BernburgerImmobilien

Werner Vontobel: «Die Mieter zahlen unsere Renten.» – Bei diesen Wohnblöcken in Bern, die im Baurecht auf dem Boden der «Bernburger» stehen, geht die Wertsteigerung des Bodens wenigstens nicht in private Taschen, sondern in die Kasse der «Bernburger», die das viele Geld dann wieder sozial und/oder kulturell zugunsten der Gemeinschaft reinvestieren. © cm

Noch mehr Sparen schadet der Rente

Werner Vontobel /  Der Versuch, die Altersrenten trotz sinkender Zinsen mit höheren Beiträgen zu stabilisieren, ist volkswirtschaftlicher Unsinn.

Beginnen wir mit der Ausgangslage: Auf den diversen Konten der privaten Vorsorgeeinrichtungen liegen aktuell gut 1200 Milliarden Franken, und jedes Jahr kommen per Saldo 36 Milliarden dazu. Dieser Elefant gebiert eine Maus von jährlich rund 31 Milliarden Franken Pensionskassen-Renten, wovon nur gut die Hälfte effektiv für den gesetzlichen Zweck – «die Fortsetzung der gewohnten Lebenshaltung» – gebraucht wird. Der Rest wird gespart beziehungsweise geht an die Erben. Weitere gut 10 Milliarden werden für die Vermögensverwaltung und für die Administration der Pensionskassen verbraucht. 

Gemessen am Beitrag zum gesetzlichen Zweck ist der Leistungsausweis der privaten Vorsorge (Pensionskassen und Säule 3a) alles andere als berauschend. Das ist der Hintergrund, vor dem man den jüngsten Entscheid der SGK-NR (Kommission für Soziale Sicherheit und Gesundheit des Nationalrats) betrachten muss. Mit 14 Stimmen von SVP, FDP, Mitte und GLP) gegen 8 der SP und der Grünen hat sie beschlossen, den Freibetrag der Säule 3a um 3541  auf jährlich 10’324 Franken zu erhöhen.

Gut für «die Gesellschaft im Allgemeinen»?

FDP-Nationalrat Philippe Nantermod hat dies gegenüber «Blick» damit begründet, dass es für die «Gesellschaft im Allgemeinen» sehr gut sei, wenn «in der dritten Säule mehr gespart» werde und dadurch die sinkenden Zinsen kompensiert würden. In der Tat ist der Kapitalertrag, mit dem die Pensionskassen langfristig rechnen, so stark gesunken, dass viele statt einst 6,8 Prozent nur noch eine Jahresrente von 4,5 Prozent (oder noch weniger) vom angesparten Kapital auszahlen können oder wollen. Damit die Rente dennoch nicht oder nur wenig sinkt, muss entsprechend mehr Sparkapital angespart werden. 

Privatwirtschaftlich gesehen leuchtet dieser Dreisatz ein. Doch volkswirtschaftlich geht diese Rechnung schlicht nicht auf. Rechnen wir: Um einen von 6,8 auf 4,5 Prozent sinkenden Umwandlungssatz zu kompensieren, brauchte die 2.  Säule ein Sparkapital von 1800 statt der eh schon schwindelerregenden 1200 Milliarden Franken. Aber es kommt noch schlimmer: Damit wir dieses höhere Kapital trotz tieferen Zinsen ansparen könnten, müsste man die Beitragssätze verdoppeln, sprich 100 statt «bloss» 50 Milliarden Franken jährlich oder 36 statt 18 Prozent Lohnbeiträge. Das ist der Fluch des exponentiellen Wachstums beziehungsweise des entgangenen Zinseszinses. 

Keiner braucht die Ersparnisse der 2. Säule

Das zeigt: Die Renten über den Aufbau eines Kapitalstocks finanzieren zu wollen, ist volkswirtschaftlicher Unsinn – ein Schildbürgerstreich. So viel Kapital wie die Rente fordert, braucht die Realwirtschaft bei weitem nicht. Im Schnitt der letzten fünf Jahre haben sich der Staat und die Unternehmen gerade mal 13 Milliarden Franken von den Privathaushalten geliehen. Gleichzeitig haben sie gut 50 Milliarden an Dividenden ausgeschüttet. Niemand ist auf die Ersparnisse der kapitalgedeckten Altersvorsorge angewiesen.

