Sperberauge

Wer im Glashaus sitzt…

Heinz Moser © zvg

Heinz Moser /  Die NZZ kommentiert die aktuelle deutsche Corona Politik mit Häme.

Vor der Corona-Pandemie habe Deutschland als gut organisiertes Land gegolten und seine Bewohner als etwas biedere und vorsichtige Menschen, schreibt die NZZ unter dem Titel «Staatsversagen im Corona-Winter». Ach ja, fast wie in der Schweiz, denkt man als Lesende oder Lesender.

Doch mit der vierten Corona-Welle sei alles anders geworden: Zu Jahresbeginn habe nach einem schwachen Start die deutsche Impfkampagne wieder geschwächelt. NZZ-Redaktor Jonas Hermann im Newsletter «Der andere Blick» wörtlich: «Erst fehlte es an vorausschauender Planung, nun klemmt es bei der Logistik. Gleichzeitig lehnen Millionen Bürger die Impfung ab. Unvorsichtiger kann man sich diesen Winter kaum verhalten.»

Im gleichen Zug bekommt auch der deutsche Gesundheitsminister Jens Spahn von der CDU sein Fett weg. Auch dazu nochmals Originalton der NZZ: «An sich wäre es ziemlich einfach gewesen. Spahn hätte nur Israels Corona-Politik kopieren müssen. Dort handelte man stets schneller und klüger. Israel ging früher in den ersten Lockdown, hatte schon im Januar genügend Impfstoff und startete seine Kampagne für die enorm wichtigen Booster-Impfungen mitten im Sommer. In Israel ist schon jeder zweite Bürger geboostert, in Deutschland nur jeder zehnte.»

Doch, liebe NZZ, gilt nicht vieles, was in diesem Artikel aufgezählt wird, fast 1:1 für die Schweiz? Natürlich war die Tonlage hierzulande nicht so schrill wie in Deutschland, wo es laut dem Gesundheitsminister Jens Spahn nicht fünf vor Zwölf sondern schon halb Eins ist. Im Interregnum des Machtwechsels hat manche Diskussion von Politikern und Landesfürsten schon mehr einem Panikorchester geglichen.

Es ist der NZZ unbenommen, mit einem «anderen Blick» auf eine deutsche Leserschaft zu schielen. Neben den deutschen Medien möchte sie eine alternative Position aufbauen – auch zu den deutschen Parteien, die sich gerade zusammenraufen in der Frage nach gemeinsamen Grundsätzen zu Covid. Allerdings wirkt es arrogant, wenn der deutschen Politik vom hohen Ross der «Alten Tante» aus der Falkenstrasse Staatsversagen vorgeworfen wird, ohne mit einem Wort zu erwähnen, dass man in der Schweiz im gleichen Boot sitzt:

Die Sieben-Tage-Inzidenz betrug am 1. Dezember 2021 in Deutschland 442,8, in der Schweiz dagegen sogar 610,8. Auch bei uns sind die Intensivstationen bald voll. Und auch die NZZ bemängelt, dass die Booster-Kampagne bei uns zäh angelaufen sei. Während in Deutschland der komplizierte Prozess des Regierungswechsels die Politik lähmte, war bei uns das wochenlange Warten auf die Abstimmung über das Covid-Gesetz nicht förderlich. Mit anderen Worten: Wer selbst im Glashaus sitzt, sollte nicht mit Steinen werfen.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine
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9 Meinungen

  • am 4.12.2021 um 11:15 Uhr
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    Die Berlin-Redaktion ist sowieso ein Planet für sich, der mit der Schweiz nicht viel zu tun hat, es dafür als ihre Sache ansieht, der neuen Opposition mit Kritik der neuen Regierung mit billigster Kritik unter die Arme zu greifen. Statt «Der andere Blick» müsste es eher heissen «Texte der Anbiederung».

    1
  • am 4.12.2021 um 16:44 Uhr
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    Ich weiss nicht, in welchem Kanton der Autor lebt, aber bei uns im Emmental hat das mit dem «boostern» (Schweizer sind ja sprachbegabt) hervorragend geklappt. Per SMS informiert und 7 Tage später innerhalb von 30 Minuten gespritzt. Man schaue sich die Schlangen in Deutschland an, weil die nicht in der Lage sind ihre Bürger rechtzeitig zu informieren. Stundenlang stehen und dann ist der Saft alle. Wer sich Leute, eben wie die Merkel, in die Regierung wählt hat selber schuld. Frau Merkel hat ja gesagt, «sie kennen mich»!

