Kommentar

Ukraine-Zankapfel: Wird Orwells Prognose in «1984» Realität?

Kai Ehlers © zvg

Kai Ehlers /  George Orwell, 1903-1950, prognostizierte eine Welt, in der der Krieg zur Vernichtung von Werten zum Dauerzustand wird.

(cm) Weder Joe Biden noch Wladimir Putin können an einem grossen Krieg interessiert sein, sie wissen zu gut, dass es dann nur Verlierer gibt. Warum aber wird über «kleine» und «lokale» Kriege diskutiert? Schon George Orwell hat darauf aufmerksam gemacht, dass es Kriege brauchen wird, um die geschaffenen Werte der modernen Wirtschaft wieder zu zerstören. Ein Gastbeitrag.

Der Lärm um die Ukraine wird immer schriller. Und dennoch: Den Krieg wird es so, wie er gerade von vielen Seiten mit immer neuen Spekulationen beschworen wird, nicht geben. Weder droht Russland mit Krieg noch ist Russland an einem Einmarsch in die Ukraine interessiert. Eine annektierte Ukraine würde Russland ökonomisch und politisch in kritischem Masse belasten. Russland will nur verhindern, dass die Ukraine voll und ganz zum NATO-Land wird.  

Auch Joe Biden tönt nur, um sich dann gleich wieder zu relativieren. Selbst Annalena Baerbock, die sich so gern militant gibt, baut sich zwar drohend gegen Russland auf, hat aber doch keinen wirklichen Angriffswillen hinter sich. Es geht erkennbar nicht um offenen Krieg mit Russland, sondern um dessen Einschnürung, wenn möglich Totrüstung – wobei die gesamte westliche Propagandatruppe zugleich deutlich erkennen lässt, dass nicht einer von ihnen bereit ist, für die Ukraine ins Feuer zu gehen und seinen kriegshetzerischen Worten militärische Taten folgen zu lassen.

Halten wir einfach fest: Russland als Herzland Eurasiens, verbunden zudem mit China und dies umso enger, je mehr der Chor aus USA, NATO und EU im Ton ihres Bedrohungsmarathons aufdreht, wäre in einem Krieg mit konventionellen Waffen nicht zu bezwingen, nachdem es schon in der Vergangenheit durch Eroberungskriege nicht einzunehmen, nicht zu besetzen oder zu unterwerfen war. Man erinnere sich an die gescheiterten Versuche Napoleons im 19. Jahrhundert, den Versuch der deutschen Wehrmacht im Ersten Weltkrieg, den Versuch Hitlers im Zweiten Weltkrieg und an die nicht gelungene weiche Vereinnahmung durch die USA nach dem Ende der Sowjetunion. Heute hätte der Einsatz von Atomwaffen zudem auch für den, der sie zuerst einsetzt, tödliche Folgen.

Es wiederholt sich auch nicht einfach der «Kalte Krieg» zwischen zwei Blöcken. Was wir gegenwärtig erleben, sind vielmehr die hysterischen Versuche des «Westens», seine bisherige globale Dominanz unterhalb der Schwelle eines offenen Krieges und schon gar eines Atomkrieges gegenüber der Verschiebung der unübersehbar heranwachsenden Neugliederung der globalen Kräftekonstellationen aufrecht zu erhalten.

Viel Geschrei – um nichts

Was wir gegenwärtig erleben, ist genau betrachtet ein Geschrei, das umso lauter ist, je weniger die westlichen Akteure in der Lage sind, das Angedrohte auch tatsächlich umzusetzen. Nehmen wir als Beispiel nur das Gezänk um Nord Stream 2: Will Annalena Baerbock der deutschen Bevölkerung angesichts der deutschen Abhängigkeit von Gasimporten aus Russland wirklich zumuten, den «Preis» dafür zu zahlen, dass Russland kein Gas mehr liefert? Das würde sie politisch vermutlich nicht überleben. Oder nehmen wir die Forderung, Russland aus dem internationalen Zahlungsverkehr SWIFT auszuschliessen: Wie will der «Westen» den daraus resultierenden Verlust seiner finanziellen Dominanz ohne Eskalation der jetzt schon grassierenden Finanzkrise überstehen? Welche «Preise» möchte Frau Baerbock der deutschen und der mit ihr verbundenen europäischen Bevölkerung darüber hinaus noch zumuten, ohne dass es zu Tumulten in der an Wohlstand, zumindest an erschwingliche Grundversorgung gewöhnten Bevölkerung kommt?

