Polizei

Auch Gesetzeshüter schätzen soziale Netzwerke. © Alexas_Fotos

Die Winterthurer Polizei machte es falsch

Rainer Stadler /  In sozialen Netzwerken zeigen sich Polizeistellen locker. So auch die Winterthurer Gesetzeshüter. Das kann schiefgehen.

Auch Polizeistellen suchen den direkten Kontakt zur Bevölkerung und nutzen darum die sozialen Netzwerke. Um kommunikative Barrieren zu verhindern, versuchen es manche mit Humor. Das erhöht die Chance, Sympathiepunkte zu gewinnen und gar freundliche Medienberichte auszulösen. Im locker gestimmten Milieu der sozialen Netzwerke gleichen steife Medienmitteilungen einem Fauxpas. Man will die Leute – so der derzeitige Jargon – auf Augenhöhe ansprechen.

In diesem Sinn wandte sich die Stadtpolizei Winterthur am 8. April an die Jugendlichen. Dies mit dem Ziel, Krawallen vorzubeugen. Das ging schief.

Da heisst es zuerst: «Liebe Jugendliche, bitte folgt Aufrufen in den (Sozialen)-Medien zu Ausschreitungen nicht. Einzelne haben wohl ein Interesse daran, dass es zu Gewalt kommt, denn sie verdienen Geld mit solchen News, vor allem mit Videos.»

Schwammige Aussage

War das eine schwammig formulierte Medienkritik? Auf Facebook fragte ein Journalist, wer gemeint sei. Die Polizei antwortete: «Es liegt uns fern, auf Youtuber, Instagrammer, SnapChater oder Medienschaffende zu zeigen. Wir möchten vor allem die Jugendlichen darauf sensibilisieren, dass Bilder (insbesondere Videos) von solchen Anlässen weit verbreitet werden. Wenn dabei noch ein gut gemeinter Appell an das Verantwortungsbewusstsein dieser Bilderproduzentinnen und Bilderproduzenten mitschwingt, ist uns das recht.»

Die nachgeschobene Erklärung der Polizei bleibt so schwammig wie die erste Äusserung. Die Behauptung, es gebe finanzielle Interessen an Gewaltszenen, bleibt im leeren Raum stehen. Das Einmaleins der Kommunikation umfasst die Regel: Rede klar und deutlich. Daran sollte sich gerade auch eine amtliche Stelle halten. Auf Spekulationen hat sie zu verzichten.

Weiter heisst es in der polizeilichen Rede: «Manchmal wird versucht, einen Keil zwischen uns zu treiben, also zwischen euch Jugendliche und uns Polizistinnen und Polizisten. Denn so lassen sich einfach Schuldige finden: Jugendliche, die Regeln brechen, und die Polizei, die wahlweise zu hart oder zu soft einschreitet.» Das erinnert an die Sprache von Verschwörungsträumern, die böse Hintermänner am Werk sehen, welche eine Gemeinschaft sprengen wollen. Eine solche gibt es zwischen Jugendlichen und Polizei ohnehin nicht. Das darf man feststellen, ohne gleich ein Feindbild Polizei konstruieren zu müssen.

«Die Sprache von Losern»

Ferner schreibt die Winterhurer Polizei: «Gewalt ist die Sprache von Losern.» Zweifellos gilt: Gewalt ist nicht akzeptabel und zudem illegal. Doch es ist nicht die Aufgabe der Polizei, Gesetzesbrecher charakterlich zu qualifizieren, auch nicht in diffuser, anonymer Form, und schon gar nicht vor erfolgten Taten.

Schliesslich notiert die Polizei: «Ihr lebt in einer schwierigen Zeit und – Kompliment – ihr macht es gut! Ihr arrangiert euch oft besser mit der Situation, als wir Erwachsenen.» Auch das ist eine vage Aussage ohne konkrete Grundlagen, die nur dazu dient, sich bei den Jungen anzubiedern. Die paternalistische Haltung ist da nur kaschiert. Sie impliziert die Meinung, Jugendliche seien intellektuell recht beschränkte Wesen, die nur mit kumpelhaftem Geplapper erreichbar seien.

Die Kernbotschaft wäre einfach: Die Polizei macht keine Gesetze, aber sie hat den Auftrag, für die Einhaltung der Gesetze zu sorgen. Für alle gelten dieselben Regeln. Wer sich nicht daran hält, muss mit Konsequenzen rechnen.

Das kann man selbstverständlich weniger formalistisch und weniger trocken mitteilen. Eine Botschaft auf Augenhöhe setzt aber voraus, dass man auf schwammige Aussagen verzichtet und den Angesprochenen die Fähigkeit zutraut, mit klaren Fakten und Argumenten umzugehen.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine.

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Eine Meinung zu

  • am 12.04.2021 um 22:41 Uhr
    Permalink

    Wenn man von einem «gewaltbereiten Kern» mal absieht, will der rest der Jugend wohl eher feiern als Ärger. In einigen Kantonen geht das offensichtlich sogar ohne Maskenzwang.(siehe Basel) Aber Randalierer und «Astro turfer» sollte man schon angehen. Die einen wollen radikale Wut und Frust ausleben, die Anderen werden dafür bezahlt, es ihnen gleich zu tun. Missbrauch von Sozialen Netzwerken, wie es zum Beispiel Cambridge Analytica betreibt, um gewaltbereite auch noch aufzustacheln, und zu vernetzen, sollte stärker geahndet werden. (Nur meine Meinung).

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