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Soziale Netzwerke sind eine Fundgrube für Leute, die andere an den den Pranger stellen wollen. © sabinevanerp

Nachsicht mit «Jugendsünden»

Rainer Stadler /  Wer in jungen Jahren auf Abwege geriet, muss mit Langzeitfolgen rechnen. Dabei fallen allzu schnell rigide Urteile.

Ein renommierter Exponent des öffentlichen Fernsehens, der ehemalige ARD-Programmdirektor Hans Abich, droht vom Sockel zu fallen. Der nach ihm benannte Preis, der jeweils am Fernsehfilmfestival Baden-Baden vergeben wird, soll zwar wieder verliehen werden, doch den Namen des Preispatrons will man nicht nennen. Das hat die Deutsche Akademie der Darstellenden Künste kürzlich beschlossen. Grund dafür ist ein Artikel der «Zeit», der vor einer Woche erschien. Dieser befasst sich mit den jungen Jahren des Publizisten während der nationalsozialistischen Herrschaft. Hans Abich kam 1918 zur Welt. Er hatte sich zu Lebzeiten nur vage über diese Zeit geäussert. Er sagte, er bedaure seine Faszination für den Nationalsozialismus in seiner Jugend.

Nun legt die «Zeit» dar, dass der militärdienstuntaugliche Abich während des Hitler-Regimes diverse staatliche Funktionen wahrgenommen hat. Er beantragte als 19-Jähriger die Parteimitgliedschaft, betätigte sich im NS-Studentenbund und ab 1943 als Referent im Dienst des Reichsministeriums für Volksaufklärung und Propaganda. Zeitweilig war er stellvertretender Hauptschriftleiter bei den Propagandaorganen «Geist der Zeit» und «Sieg der Idee». Wie er seine Funktionen wahrgenommen hat, geht aus der Publikation der «Zeit» nicht klar hervor.

Ein Mitläufer, ein Opportunist?

Vielmehr vermittelt sie den Eindruck, es habe sich um einen Mitläufer oder Opportunisten gehandelt, der nicht die erste Geige spielen wollte. Doch die Nachricht verdarb den Verantwortlichen des Fernsehpreises die Laune. Man sei überrascht und betroffen, liessen sie verlauten. Sie wollen den Fall genauer prüfen und bis dahin den Preis vergeben, ohne den Namenspatron zu nennen. Auch die historische Kommission der ARD will sich laut der «FAZ» mit der Angelegenheit befassen.

Zweifellos hat eine deutsche Institution die Pflicht, genau hinzuschauen, wenn es um das Verhalten von prominenten Personen während des Nationalsozialismus geht. Das gilt ebenso im Fall von Personen, die von öffentlichen Sendergruppen beschäftigt werden und die mit dem Vorwurf konfrontiert sind, antisemitische Aussagen gemacht zu haben. Aus diesem Grund gerieten dieser Tage zwei Frauen in die Schlagzeilen.

Gegen Israel

Zum einen Feyza-Yasmin Ayhan, eine 23-jährige, kopftuchtragende Frau mit türkisch-kurdischen Eltern, die als Gag-Autorin für eine ZDF-Sendung beschäftigt ist. Gemäss Medienberichten machte sie im Jahr 2015 an einer Veranstaltung einer Hamas-nahen Organisation Aussagen, die Kritiker als israelfeindlich und antisemitisch interpretierten. Etwa das: «Das, was Israel in Palästina vernichtet hat, wird nicht sterben, und das was Israel in Palästina angerichtet hat, wird keine Sekunde leben.»

