Kommentar

Nur die eine Zeitung zu lesen ist gefährlich

Christian Müller © aw

Christian Müller /  Das Problem mit den Migranten an der polnisch-weissrussischen Grenze zeigt einmal mehr, wie einäugig Medien sein können.

Beispiel 1: die CH Media-Zeitungen. Am Kopf der Frontseite vom 16. November ein Bild von Putin mit einem Strauss Rosen in der Hand. Dazu der Text: «Migrationskrise. Russlands Präsident verteilt Geschenke an Lukaschenko. AUSLAND.»

Im Auslandteil der Zeitung dann die Headline: «Migrationskrise: Putin, der Strippenzieher».

Im darunter stehenden Text steht allerdings kein Wort von Geschenken Putins an Lukaschenko. Im Gegenteil. Die sonst konsequent Russland-kritische Moskauer Korrespondentin Inna Hartwich schreibt dort sogar wörtlich: «Belegen lässt sich die russische Beteiligung am Schleusersystem Lukaschenkos nicht. Minsk als blossen Vorposten Moskaus zu sehen, wäre zu kurz gegriffen. Lukaschenko hat es Jahrzehnte lang verstanden, zwischen Moskau und Brüssel zu lavieren, durchaus erfolgreich. Die Eskapaden seines Nachbarn sind auch dem Kreml zuweilen zu viel. Als Lukaschenko nun androhte, den Gastransit nach Europa zu stoppen, wies ihn Putin öffentlich zurecht.»

Beispiel 2: «der Freitag». Die deutsche Wochenzeitung «der Freitag» weigert sich, das penetrante Putin-Bashing der grossen Zeitungen unhinterfragt mitzumachen. Und sie erlaubt sich im hier besprochenen Fall, auf einen ganz anderen Punkt hinzuweisen.

Wörtlich in «der Freitag»: «Es ist einige Jahre her – genau sind es 18 –, dass Polen und seine Armee in einer ‹Koalition der Willigen› unter Führung der USA am Einmarsch im Irak beteiligt waren. Polnische Soldaten zählten nach dem Feldzug vom Frühjahr 2003 zur Besatzungsmacht, die ein Land in Schach hielt und auf die Zivilbevölkerung wenig Rücksicht nahm. Wie es heißt, seien derzeit viele irakische Kurden unter den Hilfesuchenden an Polens Ostgrenze. Offenkundig fliehen sie auch vor Verhältnissen, an denen der seinerzeit geführte Krieg und seine Folgen Anteil haben. Vielfach wollen sie zu Verwandten, die zuvor aus dem gleichen Grund in einem EU-Land Zuflucht suchten. Statt sich als Opfer eines mutmaßlich hybriden Krieges oder ‹Staatsterrors› (Morawiecki) hinzustellen, sollte sich die Regierung in Warschau der Täterrolle in einem realen Krieg erinnern und sich die Frage gefallen lassen: Rächt sich gerade, was man mit zu verantworten hat?»

Beispiel 3: «Echo der Zeit». In einem fünfeinhalbminütigen Beitrag von Judith Huber im «Echo der Zeit» von Schweizer Radio SRF vom 12. November erhalten die Hörerinnen und Hörer einen differenzierten Einblick in die Szene an der polnisch-weissrussischen Grenze. Und sie erfahren, wie schwierig es ist, die wirklich für diese Katastrophe Verantwortlichen zu identifizieren.

Der Bericht im «Echo» ist nicht zuletzt deshalb ehrlich und informativ, weil er die Quellen der unterschiedlichen Beurteilungen der Situation nicht nur erwähnt, sondern auszugsweise sogar im O-Ton wiedergibt – nur müsste man im konkreten Fall natürlich Russisch verstehen. Zum Nachhören des Beitrags von Judith Huber hier anklicken.

Fazit:

Tageszeitungen und Wochenzeitschriften zu lesen, ist auf alle Fälle eine gute Sache, besser als nur in den bildorientierten Flimmerkasten zu schauen. Vor allem dann, wenn nicht nur ein gedruckter Titel konsultiert wird. Eine zweite oder auch dritte Publikation zu konsultieren, ist erst recht dann notwendig, wenn eine Redaktion mit Hilfe von Frontseiten-Bildchen und einer reisserischen Headline einen verhältnismässig ausgeglichenen Bericht eigenhändig in einen tendenziösen Kommentar umzuformen versucht, wie im Falle der AZ vom 16. November geschehen. Was – wenigstens in der Schweiz – aber immer gut ist, sich am Abend auch noch das «Echo der Zeit» anzuhören. Sich die eigene Meinung nur aufgrund einer einzigen Publikation bilden zu können, ist eine Illusion und in politischen Dingen oft sogar gefährlich.

PS: Dieser Kommentar wurde natürlich aktuell schon vor ein paar Tagen geschrieben, geriet aber anderer Prioritäten wegen in die Warteschlange. Die Empfehlung, zur eigenen Information mehr als nur gerade eine Tageszeitung oder eine Zeitschrift zu lesen, bleibt selbstverständlich bestehen – bei allen politischen Themen. (cm)

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Zum Autor Christian Müller deutsch und englisch.

Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.

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8 Meinungen

  • am 21.11.2021 um 11:11 Uhr
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    ‹Nur die eine Zeitung zu lesen ist gefährlich›
    Selber denken macht klug und im Politischen immer die Frage cui bono stellen, wenn möglich keine faktischen Argumente und schon gar nicht Argumente anderer benutzen. Man bekommt alles selbst heraus, wenn man von der Wirkung zur Ursache zurückdenkt und fragt, wem nutzt es.
    Im Falle Belarus ist nach wenigen Minuten nachdenken alles klar.

