Harald Buchmann

Autor Harald Buchmann im Quarantäne-Zimmer eines Hotels © H.B.

So erlebe ich die Covid-Politik in China

Harald Buchmann /  Als Schweizer in China sehe ich die Unzufriedenheit vieler Ex-Pats und ein stoisches Mitmachen der meisten Chinesen.

Red. Der St. Galler Harald Buchmann arbeitet für ein chinesisches Tech-Unternehmen in Beijing und ist publizistisch tätig. Er hält die westliche Berichterstattung über China – nicht nur über die dortige Null-Covid-Politik – für einseitig. Der persönlich gefärbte Bericht verschafft einen Einblick in den Alltag eines Schweizers.


Die Covid-Massnahmen in China werden im Westen oft als extrem und übertrieben beschrieben. Ich erlebe das Ganze viel harmloser, auch wenn es in einem riesigen Land wie China sicher auch extreme Vorkommnisse gibt. Laut diversen Schätzungen waren seit Beginn des Covid-Ausbruchs vor zweieinhalb Jahren rund 400 Millionen Chinesen schon einmal mindestens kurzfristig von einem Lockdown betroffen, also etwa 30 Prozent der Bevölkerung. 

Ausser in Wuhan ganz zu Beginn und in Shanghai dieses Jahr wurde kaum eine grössere Unzufriedenheit unter der Bevölkerung oder ein grösseres Behördenversagen bekannt. Man war zwei Jahre lang sogar stolz auf das Management durch die Behörden.

Der Lockdown in Shanghai führte zu viel Kritik, insbesondere weil er als kurzer Lockdown für wenige Tage angekündigt, dann aber auf zwei Monate verlängert wurde. Anfangs war auch die Versorgung mit Lebensmitteln teilweise schlecht organisiert. So gross und wichtig Shanghai ist, wurde die Bedeutung dieses Lockdowns für die Gesamtbevölkerung in westlichen Medien doch stark überzeichnet. Wohl nicht zuletzt, weil in keiner anderen Stadt so viele Ausländer wohnen wie in Shanghai. 

Schockierende Einzelfälle fanden tatsächlich statt und gehören aufgearbeitet und verantwortliche Beamte hart bestraft (was auch tatsächlich geschieht), aber sie widerspiegeln nicht den Alltag der chinesischen Bevölkerung. 

Ich beschreibe im Folgenden meinen eigenen Alltag und meine Beobachtungen in China mit den Covid-Massnahmen. 

Das Covid-Zertifikat

Da mein neuer Job in Shanghai ist, meine Familie aber in Beijing wohnt, erlebe ich derzeit die Reisebeschränkungen wegen Covid in China hautnah. Die Distanz von rund 1200 Kilometer ist mit der Bahn in viereinhalb Stunden oder im Flugzeug in rund zwei Stunden zu bewältigen. Die Bahn lief immer regulär. Flüge sind auch wieder sehr viele verfügbar, wenn auch nicht alle 10 Minuten wie noch 2019. Zum Reisen benötigt man ein Covid-Zertifikat, das bestätigt, dass man mit keinem bekannten Infizierten in Kontakt war, sowie zusätzlich einen Covid-Test der letzten 48 Stunden, welcher kostenlos an jeder Strassenecke und bei jedem Wohnquartier angeboten wird. 

Rachenabstrich China.
Rachenabstrich und Registrierung vor dem Gebäudeeingang

Diese Tests funktionieren so: An einer ersten Position registriert man in Beijing seine ID oder Passnummer. Shanghai ist noch effizienter und hat die Passnummer in einem QR-Code hinterlegt, weshalb man lediglich den Code scannt. Am zweiten Posten macht dann jemand den Abstrich, der häufiger auf der Zunge als im Rachen stattfindet. Das Ganze dauert oft keine zwei Minuten inklusive Anstehen. 

