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Versucht rauszufinden, wie viel Menschen Twitter nutzen: Elon Musk an einer Pressekonferenz 2018. © cc-by-sa-4 Daniel Oberhaus

Musk, Twitter und Bots in Schweizer Redaktionen

Pascal Sigg /  Vor einem Monat kommentierten Schweizer Medien lautstark Elon Musks angebliche Twitter-Übernahme. Doch noch gibt es keinen Deal.

Am Sonntag, 1. Mai, wusste die NZZ am Sonntag ganz genau, dass Elon Musk Twitter übernommen hatte. Chefredaktor Jonas Projer schrieb ein ganzes Editorial darüber, was er von der Übernahme hielt. Und in einem als Hintergrundinterview gelabelten Artikel fand ein Publizist richtig, «dass auf Twitter bald wieder alles gesagt werden darf» und gefährlich, «dass Musk die Plattform im Alleingang übernommen hat.» Im Wirtschaftsteil: Nochmals ein Artikel zu Musk vor dem Hintergrund der Twitter-Übernahme.

Auch andere Medien verhielten sich wie programmierte Bots, die automatisch weiterverbreiteten, was woanders geschrieben stand. Der Tages-Anzeiger hatte bereits eine Woche zuvor getitelt: «Elon Musk kauft Twitter für 44 Milliarden». Dies sei «nach einem Wochenende mit langen Verhandlungsnächten tatsächlich Wirklichkeit geworden.» Und in einem Kommentar wurde der Leserschaft erklärt: «Warum Elon Musk für Twitter ein Glücksfall ist».

Tatsache ist: Musk hat Twitter bis heute nicht übernommen.

Das angebliche Problem: Musk hat öffentlich wiederholt gesagt, er traue Twitters Selbstdeklaration nicht, dass bloss etwa 5% der Accounts Bots sind die programmiert gesteuert tweeten, retweeten oder liken. Sollten es mehr sein, würde dies bedeuten, dass weit weniger Menschen die Plattform nutzen als bisher abgeleitet von der Anzahl Accounts angenommen wurde. Und dies wiederum hätte entscheidende Folgen für den Wert des Unternehmens. Vor wenigen Tagen schrieben seine Anwälte in einem offenen Brief, dass Musk der Ansicht sei, Twitter liefere ihm nicht die benötigten Informationen, um selbst überprüfen zu können, wie hoch der Anteil der Fake-Accounts effektiv ist.

Zwei Tage später sagte Twitter, man würde Musk Zugang zu den benötigten Rohdaten geben. Und eine Studie schätzte die Zahl der Fake-Accounts auf Twitter auf mindestens 10%.

Wissenschaftler haben jedoch bereits gesagt, es sei fast unmöglich, die Aktivitäten von Bots auf Twitter genau zu messen. Und etwas allgemeiner haben Online-Marketing-Analysten wie Augustine Fou wiederholt auf ihre fortgeschrittene Entwicklung und betrügerisches Potenzial hingewiesen.

Grundsätzlich, sagte mir Fou kürzlich persönlich, könnte man schon daran erkennen, dass eine grosse Zahl von Bots auf Twitter aktiv ist, weil es in vielen Fällen schlicht unrealistisch sei, dass derart viele echte Menschen in einem gegebenen Zeitraum derart aktiv seien auf Twitter.

Vielleicht ist dies für Musk selber, dessen eigenes Profil über 90 Millionen «Follower» hat, einfach offensichtlicher als für andere Twitter-User. Doch dies wäre bereits wieder Spekulation.

Musks Absichten sind in jedem Fall unklar. Gemäss der New York Times muss der Übernahmedeal bis am 24. Oktober abgeschlossen sein, ansonsten kann jede Seite ohne Begründung wieder aussteigen. Und anscheinend treibt Musk die Übernahme gleichzeitig auf anderen Ebenen voran.

Sicher ist: Welche Informationen Twitter freigibt und was Musk damit allenfalls macht, ist höchst relevant für die gesamte Online-Werbebranche weltweit. So lassen bisher weder Facebook noch Google ihre Nutzerzahlen, die gleichwohl zentral sind für die Bewertung ihres Werbegeschäfts, von unabhängiger Stelle überprüfen.

Derartige Fragen wären auch relevant für Schweizer Medien und ihre Leserschaft. Denn der Umgang mit den US-Tech-Konzernen und ihrem Traffic wird hierzulande über das Leistungsschutzrecht (Infosperber berichtete) bald auch politisch breiter diskutiert werden.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine
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