Ganz zu schweigen davon schliesslich, dass ein Einsatz von Waffen gegen Russland, sei es konventioneller oder atomarer, zu einer Verwüstung Europas, konkret Deutschlands führen würde. Selbst ein US-Präsident kann einen solchen Waffeneinsatz nicht wollen, denn in einem mit Hyperschallraketen ausgetragenen Waffengang würden auch die USA nicht unberührt bleiben. Das wissen alle Akteure. So what? Wieso der ganze Lärm?

Den grossen Eroberungskrieg gibt es nicht mehr

Man wird es erleben, dass die lautesten Schreihälse sich mit einem Winseln zum «Dialog» setzen werden, weil es den einfachen Ausweg aus der heutigen Transformationskrise, den grossen Eroberungskrieg, der den Gegner vernichten könnte, nicht mehr gibt, ohne die eigene Vernichtung damit einzuleiten. Was es gibt, ist eine Zunahme lokaler Brände und des Auftauens eingefrorener Konflikte in den diversen Grenzbereichen und sich überschneidenden Einflusszonen der Blöcke. Damit kann man sich gegenseitig in Schach halten. Darin ist der Westen Russland gegenüber im Vorteil, weil Russland aus der Erbmasse der Sowjetunion von solchen Konfliktzonen umgeben ist. Ukraine ist einer dieser Konflikte, der vom Westen hochgespielt wird, für dessen Löschung aber keine der beteiligten Mächte eine militärische Beistandsgarantie abzugeben bereit ist.

Klar gesagt: Es geht nicht um die Ukraine, schon gar nicht um die Verbesserung der Lebensbedingungen der ukrainischen Bevölkerung. Eher sieht es so aus, als ob der seit dem Maidan-Umsturz schwelende lokale Konflikt als Stellvertreterkrieg weiter befeuert, bestenfalls durch neue «Minsker»-Verhandlungen eingefroren wird. Sehr wohl aber geht es um den Versuch, Russland, wie seinerzeit die Sowjetunion, in einen Rüstungswettlauf zu zwingen, um es auf diese Weise ökonomisch niederzuringen.

Schon Orwell hat von drei Grossmächten geschrieben …

Dies alles lässt Erinnerungen hochkommen, die man schon lange überwunden geglaubt hat: George Orwell beschrieb in seinem im Jahr 1948 geschriebenen Buch «1984» – also nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und dem Einsatz der Atombomben in Hiroshima und Nagasaki – eine Zukunft, die von drei grossen Machtblöcken – Eurasien, Ozeanien (zu dem er vor allem Amerika zählt) und Ostasien – gebildet werde. An ihren Grenzen, wo sich die Einflusszonen überlappen, lassen sie beständig Kriege führen, die aber nichts Wesentliches an der Grundkonstellation zwischen ihnen ändern. Die Kriege werden von Spezialtruppen geführt, während die Bevölkerungen innerhalb der grossen Machtblöcke unter der Parole «Krieg ist Frieden» durch volle technische Kontrolle, einschliesslich mentaler und gesundheitlicher Überwachung in einem dauerhaften Ausnahmezustand ruhig gehalten wird. Wer diese Art des Friedens in Frage stellt, wird ausgegliedert oder ganz vernichtet.

Einige Sätze aus Orwells Vision, genauer aus dem Kapitel III «Krieg ist Frieden», mögen diese Art des Friedens verdeutlichen, die uns heute nachdenklich machen kann:

«In der einen oder anderen Kombination» schreibt er, «befinden sich diese drei Superstaaten ständig im Krieg, und das seit fünfundzwanzig Jahren. Krieg ist jedoch nicht mehr der verzweifelte Vernichtungskampf wie in den Anfangsjahrzehnten des zwanzigsten Jahrhunderts. Es ist eine Kriegführung mit begrenzten Zielen zwischen Opponenten, die nicht in der Lage sind, einander zu vernichten, die keinen materiellen Kriegsgrund haben und nicht durch einen echten ideologischen Unterschied gespalten sind. (…) Das Problem bestand darin, wie man die Räder der Industrie am Laufen halten konnte, ohne den realen Wohlstand der Welt zu vergrössern. (…) Denn wenn alle Menschen gleichermassen in Musse und Sicherheit lebten, würde die grosse Masse der Menschen, die normalerweise aufgrund ihrer Armut verdummt ist, sich bilden und damit lernen, selbstständig zu denken; und wenn dies einmal geschehen wäre, würden sie früher oder später erkennen, dass die privilegierte Minderheit keine Funktion hatte, und sie würden sie hinwegfegen. Auf lange Sicht war eine hierarchische Gesellschaft nur auf der Grundlage von Armut und Unwissenheit möglich. Eine Rückführung in die agrarische Vergangenheit, wie sie sich einige Denker zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts erträumt hatten, war keine praktikable Lösung. (…) Es war auch keine befriedigende Lösung, die Massen durch die Drosselung der Warenproduktion in Armut zu halten. Das Problem bestand darin, wie man die Räder der Industrie am Laufen halten konnte, ohne den realen Wohlstand der Welt zu vergrössern.  Waren mussten produziert, durften aber nicht verteilt werden. Und in der Praxis war der einzige Weg, dies zu erreichen, die kontinuierliche Kriegführung.