Dass diese vor allem der Steuervermeidung dienen, illustriert auch der Entscheid der SGK-Kommission. Gemäss dem Bundesrat würden der Bund, die Kantone und die Gemeinden dadurch jährlich 510 Millionen Franken Steuereinnahmen verlieren. Doch diese Steuerersparnis  würde letztlich bloss den Erben der 40 Prozent reichsten Rentnerhaushalte zugute kommen. Diese geben schon heute weniger aus, als sie einnehmen. Alles, was in der 3. Säule steuerfrei angespart wird, geht per Saldo bloss an die Erben – meist steuerfrei.

Die Verlierer wären die ärmeren 60 Prozent. Deren Wohlstand hängt auch davon ab, dass der Staat genügend Steuereinnahmen hat, um Krankenkassenbeiträge zu zahlen, Krippen zu finanzieren, gute Schulen zu betreiben etc. Die verlorene halbe Milliarde ist allerdings nur die Spitze des Eisbergs von unnötigen Steuerausfällen. Insgesamt werden jährlich rund 75 Milliarden Franken an Beiträgen, Eintrittseinlagen und Kapitalerträgen von der Steuer befreit. Doch gut zwei Drittel aller Pensionskassenrenten gehen an Rentnerhaushalte, die auch ohne steuerliche Subventionen ein klar überdurchschnittliches Einkommen hätten.

Preistreiberei auf dem Immobilienmarkt

Legt man einen Steuersatz von bloss 20 Prozent zugrunde, errechnet sich so ein durch den Zweck der Altersvorsorge nicht gerechtfertigter Einnahmenverlust von rund 10 Milliarden Franken jährlich. Doch auch das ist noch nicht das Ende der Fahnenstange: Das steuerlich subventionierte Zwangssparen der zweiten und dritten Säule ist nämlich einer der wichtigsten Preistreiber auf den Immobilienmarkt.  Die Pensionskassen haben dort bisher gut 300 Milliarden investiert. Und jedes Jahr kommen noch etwa 10 Milliarden dazu.

Diese so befeuerte Preistreiberei trifft vor allem das ärmste Fünftel der Rentnerhaushalte. Sie mussten schon vor fünf Jahren 37,6 Prozent des verfügbaren Einkommens für die Miete ausgeben. Weil diese inzwischen schneller gestiegen sind als die Renten, dürfte dieser Prozentsatz inzwischen über 40 Prozent liegen. Zum Vergleich: Das reichste Fünftel zahlt brutto nur 16 Prozent. Zieht man die Einnahmen aus Fremdvermietung ab, wohnt dieses glückliche Fünftel sogar praktisch zum Nulltarif.

Letztlich zahlen die Mieter die Rente

Der Immobilienmarkt ist längst zu einer riesigen Maschine der Umverteilung von unten nach oben verkommen. Die Pensionskassen haben daran einen wesentlichen Anteil. Heute wird etwa ein Viertel der Pensionskassen-Renten bei den Mietern eingetrieben. Und von den so finanzierten Renten gehen keine 3 Prozent an das ärmste, aber fast 40 Prozent an das reichste Fünftel. Dieses profitiert zudem weit überproportional von den jährlich rund 60 Milliarden Franken Wertsteigerungen des privaten Immobilienbesitzes.

Unsere Altersvorsorge ist eine der wichtigsten, wenn nicht die wichtigste wirtschaftspolitische Stellschraube. Missbraucht man sie als Instrument der Steueroptimierung, kann man damit viel Schaden anrichten. Wer stoppt die Zauberlehrlinge?


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine
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Die Bundesverfassung schreibt vor, dass die AHV- und IV-Renten den Existenzbedarf angemessen decken müssen.

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3 Meinungen

  • am 10.11.2021 um 16:10 Uhr
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    Von wegen «sinkender Zinsen» : wen interessiert denn das ? Die Performance der Investitionen muss das Kriterium sein. Hier ist es vernünftig, wenn das Einkommen der Rentner an die Leistungsfähigkeit der Wirtschaft als ganzes geknüpft wird. Der nominelle Zinssatz ist eine Schimäre.

    Dass finanzielle Intermediäre mehr als einen vernünftigen Anteil aus diesem Kuchen für sich beanspruchen ist und bleibt ein Skandal, setzt aber das Gesamtkonstrukt als solches nicht in Frage.

