GeertWilders

Der holländische Rechtsaussen-Politiker Geert Wilders © gk/common

Schweiz am Sonntag: Rechtsaussen jetzt mit System

Christian Müller /  Befürchtungen werden zur Realität. Die SaS öffnet sogar dem holländischen Rechtsaussen-Widerling Geert Wilders ihre Spalten.

Dass die Schweiz am Sonntag die Erfolgsmethoden des Boulevard-Journalimus bestens kennt und dem Erfolg zuliebe oft auch anwendet, war immer schon klar. Warum soll man keine reisserischen Titel setzen, wenn man damit Leserinnen und Leser gewinnen kann?

Solange es die Grösse der Headline ist, solange die Bilder einfach doppelt so gross sind und dafür knapper geschnitten ins Blatt gesetzt werden: was soll’s? Entscheidend, so denkt man, ist doch immer noch der Inhalt.

Anfang 2014 allerdings leuchteten etliche rote Lämpchen auf: Der Chefredaktor der Schweiz am Sonntag, Patrik Müller, machte erste gefährliche Schwenker an den politisch rechten Rand. Man schluckte zweimal leer, hoffte aber, dass es sich um einmalige Konzessionen an die im Aargau doch recht starke SVP-Leserschaft handeln würde. Die Sorge allerdings blieb. Muss es, um ein Beispiel zu nennen, wirklich sein, dass ausgerechnet der betont fremdenfeindliche SVP-Mann Andreas Glarner in der mittelländischen Monopol-Zeitung Die Nordwestschweiz aus Aarau eine regelmässige Kolumne schreiben darf?

Die Grenze des Erträglichen überschritten

Nun hat die Schweiz am Sonntag eine weitere Grenze überschritten. In der Ausgabe vom 13. April wurde dem holländischen Rechtspopulisten Geert Wilders eine zweiseitige Plattform geboten, seine extremen Positionen auszubreiten. Das Interview enthält zwar durchaus auch kritische Fragen, nur bietet es dem Befragten gerade damit die willkommene Gelegenheit, die gegen ihn gerichtete Kritik zu relativieren. Wilders darf in der letzten Antwort sagen: «Ich habe nichts gesagt, das ich bedaure.»

Es ist halt so: Seit die Schweizer Stimmbürgerinnen und Stimmbürger am 9. Februar der innereuropäischen Personenfreizügigkeit mit knappem Mehr eine Absage erteilt haben, ist die Schweiz das Lieblingskind der ausländischen Rechtsaussen-Parteien: der Lega-Nord in Italien, des Front National in Frankreich, der Partei für die Freiheit in Holland, der Schwedendemokraten in Schweden, und und und.

Noch vor wenigen Jahren war man hierzulande entsetzt, dass in unserem Nachbarland Österreich ein Politiker wie Jörg Haider – demokratisch abgesegnet – so weit nach oben steigen konnte. Nein, so einer hätte bei uns keine Chance, dachte man. Heute bietet die Schweiz am Sonntag einem solchen Volksverhetzer und Rattenfänger sogar eine zwei Zeitungsseiten grosse Plattform, der Schweiz ein «Kompliment» zu machen («Die Schweiz ist ein sehr demokratisches Land, worauf ich sehr neidisch bin.»). Der mit einer Ungarin verheiratete Holländer und seine Gesinnungsgenossen in den anderen Ländern wissen natürlich sehr genau, dass sie mit dem Schuhlöffel der Ausländerfeindlichkeit auch auf demokratischem Weg in die Stiefel der Macht schlüpfen können. Auch Hitler kam schliesslich nicht mit einem Putsch, sondern «demokratisch legitimiert» an die Macht.