Die Tests werden je nach Covid-Lage durchgeführt: normalerweise braucht man einen Test alle drei Tage um in öffentliche Räume zu gehen, und es werden 10 Abstriche gemeinsam ausgewertet. Treten an einem Ort Fälle auf, so werden die Samples in kleineren Gruppen oder einzeln ausgewertet, und in Krisen werden tägliche Tests verlangt.

«Verlangt» heisst nicht, dass man zum Test gezwungen wird. Mir ist es auch schon passiert, als ich von zuhause arbeitete und plötzlich merkte, dass ich fünf Tage lang keinen Test gemacht hatte und daher nicht in den Supermarkt gehen konnte. In solchen Fällen kann man sich das Essen (ob Zutaten oder fertige Gerichte von Restaurants) natürlich liefern lassen. Das dauert rund dreissig Minuten und war in China schon vor Covid sehr üblich. Ich weiss von Hausfrauen in der Nachbarschaft, die wochenlang keinen Test machten.

Ineffizienz und Überforderung

Nun kann man sich fragen: unsorgfältige Abstriche, nur im Rachen nicht in der Nase, Tests die manchmal unzuverlässig sind, und Leute die sich nicht testen lassen: Bringt das überhaupt etwas? Das Prinzip ist das Gleiche, welches China zu Covid von Beginn weg einsetzte: Jeder Schritt erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass man Infektionen frühzeitig entdeckt und Übertragungen verhindert. Vergleichsweise fuhr China bisher damit gut. Es gab vergleichweise weniger Todesfälle und bis zu diesem Jahr auch keine merklichen Auswirkungen auf die Wirtschaft. 

Es gibt Videos von Freiwilligen, welche Covid Teststreifen auf gefrorenem Fisch oder auf Lastwagenreifen abstreichen. Auch als ich aus Singapur nach China zurückflog und zehn Tage in Quarantäne musste, wurde ich am letzten Tag gebeten, Abstriche auf Kopfkissen und Wasserhahn zu machen. Darüber lachen auch Chinesen, weil es übertrieben scheint. Dass sich Chinesen über solche Massnahmen ärgern, habe ich hingegen nicht gehört. Warum auch? Es behindert sie ja wenig. 

Andererseits wurden Lastwagenfahrer schwer schikaniert, aus Sorge sie könnten das Virus von einer Region in eine andere verschleppen. Es gab Untersuchungen, die zum Schluss kamen, Covid sei durch gefrorene Fische importiert worden. Anstatt Importe zu verbieten und Fahrern das Verlassen der Kabine zu verbieten, erscheint es humaner, solche Desinfizierungen vorzunehmen. Sie werden kaum etwas nützen, tun aber niemandem weh. Das gleiche gilt für Desinfektion einer Flughafenpiste oder ganzer Strassenzüge. 

Nicht alles ist sinnvoll, aber es herrscht vielleicht eine gewisse Ratlosigkeit bei den Lokalbehörden, weil Übertragungen trotz grösster Vorsicht immer wieder vorkommen. Es handelt sich bei Zehntausenden von Bezirken meist um keine Infektionsexperten, sondern um normale Beamte, welche abdelegiert werden, sich um die Covidprävention zu kümmern. Keiner will derjenige sein, in dessen Bezirk ein grosser Ausbruch begann und nicht bemerkt wurde.

Pendeln, Geschäfts- und andere Reisen

Zurück zu meinen Reisen: Die grösste Sorge beim Pendeln ist, dass entweder in Beijing oder in Shanghai Covid Fälle ausbrechen, was die jeweils andere Stadt veranlasst, den Zugang zu verbieten oder eine Quarantäne anzuordnen. Noch Anfang Jahr konnte es passieren, dass man mehrere Tage zentral oder zuhause in Quarantäne musste, weil in der Herkunftsstadt unter zwanzig Millionen Einwohnern zehn Fälle aufgetaucht waren. Diese Regel wurde kürzlich angepasst, so dass jetzt nicht mehr ganz Shanghai als Einheit genommen wird, sondern die einzelnen «Strassenzüge», also die kleinste administrative Einheit, jeweils nur wenige Quadratkilometer gross. 

