Der Spieler: Schwarz-weisse Taktik aus Japan

Synes Ernst. Der Spieler ©

Synes Ernst. Der Spieler /  Im Alter von 83 Jahren ist vor kurzem Goro Hasegawa gestorben. Er hat 1973 das bekannte taktische Brettspiel »Othello« erfunden.

»A Minute to Learn … A Lifetime to Master«: Eine Vielzahl von Spielen ist mir bekannt, von denen ihre Promotoren behaupten, man lerne sie zwar in einer Minute, brauche aber ein Leben lang, um sie zu beherrschen. Bis zu den Recherchen zu diesem Artikel habe ich allerdings nicht gewusst, dass die Zeile »A Minute to Learn … A Lifetime to Master« markengeschützt ist. Die Rechte liegen bei Anjar, einem japanischen Vermarkter von Lizenzen. Er hätte, wie auf der Webseite des Unternehmens zu lesen ist, die Lizenznehmer von »Othello« ermuntert, das »A Minute to Learn … A Lifetime to Master« als Untertitel auf der Verpackung zu verwenden.

Das taktische Zweipersonenspiel war 1973 von Tsukuda Original Co. in Japan veröffentlicht worden. Von dort aus verbreitete es sich relativ schnell Richtung USA und Europa, vor allem dank der geschickten Lizenzstrategie von Anjar, die in jedem wichtigen Markt auf einen heimischen Anbieter setzte: MB in den USA, Gabriel und Mattel in England, Jumbo in den Niederlanden, Schmidt in Deutschland.

Von Anfang an global

Das Produkt, um das es ging, war für eine weltweite Vermarktung ideal: 64 quadratische Felder, ein in angenehmem Grün gehaltenes Spielbrett, schwarze und weisse Steine, dazu Regeln, die tatsächlich in einer Minute zu lernen waren. Es brauchte weder sprachliche Übersetzungen noch sonstige Anpassungen an die Bedürfnisse der einzelnen Märkte. Auch musste man keine Unterschiede zwischen den regionalen Spielkulturen berücksichtigen. »Othello« war von Anfang an global.

An solches dachte Goro Hasegawa wohl kaum, als er in seiner Studienzeit dieses reizvolle Taktikspiel erfand. Der 1933 geborene Hasegawa griff auf die typischen schwarzen und weissen Steine aus dem japanischen Nationalspiel Go zurück. Das Spiel, so heisst es, sei unter den Mitstudenten sehr beliebt gewesen. Sie hätten es während den Unterrichtspausen immer wieder gespielt. Ob das Spiel schon damals »Othello« hiess, ist nicht bekannt. Gemäss Wikipedia war Hasegawas Vater Englischlehrer gewesen und hätte wegen der Analogie zu Shakespeares »Othello« diesen Namen vorgeschlagen. Nach Informationen der »Japan Times« hätte der japanische Spielzeughersteller Tsukuda die Erfindung Hasegawas 1973 unter dem Namen »Othello« veröffentlicht, auch in Anlehnung an das Shakespeare-Drama um den dunkelhäutigen Feldherrn Othello und seine Frau Desdemona.

Start nicht ohne Nebengeräusche

Um Schwarz-Weiss geht es tatsächlich in diesem Spiel, den Kampf zwischen den Steinen, die auf der einen Seite schwarz sind, auf der anderen weiss. Abwechselnd setzten die Spieler einen Stein ihrer Farbe auf das Brett und versuchen dabei, einen oder mehrere gegnerische Steine, die auf einer zusammenhängenden Linie liegen, einzuschliessen. Steine, die von der eigenen Farbe eingeschlossen sind, darf man umdrehen. Sie bleiben als eigene Steine auf dem Brett. Wer am Schluss am meisten Steine seiner Farbe auf dem grünen Feld hat, ist Sieger.

Der Start des Taktikspiels verlief allerdings nicht ohne Nebengeräusche: Als die Japaner mit dem markenrechtlich geschützten Titel »Othello« auf den Markt kamen, war das gleiche Spielprinzip unter dem Namen »Reversi« weitherum bekannt, so dass der Vorwurf des Plagiats laut wurde. Hasegawa beharrte jedoch zeit seines Lebens darauf, »Reversi« nicht gekannt zu haben.

