Verunglimpftes Griechenland

Heinz Moser © zvg

Heinz Moser /  Die Lust an der List ist nach der NZZ am Sonntag vom 12.7.2015 die Triebkraft der griechischen Politik.

Schon in der griechischen Mythologie haben die Griechen als Meister der Täuschung eine herausragende Rolle gespielt. Auf diese These sattelt der Philologe Klaus Bartels noch eins drauf. Aus der antiken Mythologie versucht er zu erklären, dass sich die Vertreter der EU von der Regierung Tsipras an der Nase herumführen liessen. Die Griechen waren eben schon damals so, scheint seine Botschaft zu lauten.

Allerdings bleibt er die Belege dafür schuldig, welche die gegenwärtige Griechenlandkrise so direkt mit der Antike verbinden. Vielmehr fasst Bartel lang und breit Episoden aus der griechischen Mythologie zusammen. Dabei suggeriert er ein Ressentiment, das nur ärgerlich ist. So beginnt der Artikel damit, dass der griechische Mythos den Handel und Wandel zwischen den Menschen und den Olympiern mit einem listigen Betrug begonnen habe. Ein Schelm ist, wer da nicht gleich die «Olympier» der EU mit den listigen Genossen um Tsipras zusammenbringt. Mit Bezug Auf Hesiod wird dann insinuiert, wie die «listige Kunst» von den Griechen zu einer eigentlichen Kunstfertigkeit gemacht wurde.

Odysseus und seine Kriegslist

Selbstverständlich darf auch der listenreiche Odysseus nicht fehlen – und damit das hölzerne Pferd, das in die Stadt Troja hineingebracht wird. Und ist nicht wieder indirekt die heutige Politik Griechenlands angesprochen, wenn ein von «Odysseus instruierter Grieche» die Kriegslist ins Werk setzt. Wörtlich heisst es im Artikel: «Mit einem ausgeklügelten Lügengebäude gewinnt er das Mitleid und das Vertrauen der Trojaner…».

So lässt sich der Artikel breit über die Mythologie aus und transportiert dabei unterschwellig die Botschaft, dass sich die Griechen im Lauf der Geschichte um kein Jota verändert haben. Die Lust an der List wird so zum Massstab des Handels, das sich eben immer schon auf ein ausgeklügeltes Lügengebäude stützte. Der Mythos wird so zum unappetitlichen politischen Zweihänder, der gar insinuiert, dass es letztlich die Griechen selbst sind, die sich bescheissen. So sagt die Schutzgöttin Athene zu Odysseus: «Du Schlimmer, Buntes Ausdenkender, an Listen Unersättlicher, so willst du denn gar nicht, nicht einmal, da du in deine Heimat gelangt bist, aufhören mit deinen Betrügereien und Lügereien, die dir zutiefst eigen sind?».

Keulenschwingender Herakles wie Alexis Tsipras

Ja natürlich: Die griechischen Helden können gar nichts anderes, als zu betrügen. Der Mythos scheint im Volkscharakter zu liegen. Gegen Ende des Artikels wird ein Kultname des keulenschwingenden Herakles erwähnt. Wie der heisst? Natürlich nicht anders als Alexis, der den «zum Himmel stinkenden Augiasstall» auf die Schnelle in einem Tag «ingeniös» reinigte. «List» verbinde sich dabei mit «Lust».

Im gleichen Zug stellt der Autor die rhetorische Frage, ob sich Alexis Tsipras jemals so lustvoll an seine jüngste List erinnern könne wie Herakles. Tsipras wird in den Mund gelegt: «Mir aber lachte mein Herz, wie mein Referendum sie narrte und die Glanzidee mit dem ochi».

Es ist schon merkwürdig, wie die NZZ am Sonntag mit einem Referendum umgeht, das durchaus sinnvoll war und in seinem Resultat ein klares Meinungsbild der Griechen ausdrückte. Es half mit, wie es die griechische Regierung ausdrückte, trotz allem Druck die Würde des griechischen Volkes zu bewahren. Gewiss ging es nicht darum, damit alle zu «narren».