Der wesentliche Akt des Krieges ist die Zerstörung, nicht unbedingt von Menschenleben, sondern von den Produkten menschlicher Arbeit. (…) Der Krieg leistet nicht nur, wie man sehen wird, die notwendige Zerstörung, sondern erreicht dies in einer psychologisch akzeptablen Weise. (…) Es spielt keine Rolle, ob der Krieg tatsächlich stattfindet, und da kein entscheidender Sieg möglich ist, spielt es auch keine Rolle, ob der Krieg gut oder schlecht verläuft. Es ist lediglich erforderlich, dass ein Kriegszustand existiert. (…) Der Krieg wird heute von jeder herrschenden Gruppe gegen ihre eigenen Untertanen geführt, und das Ziel des Krieges besteht nicht darin, Gebietseroberungen zu erzielen oder zu verhindern, sondern die Gesellschaftsstruktur intakt zuhalten. (…) ein wirklich dauerhafter Frieden wäre das Gleiche wie ein permanenter Krieg. Dies ist (…) die innere Bedeutung der Parteiparole: KRIEG IST FRIEDEN.»

Selbstverständlich ist dieses Bild nicht eins-zu-eins auf heute zu übertragen. Noch bestehen kulturelle Unterschiede zwischen heute Euramerika, Russland und China. Mit dem weltweiten Einzug des digitalen Kapitalismus schrumpfen sie erst tendenziell auf folkloristische Besonderheiten. Noch sind die Ressourcen, die für die industrielle Entwicklung gebraucht werden, nicht gleichmässig verteilt. Um die Gasversorgung wird noch gestritten. Die Entwicklung neuer Energiequellen, einschliesslich des weiteren Ausbaus von Atomkraftwerken zeichnet sich jedoch ab. Noch ist die technische Kontrolle der Bevölkerung nicht perfekt und nicht global vereinheitlicht. Noch ist die Einordnung in ein Regime der Volksgesundheit nicht zu einem täglichen Ritual vor dem «Auge» des «Großen Bruders» geworden, wie es von Orwell geschildert wird.

Aber Grundelemente einer Entwicklung, wie Orwell sie beschreibt, tauchen aus dem Nebel der aktuellen Kriegspropaganda auf, zumindest wie sie von westlicher Seite betrieben wird, nämlich Versuche, die Bevölkerung in die Akzeptanz einer beständigen Ausnahmesituation zu treiben, in der Krieg als Garant des Friedens erscheint.

Was haben wir dem entgegenzusetzen? Das ist die Frage. Die Antwort ist – Darf man das sagen? – im Grunde ganz einfach: Genau das zu tun, was von den kriegstreiberischen Kräften nicht gewollt wird: Selber denken, selber Wege der Kooperation suchen, selber Brücken bauen, im Kleinen wie im Grossen. Gibt es einen anderen Weg? Wohl kaum.


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26 Meinungen

  • am 31.01.2022 um 11:44 Uhr
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    Putin hat die Welt aufgeklärt;
    Russia is not going to fight against anyone…
    We are creating conditions so that nobody dares to fight against us!!!

    Russland wird gegen niemanden kämpfen …
    Wir schaffen Bedingungen, damit sich niemand traut, gegen uns zu kämpfen !!!

