Das Virus stärkt Vertrauen in die Forschung

Beat Gerber © bg

Beat Gerber /  Ist die Wissenschaft «systemrelevant»? Das «Wort des Jahres» wirft kecke Fragen auf. Einen weiteren «Härtefall» gilt es abzuwenden.

Googeln ist zum trendigen Zeitvertreib geworden: Wissen erscheint sekundenschnell auf dem Bildschirm, Instant-Erkenntnisse gibt es ohne mühsames Lernen, freilich ohne Gewähr. Noch vor der Corona-Pandemie schien es, als ob die gesellschaftliche Anerkennung wissenschaftlicher Expertise immer kraftloser werde. Die fortschreitende Ökonomisierung der Hochschulen nagte am Ruf der akademischen Welt, vor allem aber haben die digitalen Kommunikationskanäle die klassischen Formen der Wissensvermittlung tief untergraben.

Die wissenschaftliche Rationalität schien wesentlich an Boden zu verlieren, vorlaute Pessimisten vermeldeten bereits den Untergang der Aufklärung: Kants Philosophie hätte abgedankt, der Mensch sei unfähig geworden, sich mündig seines Verstands zu bedienen. Doch jetzt feiert die Wissenschaft ein erfolgreiches Comeback. Ihr Ansehen wurde durch das tödliche Virus quasi wiederbelebt und hat einen mächtigen Energieschub erhalten – wie unter einer Sauerstoffmaske, um das paradoxe Bild weiter zu strapazieren.

Wen kümmerten früher schon abstrakte Begriffe wie Positivitätsrate und Reproduktionszahl, Sieben-Tage-Inzidenz und Übersterblichkeit? Bisher strohtrockene Statistiken sind zum flammenden Tagesgespräch geworden, bisher unbekannte Fachleute aus Virologie und Medizin zu Medienstars. Ihre wohlmeinenden Diagnosen, Analysen und Voraussagen aufgrund statistischer Werte jagen sich derzeit fieberhaft durchs Mediengeschäft. Wer behält die Übersicht? Wo verstecken sich falsche Schlüsse und Humbug?

«Eine der verbreitetsten Krankheiten ist die Diagnose.» (Karl Kraus)

Auch Biochemie und Pharmazie geniessen ein soziales Hoch, die ersten Impfstoffe gegen Covid-19 werden jetzt gespritzt, und dies nach einer Rekord-Entwicklungszeit von nicht mal einem Jahr – die Welt, zumindest die westliche, sieht ein Ende des Tunnels und richtet sich ein zum gigantischen Versuchslabor. Risiken und Nebenwirkungen der nun verabreichten mRNA-basierten Vakzine gelten gemäss letzten klinischen Studien als begrenzt, die beiden Pharmakonzerne Pfizer (mit Biontech) und Astra-Zeneca (mit Uni Oxford) haben ihre Daten den Zulassungsbehörden speditiv geliefert (TA, 13.12.2020). Negative Überraschungen sind jedoch nicht auszuschliessen, die Menschheit hat sich an medizinische Kollateralschäden ja gewöhnt.

Weit weniger Tierversuche nötig

Immerhin verlief die aktuelle Impfstoff-Forschung mit erheblich weniger Tierversuchen, diese sind eher hinderlich, weil zeitaufwendig. Ein neues Forschungsmodell setzt auf rein humanbiologische Tests, die herkömmlichen Experimente mit Ratten und Mäusen haben hier ausgedient. Corona könnte die Ära der Tierversuche bald beenden, verkünden kanadische Experten optimistisch (20 Minuten, 08.12.2020). Der Mensch wird selbst zum Versuchskaninchen, wie in der angelaufenen Corona-Impfkampagne, und schiebt die Gefahren nicht mehr auf andere Spezies ab.

«In zweifelhaften Fällen entscheide man sich für das Richtige.» (Karl Kraus)

Bauen wir wieder mehr auf die Forschung? Die Akzeptanz ist seit Corona zweifellos gestiegen, sogar das Verständnis, dass wissenschaftliches Wissen vorläufig und uneindeutig sein kann. Der soeben veröffentlichte «Schweizer Wissenschaftsbarometer» zeigt, dass 67 Prozent der Bevölkerung angeben, ihr Vertrauen in die Wissenschaft sei «hoch» oder «sehr hoch», im letzten Jahr waren es 56 Prozent (Uni Zürich, 16.12.2020).

