aa.Spieler.Synes.2020

Synes Ernst: Der Spieler © zvg

Der Spieler: So bauen wir unsere eigene Stadt

Synes Ernst. Der Spieler /  Legespiele, bei denen wir planen und Städte bauen, sind sehr beliebt. Zwei neue Beispiele sind «Sprawlopolis» und «My City».

«Bund, Kantone und Gemeinden sorgen dafür, dass der Boden haushälterisch genutzt und das Baugebiet vom Nichtbaugebiet getrennt wird. Sie stimmen ihre raumwirksamen Tätigkeiten aufeinander ab und ver­wirklichen eine auf die erwünschte Entwicklung des Landes ausgerichtete Ordnung der Besiedlung. (…) Sie unterstützen mit Massnahmen der Raumplanung insbesondere die Bestre­bun­gen: (…) die Siedlungsentwicklung nach innen zu lenken (…).»

Angesichts der knappen Ressourcen ist die innere Verdichtung, wie hier im eidgenössischen Raumplanungsgesetz formuliert, ein Leitmotiv der schweizerischen Raumplanungspolitik. Eines ihrer wichtigsten Ziele ist es, die Zersiedelung zu stoppen und vor allem das unstrukturierte Wachstum von Ortschaften in Gebiete hinein einzudämmen, die bis anhin unbebaut waren. 

Ein unkorrektes Spiel?

Vor diesem Hintergrund könnte man «Sprawlopolis» als politisch unkorrektes Spiel betrachten. In seinem Namen verbirgt sich sogar der Fachbegriff, mit dem die Experten den absoluten Gegensatz zu der von ihnen gewollten nachhaltigen Entwicklung auf den Punkt bringen: «Urban Sprawl», Zersiedelung. Und exakt um diese geht es, da ich meine Metropole, deren Bürgermeister ich gemäss Einleitung zu der Spielanleitung gerade geworden bin, zu erweitern habe, Stadtteil um Stadtteil. 

Allerdings wird nicht so heiss gegessen, wie da gekocht wird. Denn die Herausforderung von «Sprawlopolis» besteht nicht unbedingt darin, landzerstörerisch möglichst grosse Flächen zu überbauen. Vielmehr muss ich als neuer Bürgermeister versuchen, die verschiedenen Bedürfnisse und Ansprüche der Bürgerinnen und Bürger unter einen Hut zu bringen. Und das ist bei einer Ausdehnung des Stadtgebietes ebenso schwierig wie bei einer inneren Verdichtung. 

Autobahn durchs Quartier

Denn die Ansprüche und Bedürfnisse der Bevölkerung könnten unterschiedlicher nicht sein. Die einen wünschen sich eine Ringstrasse, während andere von einer Autobahn durchs Quartier träumen. Verrückt, denkt man sich als Bürgermeister. Und da kommt eine Gruppe, die will, dass die Parkanlagen mit Strassen verbunden sind. Vernünftiger klingt schon, wenn jemand Pärke in der Nähe von Wohngebieten fordert und gleichzeitig Industriezonen von den Parks fernhalten möchte. 

Diese Planungsaufgabe, welche die frisch gewählte Bürgermeisterin oder den frisch gewählten Bürgermeister beinahe zur Verzweiflung treibt, ist ohne Konflikte wohl kaum zu lösen. Während dies für Politikerinnen und Politiker harte Realität ist, bietet uns die planerische Auseinandersetzung in «Sprawlopolis» grosses Vergnügen und macht viel Spass. Denn spielmechanisch wird das Thema auf höchst elegante Art und Weise umgesetzt.

Das Grundspiel umfasst 18 Karten. Die Vorderseite stellt jeweils einen Stadtteil dar, der immer in vier Zonen eingeteilt ist – Wohnen, Gewerbe, Industrie und Park. Auf der Rückseite jeder Karte sind die Bedingungen genannt, bei deren Erfüllung man Punkte bekommt. 