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  • am 31.01.2022 um 12:00 Uhr
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    Das Schüren des Ukraine-Konfliktes gehört m.E. ganz klar in der Nachfolge des Kriegstreibers, Russenfressers und Schreibtisch-Menschenschlächters Brzezinskis zu den Mitteln, mit denen Russland «überdehnt» werden soll und wie sie in einer Studie der RAND Corporation schon 2019 dargelegt wurden: Wie Thomas Röper nachgewiesen hat (https://www.anti-spiegel.ru/2021/studie-der-rand-corporation-hat-2019-geschrieben-was-2021-realitaet-geworden-ist), wurden nicht nur praktisch alle «Ratschläge» aus diesem Plan bisher schon umgesetzt, sondern auch nahezu alle anderen «Vorschläge» dieses «Think Tanks» (was man hier wohl wegen der militaristichen Aggressivität mit «Denk-Panzer» übersetzen sollte) in den letzten Jahrzehnten ebenso.

    Und was die «(un)produktive Zerstörung» anbelangt, so fehlt mir in dem Artikel der Hinweis darauf, dass der Krieg – zumindest bisher – immer noch das mit Abstand profitabelste «Geschäft» im Kapitalismus ist: Ein unendlich zahlungsfähiger Kunde (Staat) kauft zu Fantasiepreisen Waren (Waffen), die er möglichst schnell im Gefecht zerstört, um sie zu ersetzen. Dagegen ist eine «Lizenz zum Gelddrucken» Kinderkram. Nur in jüngster Zeit hat Big Pharma noch profitablere Geschäfte mit Staaten getätigt. Aber beides hängt vom Schüren einer Angst ab, die die Ausgaben rechtfertigt. Und da dem Wertewesten ein «richtiger» = profitabler Krieg gerade fehlt, wird er versuchen, einen «kleinen» an Russlands Ostgrenze zu inszenieren. Zerstörung Europas? «Fuck the EU!» (Nuland)

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  • am 31.01.2022 um 12:02 Uhr
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    Vielen Dank, Kai Ehlers für diesen Beitrag. Es ist so wichtig, dem unbedachten und kurzsichtigen Kriegsgeschrei der Konzernmedien entgegenzutreten. Seit Beginn des kalten Krieges und Gründung der NATO wird die eigene Strategie einfach der Gegenseite unterstellt, bösartiges eigenes Treiben ausgeblendet und Begriffe wie „Freiheit und Demokratie“ im Orwell´schen Sinn auf den Kopf gestellt: „Rollback“ verschärfte in den 50er Jahren Truman´s Strategie des „Containment“. Heute liest man dann schlicht: „Putin zielt auf ein Rollback all dessen, was seit 1990 in puncto nationaler Befreiung erreicht worden ist“ (S-G. Richter). Oder schlimmer noch, Joffe in der ZEIT, Putin sei seit 2008 „auf Expansionskurs: Georgien, Krim, Donbas, Intervention in Syrien, Belarus, Kasachstan.“ Kein Wort dazu, was mit der NATO-Osterweiterung und Angriffskriegen entgegen der UNO-Charta den Entscheidungen Russlands vorausging. 2009 schuf die EU mit sechs ehemaligen Sowjetrepubliken, Armenien, Aserbaidschan, Moldau, Georgien, der Ukraine und Weißrussland die „Östliche Partnerschaft“ und stellte diese faktisch vor die Wahl: Westen oder Russland. Es geht nicht um Freiheit oder Wohlstand dieser Länder, sie werden benutzt, um Russland in einen Krieg gegen die NATO zu provozieren. Hier https://www.nachdenkseiten.de/?p=80284 wird heute auf einen Essay des Juristen und Osteuropaexperten Herwig Roggemann hingewiesen, den jeder lesen sollte, dem der Erhalt des Friedens in Europa wichtigstes Anliegen ist.

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  • am 31.01.2022 um 12:55 Uhr
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    Antiquiert und von vorgestern.

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  • am 31.01.2022 um 14:06 Uhr
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    Ja der Zustand wie von Orwell in 1984 beschrieben scheint bald erreicht. Dann ist es jedoch zu spät dies aufzuhalten. Zudem scheint mir auch, dass mittels der bald verfügbaren Gentherapien gleichzeitig A. Huxleys «Brave new world» Realität werden soll. Ein grauenhafter Mix von sinnlosem Zustand würde dies sein, weshalb mir im Artikel genannte Gegenmassnahmen nicht wirklich ausreichend erscheinen, die abgehobenen Eliten von der Vollendung dieses Wahnsinns noch zu stoppen. Dafür bräuchte es Veränderungen wie damals 1789 in Frankreich.

