Kommentar
Peinliche Desinformation des «Tages-Anzeigers»
Die Botschaft sollte die Schwachverdienenden trösten: «Die Kluft zwischen den Einkommen wird kleiner.» Fabian Renz, Chef des Ressorts «Analyse» des «Tages-Anzeigers», nannte es eine «gute Nachricht». Eine «Datenanalyse dieser Redaktion» habe es jetzt aufgedeckt: «Jene mit tiefem Lohn konnten sich prozentual stärker steigern als Multimillionärinnen.»
Von seriöser Statistik haben Renz und seine vier Datenanalysten, welche die Zahlen und Grafiken aufbereiteten, offensichtlich wenig Ahnung.
Ihre «Beweisführung»: Die Spitzenverdiener hätten ihre Einkommen seit 1980 nur um 18 Prozent erhöhen können, die Geringverdienenden jedoch um 28 Prozent (siehe Infosperber von gestern).
Vergleiche zwischen Prozentzahlen (hier 28 Prozent gegenüber 18 Prozent) gelten in der Vermittlung von Statistiken als unseriös und irreführend – wenn nicht wenigstens gleichzeitig auch die absoluten Zahlen genannt werden: Wie viele Franken mehr verdienen die Spitzenverdienenden heute und wie viele Franken mehr die Geringverdienenden?
Wie irreführend der alleinige Vergleich von Prozentzahlen ist, zeigt ein einfaches Beispiel:
- Wenn ein Einkommen von 1000 Franken um 100 Prozent steigt, dann steigt es auf 2000 Franken.
- Wenn ein Einkommen von 100’000 Franken nur halb so stark steigt, nämlich um 50 Prozent, dann steigt es auf 150’000 Franken.
100 Prozent mehr Einkommen für den Niedrigverdiener, nur 50 Prozent mehr für den Spitzenverdiener – und doch wird niemand ernsthaft behaupten, die Kluft zwischen den beiden Einkommen sei kleiner geworden.
Der Niedrigverdienende hat 1000 Franken mehr, der Spitzenverdiener 50’000 Franken mehr.
Neben dieser groben Irreführung mit der «kleineren Kluft» leisteten sich die Tamedia-Datenspezialisten noch weitere Peinlichkeiten. Zunächst erklärten sie, die Zahlen seien nominal – also ohne Berücksichtigung der Teuerung seit 1980. Doch die Teuerung beträgt seitdem 94 Prozent. Nach den Tamedia-Zahlen würden Arme und Reiche heute real viel weniger verdienen als damals.
Auf die Frage, ob es sich bei ihren Zahlen um Brutto-, Netto- oder steuerbare Einkommen handle, blieben die Daten-Redaktoren eine Antwort schuldig: «Sollten Sie Fragen zu den Metadaten haben, kontaktieren Sie bitte Herrn Föllmi», beschied die Redaktion. Dieser erklärte im «Tages-Anzeiger», bei den benutzten Zahlen handle es sich «um die beste Annäherung für ein Gesamtbild der Schweizer Einkommensverteilung».
Infosperber fragte beim St. Galler Wirtschaftsprofessor Reto Föllmi nach. Doch auch er konnte die Fragen nicht beantworten. Trotzdem «resümierte» er im «Tages-Anzeiger»: «Vom gestiegenen Lebensstandard in der Schweiz haben alle profitiert, niemand fühlt sich abgehängt im alltäglichen Leben.»
Auf den statistischen Schwindel hatte Föllmi die «Tages-Anzeiger»-Redaktion nicht aufmerksam gemacht. Der St. Galler Professor ist Mitglied eines Bankrats, Verwaltungsratspräsident einer Immobilien AG und der Handelsgruppe Markant. Zudem ist er Vorsitzender der Programmkommission von Avenir Suisse. Dass er sich für die Einkommen von Niedrigverdienenden einsetzt, ist nicht bekannt.
Grosse Medien haben auf die gross aufgemachte Tamedia-Desinformation bisher nicht reagiert. Die Redaktionen der vier Deutschschweizer Grossverlage schauen sich kaum mehr gegenseitig auf die Finger. Innerhalb der grossen Medienhäuser funktioniert die Selbstkorrektur schon lange nicht mehr.