    1
  • am 4.12.2021 um 18:27 Uhr
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    Ich lese keine NZZ – bekomme nur immer Artkel von meiner Frau unter die Nase gerieben 😉
    Erwähnten Artikel bekam ich auch.
    Ja, auch in der Schweiz läuft da vieles falsch, total falsch, aber auf einer anderen, viel grundsätzlicheren Ebene.
    Sie schreiben «Die Sieben-Tage-Inzidenz betrug am 1. Dezember 2021 in Deutschland 442,8, in der Schweiz dagegen sogar 610,8. »
    Ich bitte Sie, die Inzidenz ist eine Frage der Mengen an Tests und damit eine Zahl mit wenig Aussagekraft, aber viel Manipulations-Spielraum. Sowohl die deutschen wie die schweizer Behörden wollten davon abkommen und die Einweisungen in Spitäler als Mass der Dinge nehmen – aber damit konnte man weniger gut Panik verbreiten.
    «Erst fehlte es an vorausschauender Planung, nun klemmt es bei der Logistik. Gleichzeitig lehnen Millionen Bürger die Impfung ab. Unvorsichtiger kann man sich diesen Winter kaum verhalten.»
    Das trifft mit Sicherheit zu, sogar im deutschen TV konnte man sehen, dass Impfwillige wieder heimgschickt werden mussten, weil kein Impfstoff mehr da ist.

    0
  • am 4.12.2021 um 18:59 Uhr
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    Es liegt an der unwahren Behauptung der Regierungen, man könne angeblich so wie bei Masern, Pocken usw. mit einer bis dato unbekannten Impfung eine Herdenimmunität schaffen. Diametral dazu: Island, Irland, Israel, Shanghai usw. wo die angebliche Herdenimmunität von einer Coronawelle weggespühlt wurde – alles Lug und Trug.

    Mit der Booster-Impfung mussten sie ja implizit zugeben, dass mit diesen ‹Impfstoffen› eben keine Herdenimmunität entsteht. Diese Booster-Impfungen sind alle 6 Mt fällig, wodurch man an der Nadel der Pharmakonzernen hängt.

    2
  • am 4.12.2021 um 20:47 Uhr
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    «Spahn hätte nur Israels Corona-Politik kopieren müssen. Dort handelte man stets schneller und klüger.» ?
    Die Massnahmen kamen von Israel über den AT Kanzler Kurz auch zu uns nach Europa. Kurz soll eine enge Verbindung zum angeklagten Premier Netanyahu gehabt haben.
    Man müsste sich mal die Mühe nehmen, einiges über die Person Netanyahu in Erfahrung zu bringen.
    Ihm kam Corona gerade recht, um seine Macht zu erhalten.

    Benjamin Netanyahu – Errichtet er die „erste Coronavirus-Diktatur“? konnte man im Spiegel lesen:

    https://www.spiegel.de/ausland/corona-krise-in-israel-benjamin-netanyahu-der-corona-diktator-a-ec6fa9cb-69ff-4abd-b974-fd5f58ed5513

    2016 wurde ausgesagt Israel sei «von der Saat des Faschismus infiziert» und von «Extremisten» übernommen worden, warnen Ex-Premierminister und Verteidigungsminister

    Englisch:
    https://www.salon.com/2016/05/21/israel_is_infected_by_the_seeds_of_fascism_and_has_been_taken_over_by_extremists_warn_ex_prime_minister_and_defense_ministers/

    Deutsche Google Übersetzung:
    https://www-salon-com.translate.goog/2016/05/21/israel_is_infected_by_the_seeds_of_fascism_and_has_been_taken_over_by_extremists_warn_ex_prime_minister_and_defense_ministers/?_x_tr_sl=en&_x_tr_tl=de&_x_tr_hl=de

    «Ohne parlamentarische oder richterliche Zustimmung erweiterte der gegenwärtig nur im Übergang regierende Premier Benjamin Netanjahu die Notstandsmaßnahmen»:

    https://kurier.at/politik/ausland/coronavirus-infizierte-in-israel-werden-digital-ueberwacht/400784300

    2
  • am 5.12.2021 um 00:49 Uhr
    Permalink

    Stimmt. Deutschland reibt sich die Augen, ob dem Coronaversagen. Aber immerhin wird das Versagen in Deutschland thematisiert, während in der CH die Politiker der Mitte und rechts davon sich in ideologischen Blasen verirren und die Intensivstationen voll laufen. Die NZZ hat ihre Glaubwürdigkeit schon lange verloren. Sie kämpft ums Überleben als «Qualitätszeitung» inmitten knallender Werbung und liberalem Je-nach-Dem.