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  • am 31.01.2022 um 15:49 Uhr
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    Die Gefahr der Selbstzerstörung und der planetarischen Vernichtung droht nicht irgendeines fernen Tages in der Zukunft, für den Fall, dass wir es versäumen, geeignete Vorsichtsmaßregeln zu ergreifen, sie bedroht uns jetzt, schwebt ständig über unseren Köpfen. Die Vernichtungsmaschinerie ist einsatzbereit, kann beim geringsten Anlass in Gang gesetzt werden, wartet nur darauf, dass irgendein Besessener oder Geistesgestörter den Knopf drückt, oder das ein defekter Computerchip das große Feuerwerk entfesselt.
    Wir müssen begreifen, dass wir im Krieg sind.
    Wir haben es uns nicht ausgesucht, aber wir können es nicht ändern.

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  • am 31.01.2022 um 17:11 Uhr
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    Ein durchaus spannender Artikel, bezogen auf den Westen. Allerdings sehe ich in Europa derzeit keinen Machtpol, wie es Orwell beschreibt. Selbst wenn Macron will, ist Europa doch kaum je in der Lage, sich von den USA zu lösen, und sei es nur um krasse Verstösse gegen europäische Werte wie die systematischen, aussergerichtlichen Hinrichtungen von Verdächtigen im Mittleren Osten durch US Kampfdrohnen.
    Auch vernachlässigt die Aussage vom «Siegeszug des Kapitalismus» die tatsächliche Situation im sozialistischen China, wo eine Marktwirtschaft nur unter strengen Auflagen von der KP stattfinden darf. Waren diese Auflagen unter Deng Xiaoping noch relativ abstrakt und in ferner Zukunft, so macht Xi Jinping heute klar, dass die Zeit für erfolgreiche Entrepreneure gekommen ist, der Gesellschaft zurückzugeben – und nicht einfach freiwillig durch eine rentable NGO Wirtschaft, sondern koordiniert durch den Staat und die Partei – bei Armutsbekämpfung, Bildung, medizinischer Versorgung usw.
    Das ist ein sehr substantieller ideologischer Unterschied zum Westen, wo meist gilt, dass der Staat der privaten Wirtschaft nichts befehlen dürfe, jenseits der Gesetze, egal wie schädlich die Entwicklung für das Volk ist. China und Russland wollen keinen Krieg, so verweigern sich aber dem Primat des US Kapitals. Das war noch immer Kriegsgrund für die USA.

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  • am 31.01.2022 um 19:30 Uhr
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    Spannende Verbindung zu 1984! «Krieg ist Frieden» als eine Möglichkeit der Machtausübung. Zusätzlich ein System, das innenpolitsich auf Sadismus beruht.
    Eine andere Form der «Befriedung» präsentiert Aldous Huxley mit «Schöne Neue Welt»: Weil alles kontrolliert ist (incl. Gefühle – abgeschafft – und Geburt – in vitro – und Tod – Euthanasie etc.) gibt es keine Probleme. Es braucht einfach die Anpassung, dann wird Krieg und Krankheit überflüssig. Die Unangepassten können ins Reservat. Bessere Dystopie als die von Orwell? Kaum – einfach subtiler. Wie wir in Zukunft «Menschsein» definieren, das wird wohl in unserer Zeit geprägt. Was wollen wir wirklich?

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  • am 1.02.2022 um 08:25 Uhr
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    Können Sie mir erklären, Herr Ehlers, weshalb Länder wie die Ukraine, Finnland oder Schweden aufrüsten und die Nähe der NATO suchen, sich also hysterischen, hetzerischen Kriegstreibern an die Brust werfen, anstatt geduldig auf die «Neugliederung der globalen Kräftekonstellationen» zu warten? Für Deutsche mag das schwer nachvollziehbar sein, aber aus der Schweiz betrachte ich mit Interesse, wie kleinere Länder in Europa auf die gegenwärtige Situation reagieren.

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    • am 2.02.2022 um 05:30 Uhr
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      Finnland hat jede Option der NATO beizutreten bis jetzt ausgeschlagen.
      Die Ukraine wollte ein Abkommen mit Russland, worauf die gesamte Westliche Diplomatie nach Kiev reiste, um einen Putsch zu unterstützen und die USA eine durch Deutschland verhandelte Lösung mit Neuwahlen ablehnte und stattdessen ihren Wunschkandidaten als neuen Machthaber in Kiev einsetzten unter explizitem «Fuck the EU». Die Aussage «die Ukraine» wolle mit dem Westen, ist also eindeutig falsch. Alle die nicht wollen werden einfach mundtot gemacht

