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Werbeplakate für Medizinprodukte am Kongress der Herzrhythmus-Gesellschaft in San Francisco © Robert Durell, ProPublica

Industrie finanziert «unbestechliche» Chirurgen

Matthias Strasser /  Die luxuriösen Kongresse der Herzspezialisten sind von Werbung zugepflastert. Ärzte nehmen das Geld, doch behaupten, immun zu sein.

Kardiologen lassen sich ihre Fachgesellschaften zu einem grossen Teil mit Geld von der Industrie finanzieren. Und wenn sie sich auf Ärztekongresse begeben, finanzieren sie diese mit Werbung der Hersteller medizinischer Produkte. Um welche Summen es konkret geht, hat das amerikanische Internetportal Pro Publica am Beispiel eines Kongresses von Herzspezialisten im Jahr 2010 nachrecherchiert. Normalerweise bleiben diese Zahlen vertraulich:

Werbung im Lift: 10’000 Dollar. Werbung an den Internetstationen: 30’000 Dollar. Auf dem Kaffeebecher: bis 45’000 Dollar. Auf der Hotel-Schlüsselkarte: 70’000 Dollar.
Die Werbung reicht über das Kongresszentrum und -hotel hinaus: Innenwerbung im Shuttlebus für die Teilnehmenden: 12’500 Dollar, Aussenwerbung: 50’000 Dollar. Die Liste die Pro Publica zusammenstellt ist lang und eindrücklich. An einem einzigen viertägigen Anlass der amerikanischen Herz-Rythmus-Gesellschaft seien 2010 über fünf Millionen Dollar zusammengekommen.

Die Hälfte des Jahresbudgets von der Industrie

Die Pharma- und Medizinaltechnikindustrie betrachten Ärztegesellschaften als besonders lohnendes Ziel ihrer Marketing- und Werbeanstrengungen: Denn es sind die Fachgesellschaften, die nationale Empfehlungen zur Behandlung der Patienten formulieren. Sie nehmen Einfluss auf die Finanzierung der Wissenschaft und sind eine wichtige Informationsquelle für die Öffentlichkeit.

Die Industrievertreter gehen aber nicht nur auf Berufsvereinigungen zu. Rennommierte Universitäten wie Stanford oder Colorado Denver waren gemäss Pro Publica plötzlich Vorwürfen ausgesetzt, sie würden sich vom Geld der Industrie beeinflussen lassen – und sahen sich in der Folge gezwungen, die Pharma-Vertreter von ihren Geländen zu verbannen.

Pro Publica kam zum Schluss, dass Pharmafirmen und Hersteller von Herzschrittmachern und Defibrillatoren das Budget der Heart Society von jährlich 16 Millionen Franken zu mehr als der Hälfte finanzieren. Die Fachgesellschaften streiten ihre Käuflichkeit zwar ab, wollen aber auch nicht Auskunft darüber geben, wie eng sie mit der Industrie verknüpft sind. Auf das Geld der Industrie will die Heart Society jedenfalls nicht verzichten. Ihr damaliger Präsident Bruce Wilkoff liess keinen Zweifel aufkommen: «Entweder müssen wir raus aus diesem Geschäft, oder wir müssen mit diesen Beziehungen arbeiten. Wir haben uns für das zweite entschieden.»

Nachweisebare finanzielle Verflechtungen der Exponenten
Gemäss Pro Publica waren 12 der 18 sogenannten «Board Members» der Herzgesellschaft bezahlte Sprecher oder Vertreter der Pharma-Firmen. Bei der amerikanischen Society of Hypertension hatten 12 von 14 «Board Members» finanzielle Verbindungen zu Herstellern von Medizinaltechnik.

Wenigstens ist die Heart Foundation eine der wenigen Institutionen, die ihre Finanzen offenlegt. Die meisten tun dies nicht. Die Recherchen von Pro Publica haben gezeigt, dass es grosse Unterschiede gibt zwischen den einzelnen Fachgesellschaften – und zwar sowohl in der Frage, wie viel Geld sie von der Wirtschaftslobby akzeptieren, als auch in der Frage, inwiefern sie möglichen Konflikten zu begegnen suchen.

Um wie viel Geld es bei den Einflussnahmen geht, zeigt ein Beispiel: Je nach Modell kostet ein einfacher Herzschrittmacher – von einem Spezialisten jährlich dutzendfach implantiert – gerne 30’000 Dollar. Entsprechend hoch sind die Einnahmen bei jedem zusätzlich implantierten Gerät. Nach Angaben der Finanzgesellschaft JP Morgan wurde mit den Herzschrittmachern im Jahr 2010 weltweit ein Geschäft von 6,7 Milliarden Dollar gemacht. Herzschrittmacher sind für die Hersteller eine wahre Goldgrube.

Jeder fünfte Herzschrittmacher unnötig implantiert

Die Werbung und das eingenommene Geld beeinflussen die Mediziner nachweislich. Eine Studie im «Journal of the American Medical Association» JAMA zeigte auf, dass mehr als einer von fünf in den USA implantierten Herzschrittmachern nach medizinischen Kriterien nicht nötig wäre. Wenige Wochen darauf gab die Heart Rythm Society bekannt, dass das amerikanische Justizministerium in dieser Sache ermittelt.
Kongressteilnehmer ausspioniert
Die Bewerbung der Ärzte auf Kongressen geht derweil munter weiter. Sogar in den Wii-Game-Räumen, Massagezimmern und auf den T-Shirts der Masseusen können Firmen der Pharma und Medizinaltechnik Werbung anbringen.
Das amerikanische College of Cardiology ging sogar so weit, dass es seinen Tagungsteilnehmenden auf den Kongress-Badge ein Ortungssystem geladen hat. Die werbetreibenden Konzerne verfügten danach über Echtzeitdaten. Sie konnten sehen, welcher Wissenschaftler (mit Name und Titel) sich wie lange für welches Produkt interessiert hatte. Auf Nachfrage von Pro Publica gaben die Veranstalter an, sie würden die Wissenschaftler in Zukunft über die Ortungen besser informieren.

Siehe «Strafanzeige mutiger Ärzte gegen Pharmakonzern GSK» vom 9. März 2013.


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Sie gehören zu den mächtigsten Konzernen der Welt und haben einen grossen Einfluss auf die Gesundheitspolitik.

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