Tatsächlich gab es die letzten Wochen einige Covidfälle in dem Bezirk, in dem ich arbeite, weshalb die Covid-App Beijings mich als Risiko einstufte. Daher musste ich mich beim «Nachbarschaftskomitee» melden – Vertreter der KP, die in einzelnen Compounds Regeln erklären, Konflikte schlichten und wo nötig auch Sozialarbeit betreiben. Bei diesem Komitee konnte ich dann einen aktuellen Test vorweisen und schriftlich erklären, dass ich nicht in den betroffenen Strassenzügen war. Damit wurde mein Covidzertifikat wiederhergestellt. 

Ziemlich absurd an der Sache ist, dass Shanghai und Beijing ihre Covid-Tests gegenseitig nicht anerkennen. Normalerweise reichen zwei negative Testresultate aus, um das Zertifikat auch ohne schriftliche Erklärung wiederherzustellen. Aber wenn ich nur zwei Tage in Beijing bin, reicht die Zeit nicht aus, um zwei Tests in Beijing zu machen, und die Resultate aus Shanghai gelten nicht. Ein Problem ist das nicht, aber schon verwunderlich.

Im Vergleich zum Pendeln sind Geschäfts- oder Ferienreisen deutlich komplizierter, da jede Region leicht andere Regeln hat, und wenn man Pech hat, kann man nicht weiter oder zurückreisen, wenn an einem Ort gerade viele Fälle auftreten. Besonders hart traf es kürzlich Touristen auf der chinesischen Südseeinsel Hainan, wo aufgrund vieler Fälle kurzfristig ein Lockdown beschlossen wurde. Dieser dauerte zwar nur ein paar Tage, aber Touristen mussten zum Teil auf eigene Kosten ihren Aufenthalt im Hotel verlängern, durften die letzten Tage dann aber nicht raus. Wer da keine Covid-Versicherung hatte, erhielt hohe Kosten ohne Nutzen, was zukünftige Reiselust negativ beeinflussen dürfte.

Die schwierige Situation der Expats

Bett im Quarantänezimmer
Das Bett im Quarantänezimmer eines Hotels

Am härtesten treffen Covidmassnahmen Ausländer oder chinesische Privatunternehmer mit internationalen Geschäften. Denn das Ein- und Ausreisen nach und von China ist in der Tat mühsam. Die Quarantänezeit wurde zwar im Juli deutlich verkürzt, von 14 Tagen auf 7+3, das heisst 7 Tage in einer Quarantänestation und drei weitere Tage zuhause, falls man in der betreffenden Stadt eine Wohnung hat. In meinem Fall waren es 10 Tage, da es noch immer keine direkten internationalen Flüge nach Beijing gibt. Quarantänestationen sind in aller Regel nicht etwa Notkrankenhäuser, wie man sie auf Bildern aus Shanghai oder Wuhan sah, sondern meist umgenutzte Hotels oder Geschäftsgebäude.


Mindestens vier Tage Lockdown-Hausarrest für 21 Millionen Einwohner der Stadt Chengdu

upg. Nachdem am Mittwoch 31. August 157 Personen positiv getestet wurden, verhängten die Behörden für alle Einwohnerinnen und Einwohner der Stadt in der Provinz Sichuan einen Lockdown, während dem ein Massentest stattfindet (Quelle Reuters vom 1.9.2022). Landesweit meldeten die Behörden 307 neue Infektionen.