Es hätte durchaus sein können: Der Engländer Lewis Waterman hatte in den 1880er Jahren ein Brettspiel erfunden und ihm den Namen »Reversi« gegeben. Damit sollte signalisiert werden, dass es hier um »umkehren« ging. Konkret darum, dass man versuchte, gegnerische Steine einzuschliessen, sie umzudrehen und zu eigenen zu machen. Wie sich Hasegawa gegen den Vorwurf wehren musste, seine Idee bei Reversi abgekupfert zu haben, bekam Waterman ebenfalls Schwierigkeiten: »Reversi« sei eine Kopie des von ihm 1870 erfundenen »Game of Annexation«, behauptete John W. Mollet. Dieses wurde allerdings auf einem kreuzförmigen Brett gespielt. Der Spielekenner Erwin Glonnegger schrieb dazu in seinem »Spiele-Buch« ausweichend: »Vielleicht hat Mr. Waterman die Grundidee übernommen und sie in die heutige Form übertragen. Wie es auch immer gewesen sein mag – einer von ihnen schenkte uns ein herrliches Spiel.«

Unterschiedliche Auftritte

Ab wann Ravensburger »Reversi« in seinem Sortiment führte, ist unklar. Wikipedia nennt das Jahr 1893, während es laut Glonnegger, der es als langjähriger Ravensburger Verlagsleiter eigentlich genau wissen müsste, 1907 zum ersten Mal in Deutschland erschienen sein soll. Wie dem auch sei, Ravensburg pflegte seinen modernen Klassiker und brachte immer wieder neue Ausgaben auf den Markt, zum Teil unter anderen Namen, wie etwa »Räuber und Gendarm«. Mit dem bildhaften Titel versuchte man das traditionelle Ravensburger Zielpublikum, die Familie, noch besser anzusprechen, als dies mit dem abstrakten »Reversi« der Fall war.

Der Stempel »Ravensburger« verleiht »Reversi« einen Hauch von Tradition und Behäbigkeit, während »Othello« mit dem intellektuell wirkenden Schwarz-Weiss-Grün-Design eine Spur eleganter auftritt. »Reversi« und »Othello« haben heute einen festen Platz in der Welt der Spiele. Die »Othello«-Freaks erküren im 10-Jahres-Turnus ihren Weltmeister. Meistens ist es ein Japaner. Es ist aber leider eine Tatsache, dass das Interesse an den beiden empfehlenswerten Klassikern unter den Taktikspielen eher abnimmt. Zumindest ist vom Hype der 1980er-Jahre, als »Othello« hierzulande auf den Markt kam, nichts mehr zu spüren.

Digitaler Renner

Dafür sind »Othello«/«Reversi« auf Millionen von Handys, Tablets, Computern und Konsolen installiert. Die Spiele haben den Sprung in die digitale Welt schon geschafft, als Atari diesen Bereich noch dominierte. Heute gehören sie immer noch zu den Lieblingen der E-Spieler. Das hat einen Grund: Die Komplexität von »Othello«/«Reversi« ist so, dass man nicht unbedingt ein taktisches Genie sein muss, um auf einen einigermassen guten Level zu kommen. So kann man »Othello« auch schon mit Sechsjährigen spielen.

Geeignet ist es auch für ältere Menschen, die taktische Herausforderungen suchen, um ihre Gehirnzellen zu trainieren, aber Schach nicht mögen, weil es ihnen zu schwierig erscheint. »Othello«-Erfinder Goro Hasegawa hat »sein« Spiel bis ins hohe Alter gespielt, und zwar auf höchstem Niveau. So wollte er im November dieses Jahres nach »Japan Times« an der Weltmeisterschaft teilnehmen. Das Turnier wird jedoch ohne den Altmeister stattfinden: Er ist Ende Juni im Alter von 83 Jahren gestorben.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Spielekritiker für das Ausgehmagazin «Apéro» der «Neuen Luzerner Zeitung». War lange Zeit in der Jury «Spiel des Jahres», heute noch beratendes Mitglied. Als solches nicht an der aktuellen Wahl beteiligt.

Zum Infosperber-Dossier:

Synes_Ernst 2

Der Spieler: Alle Beiträge

Spielen macht Spass. Und man lernt so vieles. Ohne Zwang. Einfach so.

War dieser Artikel nützlich?
Ja:
Nein:


Infosperber gibt es nur dank unbezahlter Arbeit und Spenden.
Spenden kann man bei den Steuern in Abzug bringen.

IBAN: CH 0309000000604575581


Die Autorin / der Autor wünscht keinen Meinungsaustausch (mehr) über diesen Artikel.

Eine Meinung zu

  • Avatar
    am 23.07.2016 um 14:14 Uhr
    Permalink

    Ich finde die beiden Spiele ausserordentlich super, aber nirgends mehr erhältlich. Ich habe noch ein vierzigjähriges Reversi, möchte aber gerne ein Reversi oder Othello für meine Enkel kaufen. Weiss jemand, wo sie noch erhältlich sind? Bis jetzt hiess es immer: leider ausverkauft!

    0

Comments are closed.

Ihre Meinung

Lade Eingabefeld...