Kommentar

Auf den Hund gekommen

Kurt Marti © Christian Schnur

Kurt Marti /  Immer weniger Menschen wagen ohne Hund einen Spaziergang. Sie schützen sich gegen einen leisen Verdacht.

Als der Schriftsteller Robert Walser am Weihnachtstag 1956 nach dem Mittagessen die psychiatrische Heilanstalt Herisau verliess und – wie so oft zuvor – einen Spaziergang in der harmonischen Appenzeller Landschaft unternahm, konnte er nicht ahnen, welch weitreichende, gesellschaftliche Folgen dies haben sollte.

Kinder fanden den Schriftsteller tot im Schnee; den Hut etwas abseits des Körpers. Das Foto des toten Schriftstellers ging durch die Presse. Seither schleicht um jeden einsamen Spaziergänger immer der leise Verdacht des psychisch Kranken, der sich erlaubter- oder unerlaubterweise aus seiner Anstalt entfernt hat.

57 Jahre sind seit dem Tod von Walser vergangen und nur noch selten traut sich jemand einsam spazierend und gedankenverloren in die freie Natur. Zu gross ist die Furcht, als jemand entlarvt zu werden, der nicht alle Tassen im Schrank hat. Aus diesem Grund ist der Mensch auf den Hund gekommen, der sich einer stets steigenden Beliebtheit erfreut.

Mit einem Hund nämlich ist der Hauptzweck des Spaziergangs allen sofort klar: Die Notdurft! Niemand käme da auf einen dummen Verdacht, auch wenn die Spaziergängerin manchmal kurz oder länger stehenbleibt. Denn der Halt dient keineswegs dem freien Denken beziehungsweise dem Spintisieren – wie es von aussen den Anschein erwecken mag -, sondern einzig und allein der pflichtgemässen Entfernung des Hundekots vom Erdboden. Womit nicht nur die Anwesenheit des Spaziergängers in der Landschaft wohl legitimiert ist, sondern auch das etwas irritierende Stehenbleiben.

Manchmal aber verzieht sich das liebe Hündchen für eine gewisse Zeit ins Unterholz und die Spaziergängerin bleibt allein und begründungsbedürftig auf dem Weg zurück. Dann winkt sie gut sichtbar mit der Hundeleine oder schwenkt das Robidog-Säcklein oder ruft verzweifelt den Namen des Hundes. Damit ist die Situation auch ohne direkte Sicht auf den Hund sofort klar und der fatale Verdacht beseitigt. Hund sei Dank!


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8 Meinungen

  • am 20.08.2013 um 12:52 Uhr
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    Hmm… handelt es sich hier um eine misslungene Glosse, oder hat der Autor einfach nur ein Problem mit Hunden (und ihren Besitzern)?

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  • am 20.08.2013 um 13:51 Uhr
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    Lieber Daniel Huber Du musst ein Hündeler sein um hier von einer misslungener Glosse zu sprechen. Ich lebe an einem Ort wo viele Hündeler spazieren und kann den Blickwinkel des Autors nachempfinden.

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  • am 20.08.2013 um 14:50 Uhr
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    Lieber Kurt, Hund habe ich keinen (mehr). Es käme mir jedoch nie in den Sinn, einen Alibi-Spaziergang-Hund anzuschaffen. Dafür ist der Aufwand für einen Hundehalter dann doch etwas gar gross. Wer dies x hunderttausend Personen in diesem Land unterstellt, kann es nicht ganz ernst meinen. Oder doch?

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  • am 20.08.2013 um 15:15 Uhr
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    Ich jogge gerne und viel. Und wenn man dann so losgelöst vom Alltag durch Wald und Wiese trabt, dann wird man den Eindruck zuweilen nicht los, dass das Betreten der freien Natur nur noch in Begleitung eines Hundes erlaubt sei… Ich kann den Gedankengang von Kurt Mart sehr gut nachvollziehen.
    Und damit nicht erneut der Verdacht einer Glosse aufkommt: Das von Marti beschriebene Phänomen kann in abgewandelter Form auch im öffentlichen Verkehr und auf den Strassen beobachtet werden. Kaum ist das Fahrzeug bestiegen, resp. verlassen, wird das Handy gezückt. Damit sieht man nicht nur «busy» aus, sondern die ganze Welt inkl. Big Brother bei der NSA ist sofort wieder auf dem Laufenden…

    .

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  • am 20.08.2013 um 17:42 Uhr
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    Es lebe auch im Netz die alte Journalisten-Sommerloch-Regel: Schreib über Hunde – ob dafür oder dagegen -, und das Blatt ist voll

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  • am 20.08.2013 um 22:15 Uhr
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    Wenn man grundsätzlich kein Hundebesitzer ist, aber mal einen Hund des Nachbars in Untermiete hat, muss man ja auch mal raus. Das kann ja nicht so schwierig sein, dachte ich, ist er doch ein wohlerzogener Hund.
    Was mich komplett überfordert hat, sind die fremden Hundebesitzer , diese ungehemmte aufdringliche Kommunikationsbereitschaft und gleich die Solidarität, man sei sich über Hund, Wetter und Gesellschaft einer Meinung, nur weil wir beide eine Leine halten können. In der Parallelwelt der Hündeler ticken die Menschen irgendwie anders ! Ich habe da auch einen leisen Verdacht, der aber gegenüber den Aussagen von Herr Marti extrem in die andere Richtung zeigt.
    Da spaziere ich älterer Herr doch lieber allein an einem Kinderspielplatz vorbei, riskier dass ich total falsch eingeschätzt werde und entsprechend gemieden werde. Aber Hauptsache, ich werde nicht von einem Hundebesitzer in ein Gespräch verwickelt.

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  • am 20.08.2013 um 22:58 Uhr
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    Ein wunderbarer Artikel, welcher so schön die Neurosen der Menschen blanklegt. So sind wir geworden. Einfach zu «Sein» ist unerhört und nicht gestattet. Alles was wir tun müssen wir «Rechtfertigen» können, sonst bekommen wir Angst, was wohl die «Anderen» von uns denken könnten. Aufwachen liebe Schweizer, wir sind indoktriniert, konditioniert, dressiert und dies nennt man dann wohlerzogen. George Orwell ist schon lange Realität. Hätten die Banken vor 70 Jahren getan, was heute gang und gäbe ist, sie wären alle abgefackelt worden, und die Bundesräte welche davon wussten ohne was zu sagen hätte man zu langen Haftstrafen verurteilt. Aber heute küsst man den Banken noch die Füsse, und den Grosskonzernen auch, denn über die Existenzangst besitzen sie uns alle. Wir sind Sklaven. Nur Walser, der ist frei.

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  • am 21.08.2013 um 08:24 Uhr
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    Um beim Beitrag von Markus Fritz anzuknüpfen: Beginnt es nicht viel früher, das «nicht ohne sein können"? Nämlich mit dem Verlassen des Hauses: Wer steigt denn heute nicht von (Haus-) Tür zu (Auto-) Tür, ohne je dem Wetter ausgesetzt zu sein? Wenn ich mir all die Hündeler und Hündelerinnen (um zum Thema zurück zu kehren, ohne aber gerade hier auch die JoggerInnen nicht zu vergessen) so ansehe, die sich für’s Gassi gehen entschieden haben, aber sich zuerst einmal für’s Gassi fahren in ihrem Automobil installieren, dann frage ich mich immer, um was es bei dieser Tätigkeit wohl wirklich geht. An der frischen Luft sein? Sich bewegen? Ja?

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