Sperberauge

Diese Journalisten können offenbar Gedanken lesen …

Urs P. Gasche © Peter Mosimann

Urs P. Gasche /  Einige Journalisten glauben zu wissen, welches die wirklichen Absichten von Politikern, Regierungsvertretern oder Konzernen sind.

Der fette Titel in «Der Bund» am 21. Januar über sechs Zeitungsspalten:

«Biden rechnet mit Angriff auf Ukraine» 

Tatsächlich sagte der US-Präsident am 20. Januar an einer Medienkonferenz: «Meine Einschätzung ist, dass er [Putin] einrücken wird.» Woher aber weiss der US-Korrespondent, dass Biden tatsächlich mit einem Angriff auf die Ukraine rechnet? 

Die Frage ist keineswegs spitzfindig. Besonders in Krisensituationen werden Medien hüben und drüben dazu missbraucht, die jeweilige Gegenseite und vor allem die öffentliche Meinung zu beeinflussen. Ein ganzes Arsenal von Profis der Öffentlichkeitsarbeit und der psychologischen Kriegsführung entwickeln Strategien der Beeinflussung und der Täuschung. 

Journalisten und Journalistinnen, welche Erklärungen von Regierungen, Politikern und Wirtschaftslobbys über ihre Absichten und Meinungen als bare Münze weiterverbreiten, verstehen ihr Handwerk nicht.

Es geht nicht darum, allen Politikern, Regierungsvertretern oder Lobby-Vertretern von vorneherein zu misstrauen, sondern nur darum, korrekt zu informieren. Beim obigen Beispiel lautet eine korrekte Information:

«Präsident Biden erklärte, er rechne mit einem Angriff auf die Ukraine.»

Dass er dies gesagt hat, ist jederzeit beweisbar. Dass er jedoch tatsächlich mit einem Angriff rechnet, kann kein Journalist beweisen. Meistens erst viele Jahre später, wenn Archive geöffnet werden, kommt die Wahrheit ans Licht. Oder in seltenen Fällen, wenn Whisteblower einen Beweis schon vorzeitig an die Öffentlichkeit bringen. 

Während des Vietnam-Kriegs, den beiden Golf-Kriegen, während der langen Kriege im Irak, in Syrien und in Afghanistan und jetzt im Ukraine-Konflikt haben sich viele Aussagen und Beteuerungen im Nachhinein als Lügen und bewusste Täuschungen herausgestellt. Viele davon haben Medien als Tatsachen verbreitet und nur wenige Medien haben sich nachträglich dafür entschuldigt. 

Der Lerneffekt ist allerdings gering.

Über den Cyberangriff auf die Ukraine titelten der «Tages-Anzeiger und «Der Bund»: 

«Kiew ist davon überzeugt, dass Russland hinter der Aggression steckt.»

Wiederum: Woher wissen das die Zeitungen? Was sie wissen und beweisen können, ist lediglich, dass Behörden in Kiew sagen, sie seien davon überzeugt. Warum also nicht korrekt informieren: «Kiew gibt sich überzeugt davon, dass Russland…» oder «Die Regierung in Kiew sagt, Russland stecke…»

Dass korrekte Formulierungen möglich sind, bewies der «Tages-Anzeiger» und «Der Bund» am 19. Januar, indem sie den Titel setzten: 

«Johnson sagt, er habe nicht gelogen»

In diesem Fall wäre es den Journalisten nicht in den Sinn gekommen zu titeln: «Johnson hat nicht gelogen».

Wolf Schneider, das Urgestein als Ausbildner von Medienleuten und Autor mehrerer Bücher über korrektes Handwerk von Journalisten (u.a. «Deutsch für Profis») lehrte als erstes eine korrekte und sachliche Sprache. Wenn Präsident X sagt, «ich will den Frieden», dürfe man auf keinen Fall schreiben «Präsident X will den Frieden». 


