Jacques Servier Mediator

Pharmaunternehmer Jacques Servier (✝︎2014) verkaufte Diabetesmittel als Schlankheitspillen. Hunderte starben. © arte

Tödliche Pillen: Nach 11 Jahren eine Busse und bedingte Strafe

Urs P. Gasche /  «Schlankheitspillen: Tausende erlitten einen Herzklappenfehler und rund 2000 Frauen und Männer starben. Erst jetzt ein Strafurteil.

Das Diabetes- und Cholesterin-Medikament Mediator wurde mit Wissen und Zustimmung des Pharmaherstellers, Servier, immer häufiger als Appetitzügler und Schlankheitspille verwendet. Bis zum Verbot verkaufte Servier das Medikament an rund fünf Millionen Menschen.
Wegen «Tötung ohne Vorsatz», «Körperverletzung» und «schwerer Täuschung» [der Öffentlichkeit] hat ein Pariser Strafgericht das zweitgrösste Pharmaunternehmen Frankreichs Servier jetzt zu einer Busse von 2,7 Millionen Euro verurteilt. «Im Vergleich mit dem Jahresumsatz von rund 4,7 Milliarden Euro handelt es sich um eine lächerliche Busse», erklärte der Anwalt der Zivilkläger, Jean-Christophe Coubris.
Der damals zuständige Servier-Vizepräsident Philippe Seta kam mit einer auf vier Jahre bedingten Haftstrafe davon. Der ebenfalls angeklagte Firmengründer Jacques Servier ist im Jahr 2014 gestorben.
Vor Zivilgerichten wollen die Zivilkläger jetzt zusammen eine Milliarde Euro als Schadenersatz für betroffene Patientinnen und Patienten sowie für die Krankenkassen einfordern. Krankenkassen mussten das Medikament Mediator zu 65 Prozent vergüten.
Mit rund 3700 gesundheitlich geschädigten Patientinnen und Patienten hat sich der Pharmakonzern gütlich auf eine Entschädigung geeinigt und bisher insgesamt 178 Millionen Euro ausbezahlt (durchschnittlich 48’000 Euro pro geschädigte Person).
Die Zahl der wegen Mediator Gestorbenen wird auf rund 2000 geschätzt.

Diabetes- und Cholesterin-Medikament als Appetitzügler und Schlankheitspille beworben

Das Medikament Mediator wurde bereits 1976 zugelassen und wurde zu einem Verkaufsschlager. Erst als Tausende wegen Mediator Fehler an der Herzklappe entwickelten, verboten die Behörden im Jahr 2009 den Verkauf. Zwei Jahre vorher hatte die Lungenärztin Irène Frachon aus der Bretagne im Buch «Mediator 150 mg – combien de morts?» noch vergeblich Alarm geschlagen. Sie beschrieb ihre Erfahrungen im Spital von Brest und warf dem Pharmaunternehmen vor, die Risiken von Mediator, dessen Wirkstoff Benfluorex ein Amphetamin-Derivat ist, längst gekannt zu haben.
Bereits 1999, zehn Jahre vor dem Verbot, wurde über deutliche Hinweise auf schwere Nebenwirkungen berichtet.
Frankreichs Medikamenten-Aufsichtsbehörde ANSM («Agence nationale de sécurité du médicament») schaute dem Marketing-Treiben zu. Das Pariser Gericht erklärt die Behörde jetzt wegen «besonders schwerer Vernachlässigung ihrer Kontrollaufsicht» für schuldig. Doch die ANSM kommt mit einer Busse von 303’000 Euro davon. Infosperber hatte am 10. November 2011 über eine Recherche auf ARTE berichtet: «Der Skandal um das Diabetes-Medikament Mediator entlarvt den Filz zwischen Pharma und Behörden».

Deutschland hat Mediator nie zugelassen. In der Schweiz erteilte Swissmedic im Jahr 1981 die Zulassung, äusserte dann jedoch im Jahr 1997 Bedenken, worauf Servier das Medikament auf dem Schweizer Markt nicht mehr vertrieb.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine.

Zum Infosperber-Dossier:

Pillen

Die Politik der Pharmakonzerne

Sie gehören zu den mächtigsten Konzernen der Welt und haben einen grossen Einfluss auf die Gesundheitspolitik.

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Eine Meinung zu

  • am 11.04.2021 um 14:18 Uhr
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    Das hier zum Ausdruck kommende tiefe Bedürfnis nach einem Strafurteil verstehe ich nicht ganz.

    0

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