Zwar ist es so, dass die Politik auf allen Seiten mit harten Bandagen spielt. Auch Griechenland hat taktiert und mitgespielt Aber wie der NZZ-Artikel nicht nur Alexis Tsipras, sondern gleich alle Griechen über ihre Mythologie verunglimpft, ist ein starkes Stück. Mit «Lust an der List» kann die gegenwärtige Griechenlandkrise bestimmt nicht erklärt werden.


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14 Meinungen

  • am 13.07.2015 um 22:59 Uhr
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    Der Schatz von Troia ist aber schliesslich in Deutschland angekommen – auch ohne hölzernes Pferd. Hat das auch schon historische Qualität ?

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  • am 14.07.2015 um 12:11 Uhr
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    Und auch dieser Artikel diente nur dazu ein missliebiges Regime zu demontieren. Den neoliberalen Akteuren ist ein korruptes konservatives Regime allemal lieber; denn noch gilt es einiges auszubeuten in Griechenland. Der nun beschlossenen Treuhandfond (welcher Zynismus schon im Namen!) wird es schon richten. (Die Deutschen haben ja Erfahrung, wie man das Tafelsilber an seine Spezies zu einem Euro verscherbelt.)

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  • am 14.07.2015 um 14:11 Uhr
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    "Geld her, aber schnell!» titelt der Spiegel soeben, dessen Herausgeber Jakob Augstein als einziger linker deutscher Verleger von Gewicht als Tsipras-Sympathisant gilt. In den nächsten 4 Wochen allein sind 13 Milliarden Soforthilfe für die Liquidität zu liefern. Die Problemlage hat nichts oder fast nichts mit der derzeitigen Regierung zu tun, die immerhin in Sachen Druck auf die EU möglicherweise erfolgreicher war als jede Ihrer Vorgängerinnen. Länder haben keine Freunde, Länder haben Interessen. Es kommt deshalb nicht darauf an, ob Tsipras oder Mutter Teresa oder der Papst oder Sommaruga griechischer Ministerpräsident wäre. Zur Entlastung Deutschlands könnte vielleicht auch Liechtenstein mal ein paar Milliarden ins schwarze Loch werfen.

    PS. Dass man indes im Ernst zur Debatte stellt, die griechischen Binnenflughäfen an einen deutschen Investor zu verkaufen, ist psychologisch wirklich jenseits von Gut und Böse. Die grössten Schweizer Firmen und Multis sind indes auch nur noch nominell und juristisch Schweizer.

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  • am 14.07.2015 um 16:54 Uhr
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    Danke für diesen Artikel.
    Die NZZ verkommt mehr und mehr zu einer Bild-Zeitung für Besserverdienende, von journalistischer Qualität zeugt nur noch der Schreibstil. Der Inhalt ist mehr und mehr oberflächliche, neoliberale Propaganda. Wendungen wie «Predigten der motorradfahrenden Traumtänzer und krawattenlosen Volksverführer», «nützlichen Idioten», etc. schmücken die Zeilen — vor einigen Jahren noch unvorstellbar. Hintergrundsinformationen suchen wir vergeblich. Der homo neoliberalicus braucht auch keine Argumente, Kapital reicht vollkommen.
    Bleiben wir mit Beispielen in der Antike. Die Truppen, das neoliberale Fussvolk, brauchen den Trompeter, der sie in die Schlacht treibt: Hauptsache laut und emotional.
    Da sind mir die Griechischen Denker mit ihrer Dialektik allemals lieber.
    (cf. https://thieblog.wordpress.com/2015/04/16/von-nutzlichen-idioten/ )

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  • am 14.07.2015 um 18:34 Uhr
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    Vielleicht hätte Tsipras/Varoufakis den ungleichen Kampf mit mehr Dialektik, denn List gewinnen können, wären sie auf das fintenreiche Angebot Schäubles eingegangen und sich vehement in Verhandlungen über die Formalitäten und Modalitäten eines vorübergehenden Ausschlusses begeben, wäre Schäuble rasch entlarvt und hätte wohl auch Ansehen bei den anderen «Hardlinern» eingebüsst.

