Rebflächen

Die Rebflächen in der Schweiz © Gaudium Suisse

Neue Alkohol-Lobby im Parlament bekämpft Aktionsplan der WHO

upg. /  Sieben Parlamentarier vertreten die Interessen der Schnaps-, Bier- und Weinhersteller – organisiert von der PR-Agentur Furrerhugi.

Gegen den Trend, Werbung für Alkohol stärker einzuschränken, wehrt sich eine neue Lobby-Gruppe namens «Gaudium Suisse»: Die WHO propagiere «eine immer restriktivere Alkoholpolitik». Genussmittel wie Wein, Bier und Spirituosen würden stigmatisiert. Man wehre sich «gegen diese pauschale Bevormundung» und verteidige die «kulturelle Bedeutung des Genusses in der Schweiz». Es gehe um «Lebensqualität, Geselligkeit und einheimisches Schaffen».

Mitglieder des «Gaudium Suisse» haben ein Mordsgaudi daran, ihre Lobbyarbeit als «massvolle Präventionspolitik» zu verkaufen. Im Vordergrund stand bisher der Kampf gegen Tabakprävention. Jetzt geht es ihnen um eine «massvolle» Alkoholprävention.

So beschreibt sich PR-Mann Lorenz Furrer auf der Webseite von Furrerhugi

«Lorenz Furrer ist Managing Partner und einer der Gründer von furrerhugi. Er ist ein breit aufgestellter Kommunikationsprofi, der in Bundesbern über ein Netzwerk verfügt, das seinesgleichen sucht. Lorenz Furrer erkennt Trends und findet kreative Lösungen. Er ist ein Experte der politischen Kommunikation und spezialisiert auf Lobbyingprojekte.»

Unter Führung des Furrerhugi Gründers Lorenz Furrer hat die PR-Agentur gewählte Volksvertreter rekrutiert, die im Parlament bereits entsprechende Motionen, Interpellationen und Fragen eingebracht hatten, beim Bundesrat damit jedoch abgeblitzt sind:

  • Ständerat Benedikt Würth (Die Mitte/EVP SG): 
    Interpellation: «Masshalten bei Gesundheitsempfehlungen der WHO»
    Motion: «Marschhalt bei neuen Empfehlungen zum mässigen Alkoholkonsum»
  • Nationalrat Nicolò Paganini (Die Mitte/EVP SG):
    Frage: «Folgt die Schweiz der WHO blindlings?»

Nicolò Paganini fragte Bundesrätin Elisabeth Baume-Schneider: «Finden Sie es nicht widersprüchlich, dass der Bund auf der einen Seite den Absatz von Schweizer Wein fördert und auf der anderen Seite in internationalen Gremien dafür kämpft, dass schon der erste Tropfen Alkohol verteufelt wird?»

Die Bundesrätin wand sich und meinte am 22. September 2025: «Non, je ne trouve pas que c’est contradictoire ou paradoxal.»

Benedikt Würth fragte in seiner Interpellation: «Teilt der Bundesrat die Auffassung, dass die WHO falsch liegt, wenn sie feststellt, es gebe keine gesundheitlich unbedenkliche Menge Alkohol? Teilt der Bundesrat die Auffassung, dass solche Empfehlungen wirtschaftliche Schäden in den einzelnen Branchen verursachen?» Der Weinkonsum sei in der Schweiz letztes Jahr um 8 Prozent zurückgegangen, bei Schweizer Wein um 16 Prozent – und bei Schweizer Rotwein sogar um 20 Prozent.

Der Bundesrat antwortete am 25. September 2025: «Forschungsergebnisse zeigen, dass bereits geringe Alkoholmengen das Risiko für Krebserkrankungen erhöhen. An der 75. Weltgesundheitsversammlung 2022 wurde der ‹Global alcohol action plan 2022-2030› im Konsens angenommen. Die Schweiz wurde bei der Erarbeitung dieses Dokuments 2021 konsultiert und hat den Plan unterstützt.»


Es geht um höhere Steuern auf Alkohol und weniger Werbung für Alkohol

Die politischen Alkohollobbyisten
Parlamentsmitglieder in der Lobby-Organisation

Der Aktionsplan der WHO empfiehlt, alkoholische Getränke mit einer Sondersteuer zu belegen und verkaufsfördernde Massnahmen oder Aktionen zu beschränken oder sogar zu untersagen. Er sieht auch Beschränkungen der Werbung vor – besonders wenn sie an Jugendliche gerichtet ist.

In der Schweiz ist Werbung für alkoholische Getränke weniger streng reguliert als Werbung für Tabakwaren.

Werbung für Bier und Wein ist erlaubt, solange sie sich «nicht speziell an Jugendliche unter 18 Jahren richtet» (Artikel 42 und 43 der Lebensmittelverordnung) «Nicht speziell» lässt viel Spielraum offen.