Zum anderen die 28-jährige Ärztin und Journalistin Nemi El-Hassan, die sich jüngst in einem Artikel der «Berliner Zeitung» dezidiert zu ihren palästinensischen Wurzeln bekannte. Früher trug sie ein Kopftuch, jetzt tritt sie mit westlichen Kleidern auf. 2018 wurde sie mit dem Europäischen Civis-Medienpreis ausgezeichnet. Nun wirft man ihr vor, sie sei eine antisemitische Islamistin. Sie nahm 2014 an einem Al-Kuds-Marsch teil, an dem Hetzparolen gegen Israel skandiert wurden. Der WDR, für den sie eine Wissenschaftssendung hätte moderieren sollen, teilte darauf mit, El-Hassan habe den Sender über ihre damalige Teilnahme nun informiert. Und: «In einem persönlichen Statement distanziert sie sich nachdrücklich und bezeichnet die Teilnahme als Fehler.»

Kontaminiert für immer?

In den drei Fällen geht es um Taten oder Aussagen, welche die Kritisierten in ihren jungen Jahren gemacht haben. Da stellt sich die Frage, ob damit die ganze berufliche Karriere dieser Personen kontaminiert ist. Hans Abich war 15-jährig, als die Nationalsozialisten an die Macht kamen. Er wuchs entsprechend in einem fanatisierten Umfeld auf, dem zu widerstehen für Heranwachsende und junge Erwachsene kaum einfach war. Der ehemalige Leiter des Grimme-Instituts, Uwe Kammann, wies in einem Beitrag auf Abichs Verdienste im Mediensektor nach dem Krieg hin und forderte zu Besonnenheit auf.

Die Gag-Autorin Ayhan wiederum machte die fragwürdige Aussage als 17-Jährige. Sie hat sich laut dem ZDF glaubhaft von Antisemitismus distanziert. Die Ärztin El-Hassan nahm am Al-Kuds-Marsch als 21-Jährige teil. Allerdings bezeichnete sie in einem Twitter-Beitrag noch in diesem Jahr – also als nicht mehr ganz junge Frau – Israel mit Blick auf Palästina als Aggressor: «Wir werden niemals vergessen.» Weil sie den WDR öffentlich kritisierte, hat der Sender eine Beschäftigung inzwischen ausgeschlossen, womit er sich eine weitere Klärung der Vorwürfe erspart hat.

Die beiden Frauen waren nicht für politische Sendungen vorgesehen. Ihre wie auch immer gearteten Weltanschauungen hätten insofern keinen Einfluss auf die Programminhalte gehabt. Im Fall von Ayhan geht es ohnehin um eine freie Mitarbeit bei einer Sendung, deren Redaktion letztlich dafür die Verantwortung trägt, dass keine antisemitischen Äusserungen verbreitet werden. Selbstredend sind die genannten Frauen auch verpflichtet, auf sozialen Netzwerken unstatthafte Botschaften zu unterlassen, wenn sie in irgendeiner Art für einen öffentlichen Sender arbeiten. Wenn sie aber glaubhaft darlegen können, dass sie sich von fragwürdigen Ansichten in ihrer Jugend distanziert haben, ist es nicht legitim, sie quasi fürs ganze Leben auszuschliessen.

Wer in jungen Jahren übertreibt und sich später besinnt und auf einen vernünftigen Weg zurückfindet, sollte auf Milde zählen können. Andernfalls hätte mancher jetzt bekannte Publizist keine berufliche Karriere machen können. Gewiss muss man jeden einzelnen Fall genau abklären. Aber gegenüber «Jugendsünden» sollte man Nachsicht üben. Diese vermisst man zuweilen in den derzeitigen ideologisierten Diskussionen.


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4 Meinungen

  • am 25.11.2021 um 11:41 Uhr
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    Es ist teilweise unerträglich, was sich die ideologischen und semantischen Scharfrichter unserer Zeit erlauben! Waren sie in ihrer Vergangenheit ohne Fehl und Tadel? Und selbst wenn ja, wer gibt ihnen das Recht, in das Leben anderer einzugreifen? Frühere Einstellungen und Haltungen müssen auch immer im historischen Zusammenhang gesehen werden, und wer keinem geschadet hat, sollte auch nicht nachträglich durch Ignorieren oder Umbenennungen «bestraft» werden. Ich würde sicher heute auch manches anders machen als mit 20, aber seitdem habe ich auch eine Entwicklung genommen. Wer als Jugendlicher voller Elan und Begeisterung den zeitgenössischen Idealen hinterherlief, kann heute durchaus andere Positionen vertreten. Das hat nicht mit Opportunismus zu tun. Dann müssten wir z. B. alle, die einstmals einer heute abzulehnenden Regierungsform bei Wahlen ihre Stimmen gegeben haben, verachten. Den eigentlichen Schaden richten die an, die auf der Schwelle des Denunzierens stehen geblieben sind.