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  • am 1.02.2022 um 12:24 Uhr
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    «Es handelt sich um den Versuch; Russland – wie seinerzeit die Sowjetunion – in einen Rüstungswettlauf zu zwingen…» Niemand kann unter heutigen Verhältnissen in einen Rüstungswettlauf gezwungen werden, auf jeden Fall keine Grossmacht. Ich finde keinen Beleg dafür, dass der Verzicht Putins auf einen Rüstungswettlauf Russland in den Untergang treiben würde. Das ist offenbar auch Kai Ehlers Diagnose zu heutigen Kriegsgefahren. Die NATO wird nicht deshalb auf eine atomare Zerstörung oder konventionelle Okkupation Russlands verzichten, weil sie sich vor Hyperschallwaffen fürchtet, sondern weil heutige imperiale Wettbewerbe anders ausgetragen werden. Hingegen bin ich überzeugt, dass Putin mit längst fälligen Investitionen in Bildungs- und Gesundheitswesen, in grosszügigere Alters- und Invalidenvorsorge als die Almosen, die er wieder hinwirft, in innovative ökonomische Strukturen inklusive endlich Rechtssicherheit – dass er damit im globalen Wettbewerb zum Nutzen der Bevölkerung wesentlich mehr erreichen könnte. Schon die Sowjetunion wurde nicht zum Rüstungswettlauf gezwungen, und sie ist auch nicht an mangelnder Rüstung zusammengebrochen. Die Parteiführung hat falsche Entscheidungen getroffen, indem sie sich zu diesem Unsinn zum Schaden der Bevölkerung angeblich «zwingen liess». Der Verzicht auf imperiale Ambitionen befreit die USA; Russland und China von diesem Zwang. Oder kann jemand den nachhaltigen Nutzen für die Bevölkerungen, nicht für die Regierungen darlegen?

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    • am 3.02.2022 um 01:22 Uhr
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      @ Peter Lüthi – Dass Investitionen in Bildung oder auch ins Gesundheitssystem immer und überall auf der Welt vernünftiger wären als Investitionen in die Aufrüstung, ist eine Binsenwahrheit. Dies ausgerechnet am Fall Russland zu kritisieren ist allerdings etwas gar seltsam. Kein Land investiert mehr Geld ins Militär als die USA und kaum ein anderes Land überlässt das höhere Bildungswesen – also vor allem die universitäre Ausbildung – mehr dem privaten Business als die USA. Genau deshalb ist die Forderung Russlands nach einem Sicherheitssystem mit garantierten Sicherheiten durchaus vernünftig, vernünftiger als die eigene Sicherheit einfach mit immer noch mehr militärischer Aufrüstung zu erreichen. Wer die Geschichte der NATO genauer anschaut und sieht, dass sie eben nur auf dem Papier ein Verteidigungsbündnis ist, aus wirtschaftlichem Interesse heraus oder auch aus rein machtpolitischen Gründen aber durchaus auch ein Land anzugreifen bereit ist, muss sich bei deren Expansion bis an die eigenen Grenzen sehr wohl bedroht fühlen. Die Wiedervereinigung der Krim mit Russland war der ausdrückliche Wunsch der Bevölkerung und also eine Sezession. Als Beweis für die Aggressivität Russlands ist sie ein denkbar schlechtes Beispiel. Der Wettlauf im Rüstungswesen wird angefeuert von den USA, alles andere zu behaupten ist entweder Unwissenheit oder politische Absicht.

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    • am 3.02.2022 um 12:24 Uhr
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      @Christian Müller, richtig beschrieben!

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    • am 3.02.2022 um 13:02 Uhr
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      Ihre Analyse scheint mir falsch. Russland lernt aus der Geschichte und weiss dass den USA/Europäern noch nie zu trauen war und sein wird. Alles und jeder wird für Land und Bodenschätzen von den Imperialisten/Kapitalisten angegriffen, bombardiert, wenn nötig versklavt und ausgerottet. Darum muss Russland in Rüstung investieren. Bildung der Mehrheit ist den Mächtigen im Westen darum keine Option, weil sich sonst die Antikriegsproteste nach Vietnam wiederholen könnten. Krieg ist Frieden, wie Orwell schreibt, aber nur für die korrupte Elite bei uns.

