aa.Spieler.Synes.2020

Synes Ernst: Der Spieler © zvg

Der Spieler: In der Ruhe liegt die Kraft

Synes Ernst. Der Spieler /   Das tolle taktische Sammeln- und Legespiel «Chakra» hat einen spirituellen Hintergrund. Dieser erschwert leider den Einstieg.

Der Zugang zu «Chakra» ist nicht barrierenfrei. Wer es spielen will, muss vorher mindestens zwei Hürden überwinden. Soll ich dieses Spiel überhaupt kaufen? Lotusblüte, das türkisfarbene Cover, das sanfte Versprechen «Mit Strategie zur Harmonie», der exotische Titel: Das ist nicht unbedingt die Aufmachung, die uns in die Augen springt wie etwa jene von «Catan» mit der leuchtenden Sonne vor einem tiefroten Himmel. Es muss ja nicht jedes Spiel marktschreierisch daher kommen, sage ich mich mir und nehme das erste Hindernis.

Doch dann stellt sich gleich das zweite in den Weg: Die Spielanleitung. Ich kann mir vorstellen, dass viele aussteigen, wenn ich ihnen den Überblick vorlese: «Richtet eure Chakren aus, stärkt und harmonisiert sie. Zu diesem Zweck müsst ihr die positive Energie des Universums einfangen und negtive Energie lindern.» Und ebenso viele dürften sich fragen, warum der einfache Stoffbeutel, aus dem Energie-Kristalle gezogen werden, «Beutel des Universums» heissen muss, warum die Punktesteine «Punktesteine der Erfüllung» sind oder die Aktionssteine «Spielsteine der Inspiration». Und niemand dürfte auf Anhieb verstehen, weshalb das oberste Feld der Chakren-Reihe, auf der die «Kristall-Energien» abgelegt werden können, als «Bhagya-Blase» bezeichnet wird.

Alles dreht sich um Energie

Was den Einstieg so erschwert, hat seinen Grund: Das Spiel dreht sich um die in der hinduistischen Lehre wichtigen Energiezentren im menschlichen Körper, den so genannten Chakren. Was es damit auf sich hat, dürfte den meisten von uns völlig fremd sein. Doch muss ich wissen, wo die sieben Hauptenergiezentren lokalisiert sind und wie jedes von ihnen heisst, um «Chakra» spielen zu können? Keineswegs. Ich kann abstrahieren und entdecke ein recht anspruchsvolles taktisches Sammel- und Legespiel.

Das Spielprinzip von «Chakra» ist einfach: Teile aus einer gemeinsamen Mitte aufnehmen und diese dann so nach bestimmten Regeln ablegen mit dem Ziel, möglichst punkteträchtige Kombinationen zu schaffen. Die die wohl bekanntesten Vertreter dieser Gattung sind «Kingdomino» oder «Azul», beide als «Spiel des Jahres» ausgezeichnet. Diese beiden dürften denn auch die härtesten Konkurrenten im Kampf um die Gunst der Liebhaberinnen und Liebhaber dieser Art von Spielen sein.

Klare Gliederung

Wer an der Reihe ist, führt eine der drei folgenden Aktionsmöglichkeiten aus:

Aufnehmen und Ablegen: In «Chakra» heisst das, «Energien erhalten». Die entsprechenden farbigen Kristalle liegen in drei Reihen, den «Maya-Flüssen» auf dem Lotus-Brett, je drei. Davon nimmt man einen, zwei oder drei in verschiedenen Farben. Unter Umständen ist man gezwungen, schwarze Kristalle aufzunehmen, die gleichbedeutend sind mit negativer Energie. Die leeren Stellen in den Reihen füllt man mit zufällig aus dem «Beutel des Universums» gezogenen Kristallen auf. 

Die Kristalle, die man in seinem Zug aufgenommen hat, müssen alle sofort auf dem persönlichen Spielbrett, das jede Spielerin und jeder Spieler vor sich hat, abgelegt werden. Die Ablage erfolgt an genau definierten Stellen, entweder in der «Bhagya-Blase», die sich ganz oben auf dem Spielbrett befindet, oder direkt in einem der sieben Chakren. Wer die zweite Möglichkeit nutzen will, muss das entsprechende Chakra mit einem seiner fünf «Spielsteine der Inspiration» markieren. Der Platz in der «Bhagya-Blase» oder den einzelnen Chakren ist allerdings begrenzt, mehr als drei Energiesteine passen nicht rein. 

Umplatzieren: Damit ist das für die Chakra-Lehre wichtige «Kanalisieren der Energie» gemeint. Ziel des Spiels ist, wie eingangs erwähnt, einen harmonischen Zustand zu erreichen. Dazu müssen mindestens fünf der sieben Chakren «harmonisiert» sein. Das ist jeweils der Fall, wenn man drei Energie-Kristalle in der Farbe des betreffenden Chakras darin gesammelt hat. In der Endabrechnung gibt es nur für harmonisierte Chakren Siegpunkte, die hier «Erfüllungspunkte» heissen. 

