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Vor einem Abstrich der Gebärmutter © spl

Eine Million unnötige Abstriche der Gebärmutter

Urs P. Gasche /  Frauenärztinnen und Frauenärzte verdienen an jeder Handlung. Deshalb kommt es in der Schweiz zu vielen nutzlosen Eingriffen.

In fast keinem Land Europas hängt der Verdienst von Frauenärztinnen und Frauenärzten davon ab, wie viele Abstriche sie vornehmen, wie viele Gebärmütter sie operieren oder wie viele andere gynäkologische Untersuchungen sie machen. Anders in Deutschland und der Schweiz: Hier können Ärztinnen und Ärzte mit eigener Praxis mehr verdienen, wenn sie zu viel behandeln – mit allen Risiken für die betroffenen Patientinnen.
Vergütungssystem für Ärzteschaft ist ein Tabu
Die Entschädigung jeder einzelnen Handlung einer Ärztin oder eines Arztes ist ein perverser Anreiz: Ein Arzt, der seine Patienten nicht gesund bekommt, erhöht mit den zusätzlich nötigen Behandlungen sein Einkommen. Ein erfolgreichee Ärztin dagegen, der nur das Sinnvolle macht und keinen unnötigen Schaden anrichtet, wird finanziell bestraft.
Doch bei der Diskussion um eine bessere Qualität der Gesundheitsversorgung und um die – im Vergleich zu Holland oder Skandinavien – übermässigen Kosten sind diese grundlegend falschen Anreize für die Ärzteschaft mit eigener Praxis sowie für die grossen Medien ein langjähriges Tabu.
Ärztinnen und Ärzte reagieren empört, wenn man sie darauf anspricht: Sie würden – mit Ausnahme weniger schwarzen Schafe – immer zum Wohle ihrer PatientInnen handeln und sich vom Geld nicht beeinflussen lassen. Sobald man aber vorschlägt, sie sollten im Fixlohn angestellt oder wie Spezialärzte in Holland nach Minuten Einsatz – gleichgültig ob aufklärendes Gespräch oder Eingriff – bezahlt werden, prophezeihen sie, dass dann viele Ärzte ihre PatientInnen nicht mehr genügend behandeln würden. Also spielt das Geld beim Behandeln doch eine Rolle.
Abstrich alle drei Jahre genügt
Ein Beispiel dafür ist der Abstrich der Gebärmutter zur Früherkennung von Gebärmutterhalskrebs (Pap-Test). Die zur Weltgesundheitsorganisation gehörende «Internationale Agentur für Krebsforschung» IARC empfiehlt den Frauen, bei normalem Befund drei bis fünf Jahre zu warten, bis sie erneut für einen Abstrich in eine Praxis gehen. Weil ein jährlicher Abstrich nach einem gute Befund unnötig und unnütz ist, müssen die Krankenkassen in der Schweiz einen Abstrich nur alle drei Jahre übernehmen.
Sogar die Interessenvertretung der Frauenärztinnen und Frauenärzte, die «Schweizerische Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe» SGGG empfiehlt ihren Mitgliedern, den Pap-Test zur Früherkennung nur jedes zweite oder dritte Jahr zu machen.
Über zwei Drittel lassen Pap-Test jährlich machen
Unter dem Titel «Krebsprävention: Frauen werden zu häufig getestet» haben der «Tages-Anzeiger» und der «Bund» über «rund eine Million unnötige Abstriche» berichtet und sich auf eine Erhebung des Bundesamts für Gesundheit BAG gestützt. Danach führen Ärztinnen und Ärzte den Pap-Test bei 78 Prozent der 18- bis 24jährigen Frauen jedes Jahr durch, und bei zwei Dritteln der 25- bis 49-jährigen ebenfalls.
Da es über 2,5 Millionen Frauen im Alter von 21 bis 69 Jahre gebe, komme man auf eine Million unnötiger Abstriche pro Jahr. Allein die zytologische Untersuchung koste jedes Mal rund 70 Franken. Jedes Jahr könnten also Gesundheitskosten in Höhe von 70 Millionen Franken eingespart werden, wenn Abstriche nach einem guten Befund erst drei Jahre später wiederholt würden.
Chefarzt Daniel Surbek zeigt sich «überrascht»
Der «Tages-Anzeiger» zitiert Chefarzt Daniel Surbek, der bei der SGGP für die Qualitätssicherung zuständig ist. Er habe sich «überrascht» gezeigt und ermahnte die Gynäkologinnen und Gynäkologen, ihre Patientinnen korrekt zu informieren. «Viele Frauen empfinden den Abstrich als unangenehm und freuen sich, wenn sie ein oder zwei Jahre aussetzen können», meinte Surbek. Offensichtlich müsse sich vor allem etwas in den Köpfen der Frauenärzte ändern.
Kein Wort davon, das das Portemonnaie manchen Ärztinnen und Ärzten näher liegt als der Kopf. «Die Einzelleistungsvergütung führt zu einem Überangebot an ärztlichen Leistungen», stellt Allgemeinmediziner Felix Huber fest. Nur in Ärztenetzen hätten Ärzte häufig eine Mitverantwortung für das gemeinsame Budget und deshalb «keine Interesse mehr, Überbehandlungen anzubieten». Huber ist Co-Geschäftsführer und Verwaltungsratspräsident der mediX Gruppenpraxis in Zürich.
«Unnötige Medikamente und Operationen»
In der Zeitung «Blickpunkt» der Schweizerischen Stiftung für Konsumentenschutz SKS zählt Felix Huber besonders häufige Überbehandlungen auf: Antibiotika und Säureblocker, wo diese nichts (mehr) nützen, zu viele Medikamente für Betagte, Abklärungen mit Röntgenbildern Computertomographien und Magnetresonanztomographien in Fällen ohne diagnostischen Nutzen, sowie zu schnelle Operationen der Wirbelsäulen und Kniegelenke, wo Abwarten, Physio, Abnehmen und andere Therapien von den Schmerzen befreien können.
Jede unnötige Behandlung setzt Patientinnen und Patienten einem Gesundheitsrisiko aus.

Weiterführende Informationen


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine

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Je früher man Risikofaktoren entdecken kann, desto mehr Menschen werden «krank» und ohne Nutzen behandelt.

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Eine Meinung zu

  • Avatar
    am 24.07.2015 um 23:46 Uhr
    Permalink

    Unsere Grossmütter liessen sich auch keine «Abstriche» machen. Starben sie deswegen früher? War ihre gesundheitliche Lebensqualität deshalb schlechter? Manchmal schon, und manchmal auch nicht. Meine Grossmütter (1880) sind zufälligerweise sehr alt geworden.

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