Sperberauge

«Fünfjähriges Mädchen tödlich von Skorpion gestochen»: Fake

Lupe © Depositphotos

Red. /  Die Schlagzeilen über eine Gruppe syrischer Flüchtlinge an der türkisch-griechischen Grenze erweisen sich als weitgehend erfunden.

upg. Medien wussten, dass zwischen der Türkei und Griechenland wegen der Flüchtlinge ein Medienkrieg tobte. Trotzdem verbreiteten einige aufgrund einer nicht überprüfbaren Quelle eine Geschichte, welche bei Leserinnen und Lesern Emotionen schürt.

Unter dem Titel «Maria, fünf Jahre, gestorben an der EU-Aussengrenze» berichtete der Spiegel am 10. August 2022, wegen unterlassener Hilfe der EU-Behörden sei ein Mädchen namens Maria am Stich eines Skorpions gestorben. In der Schweiz schrieb NZZ-Auslandredaktorin Elena Panagiotidis am 30. August auf NZZ-online über die riskante Überquerung des Flusses Evros nach Griechenland: «Über mehrere Wochen spielte sich dort im Juli und August ein Drama ab, bei dem ein fünfjähriges Mädchen zu Tode kam.»

Die Depeschenagentur SDA hatte es zwei Wochen vorher vorsichtiger und korrekt formuliert: «Nach Informationen griechischer Medien, die nicht offiziell bestätigt sind, sei in den vergangenen Tagen ein Kind allen Anzeichen nach durch einen Stich eines Skorpions auf der Kleininsel ums Leben gekommen.»

Die Quelle des Spiegels war eine junge Syrerin namens Baidaa S., die seit mehreren Jahren als Autorin und Influenzerin tätig war. Sie gab sich im Sommer 2022 als verzweifelte Sprecherin einer 38-köpfigen, mehrheitlich syrischen Flüchtlingsgruppe aus, die im türkisch-griechischen Grenzgebiet festsass. Sie berichtete vom gestorbenen Mädchen und auch von ihrer 70-jährigen Grossmutter, die in Gefahr sei.

Weil die Information des Spiegels über das gestorbene fünfjährige Mädchen angezweifelt wurde, schaltete sich der Spiegel-Ombudsmann ein. Dieser kam zum Schluss, dass es im fraglichen Grenzgebiet des Evros gar keine Skorpione gibt. Auch sei unsicher, ob sich die Gruppe syrischer Flüchtlinge tatsächlich auf griechischem Gebiet befunden hätten. Als die Gruppe Flüchtlinge am 15. August schliesslich nach Griechenland einreisen konnte, seien weder Baidaa noch ihre Grossmutter dabei gewesen.

In der NZZ vom 20. Januar haben Lucien Scherrer und Forrest Rogers die sommerliche «Medienkampagne gegen die Migrationspolitik der EU» aufgearbeitet. Unter dem Titel «Die fragwürdige Kronzeugin des ‹Spiegels›» kritisierte die NZZ die halbbatzige Aufarbeitung durch den Spiegel, der auf wichtige Fragen nicht eingegangen sei: «Weshalb war Baidaa S.’ Name nicht auf der Liste, welche die Flüchtlinge an den Europäischen Menschenrechtsgerichtshof geschickt haben? Wie konnte sie als Asylsuchende einfach aus Griechenland ausreisen? War sie im Sommer 2022 überhaupt noch ein Flüchtling oder spielte sie den Medien etwas vor?»

Die NZZ hatte nämlich herausgefunden, dass Baidaa S. sich bereits im Herbst 2021 mit einem Syrer, der seit 2015 in Deutschland lebt, verlobt hatte. Baidaa S. postete im Jahr 2021 etliche Bilder aus Deutschland. Natürlich sei denkbar, dass Baidaa S. die Bilder von ihrem Mann erhielt und sie in der Türkei publizierte. Verdächtig sei, dass Baidaa S. im Januar 2023 ihren Instagram- und Tiktok-Account gelöscht habe. Und im Dorf, wo ihr Mann lebt, sagten Nachbarn, Baidaa S. zu kennen. Sie habe zuerst in der Aufnahmeeinrichtung Speyer gelebt und dann in Trier. Die Wochenenden verbringe sie bei ihrem Mann.

Baidaa S. habe auf Anfrage der NZZ lediglich die Frage beantwortet, warum ihre Grossmutter nicht bei der Gruppe war, die nach Griechenland einreisen konnte: «Meine Grossmutter ist noch gar nicht in Griechenland.»

Fazit: Das Narrativ «Unmenschlichkeit der EU-Grenzbehörden ist daran schuld, dass ein 5-jähriges Mädchen wegen eines Skorpion-Stichs sterben musste» spricht Emotionen an und kann Auflagen und Klickzahlen steigern. Gerade bei solchen Geschichten sollten Journalistinnen und Journalisten besonders vorsichtig sein.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.

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Eine Meinung zu

  • am 26.01.2023 um 01:40 Uhr
    Permalink

    Leider leben wir in einer Welt voller Lügen. Dies könnte uns eines Tages noch um Kopf und Kragen bringen. Lügen führen Andere in die Irre, sie sind nach meiner Ansicht eine Form von subtiler Gewalt. Bewusste Fehlinformationen zu verbreiten sind niederträchtige Aktionen, welche zu Zerstörung und Fehlbeurteilungen führen können bis hin zu tragischen Konsequenzen. Lügen können ganze Kriege auslösen. Sie verursachen mehr Elend als von uns Menschen eingestanden wird.

    0

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