Rahmenbedingungen auf drei Karten

Zu Beginn jeder Runde mischt man alle 18 Karten des Grundspiels und legt dann zufällig drei mit der Rückseite nach oben aus. Das sind die Herausforderungen dieser Partie, das heisst die Rahmenbedingungen für die Stadterweiterung. Dann bekomme ich drei Stadtteile auf die Hand, von denen ich jeweils eine nach bestimmten, sich einfach zu merkenden Regeln ablege. Anschliessend ziehe ich eine Karte vom Nachziehstapel nach. Sobald dieser aufgebraucht ist, endet die Runde, und es geht zur Wertung. 

Mit der Zeit entsteht so auf dem Tisch mein «Sprawlopolis». Je nach Vorgabe entwickelt sich die Stadt von Runde zu Runde anders. Aber immer ist die Planungsaufgabe knifflig und spannend zugleich. Wo lege ich die Industriegebiete hin? Ist es von Vorteil, wenn sie an Gewerbegebiete angrenzen? Wo kommen die Parks hin? Bevor ich entscheide, schaue ich immer wieder auf die drei Karten mit den Herausforderungen, die mir sagen, wofür ich Plus-, aber auch wofür ich Minuspunkte bekomme. 

Soziale Komponente steigert Spielerlebnis

«Sprawlopolis» ist als Solo-Spiel konzipiert. Es gibt aber auch eine Variante für zwei bis vier Spielerinnen und Spieler. Hier bauen wir die Metropole gemeinsam. Während des Spiels darf man dann miteinander diskutieren, aber es ist nicht erlaubt, den Mitspielenden die Handkarten zu zeigen. Meines Erachtens steigert diese soziale Komponente das Spielerlebnis enorm.

«Sprawlopolis» ist echt fordernd. Dabei wirkt dieses Spiel auf den ersten Blick so unscheinbar. Man lasse sich jedoch nicht täuschen. Da steckt so viel drin wie in vielen grossen Kisten, wenn nicht gar mehr. Und einmal mehr staune ich darüber, was alles mit einem höchst geringen Material- und Regelaufwand möglich ist. «Sprawlopolis», ein Spiel für die Hosentasche – oder den Ferienkoffer. Wenn dieses Spiel keinen Platz mehr haben sollte, dann haben sie garantiert eh schon zu viel eingepackt.

24 Spiele bilden ein Ganzes

Ebenfalls um Städtebau geht es bei «My City». Vom grossen Format sollte man sich nicht abschrecken lassen, da Grösse in diesem Fall nicht gleich mehr Komplexität bedeutet. Denn «My City», 2020 einer der drei zum «Spiel des Jahres» nominierten Titel, ist zuerst einmal ein leicht eingängiges Legespiel. Wie der Titel schon besagt, baut jede Spielerin und jeder Spieler ihre/seine eigene Stadt, dies auf einem persönlichen Landschaftsplan, auf dem ein Fluss, Bäume, Steine und Wälder abgebildet sind. Gebäudeplättchen in unterschiedlichen Formen, die an Tetris erinnern, und Farben dienen als Vorrat. Ein Stapel, in dem sich insgesamt 24 Karten befinden, gibt vor, in welcher Reihenfolge wir welches Gebäude gemäss den Regeln auf dem Plan platzieren dürfen. Das geht so lange, bis alle Mitspielenden das Spiel für sich beendet haben. Dann erfolgt die Wertung. 

Fertig gebaut ist damit meine Stadt allerdings noch nicht. Das ist sie erst, wenn man die in acht Kapitel gegliederten 24 Szenarien durchgespielt hat, die als Ganzes «My City» bilden. Denn hier haben wir es mit einem so genannten Legacy-Spiel zu tun. Für jedes Szenario kommen neue Regeln oder andere neue Materialien hinzu, zum Beispiel in Form von Stickern, die den Spielplan dauerhaft verändern. Somit gleicht keine Partie einer andern. 

