Grosses grösser, Kleines kleiner

Christian Müller ©

Christian Müller /  Die Tageszeitungen der AZ Mediengruppe haben sich ein neues Layout gegeben. Die Absichten dahinter sind klar.

Seit einer guten Woche hat die «Nordwestschweiz» (Aargauer Zeitung, Solothurner Zeitung, Grenchner Tagblatt, Basellandschaftliche Zeitung, bz Basel, Limmattaler Zeitung) ein neues Layout. Titel und Grundschrift sind gleich oder ähnlich geblieben, schön und gut lesbar. Also gar nicht so viel Neues. Könnte man meinen.

Beim näheren Hinsehen allerdings fällt eines auf: Der in der Presse anhaltende Trend, «grosse» Themen noch grösser zu bringen, «kleine» Themen aber noch kleiner, ist hier konsequent eingehalten, ja sogar akzentuiert worden. Jede Seite hat eine grosse, eine übergrosse Geschichte, und höchstens noch eine zweite, die, kaum eine Viertelseite gross, unten eingeschoben wird. Und am Rand finden sich ein paar winzigkleine Kurzmeldungen.

Der neuste Schritt ist nun allerdings nicht zwangsläufig eine stärkere Boulevardisierung, oder zumindest nicht nur. Die Titelgrösse zum Beispiel ist immer noch massvoll. Es ist vor allem eine «Vermagazinung» – in Richtung Magazin also, ähnlich wie die Sonntagszeitungen, mit weniger News, dafür mit mehr Unterhaltung, Wissen und Hintergrund.

Diese Entwicklung ist eine Antwort auf den Umstand, dass vor allem junge Leute die reinen News immer öfter vom Smartphone holen. Aus dieser Sicht ist der Schritt der Nordwestschweiz nachvollziehbar. Ob das allerdings reicht?

Am meisten Geld könnten die Tageszeitungen, wenn sie an die zunehmende Zweiteilung «News im Internet, die Geschichten in der Zeitung» tatsächlich glauben, allerdings an einem ganz anderen Ort sparen. Noch immer werden die Tageszeitungen nämlich in der Nacht gedruckt – und am Tag stehen die Maschinen fast leer. Das ist wegen der bis zu 100 Prozent hohen Nachtzuschläge der Drucker extrem teuer, und teuer ist auch, dass die Post (oder eine andere Organisation) die Zeitungen dann früh am Morgen in die Briefkästen bringen muss, obwohl ein paar Stunden später der Pöstler zum zweiten Mal die Runde macht. Aber zu diesem Schritt fehlt den Medienhäusern offensichtlich noch der Mut. Sie haben Angst vor der eigenen Courage.

Gerade in den letzten Tagen ist in Deutschland eine grosse Untersuchung der Friedrich-Ebert-Stiftung zum Thema Auflagenschwund der Tagespresse erschienen. Zumindest die Verlagsmanager der hiesigen Medienhäuser sollten sie aufmerksam studieren. Siehe unten den Link zum entsprechenden Dokument.

Und so sieht jetzt eine Seite der Nordwestschweiz aus: ein Beispiel einer Seite 4 (also ganz vorne im Blatt) an einem ganz gewöhnlichen Dienstag. Die Vermagazinung ist augenfällig. Siehe Link unten.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Kein. Der Autor war 25 Jahre Journalist und anschliessend 20 Jahre Verlagsmanager bei verschiedenen Firmen.

Zum Infosperber-Dossier:

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Medien unter Druck

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