Tal des Schweigens2

Das «Tal des Schweigens» unterhalb des Mount Everest (links), im Hintergrund die Lhotse-Flanke. Die Schweizer Everest-Expedition schaffte es 1952 als erste, den gefährlichen Khumbu-Eisfall zu überwinden und ins Hochtal aufzusteigen. © Flickr/CC BY 2.0

«Noch nie war ein Mensch in diese Höhe gestiegen»

Helmut Scheben /  Vor siebzig Jahren gelangte eine Schweizer Expedition bis fast an den Gipfel des Mount Everest. Ein Jahr vor der Erstbesteigung.

Der Sherpa Tenzing Norgay beschreibt in seinen Erinnerungen den Moment, in dem es nicht mehr weiter ging: «Raymond Lambert stand unbeweglich, den Rücken gebeugt unter dem Wind und den Schneeböen. Und ich wusste, dass er versuchte, sich über die Situation klar zu werden. Ich versuchte es auch, aber denken war noch schwieriger als atmen.» 

Sie ahnten, dass sie den Gipfel erreichen konnten, aber der Abstieg wäre nicht mehr möglich gewesen. Sie konnten den Vorgipfel sehen, aber weitergehen wäre der Tod: «Wir hatten eine Höhe von etwa 8610 Metern erreicht. Noch nie war ein Mensch so nah an den Gipfel des Everest gekommen. Noch nie war ein Mensch in diese Höhe gestiegen.» 

Man hatte sie gewarnt. Niemand wusste, welche Schäden der menschliche Organismus in dieser Höhe erleiden konnte. Sie hatten schon drei Nächte auf einer Höhe von über 8000 Metern verbracht. Ihre 16 Kilo schweren Sauerstoffgeräte waren praktisch unbrauchbar. Der Widerstand der Ventile war so stark, dass sie nur Sauerstoff einatmen konnten, wenn sie stehen blieben. 

Die letzte Nacht im Zelt, auf 8400 Meter Höhe, hatten sie keinen Kocher mehr. Tenzing berichtet, sie hätten ein wenig Käse gegessen, und er habe mit einer Kerze Schnee geschmolzen. Sie hatten auch keine Schlafsäcke. Sie klopften und massierten sich gegenseitig, um das Erfrieren von Gliedmassen zu verhindern. Tenzing machte sich Sorgen um Raymond Lambert, denn dieser sei «ein riesengrosser Kerl» gewesen, was es schwierig machte, ihn überall zu massieren. Aber Lambert, dem seine Zehen schon Jahre zuvor abgefroren waren, habe gesagt: «Pour moi, rien à craindre. Je n’ai plus de doigts de pieds. Mais n’allez pas perdre les vôtres.»

Bei Tagesanbruch unternahmen sie nach mehreren gescheiterten Vorstössen einen letzten Versuch, den Gipfel zu erreichen. Sie hatten fünf Stunden für 200 Höhenmeter gebraucht, als sie beschlossen umzukehren. Sie stiegen wortlos ab, sie waren zu erschöpft, um in dem Sturmwind Laute von sich zu geben. Es war der 28. Mai 1952.

Tenzing u Lambert
«Copains de montagne» und Freunde fürs Leben: Raymond Lambert und Sherpa Tenzing Norgay

Die Überwindung des Khumbu-Eisbruchs

Der Sherpa Tenzing Norgay hatte Erfahrung am Mount Everest. Bereits mehrmals hatten britische Expeditionen ihn engagiert. Die Versuche, den höchsten Berg der Welt zu besteigen, wurden damals in London als eine rein britische Angelegenheit angesehen. Schliesslich lag der Himalaya quasi «vor der Haustür» der britischen Kolonie Indien, und Darjeeling war der Ausgangspunkt der Expeditionen. Die Briten hatten seit 1921 schon siebenmal versucht, den Everest von der tibetischen Seite her zu besteigen.