    1
    • am 21.11.2021 um 23:13 Uhr
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      „Cui bono“: diese Frage stelle ich mir meistens instinktiv.

      0
  • am 21.11.2021 um 12:03 Uhr
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    Klar lässt sich in solchen Fällen nichts direkt beweisen.
    Wäre ja jeder Herrscher ein Idiot, wenn er es öffentlich hinausposaunen würde.

    Die Inserate von Aeroflot mit dem Hinweis auf einen Flug ohne Rückreise über Moskau nach Minsk ist ein kleiner Hinweis, dass russ. Stellen da mitgemischt haben.

    Dann die Aussage eines rund 40-jährigen Syriers der in Istanbul von der der russ. Konsularabteilung ohne entsprechender Belege ein Studentenvisum bekam, um in die RF einreisen zu können ist ein weiterer Fingerzeig. In Moskau musste er dann das nächste Flugzeug nach Minsk nehmen wo er von belorussischen Sicherheitsleuten übernommen und dort in einen Bus Richtung Grenze verfrachtet wurde.
    Das ist ein klarer Beleg, dass die Kommunikation zwischen den Sicherheitsdiensten beider Länder gut funktioniert.
    Gegen gutes Geld verschliessen alle ihre Augen!

    Der gute Mann schaffte es dann über die Grenze zu kommen und wartet jetzt in einem poln. Auffanglager auf seinen Asylbescheid. Da er Akademiker ist, könnte er Glück haben in der EU bleiben zu können.
    Hinter diesen Bildern stecken menschl. Schicksale nach dem Suchen eines besseren Lebens.

    Dieses Suchen nach dem Glück wird von diversen Staaten und Akteuren schamlos ausgenützt.
    In ihrer Situation würden wir vermutlich nicht anders handeln. Das dürfen nicht vergessen.

    4
    • am 23.11.2021 um 10:12 Uhr
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      Diese Migranten machen von dem RECHT gebrauch, dass ihnen die EU angeblich gewährt, einen Asylantrag zu stellen. So gesehen muss man Weissrussland als einen humanitären Akteur verstehen, der zumindest versucht, den Flüchtlingen Zugang zu ihrem Recht zu gewähren. Wenn man die Flüchtlinge und ihre Asylanträge nicht will, soll man das nicht auf Diktatoren «ennet der Grenze» abschieben, sondern ehrlich dazu stehen.

      2
  • am 21.11.2021 um 12:13 Uhr
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    Ihr Beitrag ist unwahrscheinlich wichtig, Herr Müller. Das ist das, was ich unter «Information» verstehe, aber leider – ausser beim «Infosperber» – vergeblich suche. Wenn ich doch nur wenigsten über Herrn Blochers «Portokasse» verfügen könnte, wüsste ich, was ich bereits morgen Montag in der Früh veranlassen würde, nämlich Ihre Aufklärungsschrift als Flugblatt in sämtliche (deutschsprachigen) Schweizer Haushalte verschicken. Wahrscheinlich würde das Geld sogar ausreichen, um den Versand auf ganz Deutschland auszuweiten.
    Ja, leider war das nur ein ganz kurzer, wohltuender Tag-Traum, der sich bereits in die Gefilde des ewigen Vergessens zurückgezogen hat. Und so bleibt mir wenigstens die grosse Hoffnung, dass ausnahmslos alle Sperberfreundinnen und -freunde Ihren Text lesen; es ist ja Sonntag, da haben auch beruflich sehr engegierte Leute Zeit, gut recherchierte Texte zu lesen; die tägliche «Infosperbernahrung» sichert man sich nur in vollem Bewusstsein, dass diese Infokalorien der eigenen geistigen Gesundheit sehr zuträglich sind. Ganz herzlichen Dank, lieber Supersperber Christian! Halten Sie bitte weiterhin für uns aufmerksam kritisch Ausschau auf dem schwierigen Terrain der Tages-des-informationen! Nur gut trainierte Vogel-Augen schaffen das auf die Dauer.

    1
  • am 21.11.2021 um 14:26 Uhr
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    Gibt ja fast nur noch eine Zeitung in der Schweiz, jetzt da Ringier und Tamedia zusammenarbeiten:

    https://www.nzz.ch/wirtschaft/tx-group-ringier-und-mobiliar-legen-online-marktplaetze-zusammen-boersengang-geplant-ld.1643003?reduced=true

    Die Zeit, in der es lohnte, fünf Zeitungen zu lesen um zu vergleichen, ist zuende. Wo kriege ich denn bitte fünf Zeitungen her, die nicht alle dasselbe schreiben? Sogar wenn eine dabei ist, die noch nicht dem Nachrichtenoligopol angehört, kopiert sie wahrscheinlich denselben Artikel einer Nachrichtenagentur zum Thema.

    Lohnt es überhaupt noch, solche Zeitungen zu lesen?

    1
  • am 21.11.2021 um 18:31 Uhr
    Permalink

    Ein sehr guter Hinweis auf die «Koalition der Willigen». Der Zusammenhang scheint mir etwas weit hergeholt, aber gut. Bisher habe ich vergeblich nach einer Aufarbeitung dieses «Einmarschs» gesucht und würde mich über Hinweise und Literatur freuen.

    0
  • am 22.11.2021 um 13:12 Uhr
    Permalink

    Seit der ehemals selbständige „Bund“ nur noch die TA-Suppe weitergibt, höre ich vermehrt das „Echo“. Noch scheint es mir ein Flaggschiff des echten Journalismus zu sein. Wehe, wenn Frau Wappler auch dort wütet!

    0

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