Sprachlust: Ein Modewort kommt selten allein

Daniel Goldstein ©

Daniel Goldstein /  Masseneinwanderung gibts auch bei Wörtern, ob aus Deutschland oder aus Amerika. Kein Grund zur Panik, aber um gut hinzuschauen.

Ein kleines Wunschkonzert habe ich ausgelöst, als ich kürzlich an dieser Stelle einer Anregung aus dem Leserkreis folgte und «befeuern» sowie andere Modewörter aufs Korn nahm: Mehrere Leser befeuerten meine Schreiblust mit Hinweisen auf weitere Wörter, die sie als lästig empfinden. Zwar könne man «Neuwörter» nicht verbieten, schrieb einer zustimmend und fragte: «Könnte man einige besonders blöde wenigstens mit einem Hinweis auf ihre Herkunft eindämmen?» Versuchen kann man es ja.
Sein erster Kandidat ist der Ausdruck «auf Vordermann bringen», das «aus deutschen Kasernenhöfen» stamme. Das Wort weckt auch bei mir ungute Erinnerungen an militärische Aufstellungen in Reih und Glied, weshalb ich es meist meide – oder, wie in einer früheren «Sprachlupe» geschehen, mit Bedacht verwende, wenn der martialische Anklang passt. «Aufs Korn nehmen» hätte der Leser auch anführen können, bezieht es sich doch auf die Zielvorrichtung mancher Gewehre. Nur drängt sich dieser Bezug heute kaum noch auf; Menschen sollte man freilich trotzdem nicht aufs Korn nehmen, aber für Modewörter mag, wie eingangs, derlei Behandlung angehen.
Nicht 08/15: dissen
Der antimilitaristische Leser nahm auch «08/15» aufs Korn: Dieser Ausdruck für «Dutzendware oder -methoden» sei allerdings «glücklicherweise selten geworden». So selten auch wieder nicht: Er stand letzte Woche in Schweizer Zeitungen für Salatsaucen, Pflanzenblätter, Bauarbeiten, Politiker, Fitnessstudios. Und er kommt nicht, wie man meinen könnte, von der Anfangszeit eines landläufigen Arbeitstags oder gar von der «Zwänzg­abachtischnure», sondern von einem 1908 konstruierten und ab 1915 massengefertigten deutschen Infanteriegewehr. Bloss denkt daran kaum noch jemand.
Ein neuerer Import hat einem ehemaligen Arbeitskollegen zugesetzt, als er in einer Pendlerzeitung «Calmy-Rey disst Maurer» oder ähnlich gelesen hatte und sich von seiner Tochter aufklären lassen musste, das bedeute dasselbe wie früher (!) «mobben». Ohne mich über Mobbing auszulassen: «Dissen» ist höchstens eine von vielen Methoden dazu. Der Duden kennt es seit 2000 unter der Bedeutung «(besonders in der Sprache der Rapper) verächtlich machen, schmähen». So gilt das nun wohl auf Deutsch; fürs englische Original trifft die Umschreibung indessen nicht ganz zu, auch wenn es tatsächlich aus der afroamerikanischen Strassenkultur stammt. «To dis» oder «to diss» ist eine Verkürzung von «to disrespect» und bedeutet (z.B. nach thefreedictionary.com) «jemanden mit Verachtung behandeln» – das kann, muss aber nicht mit Worten geschehen.
Definitiv kein Flyer
Auch den «Flyer» sieht der Kollege als Import via Jugendsprache an, an den man sich freilich gewöhnt habe: Was früher «Flugblatt» hiess, habe er unter der neuen Bezeichnung erstmals in den Neunzigerjahren als Werbung für die damals aufkommende Techno- und Rave-Musik erlebt. Eine heutige «Avantgarde» aber greife auf ein noch viel älteres deutsches Wort zurück: In Bern bezeichne die Freie ArbeiterInnen-Union ihre Zeitung «Rebellion» in der Unterzeile als «Flugschrift». Na ja – der «Flyer» eignet sich schlecht, denn er ist inzwischen im deutschen Kommerz-Englisch angekommen und überdies zur Marke für ein Elektrovelo geworden. Das passt: Auch ein bestimmter Typ Spinnmaschine heisst Flyer, während «Spinning» eine Trainingsmethode mit Standvelos ist.
Das Thema Wortimport lässt sich beliebig weiterspinnen, und nicht nur, um ein Abwehrnetz zu knüpfen: Gar manche Bezeichnung kommt mit der Sache und geht leichter von der Zunge als ein schwerfälliger Übersetzungsversuch. Ärgerlich aber ist’s, wenn ein englisches Wort in die Form eines bestehenden deutschen schlüpft und dessen Bedeutung zu verdrängen droht. Auch dafür wurde mir ein Beispiel zugetragen: «definitiv» für «ganz bestimmt» («definitely») statt für «abschliessend». Das geht zu weit, aber nicht definitiv.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Autor der Kolumne «Sprachlupe» in der Zeitung «Der Bund» und ab 2012 Redaktor der Zeitschrift «Sprachspiegel».

Zum Infosperber-Dossier:

Portrait_Daniel_Goldstein_2016

Sprachlupe: Alle Beiträge

Daniel Goldstein zeigt, wie Worte provozieren, irreführen, verharmlosen – oder unbedacht verwendet werden.

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