    Wenn wir sehen, dass «liquide Anlagen in CHF» – nicht zuletzt von ausländischen «institutionellen Investoren» – nur schon im 2021 750 Milliarden zugelegt haben, sollte die Frage nach der Manipulation der Immobilienmärkte wohl eher da als bei der 3. Säule im CH-Pensionsmarkt einhaken.

    Die Senkung des Umwandlungssatzes war noch nie gerechtfertigt. Seit der Reduktion der Lebenserwartung der Pensionäre durch Covid-19 sind diese Kassandraschreie noch weniger begründbar.

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  • am 11.11.2021 um 06:41 Uhr
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    Sehr geehrter Herr Vontobel,
    Mathematik war noch nie meine Stärke, ich verstehe – mindestens beim ersten Durchlesen – nicht alles, finde aber Ihre Äusserungen trotzdem sehr spannend. Ich freue mich auf Ihre/n nächsten Beitrag, wo Sie sicher noch dieses äusserst komplexe Thema noch weiter aufschlüsseln und vor allem Ihre konkreten Vorschläge, was und wie geändert werden muss / müsste noch ausführlicher darlegen. Ich bin überzeugt, Sie haben sehr realistische Ideen, wie die nicht verhandene Gerechtigkeit für möglichst viele, also vor allem die Ärmeren ein würdigeres Leben ermöglichen würden. Es ist ja klar, dass bei den jetzigen realpolitschen Machtverhältnissen Ihre Ideen nicht den Hauch einer Chance haben, je verwirklicht zu werden. Es ist auch klar, dass die Mehrheit der Leute nicht begreift, dass Steuersenkungen immer nur gannz wenigen zugute kommen. Es ist ja auch so, dass durch eine völlig andere Steuerpolitik nach meiner Menung dringendst nötig wäre, dass aber offensichtlich die Mehrheit der Stimmenden immer noch im Hinterkopf hofft, selber einmal durch ein illusorisches Millionenerbe zu den ganz Reichen zu gehören. Es muss doch einfach – mindestens langfristig – eine Chance geben, dass Menschen, die den Durchblick haben, wie Sie, die Mehrheit auf verständliche Weise aufklären, und dass die die in uns allen verwurzelte Raffgier und Egoismus im Interesse des Wohlergehen s von allen die Frage «Was brauche wir wirklich, um glücklich zu sein» gestellt und beantwortet wird.

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  • am 14.11.2021 um 22:06 Uhr
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    Wie erfreulich, wieder einmal ein «echter Vontobel» – erste Sahne!
    Die Grössenordnungen, Proportionen und ihre immense Bedeutung im Hinblick auf die Einkommens- und Vermögensverteilung sind «mind-boggling» (‹irre›, ‹verrückt›, umwerfend). So ‹irre›, dass die Signifikanz wohl von vielen nicht erfasst – und folglich auch nicht als real stattfindend – erachtet werden. Sogar jene Personen, denen längst gewahr ist, wie ‹verfault› dieses «(Spar-)Vorsorge-System» ist, kommen nicht umhin ungläubig die Augen zu reiben.

    Ein Instrument, das letztlich nur den Zweck der Steuervermeidung (für Wohlhabenden) erreicht, wird perfid unter dem Titel «(Vor)Sorge fürs/ums Volk» verschleiert. Doch damit ja nicht genug – darin werden gleich noch weitere Mittel zur Umverteilung von unten nach oben verbunden: Ohne dass eine direkte Absprache stattfinden müsste, aber letztlich eben doch konzertiert, erfolgt eine fortwährende Anhebung des Mietzinsniveaus, dem sich die Mieter (in der Breite) nicht entziehen können. Ziemlich jeder zusätzliche Einkommensfranken eines ärmeren Haushaltes fliesst so – ‹zielsicher› – unvermittelt weiter in die Taschen der bereits Wohlhabenden (sei es über seine privat Immobilien oder jene, die er über Unternehmen oder das Pensionskassensystem hält).

    [Ein kleiner Schönheitsfehler scheint mir der Artikel aber doch aufzuweisen: Da die Rentenauszahlungen – als Einkommen – zu versteuern sind, fliesst ein Bruchteil der vormaligen Steuerersparnis dann doch noch in die Staatskasse.]

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