Allerdings beobachten wir auch eine parallele Radikalisierung antiakademischer Gegenpositionen. Die Corona-Leugner, militanten «Maskensünder», Impfgegner und Verschwörungstheoretiker haben lautstark mobilisiert und sich an Demos und in den sozialen Netzwerken zur quasi ausserparlamentarischen Opposition der offiziellen Corona-Politik gemausert. Nun wollen diese Anti-Aufklärer neuerdings mit einer Volksinitiative gegen die Covid-19-Impfung die politische Arena besetzen.

In den traditionellen Medien dagegen sind viele Epidemiologen, Ärztinnen und Experten aus der Verwaltung volksnah geworden, täglich besuchen sie uns via Radio und Fernsehen in unseren Stuben. Ebenfalls Philosophinnen, Sozio- und Psychologen sowie Theologinnen stossen auf mehr Gehör. In diesen ungewohnten Krisenzeiten brauchen wir weit mehr Erklärungen, Einordnungen, Therapien und Trost.

Die Pandemie verläuft völlig anders, als im vergangenen Frühjahr erwartet. «Es war ein neues Virus mit unklaren Krankheitsverläufen sowie einer höheren Ansteckungsrate und Mortalität. Zugleich lag eine Impfung noch in weiter Ferne», sagt Andreas Wenger, Leiter des Center for Security Studies an der ETH Zürich (ETH-News, 11.12.2020). «Die meisten Regierungen ergriffen drastische Massnahmen, Ausgangssperren wurden verhängt und Landesgrenzen geschlossen, der Markt für Medizinalgüter brach zusammen – mit diesem konkreten Szenario hat kaum jemand gerechnet.»

Übermass an kurzlebigem Wissen

Die verwöhnte Schweiz wurde überrumpelt, aus der bequemen Ruhe gerissen; das Land verbarrikadierte sich zuerst gegen aussen und war auf sich selbst zurückgeworfen. Da wurden die Grenzen der sonst eher zurückhaltenden Wissenschaft geradezu aufdringlich sichtbar: Das Virus generiert (noch heute) durch schnelle Studien ein bisher unerreichtes Übermass an Wissen, das meist schon in den folgenden Tagen widerlegt respektive unerheblich wird. Die Medien haben fleissig versucht, dieser Situation gerecht zu werden. Mangels Zeit und Kompetenz redeten sie zu Beginn vorwiegend den politischen und wissenschaftlichen Autoritäten nach dem Mund, je länger aber die Krise dauerte, desto weniger hielten sie mit ihrer Meinung zurück.

«Der Journalist ist einer, der nachher alles vorher gewusst hat.» (Karl Kraus)

Corona hat zwar Wirtschaftssektoren wie Tourismus, Gastronomie und das Kulturleben gnadenlos gelähmt, gleichzeitig jedoch viele Wissenschaftsdisziplinen beflügelt. Unzählige Projekte sind gestartet, die das Virus thematisch einbeziehen. Dazu ein Beispiel, das die Umweltbilanz der verwendeten Maskentypen untersucht, ein relevanter Faktor bei diesem Massenprodukt, das täglich millionenfach im Abfall landet. Unverbrannt ein virulenter Sprengstoff, vollgesogen mit hochansteckenden Krankheitserregern.

Die Empa schreibt in einer Medienmitteilung (10.12.2020), dass die Baumwoll-Stoffmasken bezüglich Treibhausgasbilanz und Energieverbrauch besser abschneiden als die chirurgischen Einwegmasken. Diese wiederum verbrauchen bei der Herstellung weniger Wasser und weisen eine bessere Gesamtumweltbelastung auf. Der Grund: Die Baumwollproduktion für die Stoffmasken ist nicht nachhaltig und sehr ressourcen-intensiv.

