Kommentar

Was wird aus den Babyboomern?

Rainer Stadler © zvg

Rainer Stadler /  Mancher freut sich auf das Ende des Erwerbslebens. Aber das erhoffte Paradies tut nicht allen gut.

Die Babyboomer kommen ins Rentenalter. Entsprechend häufen sich Meldungen, dass schon bald zehntausende Arbeitsplätze leer bleiben werden, weil der Nachwuchs fehlt. Die nachrückenden Generationen können sich eigentlich freuen, denn ihr Marktwert wird steigen. Die Wirtschaft wiederum wird versuchen, den Mangel durch Effizienzsteigerung, Automatisierung oder wie bisher durch den Import von weiteren Arbeitskräften zu beheben.

Das ist die eine Seite des sozialen und wirtschaftlichen Wandels. Was heisst das aber für die Babyboomer? Wer aus dem offiziellen Arbeitsprozess ausscheidet, freut sich über die neue Freiheit und Selbstbestimmung – und wird allmählich merken, dass der Wechsel tiefgreifender ist, als man dies in der Vorfreude auf das Ende des Erwerbszwangs erwartet hätte. Einige Rentner arbeiten weiter, voll oder teilzeitig. Weil die Zahl der körperlich hart Arbeitenden stark geschrumpft ist, sind wohl die meisten Neurentner noch voll im Saft. Doch nicht alle sind auf dem Arbeitsmarkt weiterhin erwünscht. Dieser hat noch zu wenig auf die neuen Verhältnisse reagiert, womit in den kommenden Jahren mit einer wachsenden Zahl von unterbeschäftigten Personen zu rechnen ist. Ein paar Leser werden nun reklamieren und einwenden, sie würden die neue Lebensphase geniessen, hätten genug zu tun und hätten keine leere Zeit. Das darf man gerne glauben. Oder auch nicht.

Ich schreibe, also bin ich

Doch wenn man sich auf den zahlreichen digitalen Kommunikationsplattformen umschaut, beschleichen einen Zweifel, ob das Paradies der Arbeitsfreiheit allen behagt. Es ist offensichtlich, dass in den Foren zahlreiche Personen im fortgeschrittenen Alter – zumeist Männer – anzutreffen sind, die ein ziemlich ausgeprägtes Mitteilungsbedürfnis haben. Kommentare schreiben sie im Stunden-, wenn nicht im Minutentakt. Das Motto lautet: Ich schreibe, also bin ich. Und: Je lauter ich formuliere, desto besser fühle ich mich. Ist die Tastatur so nahe unter den Fingern, hat die Tugend des Masshaltens kaum noch eine Chance.

Solange der Zuwachs der Babyboomer andauert, werden sich die Plattformbetreiber schlafend ständig steigender Klickzahlen erfreuen können. Ihre Kommunikationsforen wandeln sich indessen in Beschäftigungstherapiezentren. Die herkömmlichen Medienhäuser, die in diesem Geschäft tätig und gleichzeitig von Finanzierungssorgen geplagt sind, bekommen die Chance, an neuen Argumenten zu feilen, warum ihr Anspruch auf staatliche Unterstützung legitim sei. Entsprechende Vergütungen müssten wohl über die Kassen der Sozialämter abgewickelt werden.

Diese Zeilen dürften ein paar weitere Leser erzürnen. Schreibt hier ein Zyniker? Darum sei eingeräumt: Von Wissen, Erfahrung, Nachdenklichkeit und auch Witz oder Polemik geprägte Kommentare bereichern den Austausch und die Verständigung unter den Menschen.  Solche Kommunikation gelingt allerdings nur, wenn sich insbesondere die Zappelphilippe vor dem Verschicken ihrer Kommentare stets fragen würden: Muss ich das der Welt wirklich mitteilen? Es gilt wie immer: Weniger wäre mehr.

Altersradikalisierung

Die Kunst des guten Alterns fällt auch manchem Journalisten schwer. Während ein paar bewährte Namen im hohen Alter frisch und ohne Verbitterung weiterschreiben, leiden andere unter dem Symptom der Altersradikalisierung. Sie zanken, teilen aus, schnöden hämisch über Zeitgenossen, wissen alles besser und scheinen selbstgefällig ihre harschen Worte zu geniessen. Haben sie sich während des Aktivdienstes zu wenig austoben können? Gibt es kein Leben jenseits der Scheinwerfer der Öffentlichkeit? Das kann heiter werden, wenn weitere journalistische Babyboomer das Rentenalter erreichen.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Der Autor ist auch nicht mehr der Jüngste.
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7 Meinungen

  • am 10.08.2022 um 12:36 Uhr
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    Es gibt verschiedene Arbeitswelten. Während für die einen die Arbeit ein grosses Abenteuer bedeutet mit guten Löhnen und interessanten Aufgaben auf welche sie schon immer gewartet haben riecht die Arbeitswelt bei einer anderen Arbeitsgruppe je länger je mehr nach Zwang, welcher lediglich das Überleben sichert.
    So schreibt es auch der Buchautor Ulrich Renz in seinem Buch «Die Tyrannei der Arbeit»

    https://www.arbeits-wahn.de/otoene.php

    Für manch eine/n wirkt daher die Pensionierung wie eine Art «Erlösung». Vielleicht Erlösung von einer eng strukturierten Arbeitswelt, wo man dank Qualitätssystemen nur sehr begrenzten Spielraum bei der Arbeit hat, sich nicht entfalten konnte und «Dienst nach Vorschrift» leistet. Und dank einem Überangebot an Arbeitskräften wenig Wertschätzung und unfaire Behandlung erfahren hat.

