutlich. Der Film ist entwürdigend, ja, bösartig: Er führt Petrow systematisch vor und suggeriert, er sei so etwas wie ein cholerischer, alkoholabhängiger «Penner» gewesen. Der Film ist eine Fake-Inszenierung: Am Ende sehen wir – weil es der Regisseur offenbar so wollte oder einen solchen Wunsch bei den Zuschauern zu antizipieren glaubte, sehr wahrscheinlich aber, weil er ja irgendwie auf die 105 abendfüllenden Minuten kommen musste – eine rührselige angebliche Versöhnung Petrows mit dessen neunzigjährigen Mutter, bei der, wie der Zufall es so will, gleich eine ganze professionelle Filmcrew dabei war, um dieses Event der Nachwelt zu überliefern.

Der deutsche Journalist Klaus Jürgen Schmidt hat in einem Postcast scharfsinnig herausgearbeitet, dass nicht nur «nahezu alle Abläufe manipuliert sind, wir also eine gefälschte Version dieses Lebens zu sehen bekommen», sondern auch, «dass dies bisher offenbar keiner Fach-Redaktion, beispielsweise in einer öffentlich-rechtlichen TV-Anstalt – der Film lief mehrfach bei Arte und im ZDF – aufgefallen ist». Etliche filmische Manipulationen hätten jedem Profi sofort auffallen müssen.

Der raffinierte «ästhetische Kick» 

Bereits in der ersten Einstellung (00:01:25) sehen wir einen unrasierten älteren Mann auf einem abgewetzten Sofa, dem es sichtlich Mühe bereitet, den Kronkorken seiner Bierflasche zu öffnen. Dass dies nicht optimal gelingt, der Schaum ihm entgegenzischt, dann die Flasche herunterläuft und auf den Boden fliesst, während er durch einen Telefonanruf gestört wird, quittiert der Alte mit einem einschlägigen russischen Fluch, um sich, eine angezündete Zigarette in der Hand, schwerfällig wieder auf das Sofa fallen zu lassen und vor sich hinzudösen. Dann richtet sich die Kamera auf leere Flaschen Hochprozentiges und einen qualmenden Aschenbecher, die auf dem seit Wochen, vielleicht Monaten nicht mehr geputzten Fussboden liegen.

Kontrastiert wird diese Szene immer wieder mit den angeblichen Tagträumen dieses vereinsamten Mannes: Eine liebevolle erotische Umarmung mit der unvergessenen, viel zu früh verstorbenen Ehefrau Raissa aus längst vergangenen besseren Tagen – inszeniert von professionellen Schauspielern. Und dann geht es wieder unbarmherzig zurück in die Gegenwart. 

Fast schämt man sich bei dem Gedanken, ausgerechnet diesem mürrischen Miesepeter sein Leben zu verdanken. (Und dass diese Rechnung perfekt aufgeht, hatte im Sommer 2015 prompt eine naive Rezension – «Nicht einmal Frieden mit seiner Mutter; ein Mann, der es nicht einmal schafft, ein Bier am Überschäumen zu hindern» – in der FAZ bewiesen.) Aber genau aus dieser Spannung glaubt der Regisseur offenbar den «ästhetischen Kick» zu destillieren, der wie ein Roter Faden den ganzen Film durchzieht.

Ein Kick auf Kosten des wirklichen Menschen Stanislaw Petrow.

Weltenretter mit angeblichem Mutterkomplex

Denn so geht es weiter: Als nächstes sehen wir, wie er in der Küche seiner sechzig Quadratmeter grossen Plattenbauwohnung fluchend Tee zubereitet, während Regisseur Anthony mit seinem Team peinlichst berührt das chaotische Wohnzimmer inspiziert. 

Petrow berichtet den Filmemachern, seine Eltern hätten ihn im Alter von 17 Jahren in die Armee abgeschoben, um ihn loszuwerden. Seitdem habe er den Kontakt zu seiner Ursprungsfamilie abgebrochen. (Ob dies stimmt oder auf Anweisung Anthonys in den Film hineingefaked wurde, sei dahingestellt.) Und er gibt unmissverständlich zu verstehen, dass er über seine Familie nicht mehr sprechen will. 