Das Umplatzieren der Energiesteine ist der Dreh- und Angelpunkt des Spiels. Hier liegt auch der Unterschied zwischen «Chakra» und dem gattungsverwandten «Azul», in die einmal gelegten Steine bis zum Ende des Spiels an ihrem Platz bleiben. Um zu verstehen, was hier auf dem Spielbrett abgeht, stelle man sich am besten einen Rangierbahnhof mit mehreren Geleisen vor, auf denen wir nicht Waggons, sondern Energiesteine verschieben, einmal einen Stein über drei Stationen nach unten, ein andermal zwei Steine nach oben und einen andern nach unten, undsoweiter. Acht verschiedene Verschiebemöglichkeiten gibt es insgesamt. Welche wir wählen, zeigen wir mit einem Spielstein an, den wir auf die entsprechende «Inspirations-Stellen» auf dem Spielbrett ablegen. 

Pausieren: Wer auf diese beiden Aktionsmöglichkeiten verzichten will, kann pausieren, hier «meditieren». Meditation in «Chakra» ist sehr wichtig, wie könnte es auch anders sein. Zum einen erhalte ich nämlich alle «Spielsteine der Inspiration» zurück, die ich bis zu diesem Moment verwendet habe, und darf sie später wieder einsetzen. Zum andern kann ich mit Hilfe von so genannten «Meditation-Chips» für mich in Erfahrung bringen, was die einzelnen harmonisierten Chakren in der Endabrechnung wert sind. Die entsprechende Zahl wird in jedem Spiel nach dem Zufallsprinzip neu und verdeckt festgelegt. 

Planung der Freiräume ist entscheidend

Nach wenigen Runden hat man herausgefunden, worauf es in «Chakra» ankommt, und man erkennt rasch, wie sich die verschiedenen Elemente und Aktionsmöglichkeiten, die eng miteinander verwoben sind, gegenseitig beeinflussen. Am weitesten kommt man, wenn man das Spiel vom Umplatzieren der farbigen Kristalle oder «Kanalisieren der Energie» her denkt. Entscheidend ist unter anderem die Planung der Freiräume, die ich für die Bewegung der Energiesteine benötige. Gut zu überlegen ist auch, in welcher Reihenfolge ich welche Chakren harmonisiere (drei gleichfarbige Kristalle im Chakra der entsprechenden Farbe). Es lohnt sich zudem, die Regelbestimmung zu nutze zu machen, wonach harmonisierte Chakren beim Ziehen der Energiesteine nicht mitgezählt werden. So kann man sein Spiel elegant beschleunigen. Das ist gerade gegen Ende des Spiels nicht unwesentlich: Denn sobald jemand nach seinem Zug fünf Chakren harmonisiert hat, ist Schluss. 

Ohne Meditieren kommt man in «Chakra» nicht weit. Wichtig ist es auch, den richtigen Moment für die Meditation zu finden. Wann verzichte ich auf das Aufnehmen bzw. das Umplatzieren von Energiesteinen und verschaffe mir stattdessen neue Aktionsmöglichkeiten? Diese brauche ich, da die dafür nötigen Ressourcen äusserst knapp sind. Das Meditieren lohnt sich auch deshalb, weil ich auf diese Weise zusätzliche Informationen über den Wert der einzelnen Chakren bekomme, was mir wiederum hilft, die Frage zu beantworten, für welche Chakren ich mich in erster Linie entscheiden soll. 

Schwarze Energie auf die Erde bringen

Raffiniert ist die Rolle, welche die schwarze Energie in «Chakra» spielt. Sie ist klar ein Störfaktor, also negativ, aber nur solange sie in den sieben Chakren Platz für das Rangieren der farbigen Energiesteine versperrt. Gelingt es mir aber, die schwarze Energie auf «die Erde» (die Stelle unter dem roten Chakra) zu bringen, gilt sie als «gelindert». Dafür werde ich mit zwei «Erfüllungspunkten» belohnt.

Die «Jury Spiel des Jahres» hat das Spiel auf die aktuelle Empfehlungsliste gesetzt. Sie beschreibt in ihrer Begründung «die richtige Kombination aus geschickter Planung und effizientem Farben-Management» als die zentrale Herausforderung von «Chakra». 

Emotionalität fehlt

Wer Sammel- und Legespiele mag, kommt hier voll auf seine Rechnung. Was hingegen fehlt ist die Interaktion unter den Mitspielenden. Man spielt die meiste Zeit vor sich hin und achtet kaum auf das, was die andern in der Runde machen. Deshalb fehlt «Chakra» auch eine gewisse Emotionalität. Seinen taktischen Qualitäten schadet das jedoch nicht. Vielleicht liegt gerade in der Ruhe seine Kraft.

Luka Krlža, der in Zagreb lebende Autor des Spiels, praktiziert nach Verlagsangaben selber Reiki und Yoga. Von diesen Erfahrungen steckt viel in «Chakra». Es ist jedoch kein Chakra-Lernspiel. Glücklicherweise stehen die spielerischen Aspekte im Vordergrund, das heisst, man kann «Chakra» spielen, ohne sich um Chakren zu kümmern. Wer sich jedoch, angeregt durch das Spiel, näher mit dessen spirituellem Hintergrund befassen möchte, dem sei das unbenommen.

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Chakra: Taktisches Sammel- und Legespiel von Luka Krlža für zwei bis vier Personen ab acht Jahren (Solo-Variante liegt bei). Verlag Game Factory (Vertrieb Schweiz: Carletto AG, Wädenswil), Fr. 26.90


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Spielekritiker Synes Ernst war lange Zeit in der Jury «Spiel des Jahres», heute noch beratendes Mitglied, in dieser Funktion nicht mehr aktiv an der Juryarbeit beteiligt
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.

Zum Infosperber-Dossier:

Synes_Ernst 2

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