Das Alkoholgesetz erlaubt Werbung sogar für hochprozentige Spirituosen und spirituosenhaltige Getränke, sofern sie «produktebezogen» ist. Die Darstellung eines positiven Lebensstils ist nicht erlaubt. Ebenso wenig Werbung für Sonderangebote. Doch Werbung für Spirituosen ist an öffentlichen Veranstaltungen erlaubt, wenn «nicht vorwiegend Kinder und Jugendliche teilnehmen» (Art. 42 des Alkoholgesetzes). «Nicht vorwiegend» lässt Spielraum offen.

Anders in skandinavischen Ländern wie Finnland, Schweden oder Norwegen. In Norwegen gibt es ein totales Werbeverbot für alkoholische Getränke seit 1975. Es gilt für sämtliche Medien und auch für das Sponsoring.


Ein gesellschaftliches Problem

André Parsic

Über die Schattenseiten dieses Genusses verliert «Gaudium Suisse» kein Wort: Fast jede fünfte erwachsene Person trinkt zu viel und zu häufig. Über 250’000 Erwachsene sind in der Schweiz abhängig vom Alkohol. Jährlich sterben in der Schweiz etwa 1600 Erwachsene an den direkten Folgen. Alkoholmissbrauch zerstört Freundschaften und Familien. Er verletzt und tötet Unschuldige auf Strassen.

Gesundheitliche Schäden gehen zu Lasten der Prämienzahlenden. 

Die Gesamtkosten des Alkoholmissbrauchs schätzt das Bundesamt für Gesundheit im März 2025 auf jährlich rund 2,8 Milliarden Franken.

Alkoholkonsum Kopf Jahr

Weiterführende Informationen

  • Zur grössten Lobby-Datenbank der Schweiz: Lobbywatch

Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine
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7 Meinungen

  • am 2.02.2026 um 16:39 Uhr
    Permalink

    Ich bin der Meinung, dass Totales Werbeverbot keinen Sinn macht. Es gibt sehr vieles im Leben das gesundheitsgefährdend ist und die Steuerzahler belastet. Z B. Extremsportarten, Autofahren, Übergewicht, Bewegungsfaulheit -evtl. sogar das Leben an und für sich. Wollen wir das alles verbieten?

    • Favorit Daumen X
      am 2.02.2026 um 17:26 Uhr
      Permalink

      Es geht in obigem Artikel nicht um Verbote dieser Genussmittel. Es geht nur um Werbung und andere Anreize besonders für Jugendliche und Heranwachsende. Auch die WHO verlangt nicht, Spirituosen, Wein oder Bier zu verbieten!

      • am 2.02.2026 um 21:49 Uhr
        Permalink

        Doch, Herr Gasche, die WHO, oder besser gesagt die Pharmaindustrie, tendiert längerfristig auf ein Verbot von Alkohol, ebenso von Taback. Letztlich geht es nur darum, was der Pharmaindustrie am meisten nützt. Die Corona-Krise hat diese Absicht klar aufgezeigt.

        • Favorit Daumen X
          am 3.02.2026 um 09:16 Uhr
          Permalink

          Es geht um den verlinkten ‹Global alcohol action plan 2022-2030› der WHO. Darin ist keine Rede von einem Alkoholverbot. Ein Alkohol- und Tabakverbot würde der Pharmaindustrie schaden, weil es zu viel weniger Krankheiten käme. Selbst weitere Werbeeinschränkungen für Alkohol und Tabak, die tendenziell den Konsum senken, sind nicht im Interesse der Pharmaindustrie. Ich kann Ihre Argumentation deshalb nicht nachvollziehen.

        • am 3.02.2026 um 09:53 Uhr
          Permalink

          Der „Global alkohol action plan 2022-2030“ mag noch kein Alkoholverbot enthalten. Längerfristig dürfte es erfahrungsgemäss auf ein Verbot mit Stigmatisierung hinauslaufen. Für die Pharmaindustrie ist Alkohol und Tabak zu wenig lukrativ. Der Mensch braucht ein Stimulans. Er wird einfach auf andere Substanzen ausweichen, z.B. Medikamente, Süssigkeiten usw. Die Pharmaindustrie kann dadurch ihren Profit steigern.

        • am 3.02.2026 um 20:58 Uhr
          Permalink

          @Jürg Siegrist – Zwar verdient Pharma kaum direkt an Tabak und Alkohol, aber indirekt durch Krankheit (von Rauchern und Passivrauchern, etwa in Wohnblöcken) oder Unfälle (Alkohol). Alles, was Menschen krank macht, macht die Rendite der Pharma «gesund».

  • am 3.02.2026 um 03:05 Uhr
    Permalink

    Leserbrief zu 47/2024, von Coop nicht veröffentlicht:
    In Coopzeitung 47/2024 sagt Roberto Cirillo (Konzernleiter der Post): «Im Gegensatz zu Tageszeitungen hat die Coopzeitung eine längere Lebensdauer und wird über die Woche hinweg in der Familie gelesen.» Eine Familienzeitung? Mir fällt auf: In dieser Coopzeitung sah ich auf 10 Seiten Alkoholwerbung. In den beiden Ausgaben davor auf je 7. Bei rund 100 Seiten Zeitungsumfang. «Für mich und dich»?

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