Aber Anthony lässt nicht locker. Er will unbedingt weitere Details über die Beziehung zur Mutter wissen. Petrows unmissverständliche Bitten, seine Privatsphäre zu respektieren, akzeptiert er nicht und bohrt weiter. Beim dritten Anlauf platzt Petrow – so soll es zumindest aussehen – schliesslich der Kragen und er wirft den aufdringlichen Regisseur samt Crew aus seiner Wohnung. Was von eben jener Crew in allen Details filmerisch festgehalten wird.

Das ganze inszenierte Melodrama gipfelt im letzten Drittel des Filmes schliesslich – während einer Reise irgendwo in den USA – in dem Vorwurf seiner jungen russischen Übersetzerin: «Du hast die ganze Welt gerettet, aber Du kannst Dich nicht mit Deiner Mutter versöhnen!» (Wo doch jedes Kind weiss, dass es hundertmal leichter sein kann, die Welt zu retten, als sich mit seinen Eltern zu versöhnen.) Und so kommt es schliesslich zum rührseligen Happyend, dessen indiskrete Zeugen wir Zuschauer sein sollen.

 «Wer mag», so kommentiert Klaus Jürgen Schmidt trocken, «aus welchen Gründen ein Interesse gehabt haben, den Lebensweg Stanislaw Petrows bewusst zu fälschen, ihn als Grantler, als Miesepeter, als Mann mit einem Mutter-Komplex darzustellen?»

Ausgepresst wie eine Zitrone

Unwillkürlich fragt man sich, warum Petrow sich das während all der Jahre der Filmproduktion angetan hat. Die Erklärung, die sein bester deutscher Freund, der Oberhausener Bestatter Karl Schumacher liefert, der Petrow bereits im November 1998 aus Eigeninitiative besuchte und ihn und seine beiden Kinder seitdem kontinuierlich grosszügig unterstützte, ist verblüffend einfach: Es spreche alles dafür, dass der juristisch völlig unerfahrene Petrow einen Knebelvertrag unterzeichnet habe, nachdem der Regisseur wohl grosszügig versprochen hatte, ihm im Gegenzug seine Rente etwas aufzubessern. Als Gegenleistung habe sich der Verhinderer des Dritten Weltkriegs verpflichten müssen, für die Zeit der Dreharbeiten, also über zehn Jahre lang, über die entscheidende Nacht im September 1983 Stillschweigen zu bewahren.

Ein für jene Zeit märchenhaftes Angebot. Denn mit seinen 1000 Rubeln Rente hätte sich Petrow gerade mal zehn Tassen Kaffee in einem Hotel im Moskauer Stadtzentrum leisten können. Er sammelte damals im Wald Kräuter, um zu überleben. 

Petrow distanzierte sich sogleich vom Film

Als ich Stanislaw Petrow Anfang Juli 2016 in Frjasino besuchte, um mich bei ihm zu bedanken, war er anfangs verständlicherweise sehr misstrauisch. Die Erfahrungen mit dem Film, von dem er nichts mehr wissen wollte – er hatte ihn sich einmal angesehen und es anschliessend strikt abgelehnt, zu irgendeiner Premiere oder einem Festival persönlich zu erscheinen –, und anderen Journalisten hatten ihn argwöhnisch werden lassen. Aber der Name Karl Schumachers, mit dem ich mich zwischenzeitlich angefreundet hatte, öffnete die Türen. Und ich erlebte auf dem speckigen Küchenmobiliar aus Kunstleder einen freundlichen, klugen, sensiblen und gebildeten Mann mit einer kräftigen dunklen Stimme und wunderschönen wässrig-hellblauen Augen. Es war ein Dreivierteljahr vor seinem Tode.

«Sie haben mich zweimal gedemütigt!», klagte Stanislaw Petrow gegen Ende seines Lebens gegenüber Karl Schumacher am Telefon. Es wird höchste Zeit für eine Rehabilitierung. In Gestalt eines seriösen Filmes, der diesem bedeutenden Mann die geraubte Würde wieder zurückgibt!

