Ab und an ist Blabla vorprogrammiert

Hanspeter Guggenbühl © bm

Hanspeter Guggenbühl /  Eine sprachliche Unsitte breitet sich aus: Wo strafen und mahnen nicht genügen, wird eifrig abgestraft und abgemahnt.

Wenn das Volk Nationalrat Abderhalden nicht mehr wählt, wählt es ihn ab. Damit hat das Volk Abderhalden nicht gestraft, sondern abgestraft. Für seine ungenügende Leistung erhielt Abderhalden nicht nur eine Ohrfeige, sondern eine schallende Ohrfeige, damit es alle hören – und damit den gewaltfreien Demokratinnen und Demokraten Hören und Sehen vergeht.

Angesagt ist die zeitgemässe Schreibe. Darin wird weder gemahnt noch gemietet, weder gefeiert noch getanzt, sondern: angemahnt, angemietet, abgefeiert und abgetanzt. Wenn ein Korrektor das abgedroschene ab und an einmal kürzt, erhält er vom abkupfernden Schreiber keine Mahnung, sondern (wie der gebildete Philosoph Wilhelm Schmid ernsthaft formulierte) «eine Abmahnung».

Die An (wie Anhängsel) und die Ab (wie Abarten) haben sich erst in den letzten Jahren in unsere Publikationen eingeschlichen. Andern Unsinn gibt es schon länger: Viele Journalisten etwa finden, die Mehrheit sei nicht genug und schreiben, die überwiegende Mehrheit habe so oder anders entschieden. Die Minderheit hingegen weiss, dass sie unterliegt. Deshalb liest man selten von einer unterwiegenden Minderheit. Die ungleiche Behandlung von Mehr- und Minderheiten ist damit programmiert, um nicht zu schreiben vorprogrammiert. Das spiegelt sich nicht nur in Ankündigungen, sondern widerspiegelt sich sogar in Vorankündigungen auf Seminare, die sich dem weissen Schimmel und andern Pleonasmen widmen.

Die Sprache bläht sich zum blablahenden Blabla – nicht nur im wahren, sondern im wahrsten Sinn des Wortes. Für Inhalt wird der Platz damit knapp. Geniessen Sie den Sonntag und die Stilblüten in allen Sonntagszeitungen.


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12 Meinungen

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    am 8.12.2013 um 12:20 Uhr
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    Gut, dass das mal gesagt wurde. Ich wundere mich schon seit einiger Zeit, immer mehr von abtanzen, abfeiern und ähnlichem zu lesen, wo doch tanzen oder feiern längst genügten. Aber eben: Mit Hohlphrasen und Blähwörtern meint man sich wichtiger zu machen. Mehrwort statt Mehrwert ist angesagt!

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    am 8.12.2013 um 12:47 Uhr
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    Ich habe schon Mühe mit Modeworten wie «feiern", die bei jeder Gelegenheit die emotionell grösser als null sind grosszügig Verwendung finden. Kann mir jemand zum Beispiel dieser Begriff im Zusammenhang mit einem Besäufnis am Strand von Mallorca definieren?

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    am 8.12.2013 um 18:12 Uhr
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    Ein typischer und blödsinnig polpuärer Blähbegriff ist auch «mit Sicherheit".

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    am 8.12.2013 um 20:43 Uhr
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    Das mit den unsinnigen Vorsilben ist schon recht alt. Erst als vor «Offeln» die Vorsilbe «Kart» gesetzt wurde, wurden diese Knollen als zur Nahrung von Europäern geeignet anerkannt. 😉

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    am 9.12.2013 um 13:11 Uhr
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    Gut, wurde diese Sprach-Unsitte endlich einmal aufgezeigt – ähm – gezeigt.
    Grüsse
    Fredy Hämmerli

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    am 9.12.2013 um 14:33 Uhr
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    Endlich finde ich Leidensgenossen:

    Angefangen hat es, glaube ich, mit „ab-tanzen“. Mittlerweile höre ich sie von Nachrichtensprechern, glotzen sie mich in Zeitungen fettgedruckt an: die Vorsilben «ab» und «ein".
    Ich frage mich schon lange. wie es dazu kommt, dass eine Vorsilbe so inflationär vor irgendwelche Verben gesetzt wird, so dass u.a. Pleonasmen entstehen oder das Wort sich selbst widerspricht?

