Unfassbar: Sie liefern. Absolut. Aber sowas von.
Unfassbar. Was früher erstaunlich, aussergewöhnlich, sensationell oder gar unglaublich war, ist heute unfassbar. Wie ein heimtückisches Virus hat sich das Wort in den Köpfen der Sportreporter und -moderatoren festgekrallt. Über den Ursprung kann nur gerätselt werden. Die Fledermäuse vom Markt in Wuhan werden es kaum sein, auch die Laborthese kann ausgeschlossen werden.
Wie bei vielen anderen Viren, die in den letzten Jahren in die Schweizer Sportberichterstattung eingeschleust wurden, liegt die Brutstätte wohl bei den kreativen deutschen Sportreportern, die in vergangener Zeit schon viel Unheil in die Schweizer Fernsehstudios und Reporterkabinen gebracht haben.
«Unfassbar» hat das Potenzial, um in die Liga der Koryphäen aufzusteigen: Dort spielen das «Potenzial, das abgerufen werden muss», die «Augenhöhe», auf der man sich mit einem gleichwertigen Gegner befindet, auch wenn der 50 cm grösser ist, und dem «Ausrufezeichen», das die Unzähligen setzen, die «liefern».
Der «rettende Pfosten»
Unfassbar. Fraglich ist nur, wie resistent das Wort ist. Es gibt Wörter, Floskeln und auch unsinnige Bezeichnungen, die Jahrzehnte überlebt haben. Schon vor 50 Jahren haben wir uns lustig gemacht über die «undankbare Vierte» oder den vierten Platz, der nie «Danke schön» sagt. Daran hat sich nichts geändert. Wendy Holdener oder die Langläufer im Teamsprint, die bei den Olympischen Spielen Vierte wurden, wurden auch jetzt als «undankbar» gerügt.
Der undankbare Vierte hat einen Spitzenplatz im Baukasten, in den die Reporter greifen. Auch andere Floskeln, die vor 50 Jahren bei der Fachzeitung «Sport» auf dem Index standen, haben überlebt: Der Kampf ist noch immer auf Messers Schneide, Spieler lassen sich nicht ins Bockshorn jagen oder gar den Mumm abkaufen. Auch offensichtlich Falsches wie das «Lattenkreuz» oder der «Pfosten, der rettet» oder «an dem ein Stürmer scheitert» ist jederzeit griffbereit.
Es gibt noch lustigere Beispiele, die die sechs Jahrzehnte, seit den Fussballreportagen von Hans Suter, überlebt haben und sich bester Gesundheit erfreuen. Noch immer rennen «Eulachstädter», «Leuchtenstädter», «Limmatstädter», «Calvinstädter», «Mutzen» und «Espen» dem Ball hinterher, der heute noch immer, aber seltener als «Leder, das im Netz zappelt», dafür aber als Spielgerät bezeichnet wird. Klingt so wichtig wie das Wort «Personal» für Spieler und der Schlenker «er hat Feierabend», wenn einer ausgewechselt wird (oder «ausstempelt» wie es heute heisst. Als ob Duschen, Massage und Regeneration nicht zum Alltag eines Profis gehören würden.
Kindersprache für Erwachsene
Doch zurück zu Olympia. Und zu Wörtern und Floskeln, die das Potenzial (auch ein Modewort, es muss abgerufen werden) haben, sich von einem Virus zu einer chronischen Erkrankung zu entwickeln. Als besonders heimtückisch erweisen sich:
- «Sowas von». Das ist sowas von unerträglich, vor allem wenn es als Anhängsel verwendet wird. Etwa: «Das ist unfassbar – aber sowas von.»
- «Er kann auch Slalom», «sie kann auch flach». Jemand muss der Erste gewesen sein, der das Kinderdeutsch («darf ich Kuchen») in die Reportersprache einfliessen liess. Das mag originell gewesen sein, doch der Weg von originell zu abgedroschen ist leider sehr kurz.
- «Sie ist 21 Jahre jung». Wobei vor dem Wort «jung» eine kleine Pause eingelegt wird, um die Jungheit zu betonen. Wer noch einen drauflegt, spricht von «erst 21 jung». Leider ist dies so wenig deutsch wie «1,65 m klein». Wie die kalten Temperaturen und die teuren Preise. Originell war das «jung» im Zusammenhang mit dem Alter vor etwas mehr als 60 Jahren. Damals feierte die Migros ihren 40. Geburtstag mit dem Slogan «zwei Mal 20 Jahre jung».
Absolut unerträglich
Das Wort mit dem grössten Potenzial, das abgerufen werden kann, ist ein Überflüssiges. Ein absolut Überflüssiges sogar. Es kommt in jedem zweiten Satz vor und verstärkt in der Regel bereits Absolutes. Der absolute Top-Favorit, der absolute Tiefpunkt, die absolute Bestzeit. Absolut ist auch das Lieblingswort der Experten. Seine Verwendung macht sie zu absoluten Experten.
Früher wären diese Zeilen als Artikel bezeichnet worden. Oder gar als Kommentar. Heute würde ich mit der Bemerkung verabschiedet: «Danke für Ihre Einschätzung.» Oder doch Einordnung?
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine. Der Autor ist selbst Sportreporter.
_____________________
➔ Solche Artikel sind nur dank Ihren SPENDEN möglich. Spenden an unsere Stiftung können Sie bei den Steuern abziehen.
Mit Twint oder Bank-App auch gleich hier:
_____________________
Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.










Ihre Meinung
Lade Eingabefeld...