Corona-Drama um zwei Blasinstrumente

Rainer Stadler ©

Rainer Stadler /  Ein Geburtstagsständchen im Bundeshaus verärgert Journalisten. Und einen Wissenschafter. Wie absurd.

Sie sind wieder besorgt. Um das Wohl des Volks. Und empört. Über zügellose Politiker in Corona-Zeiten. Der «Blick» berichtet von einem skandalösen Konzert im Bundeshaus. Tatsächlich war dort zu Ehren des neuen Ständeratspräsidenten Alex Kuprecht die Ländlerkapelle von Carlo Brunner aufgetreten.

Darf man das in Corona-Zeiten? Natürlich nicht, finden die Blattmacher und zitieren empörte Twitter-Stimmen. Natürlich nicht, sagt auch ein «Tages-Anzeiger»-Kommentator. Dieser sieht wegen der musikalischen Aktion im Herzen der Schweizer Demokratie gar das Vertrauen in die Institutionen gefährdet. Das sei völlig ungerecht. Dem Volk werde alles verboten, während man sich im Bundeshaus alles erlaube, heisst es sinngemäss. Gross im Bild zeigt der «Tages-Anzeiger» Carlo Brunner mit seinem Kollegen Philipp Mettler, der ein Sopransaxofon in Richtung Kamera hält. Oh Schreck, Virenalarm. Ein Blasinstrument!

Die beiden Informationsorgane haben auch einen Experten zur Hand, die Drama-Queen der Wissenschaft, den Epidemiologen Christian Althaus. Dieser schreibt, befreit vom Zwang der Kommaregeln, auf Twitter: «Das Land das bald 5000 Todesfälle zu beklagen hat feiert munter weiter. Und zwar mit Blasmusik. Derweil sich der Rest der Bevölkerung Mühe gibt die Pandemie einzugrenzen.» Der «Blick» beruft sich zudem ausgerechnet auf den ehemaligen Chef-Volksmusiker des Schweizer Fernsehens, Sepp Trütsch. Auch der ist empört. Das «Blaskonzert» sei ein Skandal, lässt er sich zitieren.

Fakt ist: Im Bundeshaus spielten vier Musiker vor Politikern, die hinter Glasscheiben vor allenfalls herumschwirrenden Viren abgeschirmt waren. Ganze zwei Blasinstrumente waren im Einsatz: zwei Sopransaxofone – alles weit unterhalb der bundesrätlichen Corona-Limiten.

Seit dem Ausbruch der Corona-Epidemie sind fast schon alle Aspekte des menschlichen Atmens untersucht worden, so auch die Risiken beim Betätigen von Blasinstrumenten. Es zeigte sich, dass die damit verbundenen Gefahren – entgegen dem Klischee – gering sind. Als heikel wird allein die Querflöte eingeschätzt. In diesem Sinn hat denn auch der Bundesrat bei den Corona-Verordnungen einen Unterschied zwischen Sängern und Blasmusikern gemacht. Letztere müssen weniger Restriktionen beachten als Erstere.

Davon wissen die Empörten offensichtlich nichts. Schreiben, ohne etwas zu wissen, ist ein schönes Privileg von Journalisten. Und von ein paar Akademikern, die ihren Beruf verfehlt haben.


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8 Meinungen

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    am 3.12.2020 um 11:12 Uhr
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    Dummheit ist eben in der Schweiz nicht illegal…

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    am 3.12.2020 um 11:57 Uhr
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    Lieber Herr Stalder

    Sie können doch nicht im Ernst davon ausgehen, dass es bei dieser Medienschelte um die Übertragung des Virus im Parlamentssaal ging. Es ist die Symbolik des Anlasses, die zu fürchten ist. «Wenn DIE sich alles erlauben, wieso soll ICH dann auf alles verzichten?» – Das ist die zu befürchtende Wirkung. Von dem her verstehe ich den Aufschrei schon. Wir leben nun mal im Kontext einer extrem durch Symbole und Semantiken geprägten Gesellschaft.

