Unbenannt

Hier soll der ESC 2025 stattfinden: Baustelle der Festhalle auf der Berner Allmend. © bernexpo.roundshot.com

Alle wollen den ESC. Warum eigentlich?

Marco Diener /  Nächstes Jahr trägt die Schweiz den Eurovision-Song-Contest aus. Vier Städte bewerben sich. Warum nur? Es wird eine teure Sache.

Eines ist klar: Der Eurovision-Song-Contest (ESC) findet nächstes Jahr in der Schweiz statt, weil Nemo aus Biel diesen Frühling im schwedischen Malmö gewonnen hat. Unklar hingegen ist: Wird der ESC in Basel, Bern, Genf oder Zürich ausgetragen? Diese vier Städte bewerben sich um die Veranstaltung.

«Authentizität, Ehrlichkeit, Akzeptanz»

Warum sie sich bewerben? Weiss der Geier. Infosperber hat die Unterlagen, welche die Berner Stadtregierung dem Stadtparlament vorlegt, genauer angeschaut. Sie klingen ziemlich abgehoben. Die Stadtregierung schwärmt ausführlich von Nemos Lied: «Der Gewinnersong ‹The Code› handelt von so vielem, wofür auch die Stadt Bern einsteht: Von Authentizität, Ehrlichkeit, Akzeptanz, Grosszügigkeit und Gleichstellung – und damit auch von der Nachhaltigkeit. Von der Willenskraft, Normen zu sprengen und die Einzigartigkeit eines jeden Lebens zu feiern.»

Der Traum vom vielen Geld

Dann geht es aber doch zum Finanziellen. Die Stadtregierung geht von einer «direkten Wertschöpfung von ungefähr 150 Millionen Franken (Hotellerie, Gastronomie, Detailhandel etc.)» aus. «Wobei noch weitere indirekte Auswirkungen dazukommen» sollen. Zudem von einem «Werbenutzen in einer Grössenordnung von 100 bis 150 Millionen Franken».

Vor allem Probleme

Doch dann kann die Stadtregierung nicht umhin, eine ganze Reihe von Problemen aufzulisten. Dies vor allem, weil die European Broadcast-Union (EBU) strenge Auflagen macht. Diese erinnern ein bisschen an die Auflagen des Europäischen Fussballverbandes (Uefa), die Infosperber kürzlich publik gemacht hat. So gilt für den ESC:

  • Die Austragungsstädte dürfen nicht selber Sponsoren gewinnen. Werbeeinnahmen gibt es also nicht.
  • Laut Stadtregierung bräuchte es «sehr viele temporäre bauliche Massnahmen. Beispielsweise muss die Stromversorgung des ESC zu 100 Prozent vom Stromnetz unabhängig sein.» Was die Stadt verschweigt: Dazu braucht es eine ganze Reihe von Dieselgeneratoren. 2014 waren es in Kopenhagen 26 Aggregate. Blöd für die Stadt Bern, die von sich behauptet: «Die Energiepolitik der Stadt Bern ist Spitzenklasse.»
  • Die Festhalle, in welcher der Anlass stattfinden soll, wird erst Ende März 2025 fertig – anderthalb Monate vor dem ESC.
  • Gleichzeitig mit dem ESC fände im gleichen Gebiet die Berner Frühlingsmesse Bea mit weit über 300’000 Besuchern statt.
  • Die Stadtregierung räumt ein: «Der letzte ESC in Malmö hat gezeigt, dass dort aus Sicherheitsgründen über längere Zeit viele Angebote in der Stadt massiv eingeschränkt werden mussten.»
  • Und: «Es muss davon ausgegangen werden, dass die Austragungsstadt einem erhöhten Risiko für terroristische Anschläge ausgesetzt sein wird. Die Kantonspolizei Bern bräuchte die Unterstützung aus anderen Kantonen sowie die Unterstützung der Armee.» Kostenpunkt: 30 Millionen Franken.
  • Kommt hinzu: «Es ist nicht unproblematisch, dass Anfang Juli 2025 mit der Frauenfussball-Europameisterschaft der grösste frauenspezifische Sportanlass in der Schweiz und auch in Bern stattfinden wird.»
  • Die Stadtverwaltung ist offenbar jetzt schon überlastet. Die Stadtregierung schreibt: «Für eine Austragung des ESC in Bern würde der Arbeitsaufwand für die Angestellten nochmals stark ansteigen und es wären Überstunden notwendig, die finanziell abgegolten werden müssten.»
  • Deshalb soll die Projektleitung extern vergeben werden. Für 1,3 Millionen Franken.
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Berner Festhalle, so wie sie dereinst aussehen soll.

Möglichst ohne Volksabstimmung

Insgesamt rechnet die Stadt Bern mit Kosten von 40,5 Millionen Franken. Davon dürften die Einnahmen aus Billettverkäufen und Restauration nur 3 Millionen decken. Den Rest müssten Bund und Kanton bezahlen. Denn die Stadt Bern selber will nur gerade 7 Millionen Franken beitragen.

