State election in Saxony-Anhalt

Smartphones im Anschlag: AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund auf dem Weg ins Wahllokal in Tangermünde am 6. September 2026. Auf sein Tiktok-Konto entfielen knapp 65 Prozent aller Aufrufe im Wahlkampf in Sachsen-Anhalt. © EPAimages/Clemens Bilan

Tiktok statt Volkspartei

Heinz Moser /  Was Linke und AfD in Deutschland verbindet: junge Wähler, Zukunftsängste und eine starke Präsenz in den Social Media.

Während CDU/CSU und SPD die deutsche Politik über Jahrzehnte dominierten, gewinnen mit der rechtsgerichteten AfD und der Linkspartei zwei Kräfte an den politischen Polen an Gewicht. Das illustriert, dass die am weitesten rechts Stehende der deutschen Parteien bei den Landtagswahlen in den ostdeutschen Bundesländern Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und in Berlin zwischen 30 und 40 Prozent der Wählerinnen und Wähler gewonnen hat.

Ihr Wahlkampf mag reaktionäre Werte in den Vordergrund stellen, bei der Mobilisierung von Wählerinnen und Wählern setzt sie jedoch auf modernste digitale Technik. «Gut gemacht!», kommentierte Tech-Mogul Elon Musk auf seiner Onlineplattform den Wahlsieg der AfD.

Rechte Parteien profitieren von den digitalen Medien

Der Potsdamer Social Monitor der Universität Potsdam hat vor den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt öffentliche Daten von politischen Tiktok-Profilen ausgewertet. Knapp 65 Prozent aller Aufrufe im Wahlkampf in Sachsen-Anhalt entfielen auf ein einziges Konto: das von AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund. Die Landtagswahlen vom September 2026 bestätigen den Trend, den der Potsdamer Social Monitor festhält: Wer jung ist, nutzt überproportional häufig Social Media – 74 Prozent der 16- bis 27-Jährigen nehmen politische Informationen über Social Media auf. Und da ist die AfD ganz vorne dabei.

Schlagermusik im Dienst der AfD

Recherchen von netzpolitik.org zeigen, dass die rechtsradikale AfD von den Algorithmen bei Tiktok und X überproportional profitiert. Elon Musk selbst hat X benutzt, um die AfD in Deutschland hochzujubeln. Und Youtube wird von propagandistischen Songs geflutet, die im Stil von deutschen Schlagern gestrickt sind. «Schlagerkeller» etwa versieht Bundeskanzler Merz gerne mit Pinocchio-Nase und stellt Parteiführerin Alice Weidel als Lichtgestalt daneben. Mit KI-Programmen wie Suno lassen sich zu allen täglichen politischen Ereignissen in Sekundenschnelle solche propagandistischen Stücke kreieren.

Die Parteien an den Rändern legen zu

Dass die rechtspopulistische AfD sich bei den digitalen Medien profiliert, ist kein Widerspruch. Für den Umgang mit Social Media braucht es keine tiefgründigen Kenntnisse im Umgang mit digitalen Medien. Mit wenigen Klicks auf dem Netz ist man dabei. Auch sind die Diskurse auf Social Media nicht intellektuell geprägt. Es geht eher um emotionale Stimmungen, die über Bild und Text vermittelt werden. Kritik gegen die Regierung und die herrschenden Eliten ist hier meist der Tenor.

Die Landtagswahlen in diesem Herbst haben statistisch belegt, dass die alten Volksparteien SPD und CDU/CSU bei den Jungen von neuen Bewerbern wie der AfD (in Berlin gar von der Linken) abgelöst werden. Die Angst vor einer Deindustrialisierung Deutschlands mit Krisen wie in der Autoindustrie wird im Netz plastisch vor Augen gestellt. So wählten in Sachsen-Anhalt 41 Prozent der 18- bis 24-Jährigen AfD (gemäss einer Wahltagsbefragung von Infratest dimap). Umgekehrt dagegen in Berlin, wo die AfD bei den 16- bis 24-Jährigen nach Forschungsgruppe Wahlen nur 12 Prozent holte, während die Linke 46 Prozent erreichte.

Es muss also nicht zwingend die Rechte sein, welche von den Jungen profitiert. Generell sind es die Parteien an den Rändern, die bei den jungen Wählern vorne liegen – weil sie im Netz am präsentesten sind. Während in Sachsen-Anhalt oder Mecklenburg-Vorpommern die AfD von Abstiegsängsten und Deindustrialisierung profitiert, zieht in Berlin die Linke mit Themen wie Wohnungsnot und Mieterschutz die Studierenden an. Ob links oder rechts: Die Botschaft der Jugend ist dieselbe – so wie bisher kann es nicht weitergehen.