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    am 3.12.2020 um 12:01 Uhr
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    Als wir Samstag 28.11. Weihnachtseinkäufe an der Freiestrasse in Basel machten, staunten wir nicht schlecht ob den Kolonnen von Polizeifahrzeugen mit Polizisten in voller Kampfmontur. Beim Eingang der Freiestrasse stand ein Polizeiwagen mit Leuchtschrift zur Mahnung der Maskentragpflicht. Mein erster Gedanke war – das kann doch nicht sein, dass jetzt die Maskentragpflicht mit solch grossem Geschütz durchgesetzt wird. Erst später tauchte dann der Antifa-Demonstrationszug in der Querstrasse mit über 2000 Teilnehmern (gem. Basler Zeitung) auf, Schulter an Schulter, mit und ohne Masken, mit lautem Kampfgeschrei – und Gesang, nicht 15 Minuten, sondern über 2 Stunden. Am sinkenden Trend seit dem 15.11. bei Fallzahlen, Hospitalisationen und Todesfällen – notabene schon seit vor Schliessung der Restaurants ab 23.11. – hat das nichts geändert. Da werden die 2 Klarinetten im Bundeshaus mit genügend Abstand und Plexiglasschutz wohl kaum einen Einfluss haben.

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    am 3.12.2020 um 13:21 Uhr
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    Die Frage ist, von welchem Standpunkt aus man die Feier betrachtet.
    Vom üblichen Standpunkt infosperber sind Ihre Ausführungen alle richtig.
    Vom Standpunkt der medialen Panikmache darf man sich schon fragen, ob die lockere Feier passend war.

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    am 3.12.2020 um 14:14 Uhr
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    Lieber Rainer Stadler, ich habe Sie immer sehr geschätzt als kompetenter und unabhängiger Medienjournalist. Auch bin ich mit der Aussage Ihres Beitrags einverstanden. Aber was soll der gehässige letzte Abschnitt an die Adresse Ihrer Berufskollegen? Damit untergraben Sie nicht nur Ihre eigene, sondern auch die Glaubwürdigkeit derjenigen Kollegen, die ihre Arbeit ernst nehmen und sich an die Fakten halten. Und wie kommen Sie dazu, Akademikern zu unterstellen, sie hätten ihren Beruf verpasst, nur weil sie ihre (womöglich sogar begründete) Meinung äussern? Damit reihen Sie sich selber in genau diese Kategorie von Kritikern ein, die über Dinge schreiben, die sie nicht wissen (können). Schade.

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    am 5.12.2020 um 10:33 Uhr
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    Rainer Stadler macht das «Köppel-Prinzip», Gegenstandpunkt übernehmen dann bin ich im Gespräch. Kompetenz ist da nicht zwingend. Wissen zu Aerosolen nicht wichtig und etwas über die Symbolik von Bildern, auch nicht wichtig. In Zeiten von Corona wird von der Bevölkerung zurecht genauer hingeschaut und der Auftritt von Carlo Brunner war fehl am Platz. Er selber hat ja eingesehen dass er zum «A….loch der Nation» geworden ist.

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    am 5.12.2020 um 13:25 Uhr
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    Oh, welch Freude! Der erste sachliche Bericht in diesem Zusammenhang. Der erste Journalist, der den Unterschied zwischen Blasmusik und Blaskapelle verstanden hat. Das erste Schweizer Medium, dass die Forschung zu Blasinstrumenten aufnimmt. Bravo!
    (ich bin selber Journalist und Präsident des Schweizer Blasmusik-Dirigentenverbandes)

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    am 9.12.2020 um 18:57 Uhr
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    Ich habe früher selber Posaune gespielt. Selbstverständlich entstehen viele grosse Tröpfchen im Mundstück, aber diese kondensieren am langen, kalten Mettal und werden periodisch mit einem Hähnchen entleert (da muss man natürlich achtsam sein). Beim Trichter kommen nur noch Aerosole heraus, aber wegen der allmählichen Ausweitung mit einer sehr geringen Geschwindigkeit. Da ist Sprechen viel schlimmer, aber ein Gebot wenig und leise zu sprechen gehört nicht zu den offiziellen Empfehlungen, da ist eine Maskenpflicht offenbar einfacher zu machen und akzeptieren.

    @Hunkeler: nicht nur in der Schweiz. Gestern wurde die erste Impfung einer 90-jährigen Frau in einer britischen medizinischen Einrichtung im Fernsehen gezeigt. Nachher wurde sie im Rollstuhl einen engen Gang hindurch gestossen, wo ein Dutzend oder mehr Leute links und rechts Spalier standen (praktisch kein Abstand möglich), klatschten und grölten. Auch mit Maske dürfte da einiges auf die Hochrisikoperson heruntergerieselt sein. Und das waren Profis!

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