Quarantäne auf Feldbetten und auf dem Boden

upg. Nicht alle Chinesen verbringen eine 7- oder 10-tägige Quarantäne in einem hübschen Hotelzimmer. In der Stadt Yingtan in der Provinz Jiangxi, deren 1,2 Millionen Einwohner sich auf eine Fläche von 3500 Quadratkilometer verteilen, berichteten Leute auf der Online-Plattform Weibo wütend, dass sie sogar auf dem Boden schlafen müssten, weil alle Feldbetten im Quarantäne-Saal bereits belegt seien.

Das war nur einer von vielen aufgebrachten Kommentare auf Weibo, meldete am 29. August der Beijing-Korrespondent der NZZ. Ein Weibo-Nutzer schrieb, es mangle in Yingtan an Gütern des täglichen Bedarfs, Medikamenten und Personal.

Die Leute glaubten den offiziellen Statistiken der Behörden von Yingtan nicht, wonach es dort am 25. August nur 24 Neuinfizierte, am 24. August 26 und am 23 August sogar nur 8 positiv Getestete gegeben habe.

Ausländische Journalisten dürfen Corona-Risikogebiete de facto nicht besuchen, schreibt der NZZ-Korrespondent: «Chinas Staatsapparat verwendet eine Unmenge an Energie darauf, Informationen über das wahre Ausmass der Pandemie vor der grossen Öffentlichkeit unter Verschluss zu halten.»

Das Schwierigste ist nicht mal die Quarantäne, sondern der krasse Mangel an Flügen. Flüge aus Europa sind Monate im Voraus ausgebucht. Preise kosten das Zehnfache und mehr, verglichen mit den Preisen vor Covid. Treten zudem bei einer Fluggesellschaft zu viele Covid Fälle auf, so kann sie zweitweise suspendiert werden, womit selbst ein gebuchtes Ticket die Rückkehr nach China nicht garantiert. Daher überlegt man sich schon zweimal, ob man die Familie in der Heimat besuchen kann. 

Immerhin wurde ebenfalls im Juli bestimmt, dass Ausländer nicht mehr nur Direktflüge nach China nehmen müssen. Das entlastet die Flüge aus Europa etwas, da man wieder via Singapur oder Abu Dhabi fliegen kann. Dennoch kostet der Hin- und Rückflug in die Schweiz heute ein Vielfaches.

Ein weiteres Hindernis sind für Ausländer Visen und für Chinesen Reisepässe. Visen für Ausländer werden derzeit nur für Geschäftsreisen, Arbeitsaufenthalte, oder seit kurzem wieder Studienaufenthalte vergeben. Touristische Reisen nach China sind weiterhin nicht möglich. 

Manche Chinesen haben zudem Probleme, ihren Pass zu erneuern. Ein Teehändler erzählte mir zum Beispiel, er warte seit über einem Jahr auf seinen neuen Pass und die Behörden gäben ihm keine Erklärung, warum es so lange dauert. Er wollte eigentlich schon lange nach Marokko reisen, wo er eine Verpackungsmanufaktur aufgebaut hatte, um chinesischen Grüntee lokal zu verkaufen. Auf der anderen Seite kenne ich Chinesen in grossen, privaten IT-Firmen, welche ohne Probleme einen neuen Pass erhielten, als sie den Behörden erklärten, warum eine Geschäftsreise wichtig sei. 

Bei Staatsunternehmen sind es weniger die Behörden, als vielmehr die Unternehmensleitung, welche Mitarbeiter nicht ins Ausland reisen lässt. China schaut hier also viel weniger auf individuelle Gerechtigkeit, als auf die Wichtigkeit für die Gesellschaft. Grossunternehmen beschäftigen viele Leute und bringen viel Geld nach China. Kleine Geschäftsleute beschäftigen kaum Leute und nutzen ausländische Ableger oft, um Finanzkontrollen zu umgehen und Geld aus dem Land zu schmuggeln.