Biokompostierbare Masken auf Wunschzettel

Wird jedoch die Stoffmaske mehr als zwanzigmal gewaschen, ist sie ökologisch der Konkurrenz überlegen. Soweit der Stand der Forschung, auf dem Markt sind bereits Produkte, die 20 oder mehr Waschgänge ermöglichen. Ein kritischer Punkt sei jedoch auch die Verschmutzung durch nicht korrekt entsorgte Masken, sagt die Empa-Expertin Claudia Som. Hier könnten biokompostierbare Produkte helfen, die Umweltbelastung zu reduzieren. Die Materialforschung ist also gefordert, um mit Innovationen unsere Gesundheit und gleichzeitig die Umwelt optimal zu schützen. Noch ist das Ende des Maskentragens nicht abzusehen, trotz der bevorstehenden Impfung.

«Gesund ist man erst wieder, wenn man alles tun kann, was einem schadet.» (Karl Kraus)

Gefordert sind ebenso Politologen, Ökonominnen und Rechtswissenschaftler: Taugt unsere Staatsform, um eine solche Pandemie wirksam zu bekämpfen? Die föderalistische Trödlerei hat keinen überzeugenden Eindruck hinterlassen, der quengelnde Kantönligeist wurde in der Coronakrise beinahe ausgehaucht und brauchte schliesslich dringend Sauerstoff vom Bund. Die Schweiz hat die zweite Welle krass unterschätzt, bei der Umsetzung von wirksamen Gegenmassnahmen sich arg blamiert.

74 Prozent für öffentlich finanzierte Forschung

Wissenschaftliche Expertise im traditionell heiklen Politsystem könnte relevante Verbesserungen bringen, es wird nicht die letzte derartige Katastrophe sein. Wissenschaft kann damit durchaus ihre «Systemrelevanz» demonstrieren, wenn sie in Entscheidungsprozessen besser einbezogen wird. Die Forschung ist grundsätzlich auch kein «Härtefall», um ein Unwort dieser Krise aufzunehmen. Sie bedarf keiner Ausnahmeregelungen, sondern sollte wie bisher grosszügig von der Öffentlichkeit finanziert werden. Die Zustimmung dafür ist gemäss aktuellem «Wissenschaftsbarometer» mit 74 Prozent sehr hoch. Knausrigkeit wäre hier im wahrsten Sinne kleinlich.

Schlechte Vorboten aus der Politik

Die letzthin beschlossenen Kürzungen beim Budget der Uni durch den Zürcher Kantonsrat (TA, 15.12.2020) sowie der aussenpolitische Zwist mit der EU betreffend das europäische Forschungsprogramm «Horizon Europe» sind jedoch schlechte Vorboten. Brüssel will die Horizon-Beteiligung der Schweiz an die Fortschritte beim Rahmenabkommen koppeln (SRF, 16.12.2020). Die fundamental wichtige Forschungszusammenarbeit innerhalb Europas steht auf der Kippe. Bei einem Misserfolg der Verhandlungen würde die heimische Wissenschaft doch noch zum «Härtefall», wo der Bund finanziell in die Bresche springen will.  

«Das Leben geht weiter. Als es erlaubt ist.» (Karl Kraus, 1874 – 1936, österreichischer Satiriker, Schriftsteller und Dramatiker, Herausgeber der legendären satirischen Zeitschrift «Die Fackel»)


Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine. Der langjährige TA-Wissenschaftsjournalist und ehemalige ETH-Öffentlichkeitsreferent publiziert auf «dot on the i» www.dot-on-the-i.ch Texte und Karikaturen. Kürzlich erschien sein erster Wissenschaftspolitkrimi «Raclette chinoise» (Gmeiner-Verlag).

Zum Infosperber-Dossier:

Beat_Gerber_200

Beat Gerber: Tüpfelchen auf dem i

Die Welt ist Satire. Deshalb ein paar Pastillen für Geist und Gaumen.

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Beat Gerber

Der langjährige TA-Wissenschaftsjournalist und ehemalige ETH-Öffentlichkeitsreferent publiziert auf www.dot-on-the-i.ch Texte und Karikaturen. Kürzlich erschien sein erster Wissenschaftspolitkrimi «Raclette chinoise» (Gmeiner-Verlag).

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