Vom Aufheizer zum Anheizer

Die Zeitungen aus dem Medienhaus Wanner wissen, wie Nachrichten – journalistisch aufgeheizt – erfolgreich weiterverkauft werden können. Heute müssen wir feststellen: Sie heizen ihre Stoffe nicht nur auf, sie heizen jetzt auch an: zur Fremdenfeindlichkeit, zur Zerstörung unserer bewährten Konsens-Politik, zum Kampf der Reichen und Privilegierten gegen die Armen und Unterprivilegierten. Zum Beispiel mit einer doppelseitigen Plattform für Geert Wilders. Das Rechtsaussen-Gedankengut soll auch hier salonfähig werden.

Es ist einfach nur widerlich.


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8 Meinungen

  • am 15.04.2014 um 11:00 Uhr
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    Es mag zutreffen, dass rechts von Geert Wilders der Abgrund ist. Dass er vermehrt Zulauf von der Mitte oder sogar von den Linken erhält, müssen sich die linken Parteien selber anlasten. Durch ihre jahrelange Schönwetterpolitik (auf Kosten der Steuerzahler) haben sie alle Staaten Europas an den Rand des finanziellen Ruins gebracht. Dass ein Paradigmenwechsel die logische Folge sein muss, ist auch Ihnen, Herr Christian Müller, klar. Ob es die richtige Wahl sein wird? Die Vergangenheit zeigt uns, dass man extrem sein muss, um wenigstens ein bisschen weiter nach Mitte zu gelangen. Aber: Ihre viel zitierte Fremdenfeindlichkeit existiert wohl eher im Vokabular der Linken, als in den Köpfen der Rechten. Je öfter man sie negativ zitiert, umso mehr Hass wird generiert. Ich bin gespannt, wie Nigel Farage (UKIP) Englands Establishment demontieren wird. Die Zeit der linken Experimente scheint vorbei zu sein. La France, Schweden und die Schweiz werden als nächste ihren Weg in Richtung Mitte finden. Hierzulande vielleicht sogar mit der FDP (Zweifel sind angebracht). Zu wünschen wäre es, denn was die SVP rechts verbockt, zerstört die SP gekonnt von links. Der Bürger ist der Dumme. Und das ist ja auch nichts Neues.

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  • am 15.04.2014 um 12:23 Uhr
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    Dass die Schweiz am Sonntag, wo ich zwar einen Artikel mal auch nur honoriert, aber nicht gedruckt bekommen habe, Wilders zu Wort kommen lässt, finde ich erfreulicher als dass die NZZ meine beiden letzten Leserbriefe, Russland betreffend, nicht gebracht hat. «Widerling» ist ehrlich gesagt Göbbels-Wortschatz. Wenn die Toleranz dort aufhört, wo die wahren Meinungsverschiedenheiten beginnen, können wir mit den Phrasen über Pressefreiheit aufhören. Einer der interessantesten und bestinformierten Gesprächspartner meines Lebens, wir telefonierten stundenlang miteinander, wahrscheinlich wurde man abgehört, war Ahmed Huber. Ich habe weder seine «gemischte» Meinung über Hitler noch die langweiligere über den heiligen Propheten Muhammad noch die verehrende über Khomeini geteilt, aber seine Detailkenntnis war stupend und er wusste mehr, was man als Journalist und Publizist wissen muss, als weichgespülte Islamwissenschaftler von Unis. Erfreulicherweise hat er nichts verharmlost und seit ihm weiss ich, dass ein Schweizer Islamwissenschaftler, der von einem Promille Extremer bei uns ausgeht, nicht recht hat. Huber war aber, genau so wie ein kommunistischer Freund (ich hielt die Abdankungsrede auf ihn) aus dem Umfeld Farners, ein goldiger Mensch, wobei der Linke, schlimmer als Huber betr. Iran, Albanien als neues Jerusalem und Kuba als Paradies auf Erden betrachtete. Freysinger sprach mit Wilders, Ziegler freundschfaftlich mit Gaddafi, Huber mit Saddam Hussein und Bin Laden. Noch Fragen?