Die chinesischen Impfstoffe

Nicht nur die Covidtests, sondern auch die Impfungen sind in China kostenlos. Für die Einreise ist eine dreifache Impfung zwingend. Innerhalb Chinas gibt es keinen Impfzwang, aber es wurde in meinem Fall einmal kommuniziert, dass nur Leute mit Impfung in das Bürogebäude dürften. Das wurde danach aber nie kontrolliert oder nachgefragt. 

Auch hier sind Angestellte von Staatsunternehmen in besonderer Pflicht, weil KP-Beauftragte regelmässig nachfragen, ob man geimpft sei. Ist man das nicht, muss man erklären warum, wobei Schwangerschaft und Stillen als Grund akzeptiert wird. Schwangere werden in China generell nicht geimpft. Da der meiste Druck über den Arbeitsplatz kommt, ist auch klar, warum insbesondere ältere Chinesen oft nicht geimpft sind. 

Zur Wirkung der Impfung mache ich mir persönlich keine Sorgen, da erstens die jüngsten Virus-Varianten weniger gefährlich sind, und zweitens die grosse Covid Welle in Shanghai zeigte, dass auch die chinesischen Impfungen vor schweren und tödlichen Verläufen gut schützen. In letzter Zeit wurde auch immer klarer, dass westliche Impfungen weder vor Ansteckung noch vor Übertragung schützen, weshalb ich sogar froh bin, dass wir in China nicht die ungeprüfte mRNA-Technologie ausprobieren müssen.

Privatsphäre und öffentliche Meinung

An sehr viel Orten wird in China die Körpertemperatur gemessen, sei es am Flughafen oder in der U-Bahn mit Infrarotkameras, an denen man einfach vorbeigeht, oder sei es mit kleinen Infrarot-Fiebermessern, die man ans Handgelenk hält. Ich erinnere mich, dass das in der Schweiz mal als Eingriff in die Privatsphäre diskutiert wurde. Solche Bedenken kann ich nicht mehr nachvollziehen. Mein Fieberzustand ist ja keine Privatsache. Hat man dann tatsächlich Fieber, wird man auch nicht abgeführt oder weggesperrt, sondern schlicht zu einem Covid-Schnelltest in ein Krankenhaus gebracht. Dieser ist dann nasal und das Resultat schon nach zwei Stunden verfügbar. Da viele Beamte aber den Papierkram scheuen, kann es gut sein, dass man bei leichtem Fieber einfach weggeschickt wird und sich dann zuhause erholen muss, bis man wieder raus darf.

Diese und fast alle anderen Massnahmen gegen Covid werden in der Bevölkerung grundsätzlich gutgeheissen. Natürlich ärgern sich viele über Reisebeschränkungen, wobei der grösste Teil der Bevölkerung ja nicht reist, und schon gar nicht ins Ausland. Noch mehr ärgern und sorgen sich Leute über die wirtschaftlichen Folgen, wenn beispielsweise Restaurants nicht normal öffnen können oder viele KMUs die Krise nicht überstanden, insbesondere jetzt, wo auch der Export nach Europa und in die USA nicht gut läuft. Ich habe in letzter Zeit zum Beispiel von vielen Taxifahrern gehört, dass sie eine Firma hatten oder in einem kleinen Unternehmen arbeiteten, welches pleite ging. 

Sich ärgern – auch mal lautstark auf Social Media – über persönliche Unannehmlichkeiten, oder sich sorgen über die Wirtschaftslage sollte nicht mit einer allgemeinen Unzufriedenheit oder Regierungsfeindlichkeit verwechselt werden. Wie in der Schweiz kümmern sich die meisten Leute im Alltag viel mehr um ihre Arbeit, Freunde und Verwandte oder um Gerüchte von Stars und Sternchen und deren Hobbys als um Probleme in China, über die wir in der Schweiz besonders häufig informiert werden. Hier sind die Covidmassnahmen nur ein kleiner Teil des Lebensalltags. Verhaltensmuster wie Maskentragen oder kostenlose Tests zu machen, wurden zur Gewohnheit und werden nicht kontrovers diskutiert. Man macht das eben, ob gerne oder ungerne, ähnlich wie das Zähneputzen. 