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  • am 14.07.2015 um 18:55 Uhr
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    @Thierry Blanc. «Da sind mir die griechischen Denker mit ihrer Dialektik lieber."

    Thales: «Bürgschaft, und schon ist das Unheil da."

    Solon: „Wo der Erwerb des Geldes keine Ungerechtigkeit, sein Bewachen kein Misstrauen, sein Ausgeben keine Reue bringt.“ Das waren für Solon die Bedingungen für einen gerechten Staat, für ihn stets ein Stadtstaat, also kein Grossflächenstaat.

    Das eiserne Geld der Spartaner war in Athen nicht kompatibel. Noch interessant ist, dass Solon, Athens Gesetzgeber, die wirtschaftlichen Grundlagen bereits als die Basis der Gerechtigkeit gesehen hat, allen voran das Geld. Unter den Stadtstaaten Europas konnte die Republik Bern vor 1798 eindeutig am besten mit Geld umgehen, brachte in seinen Untertanenländern, vgl. die Bauernhöfe, den vergleichsweise höchsten Wohlstand in Europa zustande, wiewohl auf der Basis einer gewissen Bevormundung. Der Staatsschatz Berns, nicht die Befreiung der Schweiz, war ein Hauptmotiv für die Eroberung unseres Landes durch Napoleon. Bern hat noch bis 1848 und später nie Schulden gemacht. Oekonomisch handelten sie vernünftig, politisch leider nicht immer. Was heute abgeht, ist weder politisch noch oekonomisch vernünftig.

    Sokrates machte laut Xenophon darauf aufmerksam, dass, wer in Sachen Finanzen mit seiner Familie nicht zurechtkommt, eignet sich auch nicht als Politiker. Gilt u.a. für die vormals konkursite Frauke Petry, die neue Chefin der deutschen AfD.

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  • am 14.07.2015 um 19:12 Uhr
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    Es war doch die Reform des Berner-Batzens, bzw. dessen Abwertung die 1556 oder so zum Bauernkrieg geführt hat. Der Schiby wurde schliesslich in Sursee von einem Pfyffer zum Tode verurteilt.

    Geldmanipulationen können gefàhrlich sein. selbst Idi Amin, wohl kaum ein zimperlicher Zeitgenosse ist an einer Währungsreform gestrauchelt.

    Schäuble’s Spielereien mit dem Euro könnten ebenso dramatisch enden…

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  • am 14.07.2015 um 19:59 Uhr
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    Prima Vergleich, Kollege Hunkeler, wobei ich aber Dr. h.c. Idi Amin Dada, Konsument von Menschenfleisch, nicht ganz in die Liga von Schäuble einordnen würde. Aber es stimmt, dass und wie die Geldpolitik zum Schicksal werden kann. Dass Bern den Bauernkrieg gewonnen hat, muss man zähneknirschend als Glücksfall akzeptieren, ein Bauernregime hätte mutmasslich wirtschaftlich einen Rückfall bedeutet. So sah es auch Robert Grimm in seiner gut geschriebenen Schweizer Geschichte in Klassenkämpfen. Für den wirtschaftlichen Fortschritt der Schweiz noch wichtiger war Berns Sieg in Villmergen 1712, dies war das Ende der Dominanz der ländlichen Schweiz und der Anfang eines wirtschaftlichen Aufschwungs. Habe im Historischen Jahrbuch Argovia 2014 darüber publiziert, natürlich nicht nur, aber auch, aus Grimms Perspektive. Für den Wohlstand der Schweiz im 18. Jahrhundert war die ehrlich gesagt undemokratische Dominanz der aristokratischen Städte ein Segen. Und wenn die Wirtschaft nicht funktioniert, funktioniert gar nichts, das lässt u.a. Peter Achten über das noch viel undemokratischere China noch und noch durchblicken. Bitte die Redaktion von Infosperber, Achten zu einem Artikel über die gegenwärtige Finanzblase in China, ev. im Vergleich zu den Verhältnissen in Europa, einen möglicherweise anregenden Artikel schreiben zu lassen.