    4
  • am 6.12.2021 um 13:14 Uhr
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    Inzidenzen taugen als simple Zahl sowieso nichts, höchstens wenn man sie in Relation zu anderen Grössen setzt vielleicht.
    Betr. IPS Belegung: wir sind in der Schweiz aktuell bei etwas weniger als 82%! Also nicht ganz voll oder? Zudem ist und war es schon immer so, dass die Belegung bei 75-85% lag, weil man eben einen grossen Teil dieser Belegungen „steuern“ kann. So auch im Jahr 2020 wo man viele Operationen im Frühjahr und im Winter verschob, dann aber bis Mitte 2021 alles wieder aufgeholt hatte. So mindestens lautete die Aussage vieler Spitaldirektoren. Und was ist daran so falsch? Sehr viele Operationen, welche nachher einen IPS Aufenthalt nach sich ziehen, sind locker 2-3 Monate verschiebbar. Und ja, sehr viele dieser Operationen gehen auf einen mehr oder weniger fahrlässigen Lebensstil zurück. Es sind nicht nur Leute die sich nicht impfen lassen (aus welchen Gründen auch immer) die fahrlässig mit ihrer Gesundheit umgehen.

    2
  • am 6.12.2021 um 13:15 Uhr
    Permalink

    @ Ruedi Beglinger»während in der CH die Politiker der Mitte und rechts davon sich in ideologischen Blasen verirren und die Intensivstationen voll laufen»

    Haben Sie sich schon einmal angesehen, wie viele Intensivstationen wir so in der Schweiz haben?
    Im grossen Kanton GR z.B die «hohe» Anzahl von 15 Betten. Kein Witz.
    Da muss nur eine Gruppe Skifahrer abseits der Piste in eine Lawine geraten und die Hälfte ist schon ausgelastet.
    Im bevölkerungsreichen Kanton ZH gibt es immerhin 183 IS.
    Im Tessin 58 IS.

    https://www.covid19.admin.ch/de/hosp-capacity/icu

    Da muss man sich doch fragen, wie das möglich ist, im angeblich besten und einem der teuersten Gesundheitssysteme der Welt? Dass, wenn es einmal grössere Ereignisse gibt dieses «beste» Gesundheitssystem sofort droht in die Knie zu gehen?

    Wofür wurden die Milliarden unserer KK – Prämien eigentlich verwendet, sollte eher die Frage lauten.
    Es versickerte wohl ein grosser Teil in Überbehandlung, Bürokratie und Technokratie und überteuerte Medikamente. Wobei die grössten Kosten am Lebensende anfallen sollen, weil Intensivpflege besonders lukrativ ist. Dazu dieser Film, dessen Inhalt wohl auch für die Schweiz gilt:

    https://www.daserste.de/information/reportage-dokumentation/dokus/sendung/dem-sterben-zum-trotz-110.html?fbclid=IwAR0zqRNObSoCJIOsjGepZBg6IrVxaXOqX3T_hL4xDZOPSc3VwKYnfI1wP2E

    https://www.n-tv.de/wissen/Die-Nebenwirkungen-des-Covid-Cocktails-article22921163.html?utm_source=pocket-newtab-global-de-DE&fbclid=IwAR3

    1
  • am 7.12.2021 um 09:28 Uhr
    Permalink

    Man muss dem «infosperber» zugute halten, dass er ein breites Meinungsspektrum abbildet. Dass aber auch hier ein Autor noch mit der «Sieben-Tage-Inzidenz» argumentiert, wie ist das möglich?
    Nichtsdestotrotz lese ich die Beiträge von Heinz Moser natürlich gern. Er zeigt oft interessante und ungewöhnliche Blickwinkel. Audiatur et altera pars. Ich fühle mich beim «infosperber» nicht in der Blase wie sonstwo und spare mir viel Zeit, wenn ich nicht ein Dutzend Infoseiten nach möglichst vielen Meinungen abklappern muss.
    Darum natürlich ein grosses BRAVO an die Redaktion.

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