    Und ich denke, arbeiten wirklich nur mehr zu dürfen und nicht zu müssen macht immer mehr Spass. Man kann dann als Unabhängiger auch eher die Wahrheit sagen oder schreiben.

    0
  • am 10.08.2022 um 14:48 Uhr
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    «Der Autor ist nicht mehr der Jüngste»

    Lieber böser Glosseschreiber, der nicht mehr der Jüngste ist, laut seinem Bekenntnis: Ich bekenne gleich einleutend einleitend, ich bin Pensioniert und als solcher über 40 Jahre als freischaffender Journalist tätig (gewesen). Zeit, um auf jeden Mückenschiss zu reagieren, nehme ich mir nicht, sondern reagiere nur dann, wenn ein grosser Misthaufen hingepflättert wird, wie bei Ihrer «Glosse», die man leicht auch mit «Gift und Galle» überschreiben könnte.

    Was bewegt Sie dazu, lieber böser noch aktiver Kollege, einen derartigen Rundumschlag-Text zu verfassen, der gleich alle Pensionierten als gelangweilte hilflose, säuerliche Tölpel hinstellt, von den jungen Vielschreibern, auch den Mittelalterlichen, wie Sie einer sind, kein Wort hinterlassen. Haben Sie Panik vor Ihrer Pensionierung und versuchen sich mit Ihrer «Glosse» diese Angst wegzuschreiben? Chancenlos! Oder befürchten Sie, dannzumal als Pensionierter, vor einem leeren Topf zu hocken? Oder…?

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    • am 11.08.2022 um 15:36 Uhr
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      Richtig im Ansatz, falsch in der Sache.
      Mist ist allgegenwärtig, in der Presse wie im Alltag. Babyboomer sind Reizfaktoren, ihr Verhalten, ihre Arroganz und ihre zur Schau gestellte (materielle) Komfortsituation stösst nicht überall auf Verständnis. In der heutigen Zeit kein gutes „Businesskonzept“.
      Also liebe Zeitgenossen: ruhig, bescheiden und etwas Demut ist angesagt!

      0
    • am 13.08.2022 um 07:54 Uhr
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      WER sind die Babyboomer?
      Haben die meisten von ihnen nicht Jahrzehnte lang Tag für Tag intensiv gearbeitet, um unsere Wirtschaft am Laufen zu halten, haben Steuern bezahlt und ihren Obolus an die Sozialwerke entrichtet?
      Haben sie nicht während Jahren das Leben von vielen Menschen mitfinanziert wie Flüchtlinge, Leute welche wenig oder gar keine Beiträge an die AHV entrichtet haben etc.?
      Hat der Autor dieser fragwürdigen «Glosse» sich schon mal mit nichtprivilegierten alten Leuten unterhalten und ihnen GUT ZUGEHÖRT?

      0
  • am 10.08.2022 um 22:55 Uhr
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    Gut gebrüllt Löwe!
    Ich bin auch so ein Babyboomer der jetzt beträchtliche Zeit auf Nachrichtenportalen, Blogs etc verplempert (weil er es kann…). Viele Foren werden mit Privatfehden zwischen Vielschreibern zugemüllt wie vom Autor beschrieben- diesen Eindruck habe ich auch.
    Andererseits bin ich auch auf kleinere Blogs gestossen mit sehr interessanten Themen und Diskussionen, denen ich mit Gewinn folge.-
    Meine Kommentare kommen meistens nicht über die Idee dazu hinaus, aber diesen da will ich nun doch loswerden 🙂

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  • am 11.08.2022 um 07:55 Uhr
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    Das ist «so» im Alter. Ich denke, dass wollte der Autor sagen.
    Wir haben heute doch alle «etwas zu sagen». Und durch die Medien haben wir auch die Möglichkeit dazu. Auch dann, wenn einer z. B. im Rollstuhl sitzt, nicht mehr reden kann, keine anderen Hobbys hat oder durch seinen ehemaligen Beruf (viel Erfahrungen) noch mitreden möchte.
    Dass ist doch weitaus besser, als stumm und verbittert in der Wohnung zu sitzen. Auch dann, wenn nur noch ein langer Wortsalat geschrieben wird, wo der Leser «sortieren» muss. Müssen wir nicht auch, bei professionellen Artikeln «zwischen den Zeile» lesen (Blumensprache) weil «zu direkt» unhöflich ist.
    Vielen kommt es auch gar nicht darauf an, dass es gelesen wird. Sie wollen es «nur mal gesagt haben».

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  • am 13.08.2022 um 07:57 Uhr
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    Die Boomers versuchen, die Defizite im heutigen Journalismus auszugleichen.

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