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  • am 15.04.2014 um 12:49 Uhr
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    @ Renato Stiefenhofer

    Erstens stimmt es nicht, dass rechts von Geert Wilders der Abgrund ist. Dieser redet aus dem Abgrund, den er mit seinem extremen Rechtspopulismus und seiner extremen Fremdenfeindlichkeit vertritt. Rechts davon ist der Abgrund, den sie meinen, nur noch tiefer.

    Zweitens: Über den Begriff «Schönwetterpolitik» kann man streiten. Aber schließlich gehen jegliche politische Maßnahmen – aus welcher politischen Ecke auch immer – auf Kosten der Steuerzahler. Auch EU-Gelder, die die Schweiz erhalten hat, sind Steuergelder.

    Drittens bringen sie einen Paradigmenwechsel ins Spiel. Aber es gibt keine Partei, die dazu in der Lage wäre. Auch die rechtspopulistische SVP nicht, weil sie außer ihrem fremdenfeindlichen Dauerbrenner, nicht wirklich viel zu bieten hat – höchstens Maßnahmen, die an Autokratie erinnern. Wenn ein Paradigmenwechsel nötig ist, dann kann er nur über die Debatte kommen, wie die Gesellschaft aus den (drohenden) postdemokratischen Verhältnissen herauskommt.

    Viertens führt Ihre These – Links die Bösen, Rechts die Guten – zu nichts, außer zu Grabenkämpfen. Ich weiß, es ist eine gewagte These von mir: Die politischen Parteien sind ausgepumpt, leiden an fachlicher Inkompetenz und sind zu sehr an nicht politischen Interessensgruppen gebunden.

    Fünftens: Der Interviewer hat essenzielle Fragen nicht gestellt. Oder der Interviewer hat sich selber zensiert, um die Leser in die Irre zu führen.

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  • am 15.04.2014 um 13:22 Uhr
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    @Uwe Pawlowski

    Punkt 4 und 5 gebe ich Ihnen vollkommen Recht.

    Punkt 3: Haben Sie meines Erachtens (immerhin) teilweise recht. Vor allem unterstütze ich Ihren Wunsch nach einer Debatte. Eine Diskussion wäre sogar wünschenswerter, bleibt aber Utopie, solange die Parteien nur Hampelmänner/-Frauen der Interessensgruppen sind.

    Wie wir beide anerkennen mögen, gibt es keine Guten oder Bösen in Bezug auf Parteien (links/rechts).
    Es gibt aber so etwas wie ein objektiv «richtig oder falsch". Aufgrund unseres grossen Wissens und der Analyse der Vergangenheit sollte es der Menschheit gelingen, das Richtige zu finden. Es wird zwar noch etwas dauern; aber lange werden sich die Parteien nicht mehr verstecken können.
    Ein altes Bonmot: Der Bürger ist hierzulande nicht politikmüde sondern politikermüde. Und deshalb sollten sich künftige Politiker warm anziehen. Oder zumindest einen Psychologie Kurs besuchen… Die Direkte Demokratie wird ihnen schon den Weg weisen.
    Zumindest hier in der beschaulichen Schweiz hat der Stimmbürger noch etwas zu sagen, auch wenn dieser Umstand von «der Obrigkeit» gehasst wird.

    Übrigens: Von welchen EU-Geldern, welche die Schweiz nicht schon seit Jahren in devot-vorauseilendem Gehorsam vorausbezahlt hat, sprechen Sie? Hab ich da was übersehen? Wir sind Netto Zahler an die EU. Wir importieren mehr, als wir exportieren. Das ist ein Fakt, welcher überall nachzulesen ist. Wenn man will. Die Schweiz ist der grösste Handelspartner der EU (ex USA/China).

