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Mirkoplastik aus einem kalifornischen Fliessgewässer, arrangiert in einem Fotostudio. © cc-by-nc Florida Sea Grant/Flickr

Mikroplastik kann menschliche Zellen schädigen

Daniela Gschweng /  In der Umwelt übliche Mengen Mikroplastik lösen bei Zellkulturen Reaktionen bis zum Zelltod aus, fand eine Metastudie.

Mikroplastik-Partikel sind mittlerweile an den entlegensten Orten des Planeten zu finden. Sie stammen aus Reifenabrieb, weggeworfenen Plastiktüten, weggeworfenen Zigarettenkippen oder anderen Plastikteilen. Wie schädlich sie für Menschen sind, ist bisher nicht genau bekannt.

Forschende aus Grossbritannien haben nun festgestellt, dass Mikroplastik zumindest im Reagenzglas schädlich für menschliche Zellen ist. In Mengen, wie sie in Wasser, Meeresfrüchten und Tafelsalz enthalten sind, können die winzigen Plastikteile die Zellwände schädigen, allergische Reaktionen auslösen und bis zum Absterben der Zelle führen.

Schädlich für Zellen, aber kein Hinweis auf DNA-Veränderungen

In einer im November 2021 im «Journal of Hazardous Materials» veröffentlichten Metaanalyse führten die Forschenden aus Leeds und Hull 17 andere Studien zur Reaktion menschlicher Zellen auf Mikroplastik zusammen.

In der bisher ersten Studie, die die Auswirkungen von Mikroplastik zu quantifizieren versucht, suchten die Forschenden gezielt nach Immunreaktionen, Zellgiftigkeit, Zeichen für oxidativen Stress und Hinweisen darauf, ob Mikroplastik die Erbsubstanz der Zelle verändern kann. Letzteres wäre ein Zeichen, dass Mikroplastik Krebs auslösen kann. Für DNA-Veränderungen fand sich aber kein Nachweis.

«Wir sollten uns Sorgen machen», Evangelos Danopoulos

Umweltübliche Konzentrationen der kleinen Plastikteile wirken sich aber nachteilig auf die Lebensfähigkeit von Zellen in Zellkulturen aus. Diese reagieren auf Mikroplastik zum Beispiel mit der Freisetzung von Zytokinen, was auf eine allergische Reaktion hinweist. «Wir sollten uns Sorgen machen», sagt Evangelos Danopoulos, der Hauptautor der Studie, gegenüber dem «Guardian». «Solche Zellschädigungen lösen in vielen Fällen andere gesundheitsschädliche Effekte aus». Das heisst, Mikroplastik kann menschliche Zellen unter Stress setzen und entzündliche Reaktionen auslösen, die Krankheiten Vorschub leisten.

Form von Mikroplastik kann für Zellen tödlich sein

Dabei zeigten die untersuchten Zellen unterschiedliche Empfindlichkeit auf Mikroplastik. Einige Zellen starben ganz ab. Die Form der winzigen Plastikteile hat dabei einen Einfluss auf ihre Schädlichkeit, fanden die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler heraus. Unregelmässig geformte Partikel töten mehr Zellen als kugelförmige. Das sei wichtig für zukünftige Studien, die die Umweltauswirkungen von Mikroplastik untersuchen, da Labore für Versuche oft einheitlich kugelförmige Partikel kaufen, kommentiert der Mikroplastikforscher Steve Allen, den der «Guardian» zu den Ergebnissen befragt hat.

Wie gefährlich ist Mikroplastik nun wirklich?

Ob und wie sich die Schäden in Zellkulturen auch im Körper einstellen, ist unklar. Noch wissen Wissenschaftler nicht, was genau mit Mikroplastik im Körper passiert. Wie Menschen Mikroplastik ausscheiden, ist beispielsweise noch nicht geklärt, aber eine wichtige Frage, um das Risiko zu einzuschätzen.

Danopoulos findet die Ergebnisse der statischen Analyse jedenfalls beunruhigend. Einen Weg, um uns zu schützen, hätten wir derzeit nämlich nicht, obwohl wir diesen Partikeln tagtäglich ausgesetzt seien, sagt er. Welche Lebensmittel wie stark mit Mikroplastik verunreinigt sind, werde nicht erfasst.

Beunruhigende Ergebnisse aus Tierversuchen

In Tierversuchen fanden Forschende bereits, dass Mikroplastik aus der Lunge von schwangeren Ratten in die Organe ihrer Föten wandert. Auch in der Plazenta von Menschen wurden die winzigen Partikel schon gefunden. Bei Mäusen überwindet Mikroplastik die Blut-Hirn-Schranke. Auch ein anderes Risiko wurde bereits beleuchtet: Es gibt Hinweise darauf, dass Mikroplastik Bakterien dabei unterstützt, Antibiotikaresistenzen zu entwickeln.

In der Schweiz wird Mikroplastik bisher als «geringes gesundheitliches Risiko» eingeschätzt. Unter anderem deshalb, weil Grenzwerte und die genauen Auswirkungen auf Menschen bisher noch wenig erforscht sind.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.

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