Sprachlust: Wem wir «Shitstorm» verdanken

Daniel Goldstein © Grietje Mesman

Daniel Goldstein /  Der Zorn der Netzgemeinde wird als «Shitstorm» spürbar. Das Wort, mehr deutsch als englisch, machte dank einem Blogger Karriere.

«Die mahend es Schiissgschtürm» – so könnte Daniel Vasella ausgerufen haben, als ein Sturm der Empörung seine Abgangsmillionen hinwegfegte. Soweit dieses Sch. im Internet stattfand, war es ein Shitstorm (in dieser Kolumne abgekürzt Sh.). So lautet das neudeutsche Wort für «Sturm der Entrüstung in einem Kommunikationsmedium des Internets, der zum Teil mit beleidigenden Äusserungen einhergeht» (duden.de). Mit dem schweizerdeutschen Sch. wird das «Gschtürm» verflucht, beim englischen «shitstorm» (sh.) ist das, was auf den Adressaten einstürmt, von kotiger Beschaffenheit.
Im Englischen aber ist mit sh. nicht das Gleiche gemeint wie im Deutschen mit Sh., das vor einem Jahr zum «Anglizismus des Jahres» gekürt wurde und dann auch in den Online-Duden kam. «Shitstorm füllt eine Lücke im deutschen Wortschatz, die sich durch Veränderungen in der öffentlichen Diskussionskultur aufgetan hat», lautete die Begründung der Anglizismen-Jury. Das englische Vulgärwort gab es schon vor dem Internet, und laut Urbandictionary.com liegen seine Hauptbedeutungen nach wie vor in der realen Welt: sh. herrscht, wenn alles Wüste über einen hereinbricht. Im virtuellen Bereich redet man von sh., wenn (mindestens) zwei einander unflätig beschimpfen. Wiktionary.com gibt auch die Bedeutung «heftige Publikumsreaktion» an, aber nicht speziell aufs Internet bezogen.
Schöpferisches «Neudeutsch»
Bei der Aufnahme ins Deutsche hat das Wort also eine besondere Prägung durchgemacht, ähnlich wie «Handy», das im Englischen kein Mobiltelefon, ja überhaupt kein Ding ist, sondern eine Eigenschaft. Gegen solche Verschiebungen ist an sich nichts einzuwenden, ausser dass sie Fehlern Vorschub leisten, sei es in Übersetzungen oder wenn Deutschsprachige versuchen, englisch zu reden. Die Bezeichnung «neudeutsch», meist als Spott für die Übernahme englischer Wörter gedacht, gewinnt hier eine sprachschöpferische Bedeutung, ob man die Schöpfung mag oder nicht.
Aber wer hat’s erfunden? Im Fall Sh. liegt ein Bekenntnis vor: «Ich habe, ohne es zu beabsichtigen, die Welt ein bisschen schlechter gemacht. Dafür bitte ich um Entschuldigung», schrieb kürzlich der Spiegel-Online-Kolumnist Sascha Lobo. Er nimmt für sich in (unrühmlichen) Anspruch, Anfang 2010 als Erster das Wort auf Deutsch verwendet zu haben, sowohl in seinem eigenen Blog als auch in einem gedruckten Interview: «Im Internet wird das übrigens ‹Shitstorm› genannt», sagte er über seine eigenen Erfahrungen, nachdem er für einen Werbeauftritt rüde und ausgiebig kritisiert worden war.
Internet-Extrawurst unnötig
Wo im Internet das Wort Sh. schon damals zu finden gewesen sei, sagt uns Lobo in seinem Bekenntnis nicht. Vielmehr zeichnet er in stolzer Zerknirschung nach, welchen Siegeszug es danach angetreten habe, aber eben nur im Deutschen: «Die mediengängige Bedeutung im Sinn von Netzempörungssturm existiert so fast nur im deutschsprachigen Raum – aus Deutschland, Österreich und der Schweiz stammen beinahe alle Google-Suchen nach ‹Shitstorm› weltweit.» Bei den Fundstellen auf Englisch überwiegen solche über die Band dieses Namens; dann folgen einige mehr oder weniger verwunderte Berichte über den deutschen «Anglizismus des Jahres».
Das Englische scheint bis heute ohne ein eigenes Wort für diese Erscheinung der «öffentlichen Diskussionskultur» auszukommen, obwohl der englische Sprachraum durchaus nicht davor verschont geblieben ist. Vielleicht kommt’s noch zu einem Reimport aus dem Deutschen. Vielleicht auch nicht, und dann könnten wir aus dem englischen Sprachraum für einmal nicht ein weiteres Wort importieren, sondern eine Weisheit: Nicht jede neue Sache braucht eine eigene Bezeichnung; im Fall Sh. bleibt ein Sturm der Empörung just das, ob er nun im Internet oder anderswo tobt.
— Zum Infosperber-Dossier «Sprachlust»

Weiterführende Informationen


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Der Autor ist Redaktor der Zeitschrift «Sprachspiegel» und schreibt für die Zeitung «Der Bund» die Kolumne «Sprachlupe», die auch auf Infosperber zu lesen ist. Er betreibt die Website Sprachlust.ch

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Daniel Goldstein zeigt, wie Worte provozieren, irreführen, verharmlosen – oder unbedacht verwendet werden.

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