Sprachlupe: Kein Pflegefall, aber pfleglich zu behandeln

Daniel Goldstein /  «Sprachlupen» gibt’s auch zum E-Buch gebündelt. Fürs Vorwort des neuen Bandes hat Pedro Lenz eine Steilvorlage geliefert.

«Man muss die Sprache nicht pflegen, weil sie nämlich nicht krank ist.» Das pflegt der Schriftsteller Pedro Lenz zu sagen, und man möchte ihn zurückfragen: «Wie hältst du’s mit der Körperpflege?» Die betreibt er hoffentlich auch dann, wenn er nicht gerade krank ist. Und er braucht wohl keine Sauberkeitspolizei, die ihn daran erinnert. Die «Mundartpolizei» ist’s, gegen die er sich mit seiner Bemerkung verwahrt, denn wenn er in Mundart schreibt, so verwendet er sie als Stilmittel, samt «Unreinheiten»: «Ich pflege die Sprache nicht, ich brauche sie.» Damit verwahrt er sich zugleich gegen jene, die sein Dialektschreiben als Heimatpflege loben und so politisch vereinnahmen wollen.

Ob Polizei oder Politik: Was Lenz ablehnt, ist eine «Pflege», die sich mit dem Anspruch allgemeiner Gültigkeit einer bestimmten Sprache annimmt, sei es eine Mundart oder eine Schriftsprache. Letztere ist freilich gerade dadurch definiert, dass für sie bestimmte Regeln gelten. Für Deutsch betrifft das mit amtlichem Siegel nur die Rechtschreibung; für die Grammatik gibt es immerhin weitgehend unbestrittene Lehrmeinungen. Dass Ämter, Schulen oder Medien diese Regeln beachten – dafür kann auch eintreten, wer die Sprache für gesund hält und sie mit Pflege so erhalten möchte.

Einladung zur Selbstpflege

Meistens geht es Leuten, die etwa in Kolumnen Sprachkritik oder Sprachpflege betreiben, nicht nur darum, mit schriftsprachlicher Korrektheit die Verständigung zu erleichtern: Sie nehmen auch stilistische Erscheinungen aufs Korn, etwa die Anglizismen oder die oft umständlichen Bemühungen, allen biologischen oder sozialen Geschlechtern gerecht zu werden. Was mich betrifft, rede ich lieber von Sprachbeobachtung – hoffe aber durchaus, dass meine Bemerkungen ab und zu beim einen oder bei der andern etwas auslösen: Überlegungen zum eigenen Sprachgebrauch nämlich, denn wirklich pflegen kann man immer nur die eigene Sprache und immer nur in dem Moment, in dem man etwas sagt oder schreibt. Also wenn man die Sprache «braucht».

«Die Sprache» als öffentliches Gut setzt sich aus all diesen einzelnen Sprachleistungen zusammen; wer sie (pflegerisch) beeinflussen will, kann gar nicht anders, als Einzelne anzusprechen, direkt oder via Medien. Institutionen, die auf «gepflegtes» sprachliches Auftreten achten, betrauen gern eine Stelle mit der Aufgabe, dafür zu sorgen. Als «Bund»-Redaktor versah ich etwa ein Jahrzehnt lang nebenbei das informelle Amt des Sprachpflegers, als Animator eines gemeinsamen Bemühens um korrekte, klare und gut geniessbare Sprache. Aber eben: um die der eigenen Zeitung, ohne Anspruch auf Breitenwirkung, es sei denn als Beispiel.

Doch ein Pflegefall: Schweizerhochdeutsch

Nach der Pensionierung war ich gut sieben Jahre Redaktor des «Sprachspiegels». Der Schweizerische Verein für die deutsche Sprache, der diese Zeitschrift herausgibt, setzt sich nach seinen Statuten an erster Stelle ein für «die Pflege der Schweizer Standardsprache (Schweizerhochdeutsch), insbesondere in den Bereichen Politik und Bildung». Also doch so etwas wie «Sprachpfleger der Nation» (bzw. ihres deutschsprachigen Teils)? Einem solchen Anspruch stand nur schon entgegen, dass der Verein und seine Zeitschrift leider zu wenig bekannt sind.

Unser Schriftdeutsch kann allerdings schon an sich, nicht nur im individuellen Gebrauch, als Pflegefall angesehen werden. Denn diese helvetische Ausprägung des Hochdeutschen steht unter doppeltem Druck: Wenn schon schweizerisch, dann soll’s gleich Mundart sein, finden manche. Wenn schon hochdeutsch, so finden andere (oder dieselben), dann «richtig» – und meinen damit so wie in Deutschland. Auch dort klingt’s aber nicht überall gleich, und Österreich sowie die Deutschschweiz haben durchaus ein Wörtchen mitzupflegen.

Neue gesammelte «Sprachlupen» gibt’s bei issuu.com/sprachlust. Wer Fehler findet, ist um eine Mitteilung an dg@sprachlust.ch gebeten. Das korrigierte E-Buch wird auf E-Helvetica gestellt.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Der Autor schreibt im Berner «Bund» die Kolumne «Sprachlupe», die auch auf Infosperber zu lesen ist. Er betreibt die Website Sprachlust.ch.

Zum Infosperber-Dossier:

Portrait_Daniel_Goldstein_2016

Sprachlupe: Alle Beiträge

Daniel Goldstein zeigt, wie Worte provozieren, irreführen, verharmlosen – oder unbedacht verwendet werden.

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