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  • am 14.07.2015 um 20:47 Uhr
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    Mein Argument bezog sich nur auf die Manipulation monetärer Werte. Hier waren die Berner eine grosse Null, und Schäuble und Dijsselblom bereits im negativen Bereich.

    Das soziale Resultat ist dasselbe. Quemada lässt grüssen.

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  • am 14.07.2015 um 22:11 Uhr
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    @Hunkeler. Der erste Querverweis zu Bern und dem Bauernkrieg, betr. die Manipulation monetärer Werte war grossartig, zeigt, wie sehr es sich lohnt, sich zu erinnern. Der zweite Verweis betr. die Null der Berner hinkte aber zu stark, weil 1653 die Landbevölkerung zu Notzeiten auch noch praktisch ohne Geld hätte überleben können, man war Selbstversorger, man konnte sogar besser überleben als die Städte. So geht es heute leider nicht mehr, obwohl bei einem wirtschaftlichen und sozialen Zusammenbruch Griechenlands auch heute noch die Landbevölkerung mit ihrem Familienzusammenhalt vermutlich besser dastehen würde. Aber die sozialen Folgen für 10 Millionen Menschen, vor allem in den Städten, wären keine Kleinigkeit, wovor auch EU-Schulz gewarnt hat. Darauf musste nicht erst der Papst aufmerksam machen. @Beutler. Es sieht so aus, als ob die Chinesen selber Schwierigkeiten bekommen könnten. Deine Befürchtungen betr. Nato und Russland mit GR als Kriegsschauplatz habe ich vor ein paar Tagen ausgerechnet von Schweizer Militärs alter Schule, zu Dir konträr, genau so gehört. Teile sie nicht flächendeckend. Warne aber weiterhin davor, die Neutralität einfach preiszugeben.

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  • am 16.07.2015 um 18:38 Uhr
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    Wie immer man es auch wendet und dreht, das nun «Erreichte» ist ein Musterbeispiel eines unfriendly takeover, oder die wirtschaftskriegerische Eroberung eines souveränen Staates und Deutschland hat wieder eine Kolonie. Vielleicht besinnen sich die Griechen auf den 25. März 1821.

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  • am 16.07.2015 um 19:24 Uhr
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    Das ist natürlich ist natürlich völliger Unsinn, Herr Fritsche. Schäuble hat zwar nur mit Augenzwinkern zum amerikanischen Finanzminister gesagt, dass man Griechenland jederzeit gegen Puerto Rico eintauschen würde. Sie können unter den derzeitigen Bedingungen in der Schweiz oder in Liechtenstein wirklich viel schneller und problemloser reich werden als in Griechenland. Das Allerbeste für den deutschen Steuerzahler wäre natürlich, nichts mit Griechenland zu tun gehabt zu haben ausser allfenfalls dem Urlaub. Es ist Ihnen aber unbenommen, griechische Staatspapiere zu kaufen.

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  • am 16.07.2015 um 20:06 Uhr
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    @meier. Warum, dass Unsinn ist, dafür bleiben Sie, wie üblich Argumente schuldig; auch habe ich wohl kaum erwähnt, dass ich – an Griechenland – reich werden möchte. Doch passt es natürlich zu Ihrem ewigen Vorurteil, dass in Liechtenstein lebende Menschen nur aufs Geld versessen sind und Anhänger der neune Religion, dem Neoliberalismus. Es ist verschiedentlich in der Presse offenkundig geworden, dass Schäuble & Co faktisch eine Machtübernahme anvisiert haben, oder zumindest eine Entmachtung der griechischen Regierung. Mit dem Treuhandfonds wird Griechenland faktisch zu einer germanischen Kolonie. Gerne empfehle ich auch den letzten Artikel von Augstein im Spiegel.

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  • am 16.07.2015 um 22:22 Uhr
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    Puerto Rico ist bankrott seit die Steuerprivilegien nicht mehr gelten.

    Wie hiess es in der West-Side Story > «if you are white in America"

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