Kopf im Sand Fortsetzung

Die Spitäler teilten dem Bundesamt für Statistik 84 Prozent mehr Covid-Hospitalisierte mit als dem Bundesamt für Gesundheit (Fortsetzung). © RiskNET

Covid-Hospitalisierte: Weiterhin schludriger Umgang mit Zahlen

Urs P. Gasche /  Schöne farbige Grafiken und Kurven sind wenig hilfreich, wenn die Daten falsch sind. Manche Medien foutieren sich darum.


Ausgangslage

Die Zahl der Covid-19-Erkrankten, die in einem Spital behandelt werden müssen, gibt an, wie gefährlich das Virus ist und wie folgenschwer die Pandemie. Mit dieser Zahl wird die Hospitalisierungsrate ausgerechnet. Das heisst: Wie viele aller angesteckten Virusträger oder wie viele aller Erkrankten trifft es so schwer, dass eine Spitalbehandlung nötig wird. Auch an dieser Hospitalisierungsrate orientiert sich die Politik, wenn es darum geht, die Pandemie-Massnahmen zu verschärfen oder zu lockern.

Deshalb war es von Anfang an wichtig, die Hospitalisationszahlen zeitnah und zuverlässig zu erfassen. Doch weder in der Schweiz noch in Deutschland wurde und wird unterschieden, ob jemand wegen den Folgen einer Covid-19-Erkrankung im Spital liegt oder aus anderen Gründen ins Spital kam und erst dort auf Sars-Cov-2 positiv getestet wurde. Für die Auslastung der Betten spielt diese Unterscheidung keine Rolle, jedoch sehr wohl für die Beurteilung, wie gefährlich das Virus tatsächlich ist. 

Am 19. Januar 2022 informierte Infosperber über eine weitere gravierende statistische Schwachstelle: Laut Bundesamt für Statistik (BFS) gab es im Jahr 2020 fast unglaubliche 84 Prozent mehr Covid-Hospitalisierte, als das Bundesamt für Gesundheit (BAG) bis heute ausweist und in Grafiken darstellt. Dabei erfassten beide Bundesämter die Covid-Hospitalisierten nach dem gleichen Kriterium: Gezählt wurden alle positiv getesteten Personen, die – wegen oder auch nur mit – Corona in einem Spital waren. Es ist zu erwarten, dass die Zahlen der beiden Ämter im Jahr 2021 ähnlich unterschiedlich ausfallen.

Die enorme Diskrepanz kann nur zwei Ursachen haben: Entweder haben die Spitäler – trotz Meldepflicht – dem BAG fast die Hälfte der Fälle nicht gemeldet. Darunter vermutlich viele Fälle, die nur «mit» Covid im Spital waren. Oder die Spitäler haben dem BFS zu viele Covid-Patienten angegeben, weil sie an den meisten etwas mehr verdienen konnten (siehe Infosperber). Die meisten Gesundheitsexperten gehen davon aus, dass in erster Linie die nachlässige Meldedisziplin von Spitälern dazu führte, dass das BAG die Zahlen der Covid-Hospitalisierten viel zu niedrig angab und immer noch angibt.

Alle Medien hatten die krass falschen BAG-Zahlen übernommen, sie häufig in Kurven und Grafiken einprägsam dargestellt und damit die Öffentlichkeit bis heute ungewollt irregeführt. 

Grosse Medien haken erneut mit falschen Zahlen nach

Doch selbst nachdem Infosperber am 19. Januar an die Öffentlichkeit brachte, wie lückenhaft diese Zahlen des BAG sind, und die grossen Medien darauf aufmerksam machte, haben nur wenige reagiert – und erst noch mit erneut falschen Zahlen. 

Mit Berufung auf Infosperber

  • titelte am 20. Januar die «NZZ»: «In den Spitälern lagen deutlich mehr Covid-19-Patienten als angenommen»;
  • meldete am 20. Januar der «Tages-Anzeiger» nur online, dass die bisher vom BAG übernommenen Zahlen ziemlich daneben lagen;
  • informierten am 27. Januar die Zuger Zeitung und andere Regionalzeitungen, dass «die Zahlen nicht stimmen». 