    Abfeiern, abgeblieben, abgeprüft, abgesammelt (tote Vögel), abgesendet (eine TV-Sendung), abgesiedelt (ausgesiedelt), abgewählt (ausgewählt), abgewesen, abgreifen, abmahnen, abmildern (eine Strafe), abreinigen, absenken (die Steuern), abstrafen, abtesten, Abverkauf (normaler Verkauf von Waren sowie Ausverkauf.

    Etwas neuer ist die Verwendung von «ein":
    eine Person wird eingewechselt – ein literarischer Text für ein Hörspiel wurde eingekürzt – die Stimmung hat sich eingetrübt – die Unterlagen werden ins Internet eingestellt (DLF) – falls es nicht einheilen würde(Arzt) – jemanden ein-bestellen. Usw., usf.
    Sei’s.

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    am 9.12.2013 um 14:53 Uhr
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    Mindestens so schwachsinnig ist die abwegige und sprachlich falsche Steigerung «in keinster Weise", die ebenfalls aus deutschen Landen importiert wurde. Wie wenn man «kein» noch steigern könnte.
    Solches hört man sogar auf dem Kultursender DRS2 – Verzeihung – dem «Schweizer-Radio-Fernsehen 2 Kultur". Selbstredend hat das Unwort auch in Münder von BundespolitikerInnen Eingang gefunden.

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    am 11.12.2013 um 13:52 Uhr
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    Eine Abmahnung ist nicht dasselbe wie eine Mahnung, wenn schon müsste es in diesem Kontext lauten: Ermahnung. Man schaue vielleicht gelegentlich in das Duden-Universalwörterbuch, ehe man Halbgarheiten verbreitet. Ebenfalls im Universalwörterbuch findet sich «abfeiern", und zwar in zwei Bedeutungen, darunter auch die, «ausgiebig zu feiern [und zu tanzen]". Es ist müssig, sich über Wörter aufzuregen, die längst den Einzug in das Standardwerk der deutschen Sprache gefunden haben.
    "Abtanzen» ist dort gar in drei Bedeutungen erwähnt – und leider findet sich auch das unsägliche «vorprogrammiert": Der Autor möge bitte erklären, warum er sich derart über «ab» und «an» ennerviert, das wirklich dumme «vorprogrammiert» aber gar in den Titel setzt.
    Merke: Sprache lebt und verändert sich – und hier päpstlicher als der Papst resp. konservativer als Duden sein zu wollen, entbehrt nicht einer gewissen Lächerlichkeit. Die Vorsilben hier ergeben durchaus Sinn – oder will uns der Autor weismachen, abtasten sei dasselbe wie tasten oder ertasten? Ablesen dasselbe wie auslesen oder lesen? Anschauen dasselbe wie schauen? Als Korrektor ärgere ich mich jeden Tag über wirklich dämlichen Sprachgebrauch – die hier erwähnten Beispiele gehören jedoch weissgott nicht dazu.

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    am 11.12.2013 um 13:57 Uhr
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    Und ich bin grad selber in die Präfixfalle gedonnert: Es enerviert mich, «ennerviert» gesetzt zu haben. Also tu ich mich wieder abregen – wenngleich ich mich nach Meinung des Autors eher regen sollte, denn das sei ja schliesslich gehupft wie gesprungen.

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    am 11.12.2013 um 14:35 Uhr
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    PS: Was setzt euer Blogprogramm denn für willkürliche Anführungen, äh, Führungen?

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    am 11.12.2013 um 14:42 Uhr
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    PPS: Und «vorprogrammiert» ist ja Programmpunkt. Mea culpa – man sollte nicht nebenher noch altkluge Kommentare fassen.

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    am 12.12.2013 um 15:52 Uhr
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    @Sam Pirelli: Auch wenn etwas im Duden steht, muss ein Wort oder eine Formulierung noch lange nicht «schön» sein. Der Duden fördert ja primär nicht die ästhetischen Qualitäten der deutschen Sprache, sondern er will Regeln für den praktischen Gebrauch setzen. So werden dann Worte aufgenommen, einfach weil es sie gibt, weil sie gebräuchlich sind, und nicht, weil sie besonders elegant oder treffend wären. In diesem Sinne finde ich es gerade eben nicht müssig, sich aufzuregen über Ausdrücke wie «abtanzen» oder «abfeiern"; ich erlaube mir, weiter gegen Blähsilben, Hohlworte und Leerformeln zu sein.

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