Peter_Jni_Sabine_Olff

Professor Peter Jüni: Screening verlängert das Leben der Frauen nicht, führt aber zu Überdiagnosen © Sabine Olff

Test mit 90’000 Frauen: Kein Nutzen des Screenings

upg /  Ein Vergleich von Frauen mit und ohne Früherkennung zeigt keinen Nutzen, nur Schaden. Die Resultate hat das BMJ veröffentlicht.

Kaum wurde dem «Swiss Medical Board» vorgeworfen, es habe lediglich alte Studien neu ausgewertet, veröffentlicht das «British Medical Journal» BMJ die grösste und längste je gemachte Studie über den Nutzen der Mammografie-Screenings. Der Vergleich mit und ohne Früherkennung kam zum überraschenden Schluss, dass Screening-Programme den Frauen keinen Nutzen bringen, sondern nur unnötig viele Krebsbehandlungen.
Verbesserungen brachten Medikamente, nicht Screenings
Lebensverlängernd seien Medikamente wie Tamoxifen, jedoch nicht Mammografien zur Früherkennung. Ältere Studien hätten einen Nutzen der Screenings möglicherweise deshalb gezeigt, weil es damals solche Medikamente und andere bessere Behandlungsmethoden noch nicht gegeben habe, schreibt das «British Medical Journal» in einem Editorial zur gleichzeitig veröffentlichten Studie (siehe Originalstudie im PDF-Format unten).

Die 90’000 Frauen wurden vor 25 Jahren durch Los in zwei Gruppen eingeteilt: Die eine Gruppe nahm an regelmässigen Brust-Screenings zur Früherkennung teil, die andere liess sich die Brüste nur mit Abtasten regelmässig prüfen.
Die Studie wollte herausfinden, wie nützlich es ist, wenn man durch Röntgenbilder kleinste Krebszellen entdeckt, die man von Hand nicht aufspüren kann.
Frühere Studien, welche Frauen jedoch nicht nach dem Zufallsprinzip aufteilten, zeigten Vorteile für Screenings. Doch die kanadische Vergleichstudie kommt nach einer langen Beobachtungszeit zum Schluss, dass die Teilnehmenden am Sreening ebenso häufig an Brustkrebs starben wie die andern.
Eine von drei Frauen ohne Nutzen behandelt
Fast ein Drittel der Frauen der Screening-Gruppe, bei denen Krebszellen entdeckt wurden, sei ohne Nutzen behandelt worden, erklärt Professor Anthony B. Miller der University of Toronto, einer der Autoren der Studie. Ärzte wüssten nach dem Entdecken von lokalen Krebszellen nicht, ob sie gefährlich würden oder nicht, und würden deshalb alle behandeln, häufig durch Teilamputation.
Alle ohne Nutzen gegen Krebs behandelten Frauen sind im falschen Glauben, dass sie die Früherkennung vor dem Tod an Brustkrebs bewahrt habe.
«Nicht mehr behaupten, Screening rette Leben»
«Die Geschichte der Screenings ist nicht trivial», kommentiert Professor Peter Jüni, Direktor des Instituts für Sozial- und Präventivmedizin der Universität Bern und früherer Expertenrat des «Swiss Medical Board», in der New York Times. Es sei vor allem zu bedenken, dass Screening-Programme «das Gesamtüberleben der Frauen nicht verlängere, aber zu vielen Überdiagnosen» führten.
Frühere Studien beobachteten das Vermeiden von Todesfällen an Brustkrebs. Screening-Frauen könnten jedoch infolge der Behandlungen vermehrt an andern Krebsarten sterben, sagt Professor Gilbert Welch, der seine letzte Metastudie über das Screening im Dezember 2013 veröffentlicht hat: «Wir sollten nicht mehr behaupten, Screening rette Leben.»

«Rücksicht auf Frauenpraxen und Radiologen»
Nachdem das «Swiss Medical Board» das Screening in Frage stellte, kritisierte Thomas Cerny, Chefarzt für Onkologie am St. Galler Kantonsspital, das «Board» habe die neuesten Fortschritte in der Diagnostik nicht berücksichtigt. Doch eine bessere Diagnostik, die noch mehr winzige Tumorknoten entdeckt, führt zu noch mehr Überbehandlungen ohne Nutzen. Das würde sich erst ändern, wenn man die entdeckten Krebszellen in «lebenslang schlummernde» und «gefährlich werdende» unterteilen könnte. Doch dies ist nicht der Fall.
Einigkeit herrscht darin, dass unkontrollierte Röntgenuntersuchungen zur Früherkennung, die einzelne Ärzte ausserhalb der Screening-Programme durchführen, zu noch mehr Fehlbeurteilungen führen. Aber weder Behörden noch Ärzte noch die Krebsliga warnen klar und deutlich vor individuellen Röntgenbildern zur Früherkennung – nicht einmal in Kantonen, wo es qualitätskontrollierte Screening-Programme gibt. «Man nimmt Rücksicht auf Frauenpraxen mit Röntgenapparaten und auf Radiologen, statt sich für die Interessen der Frauen einzusetzen», kritisiert Erika Ziltener, Präsidentin des Patientenstellen-Dachverbands.

Quelle: «Twenty five year follow-up for breast cancer incidence and mortality of the Canadian National Breast Screening Study: randomised screening trial», BMJ 2014;348:g366 (Download des PDF siehe weiter unten)

Siehe

Zum Infosperber-Dossier:

RntgenZeichnung_Brust

Sinn und Unsinn der Früherkennung

Je früher man Risikofaktoren entdecken kann, desto mehr Menschen werden «krank» und ohne Nutzen behandelt.

War dieser Artikel nützlich?
Ja:
Nein:


Infosperber gibt es nur dank unbezahlter Arbeit und Spenden.
Spenden kann man bei den Steuern in Abzug bringen.

IBAN: CH 0309000000604575581

Eine Meinung zu

  • Avatar
    am 16.02.2014 um 15:03 Uhr
    Permalink

    aus http://www.bertelsmann-stiftung.de
    Eine Frau unterzieht sich einem Mammografie-Screening.
    Brustkrebs: Jede zweite Frau über Früherkennung falsch oder gar nicht informiert
    Jede zweite Frau ist falsch oder unzureichend informiert, wenn es um Früherkennung von Brustkrebs oder Mammografie-Screening geht. Darüber hinaus deckt der aktuelle Gesundheitsmonitor von Bertelsmann Stiftung und BARMER GEK erhebliche Informationsdefizite auf. Die Befragung von 1.852 Frauen führte zu teils alarmierenden Ergebnissen.
    Fortsetzung auf Bertelsmann
    Grüsse

    0

Ihre Meinung

Lade Eingabefeld...