Am 26. Januar informierte die «NZZ» zusätzlich, dass laut BFS im Frühling 2020 auch 24 Prozent mehr Menschen an Covid starben als damals vom BAG angegeben.

Das Schweizer Fernsehen SRF, welches über die Zahl der Hospitalisierten stets berichtet hatte und die alten, viel zu tiefen BAG-Zahlen noch immer auf der Webseite publiziert, hat die Zuschauerinnen und Zuschauer über die tatsächlich viel höheren Zahlen des BFS bis heute nicht informiert und erwähnt diese auch auf ihrer Webseite nicht.

Am 28. Januar doppelte die NZZ nach und schlüsselte mit Zahlen und Grafiken auf, aus welchen Kantonen die Spitäler ihrer Meldepflicht gegenüber dem BAG besonders mangelhaft nachkamen. Gleichentags übernahm der «Blick» online diese Zahlen der NZZ: «Datenchaos beim BAG – Spitäler haben Corona-Meldungen vernachlässigt».

Doch alle diese Zeitungen verbreiteten wiederum falsche Zahlen, weil sie entweder vom ersten Bericht der NZZ abschrieben oder beim Bundesamt für Statistik eine falsche Zahlenreihe anforderten. Sie verwendeten die BFS-Zahlen über die gemeldete Zahl der Patienten und verglichen sie mit den Zahlen der vom BAG gemeldeten Fälle.

Der Unterschied zwischen Personen und Fällen ist relevant: Personen, die im gleichen Jahr zweimal in ein Spital müssen und dort positiv getestet werden, zählt das BAG als zwei Fälle, sofern drei Monate dazwischen liegen. Die BFS-Statistik führt die Statistik nach Fällen und nach Personen. Weil besonders betagte Personen häufig mehrmals ein Spital aufsuchen müssen, ist der Unterschied zwischen Fällen und Personen gross. Jedenfalls weist das BFS für das Jahr 2020 36‘962 hospitalisierte Fälle, jedoch nur 31‘239 Personen aus.

Die genannten Zeitungen verwendeten die BFS-Zahlen der Personen und verglichen sie mit den BAG-Zahlen der Fälle. Die zwei grossen Grafiken über die kantonalen Meldeunterschiede, welche die NZZ am 28. Januar verbreitete, geben deshalb ein geschöntes Bild ab: Die Spitäler haben dem BFS insgesamt nicht 56 Prozent mehr Fälle gemeldet wie dargestellt, sondern 84 Prozent mehr. Das ist ein relativer Unterschied von 50 Prozent.

Die «Republik» macht es sich einfach

Auch die Online-Zeitung «Republik» verbreitete und verlinkte wiederholt BAG-Zahlen und Grafiken über die Hospitalisierten, die sich jetzt alle als viel zu niedrig herausstellten. Doch das erfuhr die Leserschaft bis zur Verfassung dieses Artikels nicht. Auf die Frage, weshalb nicht, antwortete die «Republik» nicht. 

Stattdessen kritisierte die «Republik» Covid-Berichte anderer Medien. Am 24. Januar schrieben die Redaktorinnen Marie-José Kolly und Ronja Beck in einem ausführlichen Newsletter: «Gefühlt regte sich in den vergangenen Tagen die halbe Schweiz darüber auf, dass die Daten des Bundes­amts für Gesundheit auch Kranke mitzählen, die ‹mit› – und nicht primär ‹wegen› – Covid-19 ins Spital müssen.» 

Die «Republik» hält es bei der Statistik der Hospitalisierungen nicht für sinnvoll zu unterscheiden, ob Patienten wegen Folgen von Covid-19 im Spital behandelt werden oder wegen anderer Krankheiten oder Unfälle, jedoch auf das Virus positiv getestet wurden. Die Begründung: «Die Realität ist komplexer als in Tabellen abbildbar». Eine Aussage, die wohl gegen die meisten Tabellen und Grafiken vorgebracht werden kann.

