aa_Tagebuch_Juerg

Fällander Tagebuch 44 © cc

Wenn nur noch reiche Kinder draussen spielen

Jürgmeier /  «Selbstverständlich bleibe ich zu Hause.» Beteuern Leute öffentlich. Bilder zeigen – nicht alle sind am gleichen Ort zu Hause.

11. April 2020

Die beiden Buben krallen ihre Hände ins Gitter. Versuchen, sich etwas hochzuziehen, um besser über den Zaun sehen zu können. So müssen mein Vater und sein Bruder – falls sie überhaupt je in die Stadt, Zürich, gekommen sind – vor vielen Jahren ihre Nasen beim Franz Carl Weber an die Scheibe gedrückt und neidisch auf die Buben, kaum je Mädchen, geschaut haben, die in diesem Kinderparadies auf Märklin-Lokomotiven und -wagen deuteten, die sie sich zu Weihnachten wünschten und wahrscheinlich auch erhielten. Die zwei Knaben – die vermutlich nicht in unserer Siedlung wohnen, ich kenne die wenigsten Kinder, schon gar nicht jene aus den Mietwohnungen – bekommen grosse Augen, als sie entdecken, was die Eltern jenseits der Hecke für ihre Kleinen aufgebaut haben. Ein Igluzelt – damit sie draussen schlafen, eine Art Parcours – durch den sie mit Velos oder Trottis fahren können. Aufgeregt fuchteln sie mit den Händen. Rufen irgendetwas. Wie der Ausländerbub vor vielen Jahren, der immer wieder hochsprang, als er die Märklin-Eisenbahn sah, die ich für K. im Bastelraum aufgestellt hatte. Mit dem ich in jener Zeit im gleichen Haushalt wohnte. Aber der jagte den Jüngeren regelmässig weg. Und dieser kam – zäh, der Kleine – immer wieder. Weil Rangierlok, Speisewagen und Signale jetzt eigentlich K. gehörten, wagte ich es nur ein-, zweimal, den kleinen F. glücklich zu machen und ihn, heimlich, mit diesen originalgetreuen Miniaturen spielen zu lassen, während ihr Besitzer in der Schule lesen lernte. Die zwei Buben haben inzwischen aus ihren, womöglich, engen Kinderzimmern einen Pfeilbogen und eine mit Wasser gefüllte, täuschend unechte Pumpgun geholt. Was sie aber nicht davor bewahrt, nach anfänglich geduldigen Erklärungsversuchen, vom Nachbarn mit bestimmtem Ton weggeschickt zu werden. Schliesslich müssten sie in diesen Coronazeiten eh zu Hause bleiben. Was den Kindern jenseits des Zauns leichter fallen dürfte als ihnen. So wie Ex-Fussball-Trainer Hanspeter LaTour. Der mit am Hals baumelnder Kamera im Schweizer Fernsehen vorführt, wie er in seinem Zweitwohnsitz mit biodiversem Alpengarten und Bergblick die Empfehlungen des Bundesrates – «Bleiben Sie zu Hause» – als Angehöriger der «Risikogruppe» locker und brav befolgt. Die Reichen haben schliesslich noch nie öffentliche Spielplätze, Verkehrsmittel, Pärke, Schulen und Krankenversicherungen gebraucht. Auf den ersten Blick jedenfalls nicht.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

keine

Zum Infosperber-Dossier:

Portrait_Jrgmeier_200

Jürgmeiers Fällander Tagebuch

Im Tagebuch spiegeln sich das Private und das Öffentliche, wird das Subjekt schreibend Teil der Welt.

War dieser Artikel nützlich?
Ja:
Nein:


Infosperber gibt es nur dank unbezahlter Arbeit und Spenden.
Spenden kann man bei den Steuern in Abzug bringen.

IBAN: CH 0309000000604575581

Eine Meinung zu

Ihre Meinung

Lade Eingabefeld...