Als Tibet nach der chinesischen Besetzung die Grenzen schloss, öffnete sie Nepal. Zur allgemeinen Überraschung war es aber nicht Grossbritannien, das als erstes Land die Erlaubnis erhielt, den Berg von der nepalesischen Südseite her zu besteigen, sondern die Schweiz. Tenzing war 38 Jahre alt, als die Schweizer ihn anheuerten. Es gab sicher zu dieser Zeit keinen Sherpa, der den Everest so gut kannte wie er. Und er traf auf eine Equipe von Westschweizer Alpinisten, die sowohl im Fels als auch im Eis grosse Erfahrung mitbrachten. Sie schafften es als Erste, den Khumbu-Eisbruch zu überwinden, ein 600 Meter hohes Labyrinth von Spalten und Eistürmen, wo frühere britische Expeditionen gescheitert waren. 

Jean-Jacques Asper war der Jüngste der Expedition und zugleich wohl der beste Kletterer der neun Genfer Alpinisten. Er hatte zu dieser Zeit bereits schwierige Routen in der gewaltigen Südwand des Mont Blanc begangen. Im Mai 2003 besuchte ich ihn in Genf, und er zeigte mir Fotos und Filmaufnahmen von dem Exploit von 1952. Dort ist zu sehen, wie er eine enorme Gletscherspalte überquert, eine Schlüsselstelle im Khumbu-Eisfall. Jean-Jacques war 2003 Mitte siebzig. Seine Frau sagte: «Jedes Mal wenn ich nicht aufpasse, haut er ab und geht klettern im Salève. Dabei sollte er das in seinem Alter nicht mehr machen.» 

«Euch gebührt die Hälfte des Ruhmes»

1953 nahm die britische Expedition Tenzing Norgay als «Sirdar» unter Vertrag, das heisst als Leiter der Sherpas und Organisator des Basislagers. Die Briten wussten nur zu gut, warum sie Tenzing engagierten. Neben seinen klettertechnischen Fähigkeiten kannte der Sherpa den Weg durch den Khumbu-Eisfall und den grössten Teil der Route zum Gipfel. So war es Tenzing Norgay, der zusammen mit Edmund Hillary am 29. Mai 1953 den Gipfel erreichte, ein Jahr und einen Tag nach dem letzten gescheiterten Versuch der Schweizer. John Hunt, der Leiter der britischen Expedition, schickte den Genfern ein Telegramm, das britisches Fair Play signalisierte: To you a good half of the glory.

Als Grossbritannien 2003 den 50. Jahrestag der Erstbesteigung feierte, erging folglich auch eine Einladung an die Schweizer Expedition von 1952. Jean-Jacques Asper war aber damals der Einzige, der von dem Team noch am Leben war. So erfuhr er im hohen Alter zusammen mit seiner Frau noch die Ehre, von ihrer Majestät Queen Elizabeth begrüsst zu werden. Jean-Jacques starb im Juni 2019 im Alter von 93 Jahren. 

Im Westschweizer Radio hörte ich ihn ein Jahr zuvor noch sagen, er habe schreckliche Fotos gesehen, «des fotos épouvantables»: Ein Base Camp am Everest mit tausend Menschen und fünfhundert Zelten. Die Route zum Gipfel sei von unten bis oben mit Fixseilen ausgestattet. Der Mount Everest sei eine touristische Massenveranstaltung geworden. «Wir lebten damals von Sardinen, Käse und Zwieback und demselben Essen, das die Sherpas assen.» 

Der Berg als Kulisse

Heute kann man im Basislager ein privates Zelt mit Koch, Bad, Bibliothek, HiFi-Anlage und Satellitentelefon haben, und manche Adventure-Anbieter kassieren bis zu 200’000 Dollar für die Luxusvariante des Everest-Trip. Musste man sich früher in Nepal wochenlang an die Höhe gewöhnen, so kann heute die Akklimatisierung schon zuhause stattfinden. Dafür wird über dem Bett ein Zelt montiert, in das sauerstoffarme Luft geblasen wird. Kritische Beobachter fürchten, dass ein Tag kommen wird, an dem die ersten Kunden mit dem Helikopter über den Khumbu-Eisbruch geflogen werden. Dabei ist schon das Wort «Adventure» ein Schwindel, denn der Mut zum Gang in jenes Ungewisse, das man Abenteuer nennt, ist ersetzt worden durch eine Vollkasko-Mentalität, die Ungewissheit nicht mehr erträgt, und in welcher der Unterschied zwischen Selbst und Selfie zusehends verschwindet.