Der Unterschied zwischen «wegen» und «mit» sei eben «nicht ganz einfach zu definieren», erklärte Marie-José Kolly gegenüber Infosperber. «Grundsätzlich» sei eine «detaillierte Erfassung der Spitaleintritte relevant», meinte Kolly. Aber «eine so detaillierte Erfassung müsste komplexer sein als diejenige, die in der medialen Debatte vorgeschlagen wird, nämlich ‹mit› vs. wegen›». 

Allerdings schlagen nicht Medien diese Differenzierung vor. Vielmehr verpflichtet das BAG seit Beginn der Pandemie alle Spitäler, bei den Patienten genau anzugeben, ob der Grund des Spitalaufenthalts «Covid-19» oder ein «anderer» sei. 

Ohne bessere Daten ist keine effiziente Politik möglich

Damit man einschätzen kann, wie gefährlich das Virus tatsächlich ist, wie viele schwere Krankheitsverläufe und Todesfälle es wirklich verursacht, ist es relevant zu unterscheiden, wie viele «wegen» oder nur «mit» Corona (= auf das Virus positiv getestet) hospitalisiert werden mussten, und wie viele «wegen» oder nur «mit» dem Virus gestorben sind. 

Ebenso wichtig ist das Auswerten der Statistik, wie viele der «wegen» Corona Hospitalisierten und Verstorbenen an welchen Vorerkrankungen litten. Denn viele schwere Fälle wären zu verhindern, indem man Schutzmassnahmen und Empfehlungen auf die besonders Gefährdeten in der Bevölkerung ausrichten würde.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine
_____________________
Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.

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7 Meinungen

  • am 1.02.2022 um 11:00 Uhr
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    Wieder einmal: Vielen Dank für den informativen Artikel! In den meisten Medien sucht man so etwas vergeblich.
    Interessant wären im Moment auch Zahlen über den Anteil von Omikron versus Delta bei den Spitaleinweisungen (jenen, die tatsächlich wegen der Corona-Infektion ins Spital eingeliefert werden müssen) und bei den Patienten auf der Intensivstation.

    0
  • am 1.02.2022 um 11:39 Uhr
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    «Oder die Spitäler haben dem BFS zu viele Covid-Patienten angegeben, weil sie an den meisten etwas mehr verdienen konnten» ist eine Vermutung, die von «alternativen» Autoren und Medizinern oft geäussert wird, und sie stimmt wohl für Einzelne. Ich vermute in den meisten Fällen andere Ursachen, z.B. Zeitmangel und Überlastung. Ich habe gerade einen ganzen Tag damit verbracht, eine banale Frage zum Bevölkerungswachstum meiner Gemeinde zu klären und kam bei verschiedenen Berechnungen immer wieder zu anderen Resultaten. Ausserdem fand ich kleinere Diskrepanzen zwischen verschiedenen Daten und selbst bei Tabellen des BFS selber. Wir alle, auch Fachleute auf ihrem eigenen Gebiet, machen Fehler, und wir sind alle in einigen Bereichen inkompetent. Die Pandemie hat sehr deutlich gemacht, wie sehr sich die Menschheit durchwurstelt, auch die Klügsten. Institutionelle Geldgier (Kapitalismus) und Machtgier Einzelner sind natürlich immer präsent, aber die vielen Fehler passieren auch bei dem besten Willen der Beteiligten.

    1
  • am 1.02.2022 um 12:41 Uhr
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    Zunehmend wichtig, aber in den Statistiken noch gar nicht berücksichtigt, ist Long Covid. Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit von Long-Covid (a) bei Corona-Patienten mit schwerem Verlauf, (b) bei solchen mit leichtem Verlauf? Die Schätzung von 10%, die die WOZ am 27.01.22 publizierte, klingt erschreckend hoch, ist wahrscheinlich aber über den Daumen gepeilt. Eines ist klar: Je höher die Wahrscheinlichkeit von Long-Covid, desto stärker müsste sie als Motiv für Corona-Schutzmassnahmen gewichtet werden. Doch davon spricht noch kaum jemand… Was man bisher über den Zusammenhang von Corona und Long-Covid weiss, müsste sich aber doch eigentlich – zumindest grosso modo – inzwischen statistisch aufarbeiten lassen.