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine
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7 Meinungen

  • am 23.01.2022 um 11:32 Uhr
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    Viel bewundernswerter finde ich die telepathischen Gedankenlesefähigkeiten wertewestlicher Journalisten und Politiker in Richtung Osten: Da werden bei Russlands Präsident regelmässig Psychosen und Gewaltphantasien aller Art unterstellt – wobei immer unterschlagen wird, dass Putin noch sehr wohl weiss, was Krieg bedeutet: Sein älterer Bruder kam bei der deutschen Belagerung Leningrads als Kind ums Leben, seine Eltern haben sie nur knapp überlebt. Und in Russland erinnern bei fast allen Familien Bilder der Kriegsopfer an prominenten Plätzen in der guten Stube tagtäglich an die Schrecken des Krieges … Aber darüber hinaus können die westlichen Gedankenleser auch ergründen, dass Putin (entgegen aller bekundeten Absichten und wirtschaftlicher oder militärischer Sinnhaftigkeit) die Sowjetunion wiederherstellen und dazu die baltischen Zwergstaaten oder die ökonomisch zum Fass ohne Boden heruntergewirtschaftete Ukraine erobern will. Natürlich träumt er laut diesen «Spökenkiekern» auch davon, die USA und Westeuropa anzugreifen oder zumindest mit der Drohung einzuschüchtern, sie in Schutt und Asche zu legen. Nichts davon hat er je gesagt. Alle seine Äußerungen (im Westen meist nicht bekannt, weil nicht berichtet) gehen in die entgegengesetzte Richtung. Aber heh: «Ist der Feind bekannt, hat der Tag Struktur», wie es Volker Pispers mal so treffend sagte. Wozu finanzieren wir eigentlich Geheimdienste, wenn so viele Leute im Westen Gedankenlesen & psychologische Tiefenanalyse beherrschen?

    1
  • am 23.01.2022 um 12:47 Uhr
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    «Ein ganzes Arsenal von Profis der Öffentlichkeitsarbeit und der psychologischen Kriegsführung entwickeln Strategien der Beeinflussung und der Täuschung.»

    Nachdem ich während 40 Jahren ein vorbehaltloser Tagesschau- und 10vor10-Konsument war, habe ich während der vergangenen Corona-Pandemie auch kräftig dazu gelernt. Es kostet einfach sehr, sehr viel Zeit, sich mit den Originalquellen wie Medienkonferenzen in ganzer Länge selbst zu informieren und dann zu analysieren, was nun die offizielle Berichterstattung durch Filterung daraus macht. Aber richtig, es lohnt sich!

    2
  • am 23.01.2022 um 12:55 Uhr
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    Urs P. Gasche bringt es auf den Punkt. Auch durch gedankenlose Formulierungen oder schlicht schluderiger Sprache machen sich Journalisten unbewusst der Meinungsmanipulation schuldig. Ist nichts mehr und nichts weniger als eine fahrlässig verbreitete plumpe Form der Lüge. Ein klarer Verstoss gegen die journalistische Ethik.

    1
  • am 23.01.2022 um 13:56 Uhr
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    Schlagzeilen und Titel werden in der Regel nicht von den Autoren gesetzt. Dafür sind Redaktoren bzw. Redaktionsleiter verantwortlich. Zum ABC, das in den Journalistenschulen gelehrt wird, gehört dass man stets zwischen Journalismus und PR unterscheiden soll. Wenn Redaktionsleiter gegen diese Grundregel verstossen, tun sie das bewusst. denn sie sind ja nicht dumm.

    0
    • am 24.01.2022 um 10:42 Uhr
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      Grundsätzlich stimmt das Meiste – aber erstens sind die Grenzen zwischen Journalismus und PR nicht ganz immer völlig trennscharf und zweitens: doch, es gibt durchaus Redaktorinnen, Produzenten und Blattmachende, die sich nicht bewusst sind, was sie genau aussagen mit ihren Schlagzeilen. (Wie man das bewertet, ist eine andere Frage.)

      0
  • am 23.01.2022 um 16:37 Uhr
    Permalink

    Die Arbeit an der Sprache ist Arbeit am Gedanken. (Dürrenmatt)

    1
  • am 24.01.2022 um 14:07 Uhr
    Permalink

    Chomsky hält seit mehr als 50 Jahren Vorträge zu diesem Thema.

    0

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