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  • am 2.02.2022 um 18:01 Uhr
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    In erster Linie ist zu hoffen, dass die Prognose stimmt und es nicht zu einem größeren Krieg in Europa kommt.Arg problematisch ist jedoch die Behauptung, dass letztlich viel Lärm um nichts gemacht werde. Unterstellen wir einmal, dass niemand der Hauptakteure das Ziel verfolgt, in Europa einen großen Krieg zu führen. Der Lärm, um beim Begriff zu bleiben, verändert aber die nationalen und internationalen Bedingungen. Die massiv betriebene Konflikteskalation verändert die Wahrnehmung der jeweils anderen Seite und die Interpretation des Geschehens. Welche Aggressionen werden für wahrscheinlich gehalten, wenn die Medien noch ein paar Monate weiter trommeln? Welche Intentionen werden in ein paar Monaten unterstellt, die heute noch weitgehend ausgeschlossen werden? Welche stabilitätsfördernden Optionen werden unmöglich gemacht? Insofern sind auch die Drohungen aus der Reihe der Marionetten (Baerbock etc.) leider nicht nur Lärm. Drohungen stoppen keine Eskalation, sie befeuern sie. Dass gefährliche Grenzen überschritten werden, ist ja nicht nur dadurch möglich, dass jemand die Absicht hat, dies zu tun. Es ist ebenfalls möglich, dass er den Eindruck gewinnt, nicht (mehr) anders handeln zu können. Insofern handelt es sich nicht um viel Lärm um nichts, sondern um ein gefährliches Getöse, mit dem das Risiko einer großen militärischen Auseinandersetzung in Europa erhöht wird. Widerspruch (siehe Vize-Admiral Schönbach) wird schon heute nicht mehr geduldet.

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    • am 4.02.2022 um 09:02 Uhr
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      Wird in Russland Widerspruch geduldet?

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  • am 2.02.2022 um 18:16 Uhr
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    Ukraine Krise
    Seit Jahren verfolge ich besorgt die respektlose Ignoranz, mit welcher der Westen mit Russland umgeht. Wer 1990 glaubte, Russland werde pflegeleicht in Bedeutungslosigkeit verschwinden, hat sich gefährlichen Illusionen hingegeben.
    Bei aller berechtigter Kritik am Verhalten Russlands, ist folgendes zu bedenken:
    Russland wurde drei Mal in wenig mehr als einem Jahrhundert, mit katastrophalen Folgen für Menschen, Infrastruktur und Staat, vom Westen her angegriffen.
    Die strategische Lage der USA ist um ein Vielfaches «komfortabler» als diejenige Russlands! Trotzdem haben die USA oft und weltweit mit militärischen und anderen Mitteln eingegriffen, wenn sie ihre Interessen betroffen wähnten.
    Russland vertraute (wie naiv!) den mündlichen Zusagen der Westmächte, dass sich die Nato nicht an die russische Grenze ausdehnen würden.
    Der Westen hat viel Geld investiert um die Ukraine für einen Nato- und EU-Beitritt zu «konditionieren».
    Das aktuelle Ukraineproblem, erinnert mich an die Kubakrise. Schon damals waren in unseren Medien die Russen die «Bösen». Dass Russland damals mit «Kriegstreibereien» den Westen an den Verhandlungstisch zwang und erreichte, dass die auf Russland gerichteten Raketen in der Türkei und in Italien abgebaut wurden, nahm nur der kritische Medienkonsument zur Kenntnis.
    Dass Russland wiederum derart riskant drohen musste, um die USA und Europa an den Verhandlungstisch zu zwingen, ist meines Erachtens ein trauriges Armutszeugnis für den Westen!

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  • am 4.02.2022 um 12:46 Uhr
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    Vor einiger Zeit las ich das höchst interessante Buch „Die Zähmung des Menschen“, geschrieben vom Anthropologen Richard Wrangham (ISBN 978-3-421-o4753-3). Darin wird die These aufgestellt, dass der heutige Mensch deshalb zu dem „sanftmütigen“ Menschen mit all seinen technologischen und wissenschaftlichen Errungenschaften geworden ist, weil er über die lange Zeit unserer Evolution die aggressivsten Mitglieder ausgemerzt hat. Wenn man nun die heutige angespannte Weltlage mit ihren grossen Potentaten betrachtet, stellt sich nun die brennende Frage, wie unsere „Nahevolution“ wohl vonstatten gehen könnte, vor allem auch vor dem Hintergrund der Diskussion hier. Kann da Jemand Erleuchtung bringen ?