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  • am 25.11.2021 um 12:33 Uhr
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    Bedaure: Der Jahrgang oder die Jahrgänge von Hans Abich waren alle zu 95 Prozent nazifiziert. Die Spuren bleiben, auch wenn sie aufgrund der zeitlichen Entwicklung «Verdienste im Mediensektor» erworben haben. Was wäre, wenn die Nazis die Welt beherrschten? Da hätte ein Abich wohl auch «Verdienste im Mediensektor» erworben – halt Nazi-Verdienste. Und man muss bei diesen Jahrgängen und den Folgejahrgängen gut zuhören und hört dann die Radikalismen in der Sprache, auch wenn sie sich «links» verorten… Dass Nazis nach dem Krieg weiterhin in hohen Ämtern tätig waren, ist eben der hohen Anzahl geschuldet – sonst hätten 95 Prozent der Bevölkerung nicht mehr an der Gesellschaft teilhaben können. Darum tun sich die heutigen Generationen in Deutschland schwer, die Vergangenheit ihrer Eltern/Grosseltern ehrlich einzugestehen – man sagt dem papieren «aufarbeiten»… Das ist besonders schlimm für antifaschistische Kreise (Kommunisten, Sozialisten, Widerständler), die dadurch unter Generalverdacht stehen, weil immer wieder die dunkle Vergangenheit «ehrenhafter» Typen zum Vorschein kommt und dadurch das Misstrauen schürt, dass «alle» Deutschen und deren Vergangenheit «kontaminiert» sind.

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  • am 25.11.2021 um 14:25 Uhr
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    In der Tat sollten Jugendsünden zumindest situativ verziehen werden dürfen. Statt der ideologisierten Diskussion vergangener Fehltritte gäbe es genügend aktuelle Fälle besorgniserregender Äusserungen, bei denen Empörung überaus angebracht wäre und man damit womöglich künftige Kontaminierungen noch verhindern könnte. Nur braucht es halt weniger Courage, sich über Zurückliegendes zu echauffieren, als sich hier und jetzt lauthals zu exponieren, wo man noch nicht sicher sein kann, ob einem Geschichte und Mehrheitsmeinung später dann auch recht geben werden. Auch ein Beitrag zur False Balance.

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  • am 26.11.2021 um 00:28 Uhr
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    Dass die «Fama» bestimmte Auswirkungen hat, muss nichts mit dem Alter zu tun haben. Als plötzlich ein Kinderroller vor meiner Wohnungstür stand, nachdem mein Leserbrief zur unsäglichen Pädophileninitiative publiziert worden war, wollte ich Anzeige erstatten. Auf dem Polizeiposten wurde ich schikaniert und abgewiesen. Erst kürzlich habe ich herausgefunden, dass seitdem in sämtlichen Polizeiprotokollen ein Vermerk eingetragen war, dass Herr L. psychische Probleme habe. Offenbar wurden aus diesem Grund auch weitere Anzeigen abgewiesen, die ich wegen Drohung, Beschimpfung und einfacher Körperverletzung durch Autoposer an meinem Wohnort einreichen wollte. Man hat schlicht den Realitätsgehalt meiner Aussagen angezweifelt, weil sich da ein Polizist einmal ein Urteil erlaubt hat, für das er gar nicht die fachliche Kompetenz hat. Bei solcher Willkür der Staatsgewalt habe ich leider überhaupt keine Nachsicht und bin auch nicht bereit, diese Verweigerung der Hilfeleistungen zu verzeihen.

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