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Daniel Goldstein © Grietje Mesman

Sprachlupe: Selbsternannte Prügelknaben und Lachnummern

Daniel Goldstein /  Um Amtsanmassung geht es selten, wenn Medien jemanden als «selbsternannt» bezeichnen. Meistens finden sie etwas anderes anmassend.

«Gegenüber der BBC erklärte der selbsternannte ‹Hypochonder›, er hoffe, hier der Corona-Pandemie zu entkommen.» Hat sich der Popstar Robbie Williams wirklich zum Hypochonder ernannt, wie es diese Bildschirm-Meldung aus dem Berner Oberland behauptete – und kann man das überhaupt tun? Hypochondrie wird einem ja durch Diagnose attestiert, nicht durch Ernennung. Und wenn sich jemand selber als Hypochonder bezeichnet, steht man vor dem Kreter-Paradox, das die Bibel aus der Antike überliefert: «Die Kreter sind Lügner», habe einer von ihnen gesagt. Hat er dabei gelogen? Und bildet sich Williams nur ein, er bilde sich – hypochondrisch eben – Krankheiten ein, darunter die Hypochondrie?

Dieses Rätsel bleibt ungelöst, wenn man das englische Original der Meldung nachschaut, aber immerhin löst sich dann die «Selbsternennung» auf: Von «self-proclaimed hypochondriac» ist da die Rede. Damit ist nicht unbedingt eine Ernennungspose verbunden, Williams kann sich auch einfach als Hypochonder bezeichnet haben. Man könnte von «selbsterklärt» reden, geriete dann aber in Konflikt mit «selbsterklärend», wo es um etwas anderes geht: Selbsterklärendes braucht keine weiteren Erklärungen, wogegen beim Selbsterklären jemand über sich selbst eine Erklärung abgibt. Der Sänger ist also nach eigenem Bekunden ein Hypochonder.

Wer ernennt sich zur Mafia?

Wenn Medien von «selbsternannt» reden, meinen sie oft etwas Anrüchiges oder aber Überhebliches. Eine Stichprobe in der Datenbank SMD fördert zutage: Wunderheiler, Meinungsmafia, Wellness-Guru, Heiland, Sprachpolizei. Da ist sehr zweifelhaft, ob sich die Betroffenen wirklich so bezeichnet haben; Belege gibt es selten. Manchmal muss man sich auch fragen, wer denn diese Selbsternennung vollzogen habe; einmal soll es die «gehobene Mittelschicht» gewesen sein. Oder es geht um etwas, das gar kein Selbst haben kann: Lebenswerk, Ziel. Das eine hatte eine Wirtin, das andere eine Sportlerin genannt, ohne Ernennung. Immerhin: Geredet haben sie selbst.

Nach der Rechtschreibereform von 1996 war man ein Jahrzehnt lang gehalten, «selbst ernannt» in zwei Wörtern zu schreiben – entgegen der damals eingeführten Regel, zusammenzuschreiben, wenn etwas eingespart worden ist. Genau das ist hier der Fall: Angeblich ist ja Robbie W. ein «von sich selbst ernannter» Hypochonder, auch wenn man «von sich» weglässt. Seit der Revision der Reform ist die neue, getrennte Schreibweise fakultativ. Mit «selbsternannt» kann man nun der erwähnten Einsparungsregel gehorchen, nur gibt es die gar nicht mehr. Daher schlage ich eine neue Regel vor, nicht fürs Schreiben, sondern fürs Hören und Lesen: misstrauisch sein, wenn man «selbsternannt» antrifft.

Fast immer ist das Wort abschätzig gemeint, selbst wenn ein echtes Zitat vorliegt – wie bei einem anderen Sänger, Jürgen Drews, dem «König von Mallorca». Und sogar wenn mit «selbsternannt» eine Distanzierung angestrebt wird, kann eine unbeabsichtigte Anerkennung herauskommen. So ist immer wieder von den «selbsternannten Volksrepubliken Donezk und Lugansk» die Rede – als hätten sich die bestehenden ukrainischen Regionen in Volksrepubliken umbenannt. Dabei taten das die Separatisten und ihre Moskauer Hintermänner. Wer statt russisch «Lugansk» ukrainisch «Volksrepublik Luhansk» schreibt, macht die Sache nur noch schlimmer, mit oder ohne «selbsternannt».


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine
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Zum Infosperber-Dossier:

Portrait_Daniel_Goldstein_2016

Sprachlupe: Alle Beiträge

Daniel Goldstein zeigt, wie Worte provozieren, irreführen, verharmlosen – oder unbedacht verwendet werden.

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Eine Meinung zu

  • am 18.07.2022 um 14:23 Uhr
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    Wir Deutschen, Österreicher, Schweizer und unsere Sprache…. Ich bin dafür, zu den Gepflogenheiten vergangener Jahrhunderte zurückzukehren und jeden vrey Schnowze schraiben zu lassen. Samt Lehn- und Fremdworten anderer Sprachen; dann kehren vielleicht so herrliche k.u.k. Verben wie demoliren (abreißen) oder rekognoszieren (erkunden) und Wörter wie Remorquer (Dampfschlepper) zurück. Ob zusammen oder getrennt, darf dann jeder selber entscheiden. Auch das Gendern wäre dann nichts weiter als eine nette Sprachblüte, der halt einige huldigen und andere eben nicht. Wider die Normopathie!

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