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  • am 15.04.2014 um 13:29 Uhr
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    Geert Wilders lobt unsere direkte Demokratie (wir fühlen uns geehrt!). Es fragt sich bloss, welche. Die Nationalisten und Ethnozentristen in ganz Europa wollen nicht einfach «mehr direkte Demokratie» nach Schweizer Vorbild. Wilders geht es nicht um jene (direkte) Demokratie, die weiss, dass sie nur aufgrund eines wirksamen Minderheitenschutzes überhaupt eine Demokratie sein kann. Wilders, Le Pen und Konsorten geht es nicht um mehr Volkssouveränität, wie sie vorgeben, sondern im Gegenteil um Manipulation der Massen durch Ausspielen der Mehrheitsgesellschaft gegen fremdgesetzte Gruppen, um Entmündigung der Menschen durch Aufhetzung gegen Minderheiten im Interesse des Machtgewinns und nach altbekannten Methoden. Da können ein wirksamer Minderheitenschutz und diejenigen, die keinem reduzierten Demokratieverständnis frönen (tituliert als «volksfern", «abgehoben» u. dgl.), nur stören. Scharfmacher wie Wilders wollen nicht einfach mehr direkte Demokratie, sondern eine plebiszitäre Stimmungs- und Empörungsdemokratie, die keine rechtsstaatlichen Schranken mehr kennt gegen fremdenfeindliches Ressentiment und gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit (Homophobie, Islamophobie, Antisemitismus etc.). Entspricht eine solche Demokratie wirklich unserer Demokratie beziehungsweise derjenigen, die uns vorschwebt?

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  • am 15.04.2014 um 13:30 Uhr
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    Sind Wilders Werte wirklich sogenannte Schweizer Werte? Und können wir uns in der Vorreiterrolle einer reaktionären bis extremen Rechten in Europa, die Wilders (und nicht nur er) uns zuschreibt, wirklich gefallen? Ich denke nein. Wilders Lob ehrt uns Schweizerinnen und Schweizer nicht!

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  • am 15.04.2014 um 14:23 Uhr
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    @Wilders Werte sind keine Schweizer Werte, begreife insofern Aufschrei. Müllers. @Islamophobie. Hr. Bertschinger, empfehle Ihnen Bücher eines der besten Sachbuchautoren unserer Zeit, Karlheinz Deschner (wiewohl ich ihn überall dort kritisiere, wo ich die Quellen besser kenne): Sie werden sehr viel meist leider Wahres, aber Schlimmes und Schlimmstes bei Christentum und Kirche erfahren. Schreiben Sie ein einziges Buch genau wie Deschner nun aber gegen den Islam! Sie können dann, wie Rushdie, unter Polizeischutz 24 Stunden über Islamophobie philosophieren. @Homophobie. Modisches Schlagwort, gibt’s natürlich, aber nach 50 Jahren Auseinandersetzung mit dem Thema, auch in Buchform, kann ich Schlagworte zum Zweck der Diskussionsverhinderung nicht mehr hören. Es gibt gegen alles eine Phobie, so etwa die «Angelophobie", von der ein Theologe sprach, die Abneigung gegen Engel, und in diesem Blog z.T. die Wilder-Phobie, welche eine sachliche Kritik eher verhindert als fördert. Der Antisemitismus dient heute vornehmlich als Totschlagargument, so gegen Jacob Burckhardt und Martin Heidegger. Dabei spielte der Hass als Kategorie, und zwar aufrichtiger und eingestandener Hass (auf das Bürgertum), bei Sartre, den ich methodisch auf dem Niveau Heideggers sehe, seine politischen Irrtümer aber noch nachhaltiger und langfristiger, eine methodisch grössere Rolle als bei Heidegger, bei dem der Hass aber mehr persönlich gewesen zu sein scheint. Hass ist immer Hass, man braucht dazu keinen Juden!

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  • am 15.04.2014 um 21:43 Uhr
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    Ich bin mit Christian Müller völlig einverstanden und frage mich schon seit langem, was sich gegen eine Presse tun liesse, die nicht aufklären, sondern nur ihre Auflage steigern will. Bin ratlos.
    PS: Herzlichen Dank noch für Müllers ausgezeichneten Artikel vom 12.4. zur Frage, was eine Nation ist.

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