Reinhold Messner, der 1978 zusammen mit Peter Habeler erstmals den Everest-Gipfel ohne künstlichen Sauerstoff erreichte, hat die Gangbarmachung der Berge und die Facebook-Inszenierung dessen, was einst Auseinandersetzung mit der wilden Natur war, immer wieder erbarmungslos kritisiert:  «Die Natur wird in Ketten und Seile gelegt. Es ist eine Form des Tourismus. Das ist in Ordnung, doch man muss sich bewusst sein, dass es dabei nicht um Naturerfahrung geht, man besteigt letztlich keinen Berg mehr, sondern eine Attrappe (Zürcher «Tagesanzeiger» 10.5.2019)  

Die jüngste Publikation dazu erschien in diesem Frühjahr mit dem Titel «8849. Massentourismus, Tod und Ausbeutung am Everest». Oliver Schulz zeigt in seiner Studie die Auswüchse des touristischen Ausverkaufs. 2003 hatten zweihundert Menschen den Gipfel erreicht, 2018 waren es schon achthundert. Bereits standen Blinde, Einbeinige und Kinder auf dem Gipfel. Einer fuhr mit den Skiern ab, ein anderer mit dem Snowboard, andere fanden es chic, dort oben Hochzeit zu feiern.

Schulz zeigt alle Aspekte des Everest, seine Geschichte von den Pionieren der zwanziger Jahre bis zu dem «Wahnsinn am Berg» unserer Tage. Er beschreibt den Müll, die Warteschlangen und die Katastrophen. Aber es gibt auch die andere Perspektive. Schulz hat mit den Einheimischen geredet. Und deren Sicht ist durchaus nicht allseits negativ. Der Mount Everest hat den abgeschiedenen Tälern des Khumbu-Gebietes Entwicklung gebracht. Mit finanzieller Hilfe vieler Bergsteiger und westlicher NGOs wurden Spitäler, Schulen und Verkehrswege gebaut. Der Everest sichert dem Sherpa-Volk heutzutage ein gutes Einkommen. Viele der ausländischen Alpinisten haben sich nach dem Zweiten Weltkrieg mit Neugier und Respekt der fremden Hochlandkultur genähert. So auch die Schweizer Expedition von 1952. 

Lebenslange Freundschaft mit den Schweizern 

Tenzing sagte, mit Raymond Lambert habe er sich damals nur mit ein wenig Englisch und Händen und Füssen verständigen können, aber viel Reden sei auch nicht nötig gewesen: «Er ist mein bester Freund geworden.» Die Schweizer hatten ihn nicht als Sherpa und Dienstleister, sondern als «Copain de montagne» behandelte. Er war den Genfer Alpinisten lebenslang verbunden. Den Sommer 1954 verbrachte er in der Schweiz. Er schildert seinen Aufenthalt in Rosenlaui im Berner Oberland und seine Klettertouren mit Lambert.  Es ist zu vermuten, dass die Schweiz auch eine Art Refugium war, wo er sich vor den politischen Querelen zurückziehen konnte. Denn der Everest war ein Politikum geworden. Tenzing beklagt sich in seinen Erinnerungen bitter über die unablässigen Versuche der Journalisten, ihm politische Stellungnahmen zu entlocken. 

Seit der Jahrhundertwende war der gesamte Spitzensport zunehmend für nationalistische Ideologien instrumentalisiert worden. Besonders im Alpinismus wurde billige Kriegspropaganda fabriziert mit der angeblichen Analogie zwischen Kampf mit dem Berg und Kampf mit dem Feind. Hitler-Deutschland feierte 1938 die Erstbesteigung der Eiger Nordwand als grossen Triumph.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wäre zu erwarten gewesen, dass der Chauvinismus einem neuen Geist der Völkergemeinschaft weichen würde. Aber der Wettkampf um das Erreichen der letzten unbetretenen Flecken des Planeten – der Everest wurde als der «dritte Pol» bezeichnet – war nach wie vor gesättigt von nationalistischen Ambitionen. Tenzing Norgay berichtete seinem Biographen James Ramsay Ullman, dass der britische Expeditionsleiter John Hunt ihn im Flugzeug fragte, ob er etwas dagegen habe, dass er, Hunt, bei der Landung in London als Erster mit der britischen Flagge am Eispickel aus dem Flugzeug steige. 