Ein Grund mehr, dass es ergänzende Medien wie den Infosperber braucht.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Redaktor von Infosperber
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.










Ein Grund mehr, dass es ergänzende Medien wie den Infosperber braucht. …und ergänzende Parteien, die diese Fehlentwicklungen korrigieren.
Infosperbers klare Ausführungen zum Thema unseriöse Vergleiche mittels Prozentzahlen müssten in der Ausbildung von Journalisten, Kommunikationsfachleuten und Medienkonsumenten zum Pflichtstoff werden. Es sind nicht nur Tamedia-Mitarbeiter und ein St. Galler Wirtschaftsprofessor, die solche Vergleiche bemühen.
Analoge Schwindeleien verwenden auch das Bundesamt für Energie und die Baudirektion des Kantons Zürich, um dem Volk weiszumachen, die Windkraft sei ein unentbehrlicher Pfeiler der Stromversorgung; denn sie liefere im Winter mehr Strom als die Solarenergie.
Wie bei der Einkommensentwicklung zeigt sich: Sobald man statt Prozentwerten die absoluten Zahlen vergleicht, werden anstelle der irreführenden Aussagen die tatsächlichen Verhältnisse sichtbar.
„Von Prozenten können wir uns nichts kaufen: kein Brot, keine Milch, kein Gemüse. Wichtig sind Franken und Rappen“, so Marco Diener. Und auch der Stromlieferant stellt uns keine Prozente in Rechnung, sondern Kilowattstunden.
Ein weiterer Schwachpunkt dieser Analyse besteht darin, dass die Einkommen, wohl gemäss Steuererklärung, verglichen werden. Die wirklich Reichen werden aber reicher, ohne dass sie entsprechend hohe Einkommen versteuern.
Ich glaube es war Warren Buffet, der einmal anmerkte, er bezahle weniger Steuern als seine Sekretärin (er hat das nicht gutgeheissen).
Die Entwicklung der Vermögen ist viel aufschlussreicher. Und die zeigt, dass die Schere auf, nicht zu geht.
Das Hantieren mit Prozentzahlen verdeckt in vielen Bereichen die tatsächlichen Verhältnisse. Als der deutsche Kanzler kürzlich in einer TV-Livesendung auf den Unterschied der weltweiten Rüstungsausgaben zwischen dem Anteil der Nato-Staaten (55 %) und dem Russlands (6 %) befragt wurde, sei er «sich nicht ganz sicher, ob diese Zahlen so stimmten». Unabhängig davon, welche Annahmen das Stockholmer Friedensforschungsinstitut SIPRI dabei für 2024 zugrundegelegt hat – mit seiner Antwort zog Merz die Glaubhaftigkeit und damit deren militärpolitische Relevanz umgehend in Zweifel. Anderes Beispiel: mit der Verkündung eines «Rückgangs der Inflationsrate» wird verdeckt, dass die Preise gleichwohl weiter gestiegen sind. Und keineswegs, dass es wieder «billiger» geworden sei. So passt es besser zu der überwiegenden volkswirtschaftlichen Lehrmeinung von der Bedeutung von Preisstabilitätszielen.
Vielen Dank wiederum für eine gute Analyse, auch für die des Herrn Diener zum gleichen Tagi-Artikel.
Ja, leider werden wir von der etablierten Print-Presse zunehmend mit Propaganda versorgt.
Es stellt sich ja auch grundsätzlich die Frage, ob Löhne und die AHV-Rente immer prozentual angepasst werden sollten. Lebensmittel beispielsweise werden für alle um gleich viel teurer, ob sie nun hohe oder tiefe Einkommen haben. (Dass beim Landesindex der Konsumentenpreise auch ‚Luxusgüter‘ wie etwa Flugreisen einbezogen werden, hat für die ‚armen Schlucker‘ tendenziell eher negative Folgen…)
Auch bei der AHV führt diese Praxis dazu, dass die Minimal- und die Maximalrenten nominal immer weiter auseinanderklaffen, weil bei einem Anstieg die Minimalbezüger nur halb so viel mehr erhalten wie die Maximalbezüger. Muss es wirklich immer so bleiben, dass die Minimalrente exakt die Hälfte der Maximalrente beträgt?
Zu Einkommen generell verdient auch der Kommentar des Herrn Heierli (oben) Beachtung.