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Hier der Film von Peter Anthony:  «The man who saved the world»:

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– Zum ersten Teil: Der Mann, der die Welt vor einem Atomkrieg rettete
– Postcast von Klaus Jürgen Schmidt über den Film hier.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.

Zum Infosperber-Dossier:

Kalter_Krieg

Der Kalte Krieg bricht wieder aus

Die Grossmächte setzen bei ihrer Machtpolitik vermehrt wieder aufs Militär und gegenseitige Verleumdungen.

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4 Meinungen

  • am 4.06.2022 um 14:39 Uhr
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    Ich habe selber lange in der Dokumentarfilmbranche gearbeitet; es ist leider immer sehr verlockend, die Sachen so zu manipulieren, bis sie sich mit der Vorstellung des Regisseurs decken. Menschen werden manchmal erbarmungslos blossgestellt und ihrer Würde beraubt. Im Falle Petrow ist es besonders bitter, weil wir diesem Mann soviel verdanken. Er hatte wahrscheinlich keinen, der ihm bei den Drehvorbereitungen rechtlich zur Seite stand; Medienerfahrung hatte er wahrscheinlich auch nicht. Petrow filmisch zu rehabilitieren, wäre jetzt eine ehrenvolle, aber auch schwierige Aufgabe, da er ja schon tot ist und man auf billiges Re-Enactment und Dokufiction verzichten müsste, um nicht ins gleiche Fahrwasser wie Anthony zu geraten. Auch die Finanzierung eines solchen Projekts wäre momentan wegen der Stimmung durch den Ukrainekrieg kompliziert. Dennoch könnte ein sehr spannender Film, der auch die Hintergründe 1983 (Able Archer, Afghanistan) beleuchtet, dabei herauskommen.

  • am 4.06.2022 um 21:55 Uhr
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    Ehre wem Ehre gebührt und ihm kann man garnicht genug Danken!
    Eigentlich hätte er einen Friedensnobelpreis erhalten müssen für das was er geleistet hat, einen ganz besonderen sogar, wenn ich mir anschaue wer sonst noch damit bedacht wurde und jedwede Leistung für den Weltfrieden vermissen lässt.

    • am 5.06.2022 um 23:21 Uhr
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      Den Friedensnobelpreis hätte er hundert- und tausendmal verdient. Aber den verdienen sich Obamas! Ein neuer Dokumentarfilm wäre von Nöten. Aber russische Produkte, Künstler, Kulturgüter, Atombomben-Verhinderer werden boykottiert. Spricht alles total für die Moral des ‚Westens‘!
      Was haben wir alle – jeder und jede Einzelne von uns – an jenem 25./26. September 1983 gemacht? Hat irgend jemand eine Erinnerung an jenen Tag, an dem die Welt nicht unterging?
      Und hat noch jemand Erinnerungen an Hiroshima und Nagasaki, die weit weg sind vom ‚Westen‘?

  • am 6.06.2022 um 18:03 Uhr
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    Ich möchte nichts zur «zweiten Demütigung» sagen; dazu ist alles gesagt. Mir geht es hier um die «erste Demütigung», nämlich den «Anschiss», den Petrov von seinen Vorgesetzten bekam. Ich will die Verdienste dieses Herrn (nämlich seinen Entscheid, es sei ein Fehlalarm) keineswegs schmälern. Ich will einfach darauf hinweisen, dass ein System (ich meine nicht ein politisches, sondern ein militärisch-technisches), bei dem ein derartig schwerwiegender Entscheid (Weltkrieg oder nicht?) bei einem Einzelnen, der dann noch im Rang eines Oberstleutnants ist (das liegt zwischen Major und Oberst, also zwischen Batallions- und Regiments-Kommandant), liegt, dumm, menschenverachtend und pervers ist. Das erklärt ganz einfach die Reaktion der Vorgesetzten! Und ich verzichte hier bewusst darauf, Analogien im Bereich der «friedlichen Nutzung der Kernkraft» zu ziehen, wo die Entscheidungsabläufe (siehe Tschernobyl) ganz ähnlich simpel und unverantwortlich sind.

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