    6
    • am 1.02.2022 um 18:52 Uhr
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      Gute Fragen. Long Covid kommt sicher vor. Zuerst gilt es, Long Covid genau zu definieren. Am schlimmsten wären bleibende gesundheitliche Schäden. Doch wie gross oder klein ist dieses Risiko a) nach schweren Verläufen, b) leichten Verläufen, c) asymptomatische Ansteckungen, d) bei Kindern, e) Jugendlichen, f) Frauen g) Männer etc.? Längst müsste eine grossangelegte Studie, umfassender als die von Professor Milo Puhan in Zürich, im Gange sein. Mittel- und langfristige Folgen kommen bei verschiedensten Krankheiten vor. Solange man nicht weiss, bei welchen Vorbedingungen Long Covid mit bleibenden Folgen gehäuft vorkommt, sind vorbeugende Massnahmen schwierig.

      0
  • am 1.02.2022 um 13:13 Uhr
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    Einmal mehr müssen die «seriösen» Journalisten Energie aufwenden, um der Wahrheit näher zu kommen, weil die staatlichen Institutionen offenbar überfordert sind, wenn es um korrekte Information geht. Die ganze Pandemie entpuppt sich immer mehr als Test/Virologen/Statistik-Pandemie. Wenn man von Anfang an nur Menschen MIT SYMPTOMEN getestet hätte, wären all die gravierenden Einschränkungen erspart geblieben. Aber Differentialdiagnose wird heute in der medizinischen Grundausbildung zu wenig gelehrt. Alle verlassen sich nur noch auf «evidenzbasierten Tests». Die Aussagekraft des PCR Testes war von Anfang an umstritten und viele Viren in unserer Welt gehören seit Jahrtausenden zu unserem Leben und helfen unserem Immunsystem, sich laufend anzupassen. Das wird auch so bleiben, auch wenn der Gesellschaft vorgegaukelt wurde, Corona sei das einzige Virus, das wie ein «diabolus ex machina» die Welt erobern will. Wenn die Massentesterei endlich beendigt würde ,wäre auch die Pandemie beendet!

    1
  • am 1.02.2022 um 16:14 Uhr
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    Als die «Pandemie» so richtig losbrach, im März 2020, war die Pandemiekommission des Parlaments plötzlich verschwunden und statt deren trat die «Taskforce» auf den Plan, ein Gremium, dessen Legitimität zweifelhaft ist, das aber angeblich mit Experten aus verschiedenen wissenschaftlichen Fachgebieten besetzt war. Es ist entsetzlich, dass erstens die Taskforce die gravierende Schwachstelle in der Statistik, trotz Hinweisen von verschiedenen Seiten, nicht von sich aus behob und zweitens weder der Bundesrat noch das Parlament dies korrigierten. Und auch in den Medien wurde dies kaum thematisiert. Das ist darum besonders übel, weil die teilweise gravierenden Massnahmen mit eben jenen Zahlen gerechtfertigt wurden und noch werden. Das ganze politische System hat versagt. Gut, so etwas kann passieren, es liegt wohl in der menschlichen Natur. Es wäre nur zu wünschen, dass, wie nach einem Flugzeugabsturz oder einem Grossbrand, jetzt nach Ursachen und Mängeln gesucht wird und diese vor der nächsten Krise behoben werden. Leider ist zu befürchten, dass zu viele Beteiligte an einer solchen Untersuchung kein Interesse haben und sie aktiv blockieren, weil vielleicht auch Schuldige, resp. Verantwortliche gefunden würden.

    2
    • am 2.02.2022 um 09:09 Uhr
      Permalink

      @Daniel Wacek:
      Sie sprechen ein wichtiges Thema an. In einer Krisensituation müsste es ein vordringliches Ziel sein, verlässliche Informationen über die Bedrohung zu beschaffen. Da hat der Bund mit alle seinen angegliederten Gremien ziemlich krass versagt.
      Die Task Force wurde stark nach Gesinnungskriterien zusammengestellt. Deshalb war ein Wissenschaftler wie Pietro Vernazza unerwünscht. Nachzulesen in der NZZ vom 1.9.21:
      https://www.nzz.ch/schweiz/vernazza-vielleicht-sollten-wir-uns-wieder-die-hand-geben-ld.1642553

      0

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