Keine öffentlichen Diskussionen über strategische Entscheide

Auf Regierungsebene ist zu hören, wie verschiedene Behörden immer mehr Massnahmen zur Unterstützung der Wirtschaft ergreifen. Premierminister Li Keqiang mahnt derzeit wiederholt, dass die Covidprävention die Wirtschaft nicht abwürgen dürfe. Das wurde im Ausland zum Teil als Konflikt zwischen Li und Staatspräsident Xi Jinping ausgelegt, aber ich teile diese Einschätzung nicht. Es ist die normale Arbeitsteilung wonach Xi für die Gesamtstrategie des Landes zuständig ist, während Li sich vorwiegend um die Wirtschaft kümmert. 

Wenn Li nun sagt, er erwarte nicht, dass die Vorsichtsmassnahmem bald gelockert werden, so ist das kein versteckter Angriff auf Xi, sondern schlicht eine Erwartungshaltung gegenüber dem Covid-Strategiegremium, das aus der obersten Landesführung und diversen Experten besteht und regelmässig tagt.

Dieses Gremium entscheidet je nach Lage, wie China weiter vorgehen wird. Es lässt sich dabei nicht in die Karten blicken und macht kaum Versprechen für die Zukunft. Stattdessen kündigt es alle paar Wochen Anpassungen der Massnahmen an, wie zum Beispiel im Juni die Lockerungen zur Einreise ins Land. Viele Chinesen und ausländische Beobachter sind der Ansicht, dass vor dem Volkskongress im Herbst, der Xi Jinping wohl eine dritte Amtszeit als Präsident verschaffen wird, keine fundamentale Änderung der Strategie zu erwarten ist. Die Verkürzung der Einreisequarantäne war daher bereits eine kleine Überraschung. Man nimmt an, dass Xi unbedingt einen Skandal verhindern will, um seine dritte Amtszeit nicht zu gefährden. Allerdings wäre auch ein Einbruch der Wirtschaft so ein Skandal. 

Und es ist nicht so, dass Xi einst befahl, er wolle eine Null-Covid-Straregie, und diese deshalb nicht hinterfragt werden dürfe. Sie wird regelmässig hinterfragt, aber eben durch Expertengremien zusammen mit den höchsten Führungskräften der Politik. 

Ein Kontinent wie China kann nicht von einem einzigen Mann geführt werden. Es scheint mir ein sehr komplex geführtes Land zu sein, welches auf Befindlichkeiten in der Bevölkerung recht stark reagiert. 

Die Führung Chinas will aber strikte vermeiden, dass wichtige strategische Entscheidungen durch breite, öffentliche Diskussionen entschieden werden. Es ist nicht klar, ob man die Emotionalität öffentlicher Diskussionen fürchtet oder den Mangel an Fachwissen der breiten Bevölkerung oder die Einmischung äusserer Kräfte wie den NGOs oder das Entstehen einer Opposition gegen das Einparteiensystem oder ob man schlichtweg Angst vor Chaos hat. 

Das Gegenmodell der USA, wo jeder mitreden kann, ob gebildet und informiert oder nicht, und sich sein Weltbild verbreiten kann, so unwissenschaftlich es auch sei, dieses Gegenmodell sehen die meisten Chinesen derzeit nicht als eine sinnvolle Alternative zum eher technokratischen Modell Chinas.

Wobei zu vermerken bleibt, dass die Chinesen über die USA ebenso einseitig informiert sind wie die Amerikaner über China.

Harald Buchmann berichtet aus seinem Quarantäne-Zimmer (auf Englisch):


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine
_____________________
Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.