Das Legacy-Prinzip vermittelt den Mitspielenden ein Erlebnis von hoher Intensität. Es kommt einem vor, als bestreite man ein Mehretappenrennen. Zum einen kämpft man um den jeweiligen Tagessieg, zum andern um den ersten Platz in der Gesamtwertung. Jede Etappe ist je nach Streckenführung verschieden. So ist es auch bei «My City», wo die Gesamtsiegerin oder der Gesamtsieger erst nach 24 Szenarien feststeht.

Veränderungen bringen neue Inputs

Der Kampagnen-Charakter verleiht «My City» wie jedem anderen Legacy-Spiel einen besonderen Reiz. Sobald man ein Szenario gespielt hat, was etwa eine halbe Stunde dauert, möchte man gleich wissen, was sich im nächsten Briefumschlag versteckt, der beispielsweise mit «Das neue Land», «Der Goldrausch», «Die Eisenbahn» oder «Der Wohlstand» beschriftet ist. Welches sind die neuen Regeln? Wofür bekomme ich Belohnungen? Wird der Schwierigkeitsgrad verändert? Wo liegen die neuen Herausforderungen? 

Ohne die kleinen Veränderungen, die sich der Autor Knizia ausgedacht hat, wäre «My City» relativ rasch ausgespielt. Dank des Legacy-Prinzips bekommt man immer wieder neue Inputs und Anreize, so dass Langeweile gar nicht aufkommen kann. Im Gegenteil: Mit zunehmender Spieldauer steigen Spannung und Lust auf Weiterspielen. Zudem trägt ein ausgeklügeltes Wertungssystem mit ein paar Motivierungselementen dazu bei, dass zurückliegende Spielerinnen und Spieler nicht abgehängt werden. So wird auf einfache Art und Weise verhindert, was man sonst oft erlebt – dass jemand, der für sich keine Chance mehr auf Erfolg sieht, gelangweilt weiterspielt und mit seiner Lustlosigkeit die gesamte Runde anzustecken droht. 

24 Spiele zu je einer halben Stunde – dass «My City» in einem Zug durchgespielt wird, dürfte unter Normalsterblichen eher unwahrscheinlich sein. Man kann das Spiel jederzeit unterbrechen. Es empfiehlt sich aber dringend, die gesamte Kampagne in der gleichen Besetzung durchzuspielen. Sollte jemand neu dazu kommen, müsste diese Person den Landschaftsplan der Spielerin, die er ersetzt, mit allen bisherigen Veränderungen übernehmen, was nicht ganz einfach ist. 

Spielwelt voller Unbekannten

Die Gesamtkampagne ist ein Unikat. Sie lässt sich nur einmal durchspielen. «My City» muss deswegen nicht gleich entsorgt werden. Denn es bietet eine Version «Das ewige Spiel», die sich immer wieder spielen lässt. Diese entspricht ungefähr dem Spiel 10 der Legacy-Version. 

Welche Herausforderungen dieser Level bietet, verrate ich hier nicht. Denn es ist eines der Geheimnisse von «My City», dass man sich anhand der Vorlage durch eine Spielwelt voller Unbekannten und Überraschungen bewegt und sich bei jeder Zwischenetappe voller Spannung auf das freut, was einen als nächstes erwartet. 

Sprawlopolis: Taktisches Kartenlegespiel von Steven Aramini, Danny Devine und Paul Luka. Solospiel ab zehn Jahren, mit Variante für zwei bis vier Spielerinnen und Spieler. Button Shy Games/Frosted Games. Fr. 13.-

My City: Legespiel mit Legacy-Prinzip von Reiner Knizia für zwei bis vier Spielerinnen und Spieler ab zehn Jahren. Verlag Kosmos (Vertrieb Schweiz: Lemaco SA, Ecublens). Fr. 47.90


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Spielekritiker Synes Ernst war lange Zeit in der Jury «Spiel des Jahres», heute noch beratendes Mitglied, in dieser Funktion nicht mehr aktiv an der Juryarbeit beteiligt.
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.

Zum Infosperber-Dossier:

Synes_Ernst 2

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Spielen macht Spass. Und man lernt so vieles. Ohne Zwang. Einfach so.

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