Unmittelbar nach der Erstbesteigung hatte eine groteske Diskussion eingesetzt, ob der Sherpa oder Edmund Hillary als Erster den Fuss auf den Gipfel gesetzt hatte. Nepalesische und indische Nationalisten und Kommunisten wollten von Tenzing hören, er sei der Erste gewesen. Es war der Beginn des Kalten Krieges und der Moment der weltweiten Aufstände gegen Kolonialherrschaft. Ein Mann namens Tenzing vom Volk der Sherpa aus dem Himalaya, der kaum Schulbildung erhalten hatte, war ins Kreuzfeuer der Weltpolitik geraten. 

«Wenn sie mich einmal in Ruhe lassen würden, wäre alles gut», sagte Tenzing. «Wenn sie aufhören würden zu fragen, ob ich besser diese oder eine andere Sprache rede, ob ich indische, nepalesische oder westliche Kleidung trage. Das wünsche ich für mich und auch für den Everest. Denn der Everest ist zu gross und zu wertvoll für diese Nichtigkeiten.»

Der Mount Everest heisst in tibetischer Überlieferung Chomolungma, Göttin oder Mutter der Welt. Die Göttin schaut schon lange dem Treiben zu, und manchmal wird es ihr offenbar zu viel. Dann schüttelt sie sich wie am 17. April 2014. Ein Eisturm, so gross wie ein Mehrfamilienhaus, stürzt aus der Westflanke hinab und zerbricht in riesige Eisbrocken, die über den Khumbu-Gletscher fegen. 16 Bergsteiger kommen ums Leben, die meisten von ihnen Sherpas, die für die Expeditionen den Weg durch das Eisfeld bauen und sichern.

Literatur:
James Ramsay Ullman: Tenzing de l’Everest. Edition Arthaud 1955
Oliver Schulz: 8849. Massentourismus, Tod und Ausbeutung am Mount Everest. Westend Verlag 2022 


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine
_____________________
Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.

War dieser Artikel nützlich?
Ja:
Nein:


Infosperber gibt es nur dank unbezahlter Arbeit und Spenden.
Spenden kann man bei den Steuern in Abzug bringen.



Die Redaktion schliesst den Meinungsaustausch automatisch nach zehn Tagen oder hat ihn für diesen Artikel gar nicht ermöglicht.

2 Meinungen

  • am 28.05.2022 um 21:14 Uhr
    Permalink

    Besten Dank für diese Erinnerungen- Ich habe zwar meine Bergerfahrung mit Heinrich Harrers «7 Jahre in Tibet» und mit Herzogs «Annapurna» begonnen, aber auch immer die Kletterfelsen am Salève und in Chamonix in meine Lebensgeschichte einbezogen. Meine Kollegen der «Kletterzunft» haben mir geholfen, am Bergerlebnis teilhaben zu können.

    Auch de Saussure war eine der Leuchten auf diesem Weg…. La Vallée blanche war das «highlight» der Exkursionen dieser Zeit.

    0
  • am 29.05.2022 um 21:39 Uhr
    Permalink

    Man stelle sich vor, das Matterhorn hieße außerhalb der Schweiz nur Pik Suworow und sein schweizer Name wäre höchstens Interessierten bekannt. So geht es mir immer mit dem Namen Mt. Everest. Dieser Berg war den Einheimischen wahrscheinlich schon hunderte Jahre als Chomolungma o.ä. geläufig bevor er uns als nach seinem Vermesser Everest benannt, vorgestellt wurde, weil man angeblich keinen anderen Namen ausfindig machen konnte und Herrn Everest ehren wollte. Der Artikel illustriert ja denn auch sehr drastisch die Vereinnahmung des Berges durch Extremtourismus und Norgay Tenzings durch die Politik.

    0

Comments are closed.

Ihre Meinung

Lade Eingabefeld...

Die Schlagzeilen der täglich drei neusten Artikel erhalten Sie nach Wunsch täglich oder wöchentlich.

Vielen Dank, dass Sie unseren Newsletter abonnieren!

Der Bestätigungslink ist nicht mehr gültig.