Zum Infosperber-Dossier:

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Coronavirus: Information statt Panik

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8 Meinungen

  • am 2.09.2022 um 11:39 Uhr
    Permalink

    Dieser Beitrag ist ein Lichtblick. Ein Expat, der schon 30 Jahre in China lebt, meinte jüngst „früher war es die Bibel, heute ist es die Demokratie“. Die westliche Belehrungswelle, die sich über China und die Chinesen (auch hier) ergiesst, behindert die friedliche Koexistenz und macht sie auf Zeit sogar unmöglich. Ich finde, dass gerade wir Europäer aufgrund unser humanistischen Kultur und Geschichte Brücken bauen könnten – so wie es Harald Buchmann macht. Dafür herzlichen Dank.

    1
    • am 3.09.2022 um 16:45 Uhr
      Permalink

      Vielen Dank für diese erfreuliche Rückmeldung. Tatsächlich gibt es vieles was wir in der Schweiz und Europa sehr gut machen und wovon Chinesen durchaus etwas lernen können. Dass China dafür unsere Belehrungen und Beschuldigungen benötigt, glaube ich hingegen nicht. Es gibt eine sehr grosse Zahl chinesischer Studenten und Doktoranden die jedes Jahr nach Europa und in die USA gehen, um unsere Systeme auf wertvolle Methoden zu untersuchen. Oft ist deren Zahl von unseren Unis begrenzt und es gäbe noch mehr die kommen wollten. Wie viele westliche Forscher aber gehen nach China, um herauszufinden, was China vielleicht besser macht?

      0
  • am 2.09.2022 um 13:41 Uhr
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    Die Erfahrungen des Autors verdeutlichen, dass an ‹Chinesische Verhältnisse› nicht der Maßstab westlicher Blick- und Weltsicht angelegt werden kann. Allerdings zeigt er auch auf , wie gesellschaftliche Konditionierung geht.

    2
    • am 3.09.2022 um 16:49 Uhr
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      Dem stimme ich auch zu. Ein System sollte immer aus der Kultur heraus beurteilt werden, in welcher es existiert. Das hindert uns nicht daran, ein besseres Vorbild zu sein. Aber von aussen aufgezwungene Be- und Verurteilung erzeugt in aller Regel Abwehrreaktionen und stärkt noch den Status quo.
      Konditionierung durch die Gesellschaft ist wohl tatsächlich der Urzustand des Menschen, doch wie vermessen wäre es anzunehmen, dass unsere Konditionierung die einzig richtige und gute wäre?

      0
    • am 4.09.2022 um 09:51 Uhr
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      «…..doch wie vermessen wäre es anzunehmen, dass unsere Konditionierung die einzig richtige und gute wäre?»

      Denke, darüber zu befinden ist Sache der Menschen, die es betrifft. Entwicklungsmöglichkeiten
      also hier wie dort. 🙂

      0
    • am 4.09.2022 um 07:17 Uhr
      Permalink

      Was meinen Sie mit gesellschaftlicher Konditionierung?

      0
  • am 2.09.2022 um 14:10 Uhr
    Permalink

    Dem Bericht der NZZ gibt es einiges anzufügen:
    1. «Stadt» ist in China die administrative Einheit unter Provinz, d.h. das ist nicht eine Millionenstadt wie die Agglomeration Zürich. Zum Vergleich: Zürich hat keine 90km2 und eine Dichte von 4700 Einwohner/km2. Yingtan 3500 km2 und hat rund 300Ew/km2
    2. Das macht individuelle Schicksale nicht besser, und sicher werden Behörden in Yingtan bestraft werden im Nachhinein, aber die Ressourcen im ländlichen Hinterland sind nun mal viel spärlicher.
    3. Am Wichtigsten aber: nicht nur westliche Journalisten dürfen nicht einreisen, sondern niemand. Wenn nicht mal Einwohner raus dürfen, dann ist das letzte was Hilfskräfte brauchen ein Ausländer der sich nicht an die Regeln hält, überall reinschauen will, und die schwierige Organisation noch behindert.

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