7 Millionen Franken? Das ist exakt der Betrag, den das Stadtparlament sprechen darf, ohne dass es automatisch zu einer Volksabstimmung kommt. Doch die SVP und die Grün-alternative Partei haben bereits angekündigt, dass sie das Referendum ergreifen werden. Die Stadtregierung muss denn auch einräumen: «Ein solches Referendum würde die gesamte Austragung des ESC in der Stadt Bern wohl zum Erliegen bringen, da dann nicht mehr rechtzeitig genügend finanzielle Mittel für die Austragung beschafft werden könnten.»

«Wertschöpfung» ist nicht Gewinn

Wie oben erwähnt, verspricht die Stadtregierung eine «direkte Wertschöpfung von ungefähr 150 Millionen Franken». Damit ist nicht Gewinn gemeint, sondern Umsatz. Das heisst, wie sehr die Berner Wirtschaft profitieren könnte, ist völlig unklar. Klar ist aber, dass die Kosten von 40,5 Millionen Franken sehr hoch sind, für diese vermutete «Wertschöpfung».

Empfindlicher Sicherheitsdirektor

Das Berner Newsportal Plattform J hat verschiedentlich kritisch über die Berner Bewerbung geschrieben. Für den Berner Sicherheitsdirektor und Nationalrat Reto Nause war das zu viel. Er schrieb der Plattform J: «Hört auf, ein Haar in der Suppe zu suchen. Wir finden das Haar auch, aber wir entfernen es – und darüber hinaus sind wir auch noch fähig, das Leben ab und zu etwas zu geniessen.»

Nebenbei: Mit Kosten von 30 bis 40 Millionen Franken rechnen auch Basel, Genf und Zürich. Im Gegensatz zu Bern haben sie einen richtigen Flughafen in der Nähe. Und sie haben eine Halle, die sich bereits bewährt hat. Von anderen Problemen sind aber auch sie betroffen:

  • Die Baselbieter Regierung hat bereits klar gemacht, dass sie sich an einem ESC in Basel finanziell nicht beteiligen würde. Zudem hat das Dach der St.-Jakobs-Halle eine geringe Traglast. Das könnte zu Problemen beim Aufhängen der Scheinwerfer führen.
  • In der Genfer Palexpo-Halle müsste ein Konzertsaal eingebaut werden.
  • Im Zürcher Hallenstadion müssten zwölf bereits gebuchte Anlässe abgesagt werden. Die Zürcher Stadtregierung beantragt übrigens dem Stadtparlament, einen Kredit von 20 Millionen Franken zu sprechen. Genau wie in Bern, lässt sich damit gerade noch eine obligatorische Volksabstimmung vermeiden.

Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine
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5 Meinungen

  • am 3.07.2024 um 17:27 Uhr
    Permalink

    Müssen wir diese Veranstaltung denn nun durchführen ? Ich finde, wir haben so schon genug Probleme.
    Wohlgemerkt: Über musikalischen Geschmack kann und soll man streiten, aber mit Politik hat das nichts zu tun. Und Steuergelder sind nun mal ein Mittel der Politik.

  • am 4.07.2024 um 05:41 Uhr
    Permalink

    Danke für den Artikel.

    Ich finde das „alle“ im Titel aber etwas irreführend. Nach meiner Erfahrung ist es eine kleine abgehobene Elite die den ESC gerne hätte. Niemand in meinem Umfeld findet, dass die Schweiz etwas wie den ESC ausrichten sollte. Zugegeben kann das natürlich mit meinem „Umfeld“ zu tun haben auch wenn ich von mir selber denke, dass mein Umfeld ein recht guter „Schnitt“ der Gesellschaft ist.

    Schlussendlich ist es aber nicht mehr 1956 auch wenn dem scheinbar einige nachtrauern oder gerne ein Revival hätten. Auch hat der heutige ESC so rein gar nichts mehr mit dem Grand Prix Eurovision de la Chanson zu tun.

    • Portrait Marco Diener.1 Kopie
      am 4.07.2024 um 07:40 Uhr
      Permalink

      Sie haben recht: Der Titel ist unglücklich. Gemeint sind alle grossen Städte ausser Lausanne.

  • am 4.07.2024 um 09:09 Uhr
    Permalink

    Der ESC hat sich von einem Unterhaltungsanlass zu einer Polit-Demonstration gewandelt. Die Linksgrüne will damit ihren ideologischen Anspruch auf ihr Menschenbild zementieren und propagieren.

  • am 5.07.2024 um 03:03 Uhr
    Permalink

    «Der Jahresumsatz der SRG beträgt rund 1,54 Milliarden Franken» schreibt die SRG. Und «Die SRG ist ein privatrechtlich organisiertes und nach den Grundsätzen des Aktienrechts geführtes Medienunternehmen».

    Warum sollte die öffentliche Hand auch nur einen Rappen ausgeben für die Durchführung einer SRG-Sendung?

    In den letzten 5 Jahren sind rund 200’000 zusätzlich Haushalte in der Schweiz dazugekommen, welche rund 65 Millionen Franken zusätzliche SERAFE-Gebühren pro Jahr eintreiben. Reicht das nicht?

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