Der gesellschaftliche Wandel als Folge der Digitalisierung

Für jüngere Menschen sind die Kontakte auf Social Media für ihr politisches Verhalten zentral geworden. Dort lernt man Leute kennen und holt sich Informationen. So ist das Netz zu einem meinungsbildenden Medium geworden. Parteien wie die AfD, die meinungsstark in den Social Media sind, ersetzen immer häufiger die alten gesellschaftlichen Netze und finden die Wählerinnen und Wähler direkt auf den digitalen Netzwerken.

Dies zeigt aber auch, wie die alten Volksparteien ihre traditionellen Bindungen verlieren. Sie waren bis zum Beginn dieses Jahrhunderts eng mit ihren gesellschaftlichen Milieus verflochten. So konnte sich die Sozialdemokratie auf Gewerkschaften, Arbeitervereine und lokale Organisationen zur Rekrutierung von Mitgliedern verlassen. Ähnlich waren CDU/CSU mit Kirchen, Wohlfahrtsverbänden und religiös motivierten Vereinen verbunden. Diese langfristig angelegten Beziehungen haben sich in den letzten Jahren verbraucht.

Die traditionellen Parteien im Panikmodus

Die Panik, welche die bisher tragenden Parteien der Mitte erfasst hat, ist aus diesen Gründen verständlich. Es wird nicht ausreichen, mit den alten Mitteln der Politik weiterzukutschieren. Die Präsenz der AfD und der Linken im Netz und die Wahlerfolge dieser Parteien müssen als Alarmglocke gesehen werden. Es wird nicht genügen, an den versprochenen Reformen im Wesentlichen festzuhalten, hier und da nachzubessern und dann fortzufahren wie bisher.

Die Wahlen in den grossen Bundesländern und die Wahl von 2029 in den Bundestag stehen bald vor der Tür. Die bisherigen Mehrheitsparteien müssen jetzt rasch Wege finden, um sich zu konsolidieren und neue Wähler zu mobilisieren bzw. alte zurückzuholen.


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4 Meinungen

  • 3.10.2026 at 14:36
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    Der Artikel überhöht die Bedeutung der neuen Medien. Der wahre Grund für das Aufkommen neuer Parteien an beiden Rändern ist das jahrelange, totale Versagen der früher dominierenden CDU/CSU und SPD.

  • 3.10.2026 at 20:08
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    Wozu ellenlange Artikel? Für mich zählt: BSW und AfD sind gegen Krieg. That’s it!
    Ein Grundproblem der Demokratie (das man längst hätte lösen können) sehe ich in der Unverbindlichkeit der Wahlversprechen (also vor der Wahl zuhanden der «Auftraggeber» Volk).
    Beispiel: Euronews 14.12.2025 – Deserteure in der Ukraine: Kriegsdienstverweigerer Konovalov packt aus: «Krieg ist unnötig. 75% haben bei Wahl des ukrainischen Präsidenten für Selenskyj gestimmt, weil er gesagt hat, alles zu tun, damit kein Soldat sterben muss». Damals hatte Russland Krim bereits annektiert. Das Friedensversprechen war einer der Hauptgründe für Selenskyjs haushohen Wahlsieg, laut US-Thinktank Atlantic Council.
    Sprichwort: «Ein Mann, ein Wort».

  • 4.10.2026 at 14:35
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    Ob und in wie weit die Social Medien für den Erfolg der AfD und anderer Parteien verantwortlich sind, ist irrelevant. Der grösste Antrieb kommt nämlich von der katastrophalen Politik von CDU, SPD und den Grünen, die es geschafft haben, in wenigen Jahren Deutschland wirtschaftlich in den Abgrund zu treiben und vor allem ohne eine glaubhafte Zukunftsvision jetzt dazustehen. Waffen statt Brot ist halt einfach ein sehr kurzfristiges Denken. Die Altparteien müssen nicht die Wähler zurückholen, sondern endlich wieder Politik für das Volk und das Land machen.

  • 4.10.2026 at 19:04
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    Die sozialen Medien sind doch höchstens ein Katalysator. Die wahren Gründe für die Wahlschlappen sind eine komplett abgehobene classe politique. Die Quittung dafür haben sie nun bekommen und mal im Ernst: Den Blackrock Kanzler nimmt doch niemand mehr… na ja… ernst?

    Die Elite sollte mal von ihrem hohen Ross herunterkommen sonst werden sie heruntergezerrt. Oder wie ein Bekannter von mir sagt: Die Beste Erfindung Frankreichs war die Guillotine. Na ja die vielleicht nicht aber zumindest die Revolution. Die war gut.

    Der Letzte Satz im Artikel hat mit übrigens den Rest gegeben: Nein die alten Parteien haben vor allem eines: Ausgedient durch ihre doppelmoralige Politik. Es ist Zeit sie zu entfernen und durch etwas neues zu ersetzen. Zumindest sollte man dem neuen ein Chance geben. Nicht vergessen: Ein Pendel schwingt immer bis zum höchsten Punkt, dann geht es zurück. Der Artikel ist vor allem Realitätsverweigerung.

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