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    • am 5.02.2022 um 02:12 Uhr
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      Potentaten? Ich sah gestern wie Joe Biden lächelnd zelebrierte wie seine Soldaten zahlreiche Frauen und Kinder ermordeten um damit einen Verdächtigen Gegner zu töten. Das ist zwar feige, zynisch, und illegal, aber vor 50 Jahren liess Pol Pot ein Drittel seiner Bevölkerung ermorden und die USA setzten Chemiewaffen gegen die vietnamesische Zivilbevölkerung ein. So gesehen ist es heute doch etwas besser als vor 50 Jahren.
      Bezüglich Evolution und Brutalität: bei allem Grauen der heutigen Tötungsmethoden, individuell ist weniger Gewalt involviert als früher mit Schwert und Axt wo noch physische Kraft zum Töten genutzt wurde. Wie viele andere Emotionen ist auch die Brutalität mehrheitlich virtuell geworden.

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    • am 5.02.2022 um 14:19 Uhr
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      Die USA haben auch nach 1945 dort weiter gemacht, wo sie 1823 mit der „Monroe-Doktrin“ angefangen haben. Zu Kambodscha vgl. William Blum „Killing Hope“. Blum verließ seinen Job im US-Außenministerium 1967 aus Protest gegen den Vietnamkrieg. Prinz Sihanouk wollte keinen US-Vasallenstaat führen. Nach vielen Jahren der Feindseligkeit, einschließlich Mordversuchen und Flächenbombardements 1969 /70 wurde Sihanouk in einem von Washington unterstützten Putsch 1970 gestürzt. Damit luden sie Pol Pot und seine Rote Khmer dazu ein, sich einzumischen und 5 Jahre später die Macht zu übernehmen, nachdem die USA in diesen 5 Jahren die traditionelle Wirtschaft und Kultur Kambodschas unwiederbringlich zerbombt hatten. Nach ihrer Niederlage in Vietnam unterstützten die USA Pol Pot militärisch und diplomatisch. Es ist kaum vorstellbar, dass dem bereits völlig zerstörten Land noch größeres Elend zugefügt werden konnte. Das sarkastische Sahnehäubchen, mit dem die verbrecherische US-Außenpolitik, die sich sichtbar für die gesamte Weltgemeinschaft jenseits von Recht und Ethik bewegt, bestätigt wird, ist der Friedensnobelpreis, der Kissinger zugesprochen wurde.

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    • am 6.02.2022 um 08:12 Uhr
      Permalink

      Respekt, richtig beschrieben, nur verständlich für die, die sich mit der Geschichte «Entstehung der USA sowie Kriege der USA» befasst haben. Nicht einmal die US Bevölkerung kennt die Geschichtliche Vergangenheit des Landes und unterstützen selbst bis heute das Kriegstreiben der USA!!! Die Zukunft wird spannend…..

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    • am 5.02.2022 um 22:35 Uhr
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      Danke Harald Buchmann, ja, in diesem Sinne äussert sich auch das Buch, wobei unter vielen anderen Beispielen etwas salopp ausgedrückt die friedlicheren Bonomos mit den aggressiveren Schimpansen verglichen werden, zwei gleiche Species, die sich allerdings, durch den grossen Kongofluss einmal getrennt, unterschiedlich weiter entwickelten.

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  • am 7.02.2022 um 11:42 Uhr
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    Was mir bei den Kommentaren auffällt, ist dass alle gleicher Meinung zu sein scheinen und sich gegenseitig bestätigen. Leider. Ich masse mir kein Urteil an, aber soviel weiss ich, in der Regel lässt sich die Welt nicht in schwarz und weiss aufteilen.

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    • am 7.02.2022 um 11:47 Uhr
      Permalink

      Ich möchte an dieser Stelle daran erinnern, dass Kommentarschreibende bei keiner Zeitung repräsentativ für die Leserschaft sind. Unter den Infosperber-Lesenden sind beispielsweise rund vierzig Prozent Frauen. Doch es ist ganz selten, dass eine Frau ihre Meinung in den Kommentarspalten kundtut. Abgesehen davon, greifen häufig nur Männer in die Tasten, welche mit den Informationen oder Analysen eines Artikels nicht einverstanden sind.

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    • am 7.02.2022 um 20:57 Uhr
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      @ U.P.Gasche: interessant…, wäre interessant zu wissen, weshalb das so ist. Es scheint mir, so ein Bauchgefühl, dass dies auch auf andere nicht nur Onine-Medien zutrifft.

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    • am 8.02.2022 um 01:26 Uhr
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      Die vorliegenden Kommentare bestätigen den letzten Satz Ihres Kommentars ( U. Gas ne